Romanda grollte unmittelbar darauf: »Das ist schändlich! Ihr sagt, Ihr habt erst jetzt von seiner Anwesenheit erfahren? Wenn dem so ist, habt Ihr Euren Ruf zu Unrecht!« Die Gelassenheit einiger Aes Sedai war heute anscheinend leicht zu erschüttern.
Sie fuhren in diesem Sinne fort, aber Bryne ritt weiter und murmelte nur gelegentlich »Wie Ihr meint, Aes Sedai«, wenn er überhaupt etwas erwiderte. Er hatte heute morgen in Egwenes Gegenwart schon schlimmere Vorwürfe gehört und reagierte nicht mehr darauf. Schließlich war es Siuan, die schnaubte und dann zutiefst errötete, als die Sitzenden sie überrascht ansahen. Egwene hätte fast den Kopf geschüttelt. Siuan war ganz entschieden verliebt. Und man mußte sehr entschieden mit ihr reden! Bryne lächelte aus einem unbestimmten Grund, aber vielleicht nur, weil er nicht mehr der Gegenstand der Aufmerksamkeit der Sitzenden war.
Sie gelangten aus dem Wald auf eine weitere, sehr große freie Fläche. Jetzt war keine Zeit mehr für nichtige Gedanken.
Bis auf einen breiten Kranz durch den Schnee ragenden, hohen braunen Schilfs und Rohrkolben wies hier nichts auf einen See hin. Die freie Fläche hätte eine große Wiese sein können, eben und annähernd oval in der Form. In einiger Entfernung vom Waldrand war auf dem zugefrorenen See auf hohen Pfählen ein großer blauer Pavillon errichtet worden, und dahinter warteten eine kleine Menschenmenge und Dutzende von Dienern bei den Pferden. Der Wind zerrte an einem bunten Dickicht von Standarten und Bannern und trug gedämpfte Rufe herüber, die nur Befehle sein konnten. Weitere Diener liefen eilig umher. Anscheinend waren sie noch nicht lange genug hier, um ihre Vorbereitungen beendet zu haben.
Der Waldrand auf der anderen Seite des Ufers war ungefähr eine Meile entfernt, und dort spiegelte sich das schwache Sonnenlicht im Metall wider — ziemlich viel Metall, das sich über das ganze jenseitige Ufer zog. Die östlich stehende Bande, fast ebenso nahe wie der Pavillon, versuchte nicht, im Verborgenen zu bleiben, sondern hielt sich nahe der Rohrkolben neben ihren Pferden auf. Einige wenige von ihnen deuteten auf die Neuankömmlinge, als die Fahne von Tar Valon erschien. Die Menschen am Pavillon hielten inne, um ebenfalls hinzuschauen.
Egwene zögerte nicht, auf das schneebedeckte Eis hinaus zu reiten. Sie stellte sich dabei jedoch eine sich zur Sonne öffnende Rosenknospe vor, die alte Novizinnenübung. Sie umarmte Saidar zwar nicht tatsächlich, aber die sie durchströmende Ruhe war sehr willkommen.
Siuan und Sheriam folgten ihr, desgleichen die Sitzenden mit ihren Behütern und den Dienern. Lord Bryne und der Bannerträger gingen als einzige Soldaten mit. Hinter ihr erklingende Rufe verrieten ihr, daß Uno seine bewaffneten Reiter am Ufer Aufstellung nehmen ließ. Die leichter bewaffneten Männer waren zu beiden Seiten ausgeschwärmt, diejenigen, die nicht dazu abgestellt waren, sie gegen Verrat zu schützen. Ein Grund dafür, daß der See als Treffpunkt ausgewählt worden war, bestand darin, daß das Eis dick genug war, um eine stattliche Anzahl Pferde zu tragen, aber nicht Hunderte, geschweige denn Tausende. Das verminderte die Gefahr, in einen Hinterhalt zu geraten. Natürlich war ein Pavillon, der mit Bogen nicht erreichbar war, für die Eine Macht sehr wohl erreichbar, zumindest wenn er sichtbar war. Nur daß sich der ärgste Mann der Welt davor sicher wußte, solange er keine Schwester bedrohte. Egwene atmete heftig aus und bemühte sich erneut um Ruhe.
Es wäre eine angemessene Begrüßung für den Amyrlin-Sitz gewesen, wenn Diener mit heißen Getränken und um heiße Steine gewickelten Tüchern herbeigeeilt wären und die Lords und Ladys selbst die Zügel übernommen und zum Zeichen des Abramsfests einen Kuß dargeboten hätten. Jeder Besucher irgendeines Ranges hätte die Diener erwarten können, aber niemand am Pavillon regte sich. Bryne stieg ab und kam heran, um Daishars Zügel zu nehmen, und derselbe schlanke junge Mann, der am Vortag mit Holzkohle gekommen war, lief herbei, um Egwenes Steigbügel zu halten. Seine Nase tropfte noch immer, aber in der roten Samtjacke, die ihm nur ein wenig zu groß war, und einem hellblauen Umhang übertrumpfte er jeden der Adligen, die unter dem Baldachin standen und herüber starrten. Sie schienen überwiegend in grobes Tuch gekleidet, ohne viel Stickerei und mit nur sehr wenig Seide oder Spitze. Wahrscheinlich hatten sie Mühe gehabt, passende Kleidung aufzutreiben, als der Schneefall begann und sie sich bereits auf dem Marsch befanden. Obwohl es unbestreitbar war, daß der junge Mann selbst einen Kesselflicker hätte übertrumpfen können.
