Er sank auf eine besänftigende Geste von Arathelle hin wieder auf seinen Stuhl, aber sein harter Blick vermittelte nicht den Eindruck, daß er beruhigt war. Aemlyn, eine rundliche Frau in dunklem Tuch, hatte bei seinen Worten zustimmend genickt, dergleichen ihr Mann mit dem kantigen Gesicht.
Donel sah Pelivar an, als hätte er auch diesen Gedanken niemals gehegt, und er war nicht der einzige. Einige der stehenden Murandianer meldeten sich laut zu Wort, bis andere sie wieder zum Schweigen brachten. Teilweise dadurch, daß sie eine Faust schüttelten. Was konnte diese Leute bewogen haben, gemeinsam mit den Andoranern ein Heer aufzustellen?
Egwene atmete tief durch. Eine sich der Sonne öffnende Rosenknospe. Sie hatten sie nicht als Amyrlin-Sitz anerkannt — Arathelle hatte sie soweit ignoriert, wie es möglich war, ohne sie beiseite zu schieben! —, und doch hatten sie ihr alles andere gegeben, was sie sich nur hätte wünschen können. Ruhig. Jetzt würden Lelaine und Romanda erwarten, daß sie eine von ihnen benannte, um die Verhandlungen zu führen. Sie hoffte, daß sie sich nervös fragten, welche von ihnen es sein würde. Aber es würde keine Verhandlungen geben. Es konnte keine geben.
»Elaida«, sagte sie gleichmütig, während sie abwechselnd Arathelle und die sitzenden Adligen ansah, »ist eine unrechtmäßige Machthaberin, die das Herz der Burg geschändet hat. Ich bin der Amyrlin-Sitz.« Sie war überrascht, wie würdevoll sie klang, wie kühl. Aber nicht mehr so überrascht, wie sie früher noch gewesen wäre. Das Licht helfe ihr — sie war der Amyrlin-Sitz. »Wir ziehen nach Tar Valon, um Elaida abzusetzen und sie vor Gericht zu stellen, aber das ist die Angelegenheit der Weißen Burg und nicht die Eure, außer daß die Wahrheit bekannt werden muß. Diese sogenannte Schwarze Burg ist ebenfalls unsere Angelegenheit. Männer, welche die Macht lenken können, waren stets die Angelegenheit der Weißen Burg. Wir werden uns nach Gutdünken um sie kümmern, wenn die Zeit dafür reif ist, aber ich versichere Euch, diese Zeit ist noch nicht gekommen. Wichtigere Angelegenheiten haben Vorrang.«
Sie hörte Bewegung unter den Sitzenden hinter ihr. Tatsächlich das Rutschen auf Bänken und das knisternde Rascheln von Röcken, die gerichtet wurden. Zumindest einige mußten ernsthaft aufgebracht sein. Nun, mehrere hatten vorgeschlagen, daß man sich beiläufig um die Schwarze Burg kümmern könne. Nicht eine der Schwestern glaubte, es könnten sich dort mehr als höchstens ein Dutzend Männer befinden, gleichgültig, was sie gehört hatten. Es war einfach nicht denkbar, daß Hunderte von Männern die Macht lenken wollten. Andererseits war vielleicht auch die Erkenntnis der Grund für die Unruhe unter den Sitzenden, daß Egwene weder Romanda noch Lelaine als Sprecherin benannt hatte.
Arathelle runzelte die Stirn, ahnte vielleicht etwas. Pelivar regte sich, erhob sich beinahe erneut, und Donel richtete sich mürrisch auf. Sie konnte nur voranpreschen. Sie hatte niemals etwas anderes tun können.
»Ich verstehe Eure Besorgnis«, fuhr sie im gleichen formellen Tonfall fort, »und ich werde sie ansprechen.« Was hatte es mit diesem seltsamen Ruf zu den Waffen der Bande auf sich? Ja. Es war an der Zeit, die Würfel fallen zu lassen. »Ich versichere Euch als Amyrlin-Sitz folgender Tatsachen: Wir werden einen Monat hierbleiben, uns ausruhen und Murandy dann verlassen, aber wir werden die Grenze nach Andor nicht überschreiten. Murandy wird danach nicht mehr von uns behelligt werden, und Andor wird auf diese Weise überhaupt nicht behelligt werden. Ich bin sicher«, fügte sie hinzu, »daß die hier anwesenden murandianischen Lords und Ladys uns gern im Austausch gegen gutes Silber mit allem Nötigen versorgen werden. Wir werden angemessene Preise bezahlen.« Es hatte keinen Sinn, die Andoraner zu beschwichtigen, wenn das bedeutete, daß die Murandianer die Pferde stahlen und die Versorgungszüge überfielen.
Die Murandianer, die sich unbehaglich umsahen, schienen entschieden im Zwiespalt. Es gab Geld zu verdienen, und es war viel Geld nötig, ein solch großes Heer zu versorgen, aber wer konnte andererseits erfolgreich um das schachern, was ein solch großes Heer anbot? Donel schien tatsächlich Übelkeit zu verspüren, während Cian offenbar im Geiste auflistete. Lautes Murren erhob sich unter den Zuschauern.
