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»Ihr bleibt hier«, bestimmte Andrej.

»Ihr? Und du?«

»Ich warte, bis die Dämmerung hereinbricht«, antwortete Andrej. »Sobald es dunkel ist, steige ich über die Mauer und versuche, Frederic und Maria zu finden. Ihr wartet auf mich.«.

»Das werden unsere Freunde nicht gerne hören.« Abu Dun deutete auf die türkischen Krieger. Auch sie hatten angehalten, hielten aber noch immer einen gewissen Abstand ein.

»Und ich auch nicht. In der Burg sind zu viele Soldaten.«

»Ich habe nicht vor, mein Schwert zu ziehen und Waichs zu stürmen«, antwortet Andrej. Er hob die Stimme und drehte sich zu den Türken herum.

»Versteht einer von euch unsere Sprache?« Einer der Männer stieg aus dem Sattel und kam steifbeinig näher. Der Gewaltritt war auch an diesem Krieger nicht spurlos vorübergegangen. Er sah Andrej aufmerksam in die Augen und nickte.

»Von hier aus gehe ich allein weiter«, sagte er.

»Ihr wartet, bis die Sonne untergegangen ist, dann folgt ihr mir. Aber seid vorsichtig. Tepesch hat mit Sicherheit Wachen aufgestellt.« Der Mann schwieg eine geraume Weile und als Andrej kaum noch damit rechnete, antwortete er schleppend und mit einem Dialekt, der seine Worte bis zu den Grenzen der Unverständlichkeit verzerrte:

»Wir kommen mit. Der Sultan hat es befohlen.«

»Das weiß ich«, antwortete Andrej.

»Aber ich brauche euch hier draußen. Nur ein Mann allein hat eine Chance, unbemerkt in die Burg zu kommen. Aber ich brauche möglicherweise jemanden, der meinen Rücken deckt.« Er war nicht ganz sicher, ob der Mann verstand, was er sagte, aber er widersprach nicht sofort, sodass er mit einer deutenden Geste fortfuhr: »Es gibt einen geheimen Weg in die Burg hinein. Abu Dun kennt ihn. Er wird euch dorthin bringen.«

»Hast du nicht gerade selbst gesagt, das wir diesen Weg nicht mehr nehmen können?«, fragte Abu Dun.

»Nicht hinein«, antwortete Andrej.

»Aber vielleicht hinaus.« Er zuckte mit den Schultern.

»Irgendeinen Treffpunkt brauchen wir schließlich, oder? Du erinnerst dich an den Platz, den Tepesch uns gezeigt hat?« Abu Dun nickte.

»Dann treffen wir uns dort, nach Sonnenuntergang. Wenn ich bis Mitternacht nicht zurück bin, dann braucht ihr nicht mehr auf mich zu warten.«

17

Es dämmerte, als er sich der Rückseite der Burg näherte. Waichs sah mehr denn je aus wie ein Schatten, dem es gelungen war, Substanz zu gewinnen. Obwohl aus der Burg mannigfaltige Geräusche herüberwehten, hatte Andrej das Gefühl, von einer unheimlichen, lastenden Stille umgeben zu sein, die alles, was er hörte, auf sonderbare Weise unwirklich werden ließ, so dünn und zerbrechlich, als hätte es plötzlich einen Teil seiner Bedeutung verloren. Gleichzeitig schienen sich seine Sinne jedoch deutlich geschärft zu haben: Er hörte Stimmfetzen und raues Gelächter aus der Burg, das Prasseln von Feuer und etwas wie eine Melodie, die jemand ziemlich schlecht auf einer Laute spielte, die noch dazu verstimmt war. Aber er hörte auch die vielfältigen Geräusche des Waldes: das Flüstern des Windes in den Baumwipfeln, das Knacken der Zweige, das Rascheln der Tiere, die sich im Laub bewegten, irgendwo das Rufen eines Nachtvogels ... Er war sicher, das er selbst das Rascheln der Ameisen und die leisen Grabgeräusche der Würmer unter der Erde gehört hätte, hätte er sich nur ausreichend darauf konzentriert. Es war unheimlich. Mehr noch: Es machte ihm Angst.

Diese unheimliche Sinnesschärfe hatte begonnen, als die Sonne untergegangen war, und sie nahm weiter zu, je dunkler es wurde. Etwas von dieser Dunkelheit schien nun auch in ihm zu sein. Er war zu einem Geschöpf der Nacht geworden. Andrej schüttelte den Gedanken mit einiger Mühe ab und sah wieder zur Burg. Er hatte sich Waichs von der Rückseite her genähert und befand sich nun unweit der Stelle, zu der Tepesch sie vor zwei Tagen geführt hatte. Ganz kurz hatte er sogar daran gedacht, den verborgenen Einstieg zu suchen und Waichs auch diesmal durch den unterirdischen Gang zu betreten, sich dann aber dagegen entschieden. Er glaubte nicht daran, das Tepesch den Gang in eine Todesfalle verwandelt hatte, wie Abu Dun es anzunehmen schien. Für einen Mann wie Vlad Dracul war dieser Fluchttunnel viel zu wertvoll. Tepesch mußte nur die einfache Bewegung ausführen, die notwendig war, um einen Riegel vorzulegen. Die Tür war massiv genug, um den Raum am Ende des Geheimganges in eine unentrinnbare Falle zu verwandeln. Es gab nur zwei Wege in die Burg hinein: Durch das Tor oder über die Mauer. Andrej hatte sich für den Weg über die Mauer entschieden; schon, weil es der eindeutig schwerere Weg war und niemand erwartete, das jemand auf diese Weise in die Festung eindrang. Die Mauern waren annähernd acht Meter hoch und vollkommen senkrecht. Früher einmal waren sie glatt verputzt gewesen, aber Waichs war alt; mehrere Generationen lang hatten der Wechsel der Jahreszeiten und das räuberische Wetter Zeit gehabt, an ihren Mauern zu nagen.

