»Warum tust du das für uns, Vlad? Warum sollten wir dir trauen?«
»Ich brauche eure Hilfe«, antwortete Vlad. »Ich verstecke euch. Ich sorge dafür, das ihr lebt, und ich helfe euch, den jungen zu befreien. Dafür müsst ihr Tepesch töten. Bevor er so wird wie du, Andrej.«
»So wie ...?«
»Ein Vampyr«, sagte Vlad. »Unsterblich und unverwundbar. Er ist schon jetzt ein Ungeheuer, vor dem das Land zittert. Was glaubst du, würde geschehen, wenn er sich in ein Wesen verwandelt, das nicht zu verletzen ist und das den Tod nicht mehr zu fürchten braucht?« Das war eine Vorstellung, die zu entsetzlich war, als das Andrej dem Gedanken auch nur gestattet hätte, Gestalt anzunehmen. Trotzdem schüttelte er überzeugt den Kopf.
»Das ist vollkommen unmöglich, Vlad«, sagte er. »Wenn es das ist, was er will, dann lass ihn. Er würde nur den Tod dabei finden.«
»Die Alten sagen etwas anderes«, erwiderte Vlad.
»Ich kenne die Legenden. Ich weiß, was man über euch sagt. Es heißt, das ein Mensch zum Vampyr wird, wenn sich ihr Blut vermischt.«
»Ich sagte doch: Das ist vollkommen unmöglich«, beharrte Andrej. Aber war es das wirklich? Er mußte daran denken, wie es gewesen war, als er Malthus getötet hatte. Die Transformation. Es war seine erste Transformation gewesen, ein Erlebnis, das so grauenhaft und erschreckend gewesen war, das er sich geschworen hatte, es nicht wieder zu erleben, auch wenn sich seine Lebensspanne damit auf die eines normalen, sterblichen Menschen reduzierte. Er hatte Malthus’ Blut getrunken, aber das war nur ein Symbol gewesen; Teil eines Rituals, das so alt war wie seine Rasse und dessen Ablauf er beherrschte, ohne es jemals zuvor kennen gelernt zu haben. Aber für einen Moment war Malthus ... in ihm gewesen. Er hatte ihn gespürt, jenen körperlosen, brennenden Funken, den die Menschen Seele nannten, und für einen noch kürzeren Moment wäre es beinahe Malthus gewesen, der ihn übermannte. Er hatte die abgrundtiefe Bosheit seiner Seele gefühlt, die Kraft der zahllosen Leben, die er genommen hatte, und im allerletzten Moment etwas, dessen wahre Bedeutung er vielleicht erst jetzt wirklich begriff: Überraschung. Überraschung, Schrecken und einen Funken von Furcht, dem keine Zeit mehr blieb, zu einer Flamme zu werden. Was, dachte er, wenn er diesen Kampf verloren hätte? Hätte Malthus dann Gewalt über seine Seele erlangt? Wäre er zu Malthus geworden? Er wollte die Antwort auf diese Frage nicht wissen. Es spielte keine Rolle. Er würde nie wieder Blut trinken, weder das eines Menschen, noch das eines anderen Vampyrs. Sollte sein Leben nach fünfzig oder sechzig Jahren enden. Er hatte nicht um diese Art von Unsterblichkeit gebeten.
»Nun?«, fragte Vlad. Er hatte lange Zeit geschwiegen und Andrej nur angesehen, auch diesmal ganz so, als hätte er geahnt, was hinter Andrejs Stirn vorging, und als wollte er ihm ausreichend Zeit geben, eine Entscheidung zu treffen. Vermutlich war es im Moment nicht sonderlich schwer, in seinem Gesicht zu lesen.
»Du solltest dich mit Abu Dun zusammentun, Vlad«, sagte Andrej finster.
»Das heißt, du nimmst an«, sagte Vlad. Er stand auf.
»Du tötest Tepesch. Was du mit den beiden Goldenen machst, ist mir gleich, aber du tötest Dracul. Dafür bringe ich dich und den jungen hier weg.«
»Ja«, sagte Andrej. Ihm war nicht wohl dabei. Er konnte nicht sagen, warum, aber er hatte das Gefühl, einen wirklich schlechten Handel abgeschlossen zu haben. Trotzdem erhob er sich ebenfalls und streckte die Hand aus, um ihren Pakt zu besiegeln. Abu Dun fuhr mit einer schnellen Bewegung dazwischen.
»Nicht so rasch«, sagte er. Vlad fuhr mit einem ärgerlichen Zischen herum.
»Was mischst du dich ein, Heide?« Abu Dun schluckte die Beleidigung ohne irgendein äußeres Zeichen von Ärger herunter.
»Immerhin geht es auch um meinen Hals«, sagte er ruhig.
»Woher sollen wir wissen, das du Wort hältst?«
»Vielleicht allein deshalb, weil du diese Frage stellen kannst, Heide«, sagte Vlad verächtlich.