Egwene hätte gern über die Schulter geblickt. Das Schweigen der Sitzenden war ohrenbetäubend. Siuan blickte starr geradeaus und umklammerte ihre Röcke, als zwinge sie sich durch Willenskraft zur Ruhe. Zumindest sie hatte gewußt, was käme. Sheriam, die nichts geahnt hatte, betrachtete die Andoraner und Murandianer erhaben, als hätte sie jedes Wort erwartet.
Egwene mußte sie das Mädchen vergessen lassen, das sie vor sich sahen, damit sie einer Frau zuhörten, welche die Zügel der Macht fest in der Hand hielt. Und wenn sie die Zügel jetzt noch nicht in der Hand hatte, würde es zumindest bald soweit sein! Sie verlieh ihrer Stimme noch mehr Festigkeit. »Merkt Euch meine Worte gut. Ich habe meine Entscheidung getroffen. Es ist an Euch, sie anzunehmen. Oder sich dem zu stellen, was aus Eurer Weigerung gewiß entstehen wird.« Als sie schwieg, heulte der Wind kurz auf, ließ den Pavillon knattern und zerrte an jedermanns Kleidung. Egwene richtete ruhig ihr Haar. Einige der zusehenden Adligen erschauderten leicht und zogen ihre Umhänge enger um sich, und sie hoffte, dies sei nicht nur durch die Kälte bedingt.
Arathelle wechselte Blicke mit Pelivar und Aemlyn, und alle drei betrachteten prüfend die Sitzenden, bevor sie zögernd nickten. Sie dachten, sie äußerte nur Worte, welche die Sitzenden ihr eingetrichtert hätten! Dennoch seufzte Egwene fast vor Erleichterung.
»Es wird so geschehen, wie Ihr befehlt«, sagte die Adlige mit dem harten Blick. Und dann erneut an die Sitzenden gewandt: »Wir zweifeln natürlich nicht an den Worten von Aes Sedai, aber Ihr werdet verstehen, wenn wir ebenfalls bleiben. Manchmal entspricht das, was man hört, nicht dem, was man zu hören glaubt. Gewiß ist das hier nicht der Fall, aber wir werden ebenso lange bleiben wie Ihr.« Donel machte tatsächlich ein Gesicht, als müsse er sich gleich übergeben. Seine Ländereien lagen wahrscheinlich ganz in der Nähe. Es war bekannt, daß andoranische Heere in Murandy selten für etwas bezahlt hatten.
Egwene erhob sich, und sie hörte das Rascheln der sich hinter ihr erhebenden Sitzenden. »Also ist es abgemacht. Wir müssen bald aufbrechen, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in unser Lager zurückkehren wollen, aber wir sollten uns trotzdem noch einige Augenblicke Zeit nehmen. Einander ein wenig besser kennenzulernen könnte vielleicht spätere Mißverständnisse verhindern.« Und Gespräche könnten ihr die Möglichkeit verschaffen, Talmanes zu erreichen. »Oh. Über noch eines solltet Ihr Kenntnis haben. Das Novizinnenbuch steht jetzt jeder Frau offen, gleichgültig, wie alt sie ist, wenn sie sich als geeignet erweist.« Arathelle blinzelte. Siuan nicht, und doch glaubte Egwene ein schwaches Brummen zu hören. Dies war nicht Teil dessen, was sie besprochen hatten, aber ein besser Zeitpunkt würde niemals kommen. »Nun erhebt Euch. Gewiß wollt Ihr alle gern mit den Sitzenden sprechen. Legt die Förmlichkeit ab.«
Sie stieg von ihrem Podest herab, ohne auf Sheriams helfende Hand zu warten. Sie hätte fast gelacht. Letzte Nacht hatte sie befürchtet, sie würde ihr Ziel vielleicht niemals erreichen, aber sie befand sich bereits auf halbem Wege dorthin, fast auf halbem Weg, und es war nicht annähernd so schwierig gewesen, wie sie erwartet hatte. Natürlich blieb die andere Hälfte noch zu bewältigen.
18
Ein seltsamer Ruf
Nachdem Egwene herabgestiegen war, regte sich einen Moment niemand sonst. Und dann eilten die Andoraner und Murandianer fast wie ein Mann zu den Sitzenden. Offenkundig war ein Mädchen als Amyrlin — eine weibliche Puppe und Galionsfigur! — für sie nicht von Interesse angesichts der alterslosen Gesichter, die zumindest besagten, daß sie tatsächlich mit Aes Sedai sprachen. Zwei oder drei Lords und Ladys drängten sich um jede Sitzende, einige reckten herausfordernd das Kinn, andere beugten schüchtern den Kopf, aber jeder beharrte darauf, angehört zu werden. Der scharfe Wind vertrieb ihren Nebelatem und ließ vor Aufregung vergessene Umhänge flattern. Auch Sheriam wurde von dem rotgesichtigen Lord Donel gelöchert, der abwechselnd aufbrauste und sich ruckartig verbeugte.