»Ach, was ich dir sagen wollte: Gib Acht, die Decke ist sehr niedrig.« Nach einer Weile begann der Pirat lautstark in der Dunkelheit herumzustolpern und zu hantieren.
»Decken«, sagte er plötzlich.
»Hier sind Decken. Wasser. Und etwas zu essen ... dein Freund hat gut vorgesorgt.« Andrej ging mit vorsichtigen kleinen Schritten in die Richtung, aus der Abu Duns Stimme kam. Trotzdem stolperte er unentwegt über Unrat und Trümmer, die den Boden bedeckten, und stieß sich noch zweimal den Kopf an den niedrigen Deckenbalken, bevor er Abu Dun erreichte. Im hinteren Teil des Kellers war ein kleiner Bereich des Bodens von Unrat und Trümmern freigeräumt worden. Seine Augen hatten sich mittlerweile an schwache Licht gewöhnt. Vlad hatte tatsächlich eine kleinen Stapel Decken sowie einen Beutel mit Lebens Mitteln hier deponiert, und dazu noch einen gefüllte! Wasserschlauch.
»Wenn du nach Waffen suchst, muss ich dich enttäuschen«, sagte Abu Dun.
»So weit geht sein Vertrauen anscheinend nicht.« Er setzte sich und nach einem kurzen Augenblick ließ sich auch Andrej mit angezogenen Knien gegen die Wand neben ihm sinken. Sie bestand aus Lehn und war feucht und von fingerdünnen Wurzelsträngen durchzogen, die ihren Weg bis hier hinunter gefunden hatten.
»Wunderbar«, höhnte Abu Dun.
»Was für ein Rattenloch. Es geht abwärts mit uns beiden, Hexenmeister.«
»Worüber beschwerst du dich?«, fragte Andrej, »Vor nicht allzu langer Zeit wärst du fast auf der, Grunde der Donau gelandet. Hier ist es wenigstens trocken.«
»Und wir sind auf die Gnade eines Verräters angewiesen«, knurrte Abu Dun.
»Wir sitzen in einer fauligen Loch unter der Erde, ein wahnsinniger Foltermeister und Tyrann setzt vermutlich in diese Moment ein Vermögen als Preis für unsere Köpfe au und ... oh ja, dort oben gibt es vermutlich im Umkreis von fünfzig Meilen niemanden, der nicht jedem arabischen Gesicht die Kehle aufschlitzen würde. Hab ich noch irgendetwas vergessen?«
»Du befindest dich in der Gesellschaft eines Vampyrs«, sagte Andrej böse.
»Und ich hatte schon ziemlich lange kein frisches Blut mehr.«
»Fang dir eine Ratte«, riet ihm Abu Dun.
»Du meinst, weil ihr Blut ohnehin besser wäre als deines?« Abu Dun lachte, aber es klang nicht echt und auch Andrej gemahnte sich zur Disziplin und zog es vor, das Gespräch nicht fortzusetzen. Sie waren beide unruhig und gereizt. Ein einziges falsches Wort mochte genügen, um die Situation außer Kontrolle geraten zu lassen.
»Und was tun wir jetzt?«, fragte Abu Dun nach einer Weile. »Ich meine: Warten wir hier auf deinen Freund, den Zigeuner?«
»Was sonst?«
»Die Nacht ist noch lang«, antwortete Abu Dun. »Bis es hell wird, könnten wir schon viele Meilen weit weg sein.«.
»Unsinn«, sagte Andrej.
»Wohin willst du gehen? Ich spreche gar nicht von mir, sondern von dir. Selbst wenn du Tepeschs Leuten entkommst ... und dann?«
»Ich bin hierher gekommen, ich komme auch zurück«, sagte Abu Dun.
»Ich traue diesem Vlad nicht. Und das solltest du auch nicht.«
»Wer sagt, das ich das tue?« Darüber schien Abu Dun eine Weile nachdenken zu müssen, bevor er weitersprach.
»Ich habe gesehen, wie diese beiden Krieger gekämpft haben. Sie waren schlimmer als die Teufel. Bist du auch in der Lage, so ... so zu kämpfen?« Andrej hatte den Eindruck, das er eigentlich etwas anderes hatte fragen wollen. Er antwortete ganz offen:
»Nein.« Selbst er hatte bisher nicht einmal gewusst, das es überhaupt möglich war. Auch er war schon oft verwundet worden und hatte sich wieder davon erholt, aber niemals so unglaublich schnell. Einer der beiden war von gleich zwei Pfeilen getroffen worden, und es hatte ihn nicht einmal behindert!
