»Nicht mehr lange - und sie werden einfach überrannt!«
»Warte ab«, sagte Vlad. Andrej sah kurz und verwirrt in seine Richtung und er bemerkte dabei etwas, das ihn mit neuer Sorge erfüllte. Die meisten der Krieger in ihrer Nähe folgten der Schlacht ebenso gebannt wie Abu Dun und er, denn auch, wenn sie nicht unmittelbar daran beteiligt waren, so entschied sich mit ihrem Ausgang doch auch ihr Schicksal. Etliche Krieger sahen immer wieder Abu Dun und ihn an und ihre Hände lagen auf den Schwertgriffen. Seine Frage an Vlad, ob die Männer Draculs Befehl auch ausführen würden, wenn ihr Herr vor ihren Augen fiel, schien damit beantwortet zu sein. Doch Dracul fiel nicht. Es waren die beiden goldenen Ritter, die die Entscheidung herbeiführten. Ihr Vormarsch war endgültig zum Stehen gekommen. Sie kämpften gegen eine mindestens zehnfache Übermacht muselmanischer Soldaten, die sie nun ihrerseits einzukreisen begann. Die Hälfte der Reiter in Tepeschs unmittelbarer Umgebung war bereits gefallen und die Überlebenden wurden einer nach dem anderen aus den Sätteln gerissen. Draculs Morgenstern und die Schwerter der beiden Goldenen wüteten fürchterlich unter den Angreifern, die gerade noch Verteidiger gewesen waren, aber ihre Zahl wuchs trotzdem unaufhaltsam. Auch die türkische Reiterei war mittlerweile zu ihnen gestoßen und fiel Tepeschs Soldaten in den Rücken. Die bisher immer noch geordnete Schlachtreihe des Drachenritters begann zusammenzubrechen.
In wenigen Augenblicken würden Selics Krieger Dracul gefangen nehmen und damit den Kampf entscheiden. Da taten Biehler und Körber etwas scheinbar vollkommen Wahnsinniges: Die beiden goldenen Ritter schleuderten ihre Schilde davon und sprangen aus den Sätteln. Ihre gewaltigen Breitschwerter mit beiden Händen schwingend, schlugen und hackten sie sich eine blutige Bahn durch die Reihen der osmanischen Krieger. Ihre Hiebe waren so gewaltig, das Schilde zerbarsten und Helme gespalten wurden. Die schiere Wut ihres Angriffs trieb die Verteidiger noch einmal ein Stück zurück. Trotzdem konnten sie das Blatt selbst auf diese Weise nicht mehr wenden. Wären sie normale Menschen gewesen, wären sie innerhalb weniger Augenblicke überwältigt und getötet worden. Aber sie waren Vampyre, so gut wie unverwundbar und fast unbesiegbar. Sie wurden getroffen, einer von ihnen von einem Speer, der sich in seinen Rücken bohrte, der andere von gleich zwei Pfeilen, die aus unmittelbarer Nähe auf ihn abgefeuert worden waren und von denen einer seine Rüstung und einer seinen Hals durchbohrte. Die beiden Vampyre wankten nicht einmal. Körber riss den Speer aus seinem Rücken und tötete wahllos den ihm am nächsten stehenden Krieger mit der Waffe, an deren Spitze noch sein eigenes Blut klebte, während Biehler die Pfeilspitze abbrach, die aus seinem Hals ragte, und dann das Geschoss auf der anderen Seite herausriss. Eine hellrote Blutfontäne sprudelte aus seinem Hals und versiegte fast augenblicklich. Noch bevor er den Pfeil aus seiner Brust herausriss, tötete der goldene Ritter zwei weitere Türken mit einem einzigen wütenden Schwerthieb, und auch die Klinge des anderen Vampyrs hielt blutige Ernte unter den Muselmanen. Erneut wurden sie getroffen und erneut waren sie nicht aufzuhalten, sondern töteten im Gegenteil die Krieger, die sie verletzt hatten.
Unter den osmanischen Soldaten brach Panik aus; spätestens in dem Moment, in dem auch Tepesch aus dem Sattel sprang und mit fürchterlichen Hieben seines Morgensterns in den Kampf eingriff. Für die Türken mußte es aussehen, als kämpften sie gegen den Leibhaftigen selbst, der gemeinsam mit zwei unverwundbaren Dämonen aus der Hölle emporgestiegen war. Mehr und mehr Osmanen warfen ihre Waffen weg und wandten sich in kopfloser Panik zur Flucht, aber Dracul und seine beiden Höllenkrieger kannten kein Erbarmen. Unterstützt von den wenigen Reitern, die ihnen geblieben waren, setzten sie ihnen nach und fielen über Selic und seine Leibgarde her. Es dauerte nur noch Augenblicke, bis der Heerführer der Muselmanen in ihrer Hand war.
»Das ist Selic«, sagte Abu Dun.
»Ich erkenne ihn an dem albernen Turban.«
»Ach?«, sagte Andrej.
