»Ich habe gelogen, als es nötig schien«, flüsterte Siuan. »Als es ratsam schien.« Ihre Schultern waren eingesunken, und sie klang, als gestehe sie Verbrechen, die sie nicht einmal sich selbst gegenüber zugeben wollte. »Manchmal denke ich, daß es für mich zu leicht geworden ist, zu entscheiden, ob etwas nötig und ratsam ist. Ich habe fast jedermann belogen — bis auf Euch. Aber auch das ist mir wohl in den Sinn gekommen, um Euch zu einer Entscheidung hinzuführen oder von einer Entscheidung abzubringen. Nicht die Tatsache, daß ich Euer Vertrauen behalten wollte, hat mich abgehalten.« Siuan streckte in der Dunkelheit bittend eine Hand aus. »Das Licht weiß, was Euer Vertrauen und Eure Freundschaft mir bedeuten, aber das war es nicht. Es war auch nicht das Wissen, daß Ihr mir die Haut in Fetzen abziehen oder mich fortschicken würdet, wenn Ihr es herausfändet, vielmehr erkannte ich, daß ich bei jemandem an den Eiden festhalten müßte, um mich nicht vollkommen zu verlieren. Also belüge ich Euch und Gareth Bryne nicht, zu welchem Preis auch immer. Und ich werde so bald wie möglich erneut die Drei Eide auf die Eidesrute schwören, Mutter.«
»Warum?« fragte Egwene ruhig. Siuan hatte erwogen, sie zu belügen? Sie hätte ihr dafür die Haut abgezogen. Aber ihr Zorn war bereits verraucht. »Ich verzeihe Lügen nicht, Siuan — normalerweise nicht. Aber manchmal ist es wirklich notwendig.« Ihre Zeit bei den Aiel kam ihr in den Sinn. »Jedenfalls solange man bereit ist, dafür zu bezahlen. Ich habe Schwestern Strafen für geringere Vergehen auf sich nehmen sehen. Ihr seid eine der ersten einer neuen Art Aes Sedai, Siuan, frei und ungebunden. Ich glaube Euch, wenn Ihr mir sagt, daß Ihr mich nicht belügen werdet.« Oder Lord Bryne? Das war seltsam. »Warum wollt Ihr Eure Freiheit also aufgeben?«
»Aufgeben?« Siuan lachte. »Ich werde nichts aufgeben.« Sie richtete sich auf, und ihre Stimme wurde zunächst fester und dann leidenschaftlich. »Die Eide sind es, die uns zu mehr als nur einer einfachen Gruppe Frauen machen, die sich ins Weltgeschehen einmischen. Die Eide halten uns zusammen, feste Glaubensvorstellungen binden uns, ein einziger Lebensfaden verläuft durch alle Schwestern, lebendig oder tot, bis zu den Ersten zurück, die ihre Hände auf die Eidesrute legten. Sie sind es, die uns zu Aes Sedai machen, nicht Saidar. Jede Wilde kann die Macht lenken. Männer mögen das, was wir sagen, von allen Seiten betrachten, aber wenn eine Schwester sagt: ›So ist es‹, dann wissen sie, daß es stimmt, und sie vertrauen ihr aufgrund der Eide. Dank der Eide fürchtet auch keine Königin, daß Schwestern ihre Städte verwüsten werden. Der schlimmste Schurke weiß, daß er bei einer Schwester in Sicherheit ist, wenn er ihr keinen Schaden zuzufügen versucht. Oh, die Weißmäntel nennen sie Lügen, und einige Menschen haben seltsame Vorstellungen über das, was die Eide beinhalten, aber es gibt nur wenige Orte, wo eine Aes Sedai nicht hingehen kann und wo man ihr nicht zuhören wird — aufgrund der Eide. Die Drei Eide beinhalten, was es bedeutet, eine Aes Sedai zu sein, das Herz des Aes Sedai-Seins. Werft das fort, und wir sind wie Sand, der von den Gezeiten fortgespült wird. Anstatt etwas aufzugeben, werde ich etwas gewinnen.«
Egwene runzelte die Stirn. »Und die Seanchaner?« Was es bedeutet, eine Aes Sedai zu sein. Sie hatte fast von dem Tage an, als sie in Tar Valon eintraf, auf das Ziel hingearbeitet, eine Aes Sedai zu werden, aber sie hatte niemals wirklich darüber nachgedacht, was eine Frau gewiß zur Aes Sedai machte.
