Siuan war ebenfalls bereits da, mit einem Stapel Papier in Händen, einen gequälten Ausdruck auf dem Gesicht und einen Tintenfleck auf der Nase. Ihr Posten als Schreiberin gab ihnen beiden einen weiteren Grund, im Gespräch miteinander gesehen zu werden, und Sheriam hatte keine Einwände gehabt, die Arbeit aufzugeben. Siuan grollte jedoch häufig. Für eine Frau, welche die Burg seit ihrem Eintreten als Novizin selten verlassen hatte, verabscheute sie es in bemerkenswertem Maße, drinnen zu bleiben. Im Moment war sie das Abbild einer Frau, die Geduld bewies und wollte, daß jedermann es bemerkte.
Selame lächelte trotz ihrer emporgereckten Nase einfältig und vollführte so viele Hofknickse, daß das Übernehmen von Egwenes Umhang und Fäustlingen zu einer kunstvollen kleinen Zeremonie wurde. Die Frau schwatzte immerzu, die Mutter solle die Füße anheben, und vielleicht sollte sie der Mutter eine Reisedecke holen, und vielleicht sollte sie bleiben, falls die Mutter noch etwas benötigte, bis Egwene sie regelrecht hinausjagte. Der Tee schmeckte nach Minze. Bei diesem Wetter! Selame war eine Prüfung, und sie konnte kaum treu genannt werden, aber sie bemühte sich.
Es war jedoch keine Zeit, müßig zu sein und Tee zu trinken. Egwene richtete ihre Stola und nahm ihren Platz hinter dem Schreibtisch ein, wobei sie einem Bein ihres Stuhls einen Stoß versetzte, damit er nicht, wie so häufig, unter ihr zusammenklappte. Siuan kauerte auf einem ebenfalls gebrechlichen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches, und der Tee wurde kalt. Sie sprachen nicht über Pläne oder über Gareth Bryne oder Hoffnungen. Was diesbezüglich im Moment getan werden konnte, war getan worden. Die Berichte und Anliegen stapelten sich im Verlauf ihrer Reise, Erschöpfung besiegte alle Versuche, sich darum zu kümmern, aber jetzt, wo sie aufgehalten wurden, mußte alles durchgesehen werden. Ein in ihrer Nähe lagerndes Heer änderte das nicht.
Egwene fragte sich manchmal, wie so viel Papier aufgetrieben wurde, wenn es doch bei allen anderen Dingen zunehmend schwierig schien. Die Berichte, die Siuan ihr reichte, führten detailliert Verknappungen auf, aber kaum mehr. Nicht nur jene, die Sheriam erwähnt hatte, sondern auch Kohle und Nägel und Eisen für die Hufschmiede und Wagner, Leder und ölgetränkte Fäden für die Sattler, Lampenöl und Kerzen und hundert andere Dinge waren knapp, sogar Seife. Und was nicht ausging, nützte ab, von den Schuhen bis zu den Zelten, alles in Siuans kühner Handschrift aufgelistet, die krakeliger wurde, je schreiender die Bedürfnisse waren, über die sie schrieb. Ihre Berechnung des verbliebenen Geldes schien in energischem Zorn aufs Papier geworfen worden zu sein. Und dies war nichts, was man nicht ernst nehmen durfte.
Unter Siuans Papieren befanden sich auch mehrere Eingaben von Sitzenden mit Vorschlägen zur Lösung der Geldsorgen. Oder eher mit Informationen für Egwene, was sie dem Saal vorzutragen beabsichtigten. Es gab jedoch bei allen Plänen nur wenige Vorteile und viele Fallen. Moria Karentanis schlug vor, den Sold der Soldaten einzusparen, eine Idee, die das Heer hätte wie Tau unter einer Hochsommersonne dahinschmelzen lassen, wenn der Saal sie bereits umgesetzt hätte. Malind Nachenin richtete einen Appell an in der Nähe befindliche Adlige, der eher nach einer Forderung klang und sehr wohl die ganze Gegend gegen sie aufbringen könnte, wie auch Salita Toranes' Absicht, in den Städten und Dörfern, durch die sie kamen, eine Abgabe zu erheben.
