Egwene war zum ersten Mal dankbar für all die Kleidung, die man ihr geschenkt hatte und die es ihr erlaubte, die Sitzenden zu übertreffen. Ihr grünblaues Reisekleid war mit weißen Schlitzen versehen und mit Zuchtperlen bestickt. Perlen schmückten auch die Oberseite ihrer Handschuhe. Im letzten Moment hatten Romanda einen hermelinverbrämten Umhang und Lelaine eine Halskette und Ohrringe aus Smaragden und weißen Opalen beigesteuert. Die Mondsteine in ihrem Haar stammten von Janya. Die Amyrlin mußte heute alle überstrahlen. Selbst Siuan schien in ihrem blauem Samtgewand mit cremefarbener Spitze, einem breiten Perlenband um den Hals und weiteren Perlen im Haar für einen Ball bereit.
Romanda und Lelaine führten die Sitzenden an und ritten so dicht hinter dem Bannerträger her, daß er manchmal nervös über die Schulter blickte und sein Pferd näher an die Reiter vor ihm herantrieb. Egwene gelang es, nur ein- oder zweimal zurückzuschauen, und doch konnte sie deren Blicke zwischen den Schulterblättern spüren. Beide glaubten, sie fest im Griff zu haben, und beide würden sich wundern müssen, wer sie tatsächlich im Griff hatte. Oh, Licht, dies durfte nicht mißlingen. Nicht jetzt!
Außer der Kolonne regte sich in der schneebedeckten Landschaft wenig. Ein Falke mit breiten Schwingen über ihnen zog vor dem kalten blauen Himmel eine Zeitlang seine Kreise, bevor er nach Osten abschwenkte. Egwene sah Füchse mit schwarzem Schwanz in der Ferne dahintrotten, noch immer mit ihrem Sommerfell, und einmal tauchte wie eine Geistergestalt ein großer Hirsch mit hohem, gegabeltem Geweih auf und verschwand dann im Wald. Ein von Belas Hufen aufgescheuchter Hase sprang davon, woraufhin die struppige Stute den Kopf aufwarf. Siuan schrie und packte die Zügel, als erwarte sie, daß Bela durchgehen würde. Bela schnaubte natürlich nur vorwurfsvoll und trottete schwerfällig weiter. Egwenes großer Rotgrauer scheute stärker, dabei war der Hase nicht einmal in seine Nähe gekommen.
Siuan begann leise zu schimpfen, nachdem der Hase davongehoppelt war, und es dauerte einige Zeit, bevor sie Belas Zügel wieder lockerte. Es machte sie stets reizbar, auf einem Pferd zu sitzen — sie reiste in einem der Wagen, wann immer es möglich war —, aber sie war selten so schlecht gelaunt. Lord Brynes Miene oder ihre auf ihn gerichteten zornigen Blicke verrieten jedem aufmerksamen Beobachter den wahren Grund.
Falls er Siuans Blicke bemerkte, zeigte er es nicht. Er sah als einziger aus wie immer, schlicht und etwas mitgenommen. Ein Fels, der Stürmen getrotzt hatte und auch noch weitere überstehen würde. Egwene war aus einem unbestimmten Grund froh, daß er dem Ansinnen, ihn in edlere Kleidung zu stecken, widerstanden hatte. Sie mußten wirklich Eindruck schinden, aber er tat dies bereits so, wie er war.
»Es ist ein schöner Morgen zum Reiten«, sagte Sheriam nach einiger Zeit. »Es gibt doch nichts Besseres als einen ausgiebigen Ritt im Schnee, um die Gedanken zu klären.« Sie sprach laut und deutlich und fixierte lächelnd die noch immer murrende Siuan.
Siuan schwieg dazu — sie konnte vor so vielen Augen kaum etwas anderes tun —, aber sie sah Sheriam mit einem Blick an, der für später harte Worte ankündigte. Die feuerhaarige Frau zuckte fast zusammen und wandte sich jäh ab. Schwinge, ihre graugescheckte Stute, tänzelte einige Schritte, und Sheriam beruhigte sie mit fester Hand. Sie hatte der Frau gegenüber, die sie zur Herrin der Novizinnen ernannt hatte, wenig Dankbarkeit gezeigt, und fand wie die meisten in dieser Lage Gründe, Siuan dafür verantwortlich zu machen. Das war der einzige Fehler, den Egwene seit dem Schwur an ihr entdeckt hatte. Nun, sie war dagegen gewesen, als Behüterin der Chroniken auf die gleiche Art Befehle von Siuan entgegennehmen zu müssen wie die anderen, aber Egwene hatte sofort erkannt, wohin das führen würde. Dies war nicht das erstemal, daß Sheriam versucht hatte, spitze Bemerkungen anzubringen. Siuan beharrte darauf, sich selbst um Sheriam zu kümmern, und ihr Stolz war zu verletzbar, als daß Egwene das Ersuchen verweigert hätte, es sei denn, die Angelegenheit drohte auszuufern.
