»Oh, Blut und blutige Asche«, stöhnte Siuan. »Ich halte es nicht aus! Was haben sie gesagt? Wie sind die Gespräche verlaufen?«
»Ungefähr so, wie wir es erwartet hatten.« Egwene lächelte mit einer Verwunderung, die sich auch in ihrer Stimme widerspiegelte. »Siuan, sie hätten mir den Saal nicht gekonnter ausliefern können, wenn ich ihnen gesagt hätte, was sie tun sollen.«
Das letzte Tageslicht schwand, als Sheriam sich ihrem Zelt näherte, das noch kleiner war als Egwenes. Wäre sie nicht die Behüterin der Chroniken gewesen, hätte sie es sogar noch teilen müssen. Sie betrat das Zelt geduckt und hatte nur noch Zeit zu erkennen, daß sie nicht allein war, als sie bereits abgeschirmt und mit dem Gesicht nach unten auf ihr Feldbett geworfen wurde. Sie wollte aufschreien, aber eine Ecke ihrer Decken verstopfte ihr den Mund. Die Kleidung wurde ihr vom Leib gerissen.
Dann erhielt sie einen Schlag auf den Kopf. »Ihr solltet mich auf dem laufenden halten, Sheriam. Dieses Mädchen plant etwas, und ich will wissen, was es ist.«
Es dauerte lange, ihren Fragesteller davon zu überzeugen, daß sie ihm bereits alles gesagt hatte, was sie wußte, daß sie niemals ein Wort zurückhalten würde, kein Flüstern. Als sie schließlich in Ruhe gelassen wurde, lag sie zusammengerollt da, wimmerte vor Schmerzen und wünschte sich bitterlich, sie hatte niemals in ihrem Leben auch nur mit einer einzigen Sitzenden im Saal gesprochen.
17
Draußen auf dem Eis
Am nächsten Morgen zog eine Kolonne Reiter schon lange vor der Dämmerung aus dem Aes Sedai-Lager gen Norden, vom Knarren der Sättel und dem Knirschen durch die harsche Schneedecke brechender Pferdehufe einmal abgesehen nahezu lautlos. Gelegentlich schnaubte ein Pferd oder klirrte Metall und wurde rasch gedämpft. Der Mond war bereits untergegangen, der Himmel sternenklar, aber die helle, über allem liegende Schneedecke erleuchtete die Dunkelheit. Als im Osten die erste Morgenröte erschien, waren sie bereits gut über eine Stunde geritten. Was nicht bedeutete, daß sie weit gekommen wären. Egwene konnte Daishar über einige offene Flächen in leichtem Galopp gehen lassen, wodurch Schnee aufstäubte wie verspritzendes Wasser, aber überwiegend mußten die Pferde in langsamem Schritttempo durch spärliche Wälder geführt werden, wo der Schnee tiefe Gräben bedeckte und auf den Zweigen über ihnen hing. Eichen und Kiefern, Tupelo- und Lederblattbäume sowie Bäume, die sie nicht kannte, wirkten jetzt alle noch erbärmlicher als in der sengenden Hitze. Heute war das Abramsfest, aber es würde keine in Honigkuchen eingebackenen Preise geben. Das Licht gebe, daß einige Menschen dennoch an diesem Tag Überraschungen erlebten.
Die Sonne stieg auf, ein fahler goldener Ball, der keine Wärme spendete. Jeder Atemzug stach noch immer in der Kehle und wurde zu Nebel. Ein scharfer Wind wehte, nicht stark, aber schneidend, und im Westen rollten dunkle Wolken auf ihrem Weg nach Andor nordwärts. Sie verspürte Mitleid mit jedermann, der die Last dieser Wolken zu spüren bekommen würde. Und Erleichterung darüber, daß sie sich von ihnen entfernten. Es wäre unerträglich gewesen, noch einen Tag zu warten. Sie hatte überhaupt nicht schlafen können — aus nervöser Ungeduld, nicht wegen ihrer Kopfschmerzen. Aus Ungeduld — und aus wie kalte Luft unter den Zeltwänden hindurchkriechender Angst. Sie war jedoch nicht müde. Sie fühlte sich wie eine zusammengedrückte Feder, eine fest aufgezogene Uhr, voller Energie, die verzweifelt verbraucht werden wollte, Licht, es konnte noch immer alles schrecklich fehlschlagen.
Eine beeindruckende Kolonne folgte der Standarte der Weißen Burg, der weißen Flamme von Tar Valon inmitten einer aus den sieben Farben der Ajahs gebildeten Spirale. Heimlich in Salidar genäht, hatte sie seitdem zusammen mit den Schlüsseln in der Obhut des Saals am Boden einer Kiste gelegen. Sie glaubte nicht, daß sie die Standarte gezeigt hätten, wäre heute morgen nicht Prunk vonnöten gewesen. Tausend Mann schwerer Kavallerie in Kettenpanzern bildeten eine umfangreiche Eskorte, einen vollkommenen Rahmen aus Speeren, Schwertern, Streitkolben und Streitäxten, die südlich der Grenzlande selten zu sehen waren. Ihr Befehlshaber war ein einäugiger Shienarer mit einer bunten Augenklappe, ein Mann, dem sie vor scheinbar einem Zeitalter begegnet war. Uno Nomesta beobachtete durch das Visier seines Helms den Wald, als erwarte er überall Hinterhalte, und seine Männer, die sehr aufrecht im Sattel saßen, schienen beinahe ebenso wachsam.