Andrej war ein guter Kletterer. Er war sicher, das es ihm gelingen würde, die Mauer unbemerkt zu ersteigen. Hinter den zerfallenen Zinnen patrouillierten Wachen, die ihn nicht schrecken konnten. Andrej wußte, wie Männer auf einer Nachtwache dachten und handelten. Solange er kein verräterisches Geräusch machte, würde niemand stehen bleiben und sich über eine mehr als anderthalb Meter dicke Mauer beugen, um senkrecht in die Tiefe zu sehen. Es war zu unbequem. Der einzig wirklich gefährliche Moment war der, in dem er den Streifen deckungsloses Gelände zwischen dem Waldrand und der Burg überqueren mußte. Er wartete, bis der Posten auf der ihm zugewandten Seite am Ende seines Weges angelangt war, eine kurze Pause einlegte und kehrtmachte, dann huschte er geduckt los und rannte zur Burgmauer. Seine dunkle Kleidung schützte ihn; er bewegte sich so gut wie lautlos. Kein Alarmruf gellte durch die Nacht, es wurden keine Fackeln geschwenkt; das große Tor blieb geschlossen. Andrej presste sich mit dem Rücken gegen den rauen Stein, lauschte in sich hinein und wartete, bis sich sein hämmernder Pulsschlag beruhigt hatte. Dann drehte er sich herum, tastete mit Finger- und Zehenspitzen nach Halt und begann zu klettern. Andrej war selbst ein wenig erstaunt, wie leicht es ihm fiel. Er war im Klettern geübt gewesen, aber nun erklomm er die Wand beinahe ohne Mühe. Seine Einschätzung war richtig gewesen: Der Mauerverputz existierte nur noch in zerbröckelnden Resten, sodass seine Finger und Zehen überall Halt fanden. So schnell, als hätte er sein Lebtag nichts anderes getan, kroch er die acht Meter hohe Wand hinauf und hielt dicht unterhalb der Zinnenkrone inne. Er konnte die Schritte des Wachtpostens über sich deutlich hören, ja, er konnte fast genau sagen, wo er sich befand und in welchem Tempo er sich näherte. Sogar den Atem des Mannes hörte er. Diese neu gewonnenen Fähigkeiten erstaunten ihn. Es war mehr von dem Vampyr in ihm, als er bisher gewusst hatte, und er fragte sich fast ängstlich -, was geschehen mochte, wenn er diese Kräfte wirklich entfesselte. Er würde es erleben.

Als die Schritte des Mannes sich wieder entfernten, zog er sich in die Höhe und mit einer kraftvollen Bewegung über die Mauerkrone. So lautlos dies vonstatten gegangen war, er mußte doch ein verräterisches Geräusch gemacht haben, denn die Wache hielt mitten im Schritt inne und fuhr erschrocken herum. Andrej zögerte nicht. Mit einer blitzschnellen Bewegung war er bei ihm, presste ihm eine Hand über Mund und Nase und tastete mit der anderen nach der empfindlichen Stelle an seinem Hals. Seine Fingerspitzen fanden einen bestimmten Nervenknoten und drückten zu. Der Mann erschlaffte in seinen Armen und brach zusammen wie eine Marionette, deren Fäden man durchschnitten hatte. Andrej fing ihn instinktiv auf, ließ ihn fast sanft zu Boden sinken und tastete nach seinem Puls. Der Mann lebte, befand sich aber in tiefer Bewusstlosigkeit. Vollkommen verblüfft starrte Andrej abwechselnd den Bewusstlosen und seine eigenen Hände an. Er hatte nicht gewusst, was er tat, er hatte es einfach getan, so selbstverständlich, wie er einen Fuß vor den anderen setzte oder ein- und ausatmete. Er horchte in sich hinein. Wozu war er noch fähig? Obwohl Andrej sicher war, das der Mann eine ganze Weile lang bewußtlos bleiben würde, fesselte er ihn sorgfältig und verpasste ihm noch einen sicheren Knebel. Erst dann huschte er geduckt zum Ende des Wehrganges und warf einen langen, prüfenden Blick in den Burghof hinab. Er erkannte jetzt Einzelheiten und Details, die ihm bei seinem letzten Aufenthalt noch nicht aufgefallen wären. Hätte ihn der Gedanke nicht zu sehr erschreckt, wäre er zu dem Schluss gekommen, das er nachts besser sehen konnte als am Tage. Der Burghof unter ihm war fast leer. Der Stapel mit Beutegut war noch einmal gewachsen, und neben dem Tor lehnte ein einsamer Wächter an der Wand und kämpfte darum, nicht einzuschlafen. Zwei weitere Männer patrouillierten auf den Wehrgängen, waren aber viel zu weit entfernt, um ihn bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen. Sicher gab es auch Posten hinter den Turmfenstern, doch auch sie stellten keine Gefahr dar.