Und noch ein Mann blieb für sich. Er wirkte farblos, in dunkler Jacke und Brustharnisch. Weniger als eine Handbreit größer als Egwene, trug er die Vorderseite seines Schädels rasiert und hatte einen langen roten Schal um den linken Arm gebunden. Auf seinen tiefgrauen Umhang war in Brusthöhe eine große rote Hand gestickt. Talmanes stand gegenüber von Bryne, lehnte mit anmaßender Lässigkeit an einem der Pfosten des Pavillons und beobachtete das Geschehen, ohne seine Gedanken erahnen zu lassen. Egwene wünschte, sie wüßte, was er hier zu suchen hatte. Sie wünschte, sie wüßte, was er gesagt hatte, bevor sie eingetroffen war. Sie mußte auf jeden Fall mit ihm sprechen. Wenn es möglich wäre, ohne daß hundert Ohren lauschten. Ein hagerer, wettergegerbter Mann in einem roten Umhang, der inmitten der Stuhlreihe saß, beugte sich vor und öffnete den Mund, aber Sheriam kam ihm mit klarer, weit tragender Stimme zuvor.
»Mutter, darf ich Euch aus Andor Arathelle Renshar vorstellen, Hochsitz des Hauses Renshar, sowie Pelivar Coelan, Hochsitz des Hauses Coelan, und Aemlyn Carand, Hochsitz des Hauses Carand mit ihrem Ehemann, Culhan Carand.« Die Genannten reagierten verärgert mit einem kurzen Nicken. Pelivar war der hagere Mann. Er wurde an der Stirn bereits kahl. Sheriam fuhr fort, ohne innezuhalten. Es war ein Glück, daß Bryne die Namen jener hatte liefern können, die zum Sprechen auserwählt worden waren. »Darf ich Euch weiterhin aus Murandy Donel do Morny a'Lordeine vorstellen, sowie Cian do Mehon a'Macansa, Paitr do Fearna a'Conn und Segan do Avharin a'Roos.« Die Murandianer schien das Fehlen von Titeln anscheinend noch mehr zu verärgern als die Andoraner. Donel, der mehr Spitze trug als die meisten Frauen, zwirbelte wütend seinen gedrehten Schnurrbart, und Paitr schien den seinen abreißen zu wollen. Segan schürzte die vollen Lippen, und ihre dunklen Augen blitzten, während Cian, eine stämmige, bereits ergrauende Frau, vernehmlich schnaubte. Sheriam beachtete es nicht. »Ihr befindet Euch unter den Augen der Hüterin der Siegel. Ihr befindet Euch vor der Flamme von Tar Valon. Ihr dürft dem Amyrlin-Sitz Eure Gesuche vorbringen.«
Nun, das gefiel ihnen nicht — nicht im geringsten. Egwene hatte schon zuvor gedacht, sie seien verärgert, aber jetzt wirkten sie, als hätten sie zu viele grüne Dattelpflaumen gegessen. Vielleicht hatten sie geglaubt, sie könnten ignorieren, daß sie die Amyrlin war. Sie würden dazulernen. Aber natürlich mußte sie zunächst den Saal belehren.
»Es bestehen uralte Bande zwischen Andor und der Weißen Burg«, sagte sie laut und fest. »Schwestern sind in Andor oder Murandy stets willkommen geheißen worden. Warum führt Ihr dann ein Heer gegen Aes Sedai heran? Ihr mischt Euch dort ein, wo Throne und Nationen es nicht wagen einzuschreiten. Es sind bereits Throne gefallen, die sich in die Angelegenheiten der Aes Sedai eingemischt haben.«
Es klang angemessen drohend, gleichgültig, ob Myrelle und die übrigen ihren Weg hatten vorbereiten können. Mit etwas Glück befanden sie sich bereits wieder auf dem Weg zum Lager, ohne daß jemand etwas davon erfahren hätte. Es sei denn, einer dieser Adligen hätte den falschen Namen genannt. Das würde sie einen Vorteil dem Saal gegenüber kosten, was aber, neben allem anderen betrachtet, nur ein Strohhalm neben einem Heuhaufen wäre.
