Der Morgen schritt mit scheinbar endlosem Durchforsten von Papieren voran, bis das geschah, wovon Egwene gewußt hatte, daß es geschehen würde. Gewisse Ereignisse traten jeden Tag ein. Es würde bitterkalt werden, es würde schneien, es würden Wolken über den grauen Himmel ziehen, und es würde windig sein. Und es würden Besuche von Lelaine und Romanda stattfinden.
Egwene war müde vom langen Sitzen und vertrat sich gerade die Beine, als Lelaine mit Faolain im Schlepptau ins Zelt rauschte. Kalte Luft wehte mit ihnen herein, bevor sich der Zelteingang wieder schloß. Lelaine sah sich mit leicht mißbilligender Miene um und zog dann ihre blauen Lederhandschuhe aus, während sie sich von Faolain den luchsgesäumten Umhang von den Schultern nehmen ließ. In tiefblauer Seide, mit durchdringenden Augen, schlank und würdevoll hätte sie sich ebensogut in ihrem eigenen Zelt befinden können. Auf eine beiläufige Geste hin zog sich Faolain mit dem Kleidungsstück ehrerbietig in eine Ecke zurück, während sie ihren eigenen Umhang nur mit einer Schulterbewegung zurückwarf. Sie war unzweifelhaft bereit, auf ein weiteres Zeichen der Sitzenden hin sofort zu gehen. Ihre dunklen Züge zeugten von resignierter Demut, was ihr nicht sehr ähnlich sah.
Lelaine legte ihre Zurückhaltung kurzzeitig ab, indem sie Siuan überraschend herzlich anlächelte. Sie waren vor Jahren Freundinnen gewesen, und sie hatte sogar eine Art Schutz angeboten, wie Faolain ihn angenommen hatte, den Schutz einer Sitzenden und einen schützenden Arm gegen den Hohn und die Beschuldigungen anderer Schwestern. Lelaine berührte Siuans Wange und flüsterte leise etwas, das mitfühlend klang. Siuan errötete, und erschreckende Unsicherheit zeigte sich auf ihrem Gesicht Egwene war sich sicher, daß dies nicht vorgetäuscht war. Siuan fiel es schwer, mit dem umzugehen, was sich tatsächlich in ihr verändert hatte, und mehr noch damit, wie leicht sie sich anpaßte.
Lelaine betrachtete den Stuhl vor dem Schreibtisch und lehnte wie üblich einen solch unsicheren Platz deutlich ab. Schließlich würdigte sie Egwenes Anwesenheit mit einer leichten Neigung ihres Kopfes. »Wir müssen über das Meervolk sprechen, Mutter«, sagte sie in einem dem Amyrlin-Sitz gegenüber etwas zu harten Tonfall.
Erst als Egwene das enge Gefühl in ihrer Kehle schwinden spürte, erkannte sie, daß sie befürchtet hatte, Lelaine wüßte bereits von dem, was Lord Bryne ihr berichtet hatte. Oder sogar von dem Treffen, das er plante. Aber im nächsten Moment kehrte das beengte Gefühl wieder zurück. Das Meervolk? Der Saal konnte doch gewiß noch nichts von dem aberwitzigen Vertrag erfahren haben, den Nynaeve und Elayne geschlossen hatten. Sie konnte sich nicht vorstellen, was die beiden in eine solche Katastrophe geführt hatte oder wie sie damit umgehen sollte.
Ihr Magen rebellierte, während sie ihren Platz hinter dem Tisch wieder einnahm, ohne ihre Empfindungen preiszugeben. Dabei knickte dieses dumme Stuhlbein ein, so daß sie fast auf die Teppiche fiel, bevor sie es wieder gerade ziehen konnte. Sie hoffte, daß sie nicht errötete. »Über das Meervolk in Caemlyn oder das in Cairhien?« Ja, das klang angemessen ruhig und gefaßt.
»Das in Cairhien.« Romandas hohe Stimme erinnerte an jäh erklingende Glocken. »Gewiß in Cairhien.« Ihr Eintreten ließ Lelaine fast schüchtern erscheinen, als die Macht ihrer Persönlichkeit unvermittelt das Zelt erfüllte. Romanda lächelte nicht herzlich. So hübsch ihr Gesicht auch war, dafür schien es nicht gemacht.
Theodrin folgte ihr ins Zelt, wo Romanda schwungvoll ihren Umhang ablegte und ihn mit einer solch herrischen Geste der schlanken pausbäckigen Schwester zuwarf, daß Theodrin sich veranlaßt sah, hastig in eine Ecke gegenüber Faolain zu verschwinden. Faolain war eindeutig bezwungen, und Theodrins schrägstehende Augen waren stark geweitet, als sei sie ständig bestürzt, und sie schien nach Luft zu ringen. Wie bei Faolain forderte auch ihr rechtmäßiger Platz in der Hierarchie der Aes Sedai eine bessere Beschäftigung, aber beiden sollte sie anscheinend nicht allzubald zugestanden werden.
