Выбрать главу

»Nein!« Die übrigen Männer schossen nicht, aber ihre Finger blieben auf den Abzügen, während ihr Kamerad hastig seine Waffe nachlud. Andrej erstarrte. Domenicus beugte sich in seinem Stuhl vor, so weit es der Strick um seine Taille zuließ.

»Das ist sehr klug von dir«, sagte er.

»Ich weiß, wie schnell du bist. Aber wie du siehst, beschützt mich nicht nur Gott der Herr, sondern auch eine Anzahl tapferer Männer. Sei versichert, das sie wissen, was sie zu tun haben.« Er starrte Andrej an und wartete ganz offensichtlich auf eine Antwort. Andrej tat ihm den Gefallen nicht, aber er erwiderte Domenicus’ Blick so fest, wie er konnte. Domenicus’ Augen flammten vor Hass, aber das war längst nicht alles, was Andrej darin las. Viel stärker war die Verbitterung und ein Zorn, der mindestens so groß war wie sein Hass. Domenicus’ Gesicht war von tiefen Linien zerfurcht, die Schmerz und Krankheit darin hinterlassen hatten. Seine Haut hatte einen ungesunden, talgigen Glanz. Der Mann litt schlimmer, als Andrej sich vielleicht vorstellen konnte..

»Du schweigst«, fuhr Domenicus fort. Es klang ein bisschen enttäuscht. Schließlich stemmte der Kirchenfürst sich in die Höhe, wobei er nur die Arme zu Hilfe nahm.

»Ihr hattet Recht, Fürst«, fuhr er in verändertem Ton, und nicht mehr an Andrej gewandt, fort.

»Ich muss wohl Abbitte leisten, das ich an Eurer Einschätzung gezweifelt habe. Ich hätte nicht gedacht, das er imstande wäre, Körber zu besiegen.«

»Ich erkenne einen Krieger, wenn ich ihn sehe.« Vlad trat einen Schritt zur Seite, durchtrennte Tepeschs Handfesseln mit einem schnellen Schnitt und bewegte sich hastig weiter, als ihm klar wurde, das er in direkter Schusslinie eines der Armbrustschützen stand. »Vlad?«, murmelte Andrej.

»Du bist ...«

»Fürst Vladimir Tepesch der Dritte Draculea«, sagte Vlad mit einer spöttischen Verbeugung. Tepesch - der falsche - riss mit einer zornigen Bewegung den Knebel herunter, holte aus und schlug Andrej den Handrücken ins Gesicht.

»Vlad!«, sagte Vlad Dracul scharf.

»Nicht jetzt. Du wirst Zeit und Gelegenheit genug bekommen, dir Genugtuung zu verschaffen, aber nicht jetzt.« Er machte eine befehlende Geste.

»Jetzt geh und suche nach diesem Sklavenjäger, bevor er am Ende noch wirklichen Schaden anrichtet.« Der falsche Drachenritter fuhr herum und verschwand. Tepesch sah ihm kopfschüttelnd nach, dann streckte er den Arm aus und nahm Andrej das Schwert aus den Händen.

»Du gestattest? Ich habe schließlich gesehen, was du damit anzurichten vermagst.« Andrej ließ es widerstandslos geschehen. Er hätte Tepesch selbst jetzt noch töten können, aber das hätte sein sofortiges Ende bedeutet wie auch das von Frederic.

»Es ist schade um Körber«, fuhr Vater Domenicus fort.

»Er hat mir lange und treu gedient. Gott der Herr wird sich seiner Seele annehmen. Er wird seinen gerechten Lohn bekommen.«

»Da bin ich sicher«, sagte Andrej.

»Falls es so etwas wie einen Gott gibt, werdet ihr beide bekommen, was euch zusteht.« Domenicus sah ihn aus glitzernden Augen an, aber die erwartete Reaktion blieb aus. Andrej sah, wie sich Biehler spannte, die Hände aber wieder sinken ließ.

»Du kannst den Namen des Herrn nicht beschmutzen«, sagte Domenicus.

»Eine Kreatur des Teufels wie du.«

»Hör mit dem Gerede auf, Domenicus«, sagte Andrej kalt.

»Was willst du? Mich töten? Dann tu es, aber erspare mir die Qual, mir vorher dein Geschwätz anhören zu müssen.«

»Töten?« Domenicus machte ein Gesicht, als käme ihm dieser Gedanke jetzt zum ersten Mal.

»Ja, das werde ich. Und sei versichert, das ich mich dieses Mal mit eigenen Augen davon überzeugen werde, das du tot bist. Du wirst brennen, Hexer.« Er deutete auf Frederic.

»Zusammen mit diesem vom Teufel besessenen Kind.«

»Nicht so schnell, Vater«, mischte sich Tepesch ein.

»Wir haben eine Vereinbarung.« In Domenicus’ Augen blitzte es auf.

»Eine Vereinbarung? Er hat einen meiner besten Männer getötet!«

»Zwei, um genau zu sein«, verbesserte ihn Tepesch.

»Und sie haben es verdient. Ein Krieger, der sich töten lässt, ist nichts wert. Ich habe Euch gewarnt.« Er schüttelte den Kopf.

»Deläny gehört mir!« Der Ausdruck in Domenicus’ Augen war blanker Hass.

»Ihr wisst nicht, mit wem Ihr sprecht!«

»Mit einem Vertreter der Heiligen Römischen Inquisition«, antwortete Tepesch mit einem spöttischen Kopfnicken.

»Aber Rom ist weit und die Kirche hat hier nur so viel Macht, wie ich es ihr zugestehe. Was würden Eure Brüder in Rom wohl sagen, wenn sie erführen, wen Ihr in Euren Diensten habt, Vater?«.

»Überspannt den Bogen nicht, Tepesch«, sagte Domenicus.

»Ich bin Euch zu Dank verpflichtet, aber jede Verpflichtung hat ihre Grenzen.«

»Ich habe nicht vor, Euch zu bedrohen«, antwortete Tepesch lächelnd.

»Ich erinnere nur an das Abkommen, das wir getroffen haben.« Er deutete auf Frederic, dann auf Andrej.

»Ihr bekommt den Jungen, ich ihn.«

»Lasst Frederic da raus«, sagte Andrej rasch.

»Das ist eine Sache zwischen dir und mir, Domenicus.«

»Keineswegs«, antwortete der Inquisitor.

»Das war es vielleicht - bevor mir dieses unschuldige Kind das Rückgrat zerstört hat.«

»Du willst also Rache«, sagte Andrej.

»Nein«, antwortete Domenicus.

»Der Junge ist vom Teufel besessen, genau wie du und eure ganze verruchte Sippe. Aber er ist noch ein Knabe. Das Böse hat seine Seele berührt, aber noch ist sie nicht vollends verloren. Ich werde ihn mit mir nehmen und mit dem Teufel um sein Seelenheil ringen.«

»Du sprichst vom Teufel?« Andrej hätte fast gelacht.

»Wie viele Menschen hasst du umbringen lassen - im Namen Gottes?«

»Das Böse ist stark geworden und Satan ist listig. Man muss ihn mit Stumpf und Stiel ausrotten.« Domenicus wedelte unwirsch mit der Hand.

»Schafft mir diesen Teufel aus den Augen. Und bringt mir meine Medizin, ich habe Schmerzen.«

14

Der Raum war klein und hatte nur ein einzelnes, schmales Fenster, das nicht einmal ausreichte, um eine geballte Faust hindurchzuschieben. Die Tür war massiv genug, um einen Kanonenschuss auszuhalten, und verfügte über eine knapp handgroße Luke in Augenhöhe. Es gab einen Stuhl, ein Bett und einen halb mit Wasser gefüllten Eimer, der als Abort diente. Ein eiserner Ring in der Wand ließ über den Zweck dieses Raumes keinen Zweifel mehr aufkommen. Andrej wurde jedoch nicht angekettet. Tepesch selbst und ein halbes Dutzend schwer bewaffneter Soldaten hatten ihn hierher gebracht. Er wurde nur grob durch die Tür gestoßen und dann allein gelassen. Nach einer Weile wurde die Klappe in der Tür geöffnet und ein misstrauisch zusammengepresstes Augenpaar sah zu ihm herein. Zwei Männer betraten seine Zelle und hielten ihn mit den Spitzen ihrer langen Speere in Schach, während ein anderer eine reichhaltige Mahlzeit und einen halben Krug Wein brachte. Andrej hatte das Gefühl, das es sich nicht um eine Großzügigkeit Tepeschs handelte, sondern um eine Henkersmahlzeit. Seine Aussichten, diese Burg lebend zu verlassen, waren nicht gut. Es war nicht das erste Mal, das er sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befand, aber bisher hatte er sich stets befreien können. Diesmal war es anders. Seine Gegner wussten, wer er war. Vor allem aber wussten sie, was er war und was zu leisten er imstande war. Tepesch würde ihn nicht entkommen lassen. Er wunderte sich, das er überhaupt noch lebte. Körber hatte ihn besiegt. Er war besser als er gewesen - und er hätte ihn zweifellos getötet, hätte Vlad - Tepesch! - nicht im letzten Moment in den Kampf eingegriffen. Als er schwere Schritte draußen auf dem Gang hörte, stand er auf und wich auf die andere Seite seiner Zelle zurück, um den Soldaten die Mühe zu ersparen, ihn mit ihren Speeren vor sich her zu treiben. Doch es waren nicht seine Kerkermeister. Stattdessen betrat Maria die Zelle. Andrej konnte nichts anderes tun als einfach dazustehen und sie anzustarren. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Es war ihm bisher trotz allem gelungen, das Wissen um ihre Nähe zu verdrängen, weil dieser Gedanke zu schmerzhaft gewesen wäre. Nun aber war sie da. Sie stand vor ihm, nur noch zwei oder drei Schritte entfernt, so wunderschön, wie er sie in Erinnerung hatte, aber viel zerbrechlicher. Etwas wie eine stille Trauer schien von ihr auszugehen. Nachdem er sie einige Zeit betrachtet hatte, wurde ihm klar, das sie sich auch körperlich verändert hatte. Ihr Gesicht war schmaler geworden. Er sah eine Andeutung derselben dunklen Linien darin, die er auch in dem ihres Bruders Domenicus entdeckt hatte. Sie hatten körperliche Strapazen hinter sich. Der Weg hierher war nicht leicht gewesen. Und wahrscheinlich war sie ihn nicht freiwillig gegangen.