»Ich rede nicht davon, daß Ihr Euch verteidigen sollt, und das wißt Ihr«, sagte sie fest, »Euer Wort, Talmanes. Sonst werde ich Eure Übereinkunft mit Roedran nicht erlauben.« Die einzige Möglichkeit, sie aufzuhalten, bestand darin, sie zu verraten, aber sie würde keinen Krieg zurücklassen, einen Krieg, den sie begonnen hätte, indem sie Talmanes hierher gebracht hatte.
Er betrachtete sie, als sähe er sie zum ersten Mal, und beugte schließlich den Kopf. Seltsamerweise schien diese Geste formeller als seine vorherige Verbeugung. »Es wird nach Eurem Willen geschehen, Mutter. Sagt mir, seid Ihr sicher, daß Ihr nicht auch ein Ta'veren seid?«
»Ich bin der Amyrlin-Sitz«, erwiderte sie. »Das genügt jedermann.« Sie berührte erneut seinen Arm.
»Das Licht bescheine Euch, Talmanes.« Dieses Mal schloß sein Lächeln beinahe auch seine Augen mit ein.
Obwohl sie flüsterten, war ihr Gespräch unvermeidlich bemerkt worden. Vielleicht auch weil sie flüsterten. Das Mädchen, das die Amyrlin zu sein behauptete, eine Aufrührerin gegen die Weiße Burg, im Gespräch mit dem Anführer zehntausend Drachenverschworener. Hatte sie Talmanes' Plan mit Roedran erschwert oder erleichtert? War ein Krieg in Murandy jetzt weniger wahrscheinlich, oder hatte sie das Gegenteil bewirkt? Siuan und ihr verdammtes Gesetz der Unbeabsichtigten Konsequenzen! Fünfzig Blicke folgten ihr und wurden jäh wieder abgewendet, als sie durch die Menge schritt, sich die Hände an ihrem Becher wärmend. Nun, die meisten wandten sich jäh wieder ab. Die Gesichter der Sitzenden waren ganz alterslose, vorgebliche Gelassenheit, aber Lelaine hätte eine braunäugige Krähe sein können, die einen in seichtem Wasser zappelnden Fisch beobachtete, während Romandas nur unwesentlich dunklere Augen Löcher in Eisen hätten bohren können.
Egwene versuchte, die Sonne draußen im Blick zu behalten, während sie den Pavillon langsam im Halbkreis durchschritt. Die Adligen bedrängten die Sitzenden noch immer, zogen von einer zur anderen, als suchten sie bessere Antworten, und sie nahm allmählich kleine Dinge wahr. Donel blieb auf seinem Weg von Janya zu Moria stehen und verbeugte sich tief vor Aemlyn, die mit einem huldvollen Nicken reagierte. Cian, die sich von Takima abwandte, vollführte einen tiefen Hofknicks vor Pelivar, der mit einer leichten Verbeugung antwortete. Und da waren noch andere, wobei sich stets ein Murandianer vor einem Andoraner verbeugte, der ebenso formell reagierte. Die Andoraner gaben sich alle Mühe, Bryne bis auf das seltsame Stirnrunzeln zu ignorieren, aber unzählige Murandianer suchten ihn auf, einer nach dem anderen und in reichlicher Entfernung von allen übrigen, und nach ihrer Blickrichtung zu urteilen, sprachen sie eindeutig über Pelivar oder Arathelle oder Aemlyn. Vielleicht hatte Talmanes recht gehabt.
Auch vor ihr wurden Hofknickse und Verbeugungen vollführt, obwohl sie nicht so tief gerieten wie jene vor Arathelle und Pelivar und Aemlyn, geschweige denn jene vor den Sitzenden. Ein halbes Dutzend Frauen erzählten ihr, wie dankbar sie wären, daß die Angelