»Du weißt, wer er ist?«
»Ein tapferer Mann«, antwortete Maria.
»So tapfer wie Körber und Malthus, die du erschlagen hast.«
»In Constäntä hast du noch ein wenig anders über sie gesprochen«, erinnerte Andrej.
»Da wußte ich noch nicht, wer du bist«, antwortete Maria.
»Ich bin ...«
»Hör auf!« Maria schlug beide Hände vor die Ohren.
»Ich will nichts mehr hören! Schweig!«
»Weil dir nicht gefällt, was du hörst«, sagte Andrej sanft. Er war nicht zornig. Er konnte nicht von Maria erwarten, das sie ihm glaubte. Nicht jetzt und nicht in dieser Umgebung.
»Weil du lügst!« Maria schrie fast.
»Domenicus hat Recht! Du bist ein Hexer. Du hast mich verzaubert, schon in Constäntä!«.
»Du weißt genau, das das nicht stimmt«, sagte Andrej leise. Plötzlich mußte auch er gegen die Tränen ankämpfen.
»Sprich mit Frederic, wenn du mir nicht glaubst.«
»Oder du fragst mich, schönes Kind.« Maria fuhr erschrocken herum und starrte Vlad an. Er war hereingekommen, ohne das sie oder Andrej es gemerkt hatten, und Andrej nahm an, das er auch schon eine Weile draußen auf dem Flur gestanden und ihnen zugehört hatte. Vielleicht von Anfang an.
»Was ...?«, begann Maria. Tepesch unterbrach sie, indem er mit der Hand auf Andrej wies.
»Er sagt die Wahrheit. Euer Bruder wußte, das sich all diese Menschen auf Abu Duns Schiff befanden. Er wollte ihren Tod.«
»Und du hast seinem Wunsch Folge geleistet?«, fragte Andrej. Tepesch hob die Schultern.
»Warum nicht? Ein Schiff voller Hexen und schwarzer Magier? Wer würde am Wort eines Kirchenmannes zweifeln? Noch dazu eines Inquisitors?«
»Das ... das ist nicht wahr«, flüsterte Maria. Dann schrie sie:
»Du lügst! Das ist nicht wahr!« Tepeschs Augen verdunkelten sich vor Zorn. Für einen Moment war Andrej fast sicher, das er sie schlagen würde. Aber er kam nicht dazu, denn Maria fuhr herum und rannte aus dem Raum. Dracul sah ihr kopfschüttelnd nach. Als er sich wieder zu Andrej herumdrehte, lächelte er.
»Mach dir nichts daraus, Deläny«, sagte er.
»Sie wird sich beruhigen. Sie ist nur ein Weib ... und ein verdammt hübsches dazu. Du hast einen guten Geschmack.«
»Nicht, was die Auswahl meiner Freunde angeht«, sagte Andrej. Tepesch lachte. Er schüttelte den Kopf, drehte sich herum und schloss die Tür. Er wollte nicht, das jemand sie belauschte.
»Habt Ihr keine Angst, das ich Euch das Herz herausreißen und vor Euren Augen verspeisen könnte, Fürst?«, fragte Andrej.
»Ehrlich gesagt: nein«, antwortete Dracul.
»Ich weiß noch immer nicht genau, was du bist, Andrej, aber eines bist du mit Sicherheit: ein Mann von Ehre.«
»Sei dir da nicht zu sicher«, grollte Andrej.
»Außerdem schuldest du mir ein Leben«, erinnerte Vlad.
»Aber ich glaube, daran muss ich dich nicht erinnern.« Andrej schwieg. Vlad wartete nun bestimmt darauf, das er ihn fragte, warum er ihm im Kampf gegen den Vampyr beigestanden hatte, aber er sah ihn nur einige Augenblicke lang durchdringend an, dann fragte er:
»Was willst du?«
»Warum fragst du nicht zuerst, was ich zu bieten habe?«, gab Vlad zurück.
»Und was sollte das sein?«
»Alles«, antwortete Tepesch. Er machte eine Kopfbewegung zu der Tür hinter sich.
»Das Mädchen.« Er hob rasch die Hand, als Andrej etwas erwidern wollte.
»Du willst sie. Sie ist ein verdammt hübsches Ding ein wenig jung für meinen Geschmack, aber verdammt hübsch - und du wärst kein Mann, wenn du sie nicht begehren würdest.«
»Sprich nicht so über sie!«, sagte Andrej zornig. Tepesch lächelte. »Du willst sie haben. Ich kann sie dir geben.«
»Spar dir deinen Atem, Tepesch«, sagte Andrej wütend. Er mußte sich beherrschen, um sich nicht auf diesen gottverdammten Fürsten zu stürzen und ihn totzuprügeln..
»Der Junge«, fuhr Tepesch ungerührt fort.
»Biehler. Oder wie wäre es mit Vater Domenicus’ Kopf, auf einem Silbertablett?« Andrej wußte nicht, was ihn mehr erschütterte: Der amüsierte Klang von Tepeschs Stimme oder die Gewissheit, das Dracul ihm diesen Wunsch erfüllen würde, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, sollte er ihn wirklich äußern. Er schwieg. Tepesch seufzte.
»Du bist ein anspruchsvoller Gast, Andrej Deläny«, sagte er.
»Es ist wirklich nicht leicht, dich zufrieden zu stellen. Aber vielleicht hätte ich doch noch etwas, das ich bieten könnte. Dein Freund, dieser Mohr ...« Er tat so, als hätte er Mühe, sich des Namens zu erinnern.
»Abu Dun?«
»Was ist mit ihm?«, entfuhr es Andrej. Tepesch lächelte flüchtig. Er schien zu spüren, das Andrej diese Frage fast gegen seinen Willen entschlüpft war.
»Ich fürchte, er ist uns entkommen«, sagte er.
»Zusammen mit einigen anderen Gefangenen. Nicht vielen. Vielleicht zwanzig oder dreißig. Wir werden sie wieder einfangen, das steht außer Zweifel. Ich kann die Jagd auf ihn natürlich auch einstellen lassen. Das liegt ganz bei dir.«
»Was stört mich dieser Heide?«, fragte Andrej. Tepeschs Blick nach zu urteilen log er nicht überzeugend.
»Was verdammt noch mal willst du von mir?«
»Dich«, antwortete Dracul.
»Dein Geheimnis, Vampyr. Ich will so werden wie du.«
»Das ist unmöglich«, antwortete Andrej. Er war nicht wirklich überrascht. Jeder, der sein Geheimnis erfuhr, stellte früher oder später diese Forderung.
»Und selbst wenn es nicht so wäre ...«
»... würdest du lieber sterben, ehe du mich ebenfalls zu einem Unsterblichen machen würdest, ja, ja, ich weiß.« Tepesch klang gelangweilt.
»Wir haben dieses Gespräch schon einmal geführt ... oder sagen wir: Du hast es geführt, mit Vlad.«
»Vlad?«
»Mein treuer Diener, der dann und wann in meine Rolle schlüpft. Er heißt tatsächlich so. Das ist einer der Gründe, aus denen ich ihn ausgewählt habe. Menschen hängen an ihren Namen. Manchmal kann ein Zögern von der Dauer eines Lidzuckens über die Glaubhaftigkeit einer Lüge entscheiden.«
»Du bist ein Lügner«, beharrte Andrej.
»Warum sollte ich dir trauen?«
»Weil du gar keine andere Wahl hast«, antwortete Tepesch.
»Und weil ich dir das Leben gerettet habe.« Wieder wartete er einen Moment vergeblich auf eine Antwort. Er ging zur Tür, sah durch die vergitterte Klappe hinaus und bewegte sich schließlich zum Fenster, alles auf eine Art, die Andrej klarmachte, wie sehr er darauf wartete, das Andrej von sich aus eine Frage stellte. Andrej dachte nicht daran. Er bedauerte es bereits, überhaupt mit ihm gesprochen zu haben. Was für Draculs Doppelgänger galt, das galt für den wirklichen Vlad Tepesch umso mehr: Er war ein Mann, dessen Redegewandtheit seiner Grausamkeit kaum nachstand. Es war gefährlich, sich mit diesem Mann auf eine Diskussion einzulassen. Dracul hatte die unheimliche Fähigkeit, einen vergessen zu lassen, was für ein Ungeheuer er war. Nach einer Ewigkeit fuhr Tepesch in vollkommen verändertem Ton, leise, fast wie an sich selbst gewandt, fort:
»Wie lange kennen wir uns, Andrej Deläny? Du glaubst, wenige Tage, habe ich Recht? Aber das stimmt nicht.« Er drehte sich um, schüttelte den Kopf und lehnte sich neben dem Fenster gegen die Wand.
»Ich kenne dich erst seit wenigen Tagen, aber ich weiß seit langer Zeit, das es Menschen wie dich gibt.« War es Zufall, dachte Andrej verwirrt, das er den Begriff Menschen benutzte - oder auch jetzt wieder nur Berechnung?
»Und seit ich von euch weiß, bin ich auf der Suche nach euch. Du hast mich als Vlad, den Zigeuner, kennen gelernt, und es ist mehr von ihm in mir, als du vielleicht ahnst. Ich bin ein Herrscher. Ein Krieger wie du, Andrej. Ich beherrsche dieses Land und ich bin der Herr über Leben und Tod all seiner Bewohner. Aber eigentlich gehöre ich nicht hierher. Mein Leben lang war ich auf der Suche, Deläny. Auf der Suche nach meiner wahren Bestimmung und nach meinem Volk. Jetzt habe ich es gefunden.«.