»Ich habe mein Leben riskiert, um die euren zu retten! Wenn du wissen willst, was Tepesch mit Verrätern macht, dann frag deinen Freund.«
»Und wie willst du uns von hier fortbringen?« Abu Dun wirkte keineswegs überzeugt.
»Ich bin vielleicht der letzte meiner Sippe, aber nicht der letzte meines Volkes«, antwortete Vlad.
»Es sind andere Roma in der Nähe. Jetzt, wo Selics Heer zerschlagen ist, werden sie nach Petershausen kommen. Ihr könnt euch ohne Probleme unter sie mischen und mit ihnen weiterziehen. Nicht einmal du würdest unter ihnen auffallen, Mohr.«
»Und sie würden uns aufnehmen?«
»Wenn ich sie darum bitte, ja«, antwortete Vlad. Er drehte sich wieder zu Andrej um.
»Dann sind wir uns einig?« Diesmal hielt Abu Dun ihn nicht mehr zurück, als er Vlads ausgestreckte Hand ergriff.
13
Burg Waichs erhob sich wie ein Stück geronnener Schwärze gegen den Nachthimmel. Es war genau dieses Bild, das Andrej beim Anblick der Burg durch den Kopf schoss. Kein Vergleich wäre in diesem Moment treffender gewesen. Der massige Turm reckte sich scheinbar endlos hoch über ihnen in den Himmel, eingebettet in das kantige Muster der Nebengebäude und Mauern. Sie sahen nur Schwärze, flache Dunkelheit ohne Details und Tiefe, als hätte sich die Nacht vor ihnen zu substanzloser Materie zusammengeballt. Andrej war nicht der Einzige, den der Anblick mit Unbehagen erfüllte. Auch Abu Dun war immer stiller geworden, je weiter sie sich Draculs Burg näherten. Selbst die Pferde waren unruhig. Ihre Ohren zuckten nervös, und manchmal tänzelten sie und versuchten auszubrechen, fast als spürten sie mit ihren feinen Instinkten eine Gefahr.
»Ab hier gehen wir besser zu Fuß weiter.« Obwohl sie noch gute fünfhundert Meter von der Burg entfernt sein mussten, hatte Vlad die Stimme zu einem Flüstern gesenkt. Andrej versuchte, seine düsteren Gedanken zu verscheuchen. An der Burg war nichts Übernatürliches und die Schatten ringsum waren nicht mehr als Schatten. Das Einzige, wovor er sich in Acht nehmen mußte, war seine eigene Fanta sie, die ihn mit immer schlimmeren Trugbildern narrte. Sie hatten auf dem Weg hierher Dinge gesehen, die, ihn noch immer verfolgten und es wahrscheinlich auch noch lange Zeit tun würden. Draculs Heer hatte das türkische Lager vollkommen zerstört, und er war auf der Jagd nach Überlebenden äußerst erbarmungslos gewesen. Nun beschäftigte sich das Heer auf sein ganz spezielle Art mit den Gefangenen ... Trotz Vlads Ankündigung ritten sie noch ein gutes Stück weiter ehe der Roma ihnen endgültig das Zeichen zum Absitzen gab und sich als Erster aus dem Sattel schwang. S befanden sich auf der Rückseite der Burg. Der Wald der ansonsten sorgsam gerodet worden war, um einer anrückenden Feind keine Deckung zu bieten, reicht an dieser Stelle bis auf knapp fünfzig Meter an die Festungsmauern heran, was einem potentiellen Angreifer aber keinen Vorteil brachte. Vor ihnen lagen nur die gewaltigen Mauern des Donjons, die massiv genug aussahen, um selbst einem Beschuss aus Kanone Stand halten zu können. Das Gelände war hier jedoch so unwegsam, das Pferde kaum von der Stelle gekommen wären. Schweres Kriegsgerät auf diesem Weg herbeizuschaffen war vollkommen unmöglich. Tepesch Vorfahren, die diese Burg erbaut hatten, waren kluge Strategen gewesen. Waichs war nicht groß, aber ein Angreifer, der die Festung zu stürmen versuchte, würde auf zahlreiche Hindernisse stoßen.
»Wie kommen wir rein?«, fragte Abu Dun. Nachdem sie die Burg umgangen hatten, lag das Tor auf der anderen Seite, und Abu Dun konnte sich wohl ebenso wenig wie Andrej vorstellen, das es irgendwo einen zweiten, weniger gut bewachten Eingang gab.
»Es gibt einen Geheimgang.« Vlad zögerte fast unmerklich, bevor er diese Information preisgab.
»Einer von Tepeschs Ahnen hat ihn anlegen lassen, um die Burg im Falle einer Belagerung unbemerkt verlassen zu können. Er wurde nie benutzt, aber er existiert noch.«