Vor ihnen und durch die Bäume fast verdeckt ritt eine Gruppe von Männern, die Helme und Brust- und Rückenpanzer trugen, aber keinen weiteren Schutz. Ihre Umhänge flatterten ungehindert in der Luft, da sie eine behandschuhte Hand für die Zügel und eine Hand für den Kurzbogen, den sie alle trugen, brauchten. Vor dieser Gruppe befanden sich noch weitere Männer und außer Sicht auch links und rechts und hinter ihnen, insgesamt weitere tausend Mann, die kundschafteten und sie abschirmten. Gareth Bryne erwartete von den Andoranern keinen Betrug, aber er hatte sich, wie er sagte, schon früher geirrt, und die Murandianer waren noch eine andere Sache. Außerdem mußte mit von Elaida bezahlten Meuchelmördern oder sogar Schattenfreunden gerechnet werden. Nur das Licht allein wußte, wann oder warum sich ein Schattenfreund zum Meuchelmord entschloß. Auch bei den Shaido, die vermutlich weit entfernt waren, wußte anscheinend niemand, daß sie da waren, bis das Töten begann. Selbst Straßenräuber hätten ihr Glück bei einer zu kleinen Gruppe versuchen können. Lord Bryne ging keine unnötigen Risiken ein, worüber Egwene sehr froh war. Sie wollte heute so viele Zeugen wie möglich haben.
Sie selbst ritt mit Sheriam, Siuan und Bryne vor dem Banner. Die anderen schienen in ihre eigenen Gedanken versunken. Lord Bryne saß locker im Sattel, und der Nebel seines Atems bildete einen leichten Eisfilm auf seinem Visier, aber Egwene konnte erkennen, daß er sich den Geländeverlauf sorgfältig einprägte, falls er hier kämpfen mußte, Siuan ritt so starr, daß sie lange bevor sie ihr Ziel erreichten wundgeritten wäre, aber sie blickte gen Norden, als könne sie den See bereits sehen, und manchmal nickte sie vor sich hin oder schüttelte den Kopf. Sie hätte dies nicht getan, wenn sie sich wohl gefühlt hätte. Sheriam wußte nicht besser, was auf sie zukäme, als die Sitzenden, und doch schien sie sogar noch nervöser als Siuan, regte sich ständig im Sattel und verzog das Gesicht. Auch Zorn schimmerte aus einem unbestimmten Grund in ihren Augen.
Dicht hinter dem Banner folgte in Doppelreihen der gesamte Saal der Burg, in bestickter Seide, üppigem Samt, Pelzen und Umhängen mit der deutlich auf dem Rücken planierten Flamme. Frauen, die selten mehr Schmuck als den Großen Schlangenring trugen, waren heute mit den feinsten Edelsteinen geschmückt, welche die Schmuckkästen des Lagers bargen. Und ihre Behüter sahen durch ihre die Farbe verändernden Umhänge noch großartiger aus. Die Männer schienen beinahe zu verschwinden, wenn die beunruhigenden Umhänge im starken Wind wehten. Diener folgten, zwei oder drei für jede Schwester, auf den besten Pferden, die für sie gefunden werden konnten. Sie wären vielleicht selbst als niedriger gestellte Adlige angesehen worden, wenn nicht einige von ihnen Packpferde geführt hätten. Jede Kiste im Lager war durchstöbert worden, um sie in strahlende Farben zu kleiden.
Delana hatte Halima auf einer feurigen weißen Schimmelstute mitgebracht, vielleicht weil sie eine der Sitzenden ohne Behüter war. Die beiden ritten fast Knie an Knie. Delana beugte sich manchmal zu Halima herüber, um Vertrauliches zu besprechen, obwohl Halima zu aufgeregt schien, um zuhören zu können. Halima war vermutlich Delanas Schreiberin, und jedermann vermutete Mildtätigkeit oder möglicherweise Freundschaft dahinter, wie unwahrscheinlich das auch zwischen der würdevollen, hellhaarigen Schwester und der heißblütigen, schwarzhaarigen Frau vom Lande schien. Egwene hatte Halimas unbeholfene Handschrift gesehen, so unförmig wie die eines gerade das Schreiben lernenden Kindes. Heute trug sie ebenso edle Kleidung wie die Schwestern, mit Juwelen, die Delanas ohne weiteres gleichkamen und von der sie gewiß auch stammten. Wann immer ein Windstoß an Halimas Samtumhang zerrte, wurde ein erschreckend großer Teil ihres Busens sichtbar, und sie lachte stets, wenn sie den Umhang wieder fester um ihre Schultern zog, wobei sie nicht zugab, daß sie die Kälte stärker empfand als die Schwestern.