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Bevor Egwene eine Entscheidung treffen konnte, betrat Romanda geduckt das Zelt und blieb, den Eingang geöffnet haltend, stehen. Lange Schatten erstreckten sich draußen über den Schnee. Der Abend kam schnell. Romandas Gesicht war ebenso düster wie jene Schatten. Sie sah Siuan mit starrem Blick an und äußerte barsch nur ein Wort: »Raus!«

Egwene nickte kaum merklich, aber Siuan war bereits aufgesprungen. Sie stolperte und rannte dann fast aus dem Zelt. Von einer Schwester vom Range Siuans wurde erwartet, daß sie jeder Schwester gehorchte, welche der Stärke in der Macht Romandas gleichkam, nicht nur einer Sitzenden.

Romanda schloß den Zelteingang und umarmte die Quelle. Das Schimmern Saidars umgab sie, und sie wob einen Schutz gegen Lauscher um das Innere des Zelts, ohne auch nur vorzugeben, Egwene um Erlaubnis fragen zu wollen. »Ihr seid eine Närrin!« stieß sie zwischen zusammengepreßten Zähnen hervor. »Wie lange glaubtet Ihr, dies geheimhalten zu können? Soldaten reden, Kind. Männer reden immer! Bryne wird Glück haben, wenn der Saal nicht seinen Kopf fordert.«

Egwene erhob sich langsam, während sie ihre Röcke glättete. Sie hatte hierauf gewartet, aber dennoch mußte sie auch weiterhin vorsichtig sein. Das Spiel war noch lange nicht beendet, und alles konnte sich noch immer blitzartig gegen sie wenden. Sie mußte Unschuld vorgeben, bis sie es sich leisten konnte, damit aufzuhören, »Muß ich Euch daran erinnern, daß Unhöflichkeit dem Amyrlin-Sitz gegenüber ein Verbrechen ist, Tochter«, sagte sie statt dessen. Sie hatte schon so lange etwas vorgetäuscht, und sie war so nahe daran.

»Der Amyrlin-Sitz.« Romanda schritt über die Teppiche auf Armeslänge zu Egwene, und ihrem Blick nach zu urteilen, erwog sie, noch näher zu kommen. »Ihr seid ein Kind! Euer Hintern erinnert sich noch der letzten Schläge, die Ihr als Novizin erhalten habt! Ihr werdet Glück haben, wenn der Saal Euch nicht mit einigen hübschen Spielzeugen in eine Ecke verweist. Wenn Ihr das vermeiden wollt, werdet Ihr mir zuhören und tun, was ich Euch sage. Und jetzt setzt Euch!«

Egwene kochte innerlich, aber sie setzte sich hin. Es war noch zu früh.

Romanda stemmte mit zufriedenem Nicken die Fäuste in die Hüften. Sie sah auf Egwene herab wie eine strenge Tante, die eine ungehorsame Nichte zurechtweist. Eine sehr strenge Tante. Oder ein Scharfrichter mit Zahnschmerzen. »Dieses Treffen mit Pelivar und Arathelle muß jetzt, da es einberufen wurde, natürlich stattfinden. Sie erwarten den Amyrlin-Sitz, und sie werden sie sehen. Ihr werdet mit allem Eurem Titel gebührendem Prunk und aller Würde daran teilnehmen. Und Ihr werdet ihnen sagen, daß ich für Euch sprechen soll, woraufhin Ihr den Mund halten werdet! Es ist eine feste Hand erforderlich, sie uns aus dem Weg zu schaffen — und jemand, der weiß, was er tut. Lelaine wird zweifellos jeden Moment hier sein und versuchen, sich vorzudrängen, aber Ihr solltet Euch der Schwierigkeiten entsinnen, in denen sie steckt. Ich habe den Tag mit Gesprächen mit den anderen Sitzenden verbracht, und es erscheint sehr wahrscheinlich, daß Merililles und Meranas Versagen Lelaine zur Last gelegt werden wird, wenn der Saal das nächste Mal tagt. Wenn Ihr also irgendwelche Hoffnungen hegt, die für Euch notwendige Erfahrung zu sammeln, um dieser Stola gerecht zu werden, liegt sie bei mir! Versteht Ihr mich?«

»Ich verstehe vollkommen«, sagte Egwene mit, wie sie hoffte, sanftmütiger Stimme. Wenn sie Romanda an ihrer Stelle sprechen ließe, würden keine Zweifel mehr bestehen. Der Saal und die ganze Welt würden wissen, unter welchem Einfluß Egwene al'Vere stand.

Romandas Blick schien sich in ihren Kopf zu bohren, bevor die Frau kurz nickte. »Hoffentlich. Ich beabsichtige, Elaida vom Amyrlin-Sitz zu vertreiben, und ich werde mir diese Absicht nicht verderben lassen, weil ein Kind glaubt, es wüßte genug, um seinen Weg über die Straße zu finden, ohne daß jemand seine Hand hält.« Sie warf sich mit einem Schnauben den Umhang um und rauschte aus dem Zelt. Der Schutz schwand mit ihr.