Pelivar wechselte Blicke mit der Frau neben ihm, und sie stand auf. Die Falten in ihrem Gesicht konnten nicht verbergen, daß Arathelle in jugendlichem Alter eine wunderschöne Frau mit edlem Knochenbau gewesen war. Jetzt war ihr Haar stark von Grau durchzogen und ihr Blick so hart wie der jedes Behüters. Ihre rot behandschuhten Hände ergriffen die Säume ihres Umhangs zu beiden Seiten, aber eindeutig nicht vor Besorgtheit. Den Mund zu einer schmalen Linie zusammen gepreßt, betrachtete sie die Reihe der Sitzenden prüfend, bevor sie sprach — über Egwene hinweg, an die Sitzenden hinter ihr gewandt. Egwene biß die Zähne zusammen und setzte eine höfliche Miene auf.
»Genau aus diesem Grund sind wir hier — weil wir nicht in Angelegenheiten der Weißen Burg verstrickt werden wollen.« Arathelles Stimme vermittelte Autorität, was beim Hochsitz eines mächtigen Hauses nicht überraschte. Es war kein Hinweis auf die vielleicht selbst bei einem so mächtigen Hochsitz angesichts so vieler Schwestern, ganz zu schweigen vom Amyrlin-Sitz, zu erwartende Gehemmtheit zu erkennen. »Wenn alles stimmt was wir gehört haben, dann sollte die Euch erteilte Erlaubnis, Andor ungehindert zu durchqueren, der Weißen Burg bestenfalls als Unterstützung erscheinen. Fehlender Widerstand gegen Euch könnte bedeuten, gelernt zu haben, was die Traube in der Weinpresse lernt« Mehrere Murandianer wandten sich ihr stirnrunzelnd zu. Niemand in Murandy hatte versucht, den Durchzug der Schwestern zu verhindern. Höchstwahrscheinlich hatte niemand die Möglichkeiten über den Tag hinaus bedacht, an dem sie ein fremdes Land betraten.
Arathelle fuhr fort, als hätte sie nichts bemerkt, was Egwene aber bezweifelte. »Schlimmstenfalls... Wir haben ... Berichte gehört ... von Aes Sedai, die heimlich nach Andor hinein gelangen, und von Burgwachen. Gerüchte ist vielleicht eine bessere Bezeichnung, die aber von vielen Seiten kommen. Niemand von uns würde eine Schlacht zwischen Aes Sedai in Andor begrüßen.«
»Das Licht bewahre und beschütze uns!« platzte Donel mit hochrotem Gesicht heraus. Paitr nickte ermutigend, während er an den Rand seines Stuhls vorrückte, und Cian schien bereit, selbst einzugreifen. »Hier will dies auch niemand!« spie Donal aus. »Nicht zwischen Aes Sedai! Natürlich haben wir gehört, was im Osten geschehen ist! Und jene Schwestern...!«
Egwene atmete ein wenig leichter, als Arathelle ihn entschlossen unterbrach. »Bitte, Lord Donel. Ihr werdet noch an die Reihe kommen zu sprechen.« Sie wandte sich wieder Egwene zu — oder vielmehr erneut den Sitzenden —, ohne seine Antwort abzuwarten, so daß er und die drei anderen Murandianer noch mehr zürnten. Sie selbst gab sich unbeteiligt, wie eine Frau, die Tatsachen darlegte. Sie darlegte und glaubte, sie müßten so gesehen werden, wie sie selbst sie sah.
»Wie ich gerade sagte — das ist unsere schlimmste Befürchtung, wenn die Gerüchte stimmen. Und auch, wenn sie nicht stimmen. Vielleicht versammeln sich Aes Sedai und Burgwachen wirklich heimlich in Andor. Es stehen Aes Sedai bereit, mit einem Heer in Andor einzumarschieren. Die Weiße Burg schien schon ausreichend häufig auf ein Ziel ausgerichtet, während wir anderen erst später erfuhren, daß es in Wahrheit die ganze Zeit um ein anderes Ziel ging. Ich kann mir kaum vorstellen, daß selbst die Weiße Burg soweit gehen würde, aber wenn es jemals ein Ziel gab, das jedermann Magenschmerzen verursachen kann, dann ist es die Schwarze Burg.« Arathelle erschauderte leicht, und Egwene glaubte nicht, daß die Kälte die Ursache war. »Ein Kampf zwischen Aes Sedai könnte das Land auf Meilen im Umkreis vernichten. Diese Schlacht könnte halb Andor zerstören.«
Pelivar sprang auf. »Also liegt es auf der Hand, daß Ihr einen anderen Weg wählen müßt.« Seine Stimme klang überraschend hoch, aber nicht weniger fest als Arathelles. »Wenn ich sterben muß, um meine Heimat zu verteidigen, dann besser hier als dort, wo meine Ländereien und meine Leute ebenfalls vernichtet werden.«