Egwene zerknüllte die drei Eingaben in der Faust und schüttelte diese in Siuans Richtung. Sie wünschte, es wären die Kehlen der drei Sitzenden, die sie umschloß. »Glauben sie denn alle, es müßte nur nach ihrer Nase gehen, ungeachtet der Erfordernisse? Licht, sie benehmen sich tatsächlich wie Kinder!«
»Es ist der Burg schon oft genug gelungen, ihre Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen«, sagte Siuan selbstgefällig. »Bedenkt, daß einige behaupten würden, auch Ihr ignoriertet die Realität.«
Egwene schnaubte. Glücklicherweise konnte keiner der Vorschläge ohne eine Verfügung ihrerseits in die Tat umgesetzt werden, wofür auch immer der Saal stimmen mochte. Sie hatte selbst unter diesen begrenzten Umständen ein wenig Macht. Sehr wenig, aber das war besser als nichts. »Ist der Saal immer so schwierig, Siuan?«
Siuan nickte und verlagerte leicht ihre Stellung. Nicht einmal zwei Beine ihres Stuhls wiesen die gleiche Länge auf. »Aber es könnte noch schlimmer sein. Erinnert mich daran, daß ich Euch ausführlich von dem Jahr der Vier Amyrlins erzähle. Das war ungefähr einhundertfünfzig Jahre nach der Gründung Tar Valons. In jener Zeit kam das Wirken der Burg fast den heutigen Geschehnissen gleich. Jedermann versuchte, nach Möglichkeit das Ruder zu übernehmen. Tatsächlich gab es in diesem Jahr eine Zeitlang zwei rivalisierende Säle der Burg. Beinahe wie jetzt. Fast alle hatten am Ende das Nachsehen, einschließlich einiger weniger, die glaubten, sie könnten die Burg retten. Einigen wäre es vielleicht gelungen, wenn sie nicht in Treibsand geraten wären. Die Burg überlebte natürlich dennoch. Das tut sie stets.«
Mehr als dreitausend Jahre lang schritt die Geschichte der Burg voran, vieles unterdrückt, nur wenigen Augen enthüllt, und doch schien sich Siuan jedes Details erinnern zu können. Sie mußte sich einen großen Teil ihres Lebens regelrecht in jenen geheimen Aufzeichnungen vergraben haben. Einer Sache war sich Egwene sicher: Sie würde Sheins Schicksal nach Möglichkeit meiden, aber sie würde nicht dort verbleiben, wo sie war, kaum in einer günstigeren Lage als Cemaile Sorenthaine. Schon lange vor Beendigung ihrer Regierungszeit war die wichtigste Entscheidung, die Cemaile noch zu treffen blieb, diejenige, welches Gewand sie tragen wollte.
Sie würde Siuan bitten müssen, ihr ausführlich von dem Jahr der Vier Amyrlins zu erzählen, und sie freute sich nicht darauf.
Der wandernde Lichtstrahl durch den Rauchabzug im Dach zeigte an, daß sich der Morgen dem Mittag zuneigte, aber Siuans Stapel Papiere schien kaum abgenommen zu haben. Jegliche Unterbrechung wäre willkommen gewesen, selbst vorzeitige Entdeckung. Nun, das vielleicht nicht.
»Was kommt als nächstes, Siuan?« fragte sie grollend.
Aran'gars Blick wurde von einer flüchtigen Bewegung angezogen, und sie spähte durch die Baume zum Lager des Heeres, ein schützender Kreis um die Zelte der Aes Sedai. Eine Reihe von Reitern begleiteter Wagenschlitten bewegte sich langsam ostwärts. Die fahle Sonne schimmerte auf Rüstungen und Speerspitzen. Sie verzog höhnisch das Gesicht. Speere und Pferde! Ein primitiver Haufen, der nicht schneller vorankam als ein Mensch zu Fuß, angeführt von einem Mann, der nicht wußte, was hundert Meilen entfernt geschah. Und die Aes Sedai? Sie konnte sie alle vernichten, und sie würden selbst im Tode noch nicht vermuten, wer sie umbrachte. Natürlich würde sie gleichfalls nicht lange überleben. Dieser Gedanke ließ sie erschaudern. Der Große Herr gab nur sehr wenigen eine zweite Chance im Leben, und sie würde die ihre nicht vergeuden.
Sie wartete, bis die Reiter im Wald außer Sicht gerieten, bevor sie sich wieder dem Lager zuwandte und müßig an die Träume der vergangenen Nacht dachte. Der weiche Schnee hinter ihr würde bis zum Frühjahrstauwetter verbergen, was sie vergraben hatte — durchaus lange genug. Einige der Männer im Lager vor ihr bemerkten sie schließlich und richteten sich von ihren Arbeiten auf, um sie zu beobachten. Sie lächelte wider Willen und strich den Rock über ihren Hüften glatt. Es war inzwischen schwierig geworden, sich wirklich daran zu erinnern, wie das Leben als Mann gewesen war. War sie damals ein solch leicht zu beeinflussender Tor gewesen? Mit einer Leiche ungesehen durch diese Horde zu gelangen, war selbst für sie schwierig gewesen, aber sie genoß den Rückweg.