Egwene saß da und blickte stirnrunzelnd zum Zelteingang. Ein Kind? Verdammt sei die Frau, sie war der Amyrlin-Sitz! Ob es ihnen nun gefiel oder nicht —sie hatten sie erwählt, und sie würden damit leben müssen! Sie ergriff das steinerne Tintengefäß und warf es auf den Zelteingang.

Lelaine sprang zurück und entging dem Geschoß nur knapp. »Ruhig, ruhig«, schalt sie, während sie eintrat.

Sie bat ebensowenig um Erlaubnis wie Romanda, umarmte die Quelle und wob ebenfalls einen Schutz gegen Lauscher. Wo Romanda Zorn empfunden zu haben schien, empfand Lelaine Selbstzufriedenheit; sie rieb sich die behandschuhten Hände und lächelte.

»Ich brauche Euch vermutlich nicht zu erzählen, daß Euer kleines Geheimnis enthüllt wurde. Das war nicht nett von Lord Bryne, aber ich denke, er ist zu wertvoll, um ihn zu töten. Sein Glück, daß ich so denke. Laßt mich sehen. Romanda hat Euch vermutlich erzählt, daß ein Treffen mit Pelivar und Arathelle stattfinden wird, Ihr aber Romanda das Reden überlassen sollt. Habe ich recht?« Egwene regte sich, aber Lelaine winkte ab. »Ihr braucht nicht zu antworten. Ich kenne Romanda. Zu ihrem Pech habe ich vor ihr davon erfahren, und anstatt geradewegs zu Euch zu laufen, habe ich die anderen Sitzenden befragt. Wollt Ihr wissen, was sie denken?«

Egwene ballte die Fäuste im Schoß, wo es, wie sie hoffte, nicht bemerkt würde. »Ihr werdet es mir vermutlich erzählen.«

»Es steht Euch nicht zu, in diesem Ton mit mir zu sprechen«, sagte Lelaine scharf, aber im nächsten Moment lächelte sie schon wieder. »Der Saal ist unzufrieden mit Euch. Sehr unzufrieden. Womit auch immer Romanda Euch gedroht hat — und das kann man sich nur allzuleicht vorstellen —, kann ich ausräumen. Romanda hat außerdem eine Anzahl Sitzender mit ihren Schikanen verärgert. Wenn Ihr also nicht mit noch weniger Autorität als jetzt dastehen wollt, sollte Romanda morgen überrascht werden, indem Ihr mich als Eure Sprecherin benennt. Es ist schwer zu glauben, daß Arathelle und Pelivar dumm genug waren, diesem Treffen zuzustimmen, aber sie werden mit eingezogenem Schwanz davonschleichen, wenn ich erst mit ihnen fertig bin.«

»Woher soll ich wissen, daß Ihr Eure Drohungen nicht ohnehin ausführt?« Egwene hoffte, daß ihre zornige Äußerung nur mürrisch klang. Licht, sie hatte all dies satt!

»Weil ich sage, daß ich es nicht tun werde«, fauchte Lelaine. »Wißt Ihr denn inzwischen nicht, daß Ihr in Wahrheit keinerlei Befugnisse habt? Der Saal hat sie, und dies ist eine Sache zwischen Romanda und mir. In weiteren hundert Jahren wird Euch die Stola vielleicht gebühren, aber im Moment sitzt still, faltet Eure Hände und laßt jemanden, der weiß, was er tut, Elaida vertreiben.«

Egwene saß erneut zum Eingang starrend da, nachdem Lelaine gegangen war. Dieses Mal ließ sie den Zorn nicht überkochen. Die Stola wird Euch vielleicht gebühren. Romanda hatte fast dasselbe gesagt. Jemand, der weiß, was er tut. Täuschte sie sich tatsächlich? Ein Kind, das zunichte machte, was eine erfahrene Frau leicht handhaben konnte?

Siuan schlüpfte ins Zelt und blieb dann mit besorgtem Blick stehen. »Gareth Bryne kam gerade zu mir, um mir zu sagen, daß der Saal Bescheid weiß«, sagte sie trocken. »Er kam unter dem Vorwand, nach seinen Hemden zu fragen. Er und seine verdammten Hemden! Das Treffen ist für morgen angesetzt, an einem See ungefähr fünf Stunden nördlich von hier. Pelivar und Arathelle sind bereits dorthin unterwegs und Aemlyn ebenfalls. Ein drittes starkes Haus.«

»Das ist mehr, als Lelaine oder Romanda mir mitzuteilen geruhten«, sagte Egwene ebenso trocken. Nein. Hundert oder fünfzig oder fünf Jahre an der Hand geführt, am Kragen vorwärts geschoben werden — und sie würde zu nichts anderem mehr taugen. Wenn sie in etwas hineinwachsen sollte, dann mußte sie jetzt wachsen.