In dem Pavillon waren Teppiche ausgelegt und Kohlepfannen entzündet worden, obwohl der Wind Hitze und Rauch gleichermaßen davontrug. Jeweils acht Stühle waren in zwei einander gegenüberliegenden Reihen angeordnet worden. Sie hatten nicht so viele Schwestern erwartet. Einige der wartenden Adligen wechselten bestürzte Blicke, und manche ihrer Diener kneteten die Hände und fragten sich, was zu tun sei.
Die Stühle paßten alle nicht zusammen, waren aber in der Größe gleich; keiner war merklich zerschlissener oder beschädigter als ein anderer, und keiner wies mehr oder weniger vergoldete Schnitzereien als die anderen auf. Der schlanke junge Mann und eine Anzahl anderer trotteten hinein, trugen die für die Aes Sedai bestimmten Stühle unter den finsteren Blicken der Adligen, die nicht einmal gefragt wurden, in den Schnee hinaus und eilten dann davon, um beim Abladen der Packpferde zu helfen. Noch immer sprach niemand ein Wort.
Es wurden rasch für den ganzen Saal und Egwene ausreichende Sitzgelegenheiten geschaffen. Nur einfache Bänke, wenn auch glänzend poliert, aber eine jede stand auf einem kleinen, mit Tüchern in den Farben der Ajah der Sitzenden bedeckten Podest. Das vordere Podest für Egwenes Bank war wie ihre Stola gestreift. Es hatte in der Nacht hastige Geschäftigkeit gegeben, angefangen vom Suchen des Bienenwachses zur Politur bis zu edlem Stoff in den richtigen Farben.
Als Egwene und die Sitzenden ihre Plätze eingenommen hatten, saßen sie einen Fuß höher als alle anderen. Sie hatte ihre Zweifel gehabt, aber das Fehlen jeglicher Begrüßung hatte alle Ungewißheit ausgeräumt. Auch noch der am niedrigsten gestellte Bauer hatte einem Vagabunden am Abramsfest einen Becher und einen Kuß dargeboten. Doch sie waren weder Bittsteller noch Gleichgestellte. Sie waren Aes Sedai.
Die Behüter standen hinter ihren Aes Sedai, und Siuan und Sheriam flankierten Egwene. Die Schwestern schlugen betont ihre Umhänge zurück und zogen ihre Handschuhe aus, um zu unterstreichen, daß die Kälte sie nicht berührte, ganz im Gegensatz zu den Adligen, die ihre Umhänge fest geschlossen hielten. Draußen wehte die Flamme von Tar Valon im eisigen Wind. Nur Halima, die neben Delanas Platz am Rand des mit grauem Tuch bedeckten Podests herumlungerte, hätte das großartige Bild beeinträchtigen können, aber ihre großen grünen Augen betrachteten die Andoraner und Murandianer so herausfordernd, daß sie es nicht zu sehr verdarb.
Es gab einige verwunderte Blicke, als Egwene den vorderen Platz einnahm, aber nur wenige. Niemand schien wirklich überrascht. Sie haben vermutlich von dem Mädchen als Amyrlin gehört, dachte sie ohne Bitterkeit. Nun, es hatte schon Königinnen gegeben, die jünger waren als sie, auch in Andor und Murandy. Sie nickte bedächtig, und Sheriam deutete auf die Stuhlreihe. Gleichgültig, wer zuerst eingetroffen war oder den Pavillon errichtet hatte, bestand doch kein Zweifel daran, wer dieses Treffen einberufen hatte und den Vorsitz führte.
Dies wurde jedoch nicht gut aufgenommen. Ein Moment schweigsamen Zögerns entstand, während die Adligen einen Weg zu ersinnen suchten, eine gleichermaßen sichere Position zu erlangen, und nicht wenige verzogen das Gesicht, als sie erkannten, daß es ihnen unmöglich war. Acht von ihnen setzten sich mit grimmigen Gesichtern hin, vier Männer und vier Frauen, wobei sie ein großes Aufhebens davon machten, verärgert ihre Umhänge zu richten oder ihre Röcke zu glätten. Jene von niedrigerem Rang blieben hinter den Stühlen stehen, und es bestand eindeutig nur noch wenig Zuneigung zwischen Andoranern und Murandianern. Auch stritten die Murandianer, Männer wie Frauen gleichermaßen, untereinander ebenso heftig um den Vorrang wie mit ihren ›Verbündeten‹ aus dem Norden. Den Aes Sedai wurden ebenfalls viele düstere Blicke zugedacht, und einige wenige sahen auch Bryne stirnrunzelnd an, der mit dem Helm unter dem Arm im Hintergrund stand. Er war auf beiden Seiten der Grenze wohlbekannt und selbst von den meisten jener geachtet, die ihn gern tot gesehen hätten. Zumindest war das der Fall gewesen, bevor er als Anführer des Heers der Aes Sedai auftauchte. Aber er ignorierte ihre stechenden Blicke ebenso, wie er die scharfen Zungen der Sitzenden ignoriert hatte.