»Und trotzdem hast du einen der ihren getötet«, fuhr Abu Dun in nachdenklichem Ton fort.
»Sag, Hexenmeister: War es ein fairer Kampf?«
»Das dachte ich bis jetzt«, sagte Andrej. Das Thema war ihm unangenehm. Nach dem, was er während der Schlacht gesehen hatte, war er nicht mehr sicher.
»Mittlerweile denke ich fast, es war nur Glück.«
»Glück.« Abu Dun lachte hart.
»So etwas wie Glück gibt es nicht, Hexenmeister.«
»Dann hatte er vielleicht einen schlechten Tag«, schnappte Andrej. »Ich will nicht darüber reden.«
»Aber das solltest du.« Abu Dun sah ihn durchdringend an. Es war zu dunkel, als das Andrej sein Gesicht erkennen konnte, aber er spürte seinen Blick.
»Irgendetwas stimmt hier nämlich nicht, weißt du?«
»Ja. Du redest zu viel.« Abu Dun sagte nichts mehr. Aber es war auch nicht nötig. Er hatte schon deutlich mehr gesagt, als Andrej hören wollte. Sie waren übereingekommen, bis zur Dämmerung zu warten und sich dann auf eigene Faust auf den Weg zu machen, sollte Vlad bis dahin nicht aufgetaucht sein. Aber sie mussten nicht so lange warten. Andrej schätzte, das es auf Mitternacht zuging, als sie Schritte über sich hörten. Die altersschwachen Bodendielen knirschten. Staub rieselte zwischen ihnen hervor und markierte den Weg, den der Mann über ihnen nahm. Abu Dun spannte sich und wollte aufstehen, aber Andrej legte ihm rasch die Hand auf den Unterarm und drückte ihn zurück.
»Das ist Vlad.«
»Wieso bist du da so sicher?«
»Weil er allein kommt«, antwortete Andrej.
»Außerdem spüre ich es.« Die Schritte näherten sich der Treppe und wurden langsamer. Dann kam der Mann herunter. Er übersprang die untere, zerbrochene Stufe, was bedeutete, das er nicht zum ersten Mal hier unten war, und kam geduckt und mit schnellen Schritten näher.
»Ihr seid da«, begann Vlad.
»Gut. Ich war nicht sicher, das ihr es schafft.« Er ließ sich zwischen Andrej und Abu Dun in die Hocke sinken und legte die Unterarme auf die Knie.
»Was ist mit deinem Gesicht passiert?«, fragte Abu Dun.
»War ich das?« Der Roma hob die linke Hand und tastete mit spitzen Fingern über seine linke Wange. Sie war unförmig angeschwollen, seine Lippen aufgeplatzt und blutig verschorft. Sein linkes Auge würde spätestens morgen früh komplett zugeschwollen sein. Trotzdem lachte er.
»So hart schlägst du nicht zu, Mohr«, sagte er.
»Das ist die Belohnung meines Herrn, das ihr mir entkommen seid.«
»Da fragt man sich doch, warum du noch lebst«, sagte Abu Dun langsam.
»Dracul war guter Dinge«, antwortete Vlad.
»Er hat eine Schlacht gewonnen. Außerdem gibt es eine Menge Gefangener, um die er sich kümmern muss. Und ihr seid auch nicht mehr wichtig für ihn.«
»Was meinst du damit?«
»Er hätte euch so oder so töten lassen«, antwortete Vlad.
»Er braucht dich nicht mehr, jetzt, wo er die beiden goldenen Ritter hat.« Er sah Andrej durchdringend an.
»Die beiden sind Vampyre wie du, habe ich Recht? Aber sie sind trotzdem anders als du. Ich weiß nicht wie, aber sie sind anders. Böse.«
»Worauf willst du hinaus?«, fragte Andrej.
»Ihr seid hier nicht sicher«, sagte Vlad.
»Ich kann euch in die Burg bringen. Ihre Keller sind tief - und sie sind der letzte Ort, an dem Dracul nach euch suchen würde.« Andrej wollte antworten, aber Abu Dun kam ihm zuvor.