Egwene wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, schneller voranzukommen. Siuan grollte erneut, und Sheriam dachte offensichtlich darüber nach, was sie noch sagen könnte, was nicht gerade einen Verweis heraufbeschwor. All dieses Murren und die bösen Blicke gingen Egwene allmählich unter die Haut. Nach einer Weile zermürbte sie sogar Brynes nüchterne Haltung. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, was sie sagen könnte, um seine Selbstsicherheit zu erschüttern. Leider — oder vielleicht dem Licht sei Dank — glaubte sie nicht, daß dies möglich sei. Aber wenn sie noch viel länger warten müßte, fürchtete sie, aus reiner Ungeduld zu platzen.
Die Sonne näherte sich dem Zenit, doch sie kamen nur qualvoll langsam voran. Schließlich wandte sich einer der Reiter vor ihnen um und hob eine Hand. Bryne entschuldigte sich hastig bei Egwene und galoppierte nach vorn. Sein kräftiger kastanienbrauner Wallach kam durch den Schnee eher langsam voran, aber Bryne holte die Vorreiter ein, wechselte einige Worte, schickte sie dann weiter durch den Wald voraus und wartete auf Egwene und die übrigen.
Als er erneut neben sie ritt, schlossen sich Romanda und Lelaine ihnen an. Die beiden Sitzenden nahmen Egwenes Anwesenheit kaum zur Kenntnis, sondern richteten ihre Aufmerksamkeit mit der kühlen Gelassenheit, die schon so manchen Mann, der Aes Sedai gegenübergestanden hatte, auf Bryne. Nur daß sie einander hin und wieder nachdenklich von der Seite ansahen. Sie schienen kaum zu erkennen, was sie taten. Egwene hoffte, daß sie wenigstens halb so nervös waren wie sie. Damit wäre sie schon zufrieden.
Kühle, gelassene Blicke schweiften über Bryne hinweg wie Regen über den besagten Fels. Er verbeugte sich leicht vor den Sitzenden, sprach aber an Egwene gewandt. »Sie sind bereits eingetroffen, Mutter.« Das war zu erwarten gewesen. »Sie haben fast ebenso viele Männer mitgebracht wie wir, diese befinden sich jedoch alle auf der Nordseite des Sees. Ich habe Kundschafter ausgeschickt, um sicherzustellen, daß uns niemand umzingelt, was ich aber nicht erwarte.«
»Hoffentlich habt Ihr recht«, erwiderte Romanda scharf, und Lelaine fügte in noch weitaus kälterem Tonfall hinzu: »Eure Einschätzungen waren in letzter Zeit nicht immer zutreffend, Lord Bryne.« Ein frostiger, schneidender Tonfall.
»Wie Ihr meint, Aes Sedai.« Er verbeugte sich erneut leicht, ohne sich wirklich von Egwene abzuwenden. Wie Siuan war auch er jetzt offen an sie gebunden, zumindest soweit es den Saal betraf. Wenn sie nur nicht ahnten, wie fest! Wenn sie nur sicher sein könnte, wie fest. »Noch etwas, Mutter«, fuhr er fort. »Talmanes befindet sich ebenfalls am See. Ungefähr hundert Mann der Bande stehen auf der Ostseite. Nicht genug, um Schwierigkeiten zu machen, selbst wenn er es wollte, und ich glaube kaum, daß er es will,«
Egwene nickte nur. Nicht genug, um Schwierigkeiten zu machen? Talmanes allein könnte schon genügen! Sie spürte einen bitteren Geschmack im Mund. Es ... durfte ... jetzt ... nicht ... schiefgehen!
»Talmanes!« rief Lelaine aus, als ihre Gelassenheit schwand. Sie mußte ebenso nervös sein wie Egwene. »Wie hat er es herausgefunden? Wenn Ihr Drachenverschworene in Euren Plan mit einbezogen habt, Lord Bryne, werdet Ihr wahrhaftig erfahren, was es heißt, zu weit zu gehen!«