Das war alles, und Egwene war sich nicht sicher, ob es nur so war, weil niemand die Amyrlin grundlos störte, oder weil alle wußten, daß die wahren Entscheidungen im Saal getroffen wurden.
»Ich weiß nichts von diesem Bericht über Soldaten, die westwärts aus Kandor hinaus ziehen«, sagte Siuan, sobald sich der Zelteingang hinter Sheriam geschlossen hatte. »Es gibt nur diesen einen Bericht, und Grenzbewohner entfernen sich selten weit von der Großen Fäule, aber das weiß jeder Narr, so daß es wohl kaum die Art Geschichte ist, die jemand erfinden würde.« Sie las jetzt nichts ab.
Siuan hatte es bislang geschafft, das Netzwerk der Augen-und-Ohren der Amyrlin sehr sorgfältig unter Kontrolle zu halten, und Berichte, Gerüchte und Geschwätz flössen ihr in beständigem Strom zu, um gesichtet zu werden, bevor sie und Egwene entschieden, was an den Saal weitergegeben wurde. Leane besaß ihr eigenes Netzwerk, das noch zu dem beständigen Strom beitrug. Das meiste davon wurde weitergegeben — einige Dinge mußte der Saal wissen, und es gab keine Gewähr, daß die Ajahs weitergeben würden, was ihre eigenen Agenten erfuhren —, aber alles mußte Daraufhin überprüft werden, ob es vielleicht gefährlich sein oder die Aufmerksamkeit vom wahren Ziel ablenken könnte.
Nur wenige jener Ströme trugen in letzter Zeit gute Nachrichten heran. Cairhien hatte viele Gerüchte über mit Rand verbündete oder, noch schlimmer, ihm dienende Aes Sedai hervorgebracht, obwohl zumindest diese Angaben einfach unbeachtet gelassen werden konnten. Die Weisen Frauen sagten nicht viel über Rand oder die Menschen, die mit ihm in Verbindung standen, aber ihnen zufolge erwartete Merana seine Rückkehr, und die Schwestern im Sonnenpalast, wo der Wiedergeborene Drache seinen ersten Thron innehatte, waren gewiß ein guter Grund, solche Erzählungen entstehen zu lassen. Andere Gerüchte wurden nicht so leicht mißachtet, selbst wenn schwer zu erkennen war, was man von ihnen halten sollte. Ein Drucker in Illian behauptete, er hätte Beweise dafür, daß Rand Mattin Stepaneos mit eigenen Händen getötet und den Leichnam mit der Einen Macht vernichtet hätte, während eine Arbeiterin auf den dortigen Docks erklärte, sie hätte gesehen, wie man den früheren König gefesselt und geknebelt und in einen Teppich eingerollt an Bord eines Schiffes gebracht habe, das in der Nacht mit dem Segen des Befehlshabers der Hafenwache davongesegelt sei. Ersteres war weitaus wahrscheinlicher, aber Egwene hoffte, daß keiner der Agenten der Ajahs diese Geschichten gehört hätte. Es gab in den Büchern der Schwestern bereits zu viele abträgliche Vermerke über Rand.
So ging es weiter. Die Seanchaner schienen sich gegen nur geringen Widerstand in Ebou Dar festzusetzen. Das war vielleicht in einem Land zu erwarten gewesen, in dem die wahre Regentschaft der Königin nur wenige Tagesritte von ihrer Hauptstadt entfernt endete, und doch war es kaum ermutigend. Die Shaido waren anscheinend überall, obwohl stets nur über zehn Ecken von ihnen berichtet wurde. Die meisten Schwestern schienen zu glauben, die verstreuten Shaido wären Rands Werk, obwohl die Weisen Frauen dies bestritten, was Sheriam weitergab. Aber natürlich wollte niemand ihre mutmaßlichen Lügen allzu genau überprüfen. Es gab hundert Ausreden, denn niemand außer den Egwene verschworenen Schwestern wollte sie in Tel'aran'rhiod treffen, und auch ihnen mußte es befohlen werden. Anaiya nannte die Begegnungen trocken »recht umfassende Lektionen in Demut«, und sie schien überhaupt nicht belustigt zu sein.
»Es kann nicht so viele Shaido geben«, murrte Egwene. Dem zweiten Schub Kohlen, der zu schwacher Glutasche erstarb, waren keine Kräuter beigefügt worden, und ihre Augen schmerzten von dem schwach in der Luft schwebenden Rauch. Die Macht zu lenken, um ihn zu beseitigen, würde auch die letzte Wärme vertreiben. »Ein Teil von alledem muß das Werk von Banditen sein.« Wer konnte schließlich unterscheiden, ob ein Dorf von flüchtigen Banditen oder von Shaido gesäubert worden war? Besonders, wenn man es erst aus dritter oder fünfter Hand hörte. »Es sind gewiß ausreichend viele Banditen in der Nähe, daß sie für einen Teil der Geschehnisse verantwortlich gemacht werden können.« Die meisten nannten sich Drachenverschworene, was überhaupt nicht hilfreich war.