Siuan lachte erneut, obwohl es dieses Mal ein wenig verzerrt und abgespannt klang. Sie schüttelte den Kopf und wirkte trotz der Dunkelheit müde. »Ich weiß es nicht, Mutter. Das Licht helfe mir, aber ich weiß es nicht. Immerhin haben wir die Trolloc-Kriege überlebt und auch die Weißmäntel und Artur Falkenflügel und alles dazwischen Liegende. Wir können einen Weg finden, mit diesen Seanchanern umzugehen, ohne uns zu vernichten.«
Egwene war sich dessen nicht so sicher. Viele der Schwestern im Lager hielten die Seanchaner für eine solche Gefahr, daß die Belagerung Elaidas ihrer Meinung nach warten sollte. Als würde abwarten Elaida nicht auf dem Amyrlin-Sitz festigen. Viele andere glaubten anscheinend, daß nur die Wiedervereinigung der Weißen Burg, zu welchem Preis auch immer, die Seanchaner vertreiben könnte. Das Überleben verlor einen Teil seiner Anziehungskraft, wenn es ein Überleben an einer Koppel war, und Elaidas Koppel würde nicht weniger Einschränkungen bedeuten als die der Seanchaner. Was es bedeutet, eine Aes Sedai zu sein.
»Es ist nicht nötig, Gareth Bryne auf Armeslänge fernzuhalten«, sagte Siuan plötzlich. »Es stimmt, der Mann ist die wandelnde Trübsal. Wenn er nicht als Buße für meine Lügen zählt, würde es auch nicht genügen, mir die Haut abzuziehen. Eines Tages werde ich ihn jeden Morgen ohrfeigen und abends zweimal, nur aus Prinzip, aber Ihr könnt ihm alles sagen. Es wäre hilfreich, wenn er verstünde. Er vertraut Euch, und es bedrückt ihn, wenn er sich fragen muß, ob Ihr wißt, was Ihr tut. Er zeigt es nicht, aber ich merke es.«
Plötzlich fügten sich für Egwene Bruchstücke zusammen wie bei einem Puzzle. Erschreckende Bruchstücke. Siuan liebte diesen Mann! Nichts anderes ergab einen Sinn. Alles, was sie über die beiden wußte, änderte sich, und das nicht unbedingt zum Besseren. Eine verliebte Frau schaltete ihren Verstand häufig aus, wenn sie in der Nähe des betreffenden Mannes war, und dessen war sie sich selbst auch nur zu bewußt. Wo war Gawyn? Ging es ihm gut? Genug davon. Zu viel, im Lichte dessen, was sie sagen mußte. Sie nahm ihren strengsten Amyrlin-Tonfall an. »Ihr könnt Lord Bryne ohrfeigen oder mit ihm schlafen, Siuan, aber Ihr werdet Euch in seiner Gegenwart in acht nehmen. Ihr werdet keine Dinge verlauten lassen, die er noch nicht wissen muß. Habt Ihr mich verstanden?«
Siuan richtete sich starr auf. »Ich pflege nicht sinnlos zu plaudern, Mutter«, entgegnete sie zornig.
»Ich bin sehr froh, das zu hören, Siuan.« Obwohl sie beide fast gleichaltrig aussahen, hätte Siuan ihre Mutter sein können, und doch fühlte sich Egwene in diesem Moment, als sei sie die ältere. Dies war vielleicht das erste Mal, daß Siuan mit einem Mann nicht wie eine Aes Sedai, sondern wie eine Frau umgehen mußte. Nur wenige Jahre des Glaubens, ich liebte Rand, dachte Egwene bedauernd, wenige Monate der Schwärmerei für Gavyn, und ich weiß alles, was es zu wissen gibt.
»Ich glaube, wir sind hier fertig«, fuhr sie fort und nahm Siuans Arm. »Fast. Kommt mit.«
Die Zeltwände hatten sie kaum geschützt, aber hinauszutreten ließ sie die Härte des Winters neuerlich spüren. Das vom Schnee widergespiegelte Mondlicht reichte fast zum Lesen aus, aber der Schimmer erschien kalt. Bryne war so vollständig verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Leane, deren Schlankheit unter mehreren Schichten Kleidung verborgen war, tauchte kurz auf, um zu berichten, daß sie niemanden gesehen hatte, und verschwand dann eilig wieder in der Nacht. Niemand wußte von einer Verbindung zwischen Leane und Egwene, und jedermann glaubte, Leane und Siuan befänden sich praktisch im Krieg.
Egwene nahm ihren Umhang so fest zusammen, wie es ihr mit einer Hand möglich war, und konzentrierte sich darauf, die Kälte zu ignorieren, während sie und Siuan in die entgegengesetzte Richtung davongingen. Sie konnte die Kälte tatsächlich ignorieren und achtete aufmerksam auf jedermann, der sich draußen aufhalten mochte, was kein Zufall wäre.