Romandas bezwingender Blick ruhte einen Moment auf Siuan, als überlege sie, ob sie diese auch in eine Ecke schicken sollte, aber dann rauschte sie fast abweisend an Lelaine vorbei, bevor sie sich Egwene zuwandte. »Dieser junge Mann hat anscheinend mit dem Meervolk gesprochen, Mutter. Die Augen-und-Ohren der Gelben in Cairhien sind höchst erregt darüber. Wißt Ihr, welches Interesse er an den Atha'an Miere haben könnte?«
Trotz Benutzung des Titels klang Romanda kaum so, als spräche sie mit dem Amyrlin-Sitz, aber andererseits galt das für sie stets. Es bestand kein Zweifel darüber, wer »dieser junge Mann« war. Jede Schwester im Lager akzeptierte Rand als den Wiedergeborenen Drachen, aber jedermann, der sie reden hörte, hätte glauben können, sie sprächen über einen störrischen jungen Tölpel, der vielleicht betrunken zum Essen erscheinen und den Tisch umstoßen würde.
»Sie kann wohl kaum wissen, was im Kopf des Jungen vor sich geht«, bemerkte Lelaine, bevor Egwene auch nur den Mund öffnen konnte. Ihr Lächeln wirkte dieses Mal überhaupt nicht herzlich. »Wenn eine Antwort gefunden werden muß, Romanda, wird sie in Caemlyn zu finden sein. Die dortigen Atha'an Miere halten sich nicht abgesondert auf einem Schiff auf, und ich bezweifle ernsthaft, daß hochrangige Meervolk-Leute mit verschiedenen Aufträgen von See kommen. Ich habe noch nie gehört, daß sie dies bisher aus irgendeinem Grund getan hätten. Vielleicht interessiert er sie. Sie sollten inzwischen wissen, wer er ist.«
Romanda erwiderte das Lächeln — und die Zeltwände hätten gefrieren sollen. »Es ist kaum nötig, das Offensichtliche festzustellen, Lelaine. Die vorrangige Frage ist, wie man es herausfinden kann.«
»Ich war gerade dabei, diese Frage zu klären, als Ihr hereinstürztet, Romanda. Wenn die Mutter das nächste Mal Elayne oder Nynaeve in Tel'aran'rhiod trifft, kann sie Anweisungen geben. Merilille kann herausfinden, was die Atha'an Miere wollen, oder vielleicht auch, was der Junge vorhat, wenn sie Caemlyn erreicht. Schade, daß die Mädchen nicht daran gedacht haben, einen richtigen Zeitplan aufzustellen, aber wir müssen das Problem angehen. Merilille kann sich in Tel'aran'rhiod mit einer Sitzenden treffen, wenn sie etwas weiß.« Lelaine vollführte eine kleine Geste. Es war eindeutig, daß sie selbst die erwähnte Sitzende sein sollte. »Ich dachte, Salidar wäre vielleicht ein geeigneter Ort.«
Romanda schnaubte belustigt. Selbst darin lag keine Wärme. »Es ist leichter, Merilille Anweisungen zu geben, als dafür zu sorgen, daß sie gehorcht, Lelaine. Ich erwarte, daß sie erfährt, daß sie eindringlichen Fragen ausgesetzt sein wird. Diese Schale der Winde hätte zuerst uns zur Prüfung überbracht werden sollen. Ich glaube, keine der Schwestern in Ebou Dar war sehr geschickt im Wolkentanz, und Ihr könnt das Ergebnis sehen — all dieser Tumult und die Heftigkeit. Ich erwäge, vor dem Saal eine Eingabe bezüglich aller Beteiligten zu machen.« Die Stimme der grauhaarigen Frau wurde plötzlich butterweich. »Ihr habt die Wahl Merililles unterstützt, soweit ich mich erinnere.«
Lelaine richtete sich ruckartig auf. Ihre Augen blitzten. »Ich habe jene Frau unterstützt, welche die Grauen in den Vordergrund geschoben haben, und nicht mehr«, sagte sie angewidert. »Wie hätte ich wissen sollen, daß sie die Schale dort benutzen würde? Und Meervolk-Wilde in den Kreis mit einzubeziehen! Wie konnten sie glauben, daß sie ebensoviel von der Beeinflussung des Wetters verstehen wie die Aes Sedai?« Ihr Zorn schwand jäh. Sie verteidigte sich vor ihrer stärksten Widersacherin im Saal, ihrer einzigen wahren Widersacherin. Doch sie stimmte, was ihrer Ansicht nach zweifellos das schlimmste war, über das Meervolk mit ihr überein. Es bestand kein Zweifel, daß es so war, aber dem auch Ausdruck zu verleihen, war eine andere Sache.