Egwene bewegte die Schultern, um die Verspannungen in ihren Muskeln zu lösen.
Dann erkannte sie jäh, daß Siuan so intensiv ins Leere starrte, daß sie fast von ihrem Stuhl zu fallen schien. »Siuan, schlaft Ihr ein? Wir haben zwar den größten Teil des Tages gearbeitet, aber draußen ist es immer noch hell.« Am Rauchabzug war Licht zu sehen, obwohl es allmählich schwand.
Siuan blinzelte. »Verzeiht. Ich habe in letzter Zeit über etwas nachgedacht und zu entscheiden versucht, ob ich es Euch mitteilen soll. Über den Saal.«
»Über den Saal! Siuan, wenn Ihr etwas über den Saal wißt...!«
»Ich weiß nichts«, unterbrach Siuan sie. »Ich vermute nur etwas.« Sie schnalzte verärgert mit der Zunge. »Und nicht einmal das wirklich. Zumindest weiß ich nicht, was ich vermuten soll. Aber ich sehe ein Muster.«
»Dann solltet Ihr mir lieber davon erzählen«, sagte Egwene. Siuan hatte sich als sehr geschickt darin erwiesen, Muster zu entdecken, wo andere nur ein Durcheinander sahen.
Siuan regte sich unbehaglich auf ihrem Stuhl und beugte sich dann angespannt vor. »Es geht um Folgendes: Außer Romanda und Moria sind die in Salidar erwählten Sitzenden ... zu jung.« Vieles hatte sich in Siuan gewandelt, aber über das Alter anderer Schwestern zu reden bereitete ihr eindeutig noch immer Unbehagen. »Escaralde ist die älteste, und sie ist gewiß nicht viel älter als siebzig. Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, ohne in den Novizinnenbüchern in Tar Valon nachzuschlagen, aber ich bin mir ziemlich sicher. Der Saal hat nur selten mehr als eine Sitzende unter hundert Jahren aufgewiesen, und hier sind es neun!«
»Aber Romanda und Moria sind neu hinzugekommen«, sagte Egwene freundlich, während sie die Ellbogen auf den Tisch stützte. Es war ein langer Tag gewesen. »Und keine von beiden ist jung. Vielleicht sollten wir dankbar dafür sein, daß die anderen es sind, sonst wären sie vielleicht nicht bereit gewesen, mich aufzustellen.« Sie hätte noch darauf hinweisen können, daß Siuan selbst zur Amyrlin gewählt worden war, als sie nicht einmal halb so alt wie Escaralde war, aber es wäre eine grausame Erinnerung gewesen.
»Vielleicht«, sagte Siuan eigensinnig. »Romanda stand für den Saal fest, sobald sie auftauchte. Ich bezweifle, daß es eine Gelbe gibt, die gegen sie zu sprechen wagte, um den Vorsitz zu erlangen. Und Moria ... sie hängt nicht an Lelaine, aber Lelaine und Lyrelle dachten wahrscheinlich, sie würde es tun. Ich weiß es nicht. Aber merkt Euch meine Worte: Wenn eine Frau in zu jungem Alter erhoben wird, gibt es dafür einen Grund.« Sie atmete tief durch. »Das galt auch bei mir.« Der Schmerz des Verlusts zeigte sich deutlich auf ihrem Gesicht, gewiß der Verlust des Amyrlin-Sitzes, dieser von all den von ihr erlittenen Verlusten vielleicht am schmerzhaftesten. Aber der Eindruck schwand fast ebenso schnell wieder, wie er entstanden war. Egwene glaubte nicht, daß sie schon jemals einer solch starken Frau wie Siuan begegnet war. »Dieses Mal waren überaus viele Schwestern im angemessenen Alter, erwählt zu werden, und ich kann nicht verstehen, warum sich fünf Ajahs auf all diese jungen Schwestern festlegen sollten. Es besteht ein Muster, und ich werde es herausfinden.«
Egwene war anderer Meinung. Veränderung lag in der Luft, ob Siuan es wahrhaben wollte oder nicht. Elaida hatte mit einem Brauch gebrochen, fast das Gesetz gebrochen, indem sie sich Siuans Platz widerrechtlich angeeignet hatte. Schwestern waren aus der Burg entflohen und hatten die Welt darüber unterrichtet, und letzteres war gewiß noch niemals zuvor geschehen. Veränderung. Ältere Schwestern wären eher der alten Art verbunden, aber selbst einige von ihnen mußten erkennen, daß alles in Bewegung geraten war. Gewiß war das der Grund, warum jüngere Frauen gewählt worden waren, die Neuem offener gegenüberstanden. Sollte sie Siuan befehlen, ihre Zeit nicht mehr damit zu verschwenden? Siuan hatte genug anderes zu tun. Oder sollte sie Siuan weitermachen lassen? Sie wollte so gern beweisen, daß die Veränderung, die jene erkannte, in Wahrheit gar nicht bestand.