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»Wir sollten von hier verschwinden«, schlug Vlad vor. Er machte eine Geste ins Tal hinab.

»Die Heiden sind zwar auf der Flucht, aber ich möchte ungern einem Trupp von ihnen begegnen, den vielleicht nach Rache dürstet.«

»Dein Herr hat gesagt, wir sollen hier warten«, erinnerte Abu Dun. »Falsch«, verbesserte ihn Vlad.

»Er hat gesagt, wir sollen hier warten, bis klar ist, ob wir mit oder ohne euch weiter reiten.« Er hob die Stimme.

»Auf die Pferde!« Und dann fügte er hinzu, schnell und so leise, das nur Andrej ihn verstehen konnte:

»Ihr müsst fliehen, aber wartet auf mein Zeichen. Wir treffen uns in der ausgebrannten Mühle am Fluss.« Sie saßen auf. In der gleichen Formation, in der sie schon hierher gekommen waren, ritten sie weiter und näherten sich dem Ort an dem Sultan Selics Heerlager gewesen war. Obwohl die Nacht schon lange hereingebrochen war, war er jetzt heller erleuchtet als zuvor. Die Kämpfe hatten aufgehört, aber Tepeschs Soldaten waren dabei, das Lager zu plündern, und ganz offensichtlich hatten sie Befehl, alles zu zerstören, was sie nicht mitnehmen konnten. Andrej sah sich immer unruhiger um, je mehr sie sich dem Heerlager näherten. Das Tal hallte noch immer von Schreien, dem dumpfen Trommeln von Hufen und Waffengeklirr wider; Draculs Reiter machtet unbarmherzig weiter Jagd auf die fliehenden Türken Hätten sich die Muselmanen gesammelt und ihn: Kräfte zusammengetan, hätten sie Tepeschs Heer auch jetzt noch mit Leichtigkeit besiegen können. Aber die Männer waren verstört und bis ins Mark erschüttert ein Zustand, in dem das Kräfteverhältnis kaum noch zählte. Sie mussten einen schmalen Bachlauf überqueren als das geschah, worauf Vlad offensichtlich gewartet hatte:

Aus der Dunkelheit stürmten mehrere Gestalten mit Turbanen, spitzen Helmen und runden Schil den heran. Viele der Krieger waren verletzt und ganz eindeutig auf der Flucht. Trotzdem kam es augenblicklich zum Kampf. Die Männer, die Dracul zu ihrer Bewachung abgestellt hatte, schienen geradezu begierig auf ein Gemetzel. Sie waren es, die die Türke angriffen, nicht umgekehrt. Vlad riss sein Pferd mit solchem Ungestüm herum, das das Tier gegen das Andrejs prallte und sich m einem erschrockenen Wiehern aufbäumte. Auch Andrejs Pferd scheute. Er hätte es ohne große Mühe wie der in seine Gewalt bringen können, aber er riss c hart an den Zügeln, das sich das Tier nun ebenfalls aufbäumte und ihn abwarf. Noch während er stürzt sah er, wie Abu Dun herumfuhr und den Krieger neben sich mit einem bloßen Fausthieb aus dem Sattel schleuderte, dann fiel er ins Wasser, drehte sich herum und schwamm mit kraftvollen Zügen so schnell und weit, bis er das Gefühl hatte, seine Lungen müssten platzen. Er hatte sich nicht annähernd so weit entfernt, wie er gehofft hatte. Die Osmanen schienen unerwartet heftigen Widerstand zu leisten - möglicherweise hatten sie auch Verstärkung bekommen -, denn er sah ein einziges Durcheinander kämpfender und miteinander ringender Gestalten. Vlad hatte sein Pferd wieder unter Kontrolle bekommen, doch genau in diesem Moment stürzte sich Abu Dun auf ihn und schlug ihn mit zwei, drei harten Hieben aus dem Sattel. Etwas schlug dicht neben ihm ins Wasser; vielleicht nur ein Stein oder von einem Pferdehuf aufgewirbelter Lehm, vielleicht aber auch eine Waffe, die auf ihn abgeschossen worden war. Er fuhr herum, hielt einen Moment vergeblich nach einem Angreifer Ausschau und schwamm dann abermals unter Wasser weiter. Da er sich nun vollkommen auf das Schwimmen konzentrierte, legte er ein weitaus größeres Stück zurück, bevor ihn die Atemnot zwang, erneut aufzutauchen. An der Stelle, an der er ins Wasser gefallen war, war der Bach gut einen Meter tief, aber hier war er so seicht, das seine Hände und Knie bereits den Boden berührten. Er stand auf, watete noch einige Schritte durch das schlammige Wasser und ließ sich dann am Ufer schwer atmend auf Hände und Knie fallen.