»Ich dachte, du hättest mit dem Krieg nichts zu schaffen.« Abu Dun grinste nur, wandte sich aber ohne eine Antwort wieder dem Geschehen unter ihnen zu. Die panische Flucht hielt an. Von Westen her rückte der osmanische Ersatz heran, aber außer Tepeschs Reitern strömten ihnen nun immer mehr ihrer eigenen Landsleute entgegen. Die Nachricht, das der Teufel selbst unter sie gefahren war, machte in Windeseile die Runde. Das also war die tödliche Überraschung, die Tepesch für Selic bereitgehalten hatte, dachte Andrej. Biehler und Körber waren keineswegs zufällig verwundet worden. Sie hatten gewollt, das das geschah, um Furcht und Entsetzen in die Herzen ihrer Feinde zu säen. Andrej war aber noch nicht ganz sicher, ob Tepeschs Rechnung aufging. Immer mehr Türken ergriffen die Flucht, aber die Verstärkung rückte fast mit der gleichen Schnelligkeit heran. Aus schmerzhafter Erfahrung wußte Andrej, das Schlachten nur zu oft eine eigene Gesetzmäßigkeit entwickelten, die jeden noch so genialen Plan zunichte machen konnten. Indessen kämpften sich immer mehr Reiter ihren Weg zu Selics Zelt frei. Plötzlich waren es die Drachenritter, deren Hauptquartier sich im Herzen des türkischen Lagers befand und die von allen Seiten bedrängt wurden. Viele Osmanen befanden sich immer noch in panischer Flucht, aber der weitaus größere Teil drängte heraus und trieb Tepeschs Reiter dabei vor sich her.
»Was tut er da?«, murmelte Abu Dun stirnrunzelnd. Andrej konnte nur mit den Schultern zucken. Dracul hatte den Mann mit dem auffällig bunten Turban niedergeschlagen, aber offensichtlich nicht getötet. Biehler und Körber hatten den Sultan an den Armen gepackt und hielten ihn nieder, während Dracul heftig mit beiden Armen gestikulierte und Befehle gab. Mit wenigen, schnellen Bewegungen rissen sie Selics Zelt nieder, bis nur noch der drei Meter hohe, mittlere Pfahl stand. Vielleicht hatte Tepesch vor, sein Drachenbanner daran zu hissen. Das Zelt war auf einem kleinen Hügel errichtet, sodass die Flagge auf dem ganzen Schlachtfeld zu sehen gewesen wäre. Vielleicht auch Selics Kopf, falls Tepesch ihn enthaupten und darauf aufspießen ließ. Vielleicht aber auch ...
»Nein«, flüsterte Abu Dun.
»Das kann er nicht tun!« Aber Tepesch tat es. Während er selbst und die beiden Vampyre Selic niederdrückten, rissen einige seiner Krieger den Pfahl aus dem Boden und schleppten ihn heran. Andrej und die anderen sahen mit wachsendem Entsetzen zu, wie Tepesch selbst, wenn auch mit Hilfe einiger seiner Krieger - den Pfahl herumdrehte und sein blutiges Handwerk begann. Er hatte sich gefragt, wie lange eine solch grässliche Tat dauern würde, und war überrascht, wie schnell es ging. Natürlich war es unmöglich, aber trotzdem bildete er sich ein, Selics grässliche Schreie selbst über den Schlachtenlärm hinweg zu hören. Binnen weniger Augenblicke wurde er gepfählt, dann trugen die Krieger den Pfahl an seinen Platz zurück und richteten ihn wieder auf. Damit endete die Schlacht. Hatte vorher schon die Nachricht die Runde gemacht, das der Teufel selbst auf Tepeschs Seite kämpfte, so erschütterte der Anblick ihres gepfählten Anführers die Krieger endgültig. Wer es bisher noch nicht getan hatte, der ließ spätestens jetzt von seinem Gegner ab und wandte sich zur Flucht.
»Es scheint, als könnten wir euch noch eine Weile am Leben lassen«, sagte Vlad.
»Das ist gut. Ich hätte Dracul ungern eine Lüge aufgetischt, wieso ihr uns entkommen seid.« Andrej war nicht ganz sicher, was er von diesen Worten halten sollte. Ohne das er einen Grund benennen konnte, hatte Vlad eine Menge seiner Sympathien eingebüßt, seit sie ihr Lager auf dem Hügel aufgeschlagen hatten. In einem hatte er jedoch vollkommen Recht: Der Kampf war vorbei. Das Töten würde noch eine Weile andauern, denn Tepeschs Reiter verfolgten nun die flüchtenden Osmanen. Tepesch hatte gewonnen.
»Dieser Teufel«, murmelte Abu Dun. Seine Stimme war flach, fast ohne Ausdruck, und Andrej konnte das Entsetzen in seinem Blick verstehen. Ihm selbst erging es kaum anders. Innerhalb kürzester Zeit waren hunderte von Männern gestorben, und trotzdem entsetzte ihn der Anblick des gepfählten Heerführers wie kaum etwas anderes. Vielleicht war es auch etwas anderes. Tepesch hatte einfach darauf gebaut, das die unglaubliche Brutalität dieses barbarischen Akts die Männer unter der Halbmondfahne so entsetzen würde, das er ihren Kampfwillen brach. Seine Rechnung war aufgegangen.