Der Kampf tobte immer noch. Andrej war jetzt vielleicht vierzig Meter entfernt, aber wenn einer der Männer auch nur einen zufälligen Blick in seine Richtung werfen würde, wäre er zu sehen gewesen. Andrej kroch blindlings weiter, bis er einige Büsche erreichte, verbarg sich im Schutz des Unterholzes und ließ sich auf den Rücken rollen. Sein Atem ging pfeifend und die Luft brannte in seiner Kehle. Er war so erschöpft, als hätte er an der Schlacht teilgenommen und sie allein zu Ende geführt. Es vergingen nur wenige Minuten, da knackte es im Geäst hinter ihm und eine wohl bekannte Stimme sagte:

»Du hast wirklich Glück, Hexenmeister, das ich auf deiner Seite stehe. Und das ich weiß, das es keinen Zweck hat, dir die Kehle durchzuschneiden.«

»Was wahrscheinlich der einzige Grund ist, aus dem du auf meiner Seite stehst«, knurrte Andrej. In Gedanken gab er Abu Dun allerdings Recht und erteilte sich selbst einen scharfen Verweis. Der Pirat hatte sich an ihn herangeschlichen, ohne das er es gemerkt hatte.

»Möchtest du noch ein bisschen mit unseren neuen Freunden plaudern oder verschwinden wir, bevor sie merken, das ihnen etwas abhanden gekommen ist?« fragte Abu Dun.

»Und wohin? Ich habe keine Ahnung, wo diese verfluchte Mühle ist.«

»Aber ich.« Abu Dun lachte leise.

12

Etliche Zeit später erreichten sie die von Unkraut und Gebüsch überwucherte Ruine, in der Abu Dun den von Vlad vorgeschlagenen Treffpunkt vermutete. Andrej war nicht einmal sicher, das es sich um den richtigen Ort handelte, als sie über die zusammengestürzten Mauerreste kletterten und nach einem Platz Ausschau hielten, von dem aus sie die Umgebung im Auge behalten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Die Mühle war nicht in diesem Krieg zerstört worden, sondern vor sichtbar langer Zeit. Gebüsch, wild wucherndes Unkraut und sogar einige kleinere Bäume hatten ihre Wurzeln in die Mauerritzen und den vermodernden Holzboden gekrallt.

»Das ist kein guter Treffpunkt.« Abu Dun fasste in Worte, was Andrej fühlte.

»Wenn sie anfangen, die Gegend nach Selics Kriegern zu durchsuchen, werden sie garantiert hierher kommen.«

»Falls es überhaupt der richtige Ort ist.« Andrej sah sich voller Unbehagen um.

»Warum hast du Vlad niedergeschlagen? Es wäre nicht nötig gewesen. Jedenfalls nicht so hart.«

»Er braucht ein Alibi, um seinem Herrn glaubhaft zu machen, das wir ihm auch wirklich entkommen sind«, antwortete Abu Dun.

»Und falls mein Misstrauen gerechtfertigt ist und er uns belügt, dann hat er es verdient.« Er blieb stehen und deutete nach links.

»Da scheint es nach unten zu gehen.« Nicht zum ersten Mal mußte Andrej Abu Duns scharfe Augen bewundern. Er selbst erkannte dort, wohin die Hand des Piraten deutete, nur einen schwarzen Schlagschatten. Doch als sie sich näherten, wurde er tatsächlich der beiden oberen Stufen einer hölzernen Treppe gewahr, die in die Tiefe hinabführte. Als Abu Dun den Fuß darauf setzte, ächzten sie hörbar unter seinem Gewicht.

»Worauf wartest du, Hexenmeister?«, fragte Abu Dun.

»Hast du Angst, das uns dort unten ein Vampyr erwartet?« Er lachte über seinen eigenen Scherz und verschwand dann mit schnellen Schritten in der Tiefe. Nach einem Augenblick ertönte ein Splittern, dann ein polterndes Krachen und im nächsten Moment hörte er Abu Dun in seiner Muttersprache fluchen.

»Bist du auf einen Vampyr getreten?«, rief Andrej belustigt.

»Oder war es nur ein Werwolf, den du aus seinem Winterschlaf geweckt hast?«

»Komm herunter, Hexenmeister, und ich zeige es dir!«, schrie Abu Dun zurück.

»Und ich werde dir nicht sagen, wo die zerbrochene Stufe ist!« Andrej grinste und stieg - mit gesenktem Kopf und sehr viel vorsichtiger als der Sklavenhändler vor ihm die steile Treppe hinab. Die Stufen ächzten, aber sie hielten. Als er beinahe unten angekommen war, stieß sein tastender Fuß ins Leere, aber da er darauf vorbereitet gewesen war, verlor er nicht das Gleichgewicht, sondern fing sich wieder. Er erreichte das Ende der Treppe, blieb gebückt stehen und glaubte einen massigen Schatten links neben sich wahrzunehmen. Es war sehr dunkel. Durch die rechteckige Öffnung am oberen Ende der Treppe und die Ritzen der Fußbodenbretter, die nun die Decke über ihnen bildeten, sickerte graues Licht, aber es reichte kaum aus, um die Hand vor Augen zu erkennen. Andrej richtete sich auf und fluchte, als er mit dem Kopf gegen die niedrige Decke stieß und Staub in dicken Schwaden auf ihn herabrieselte. Abu Dun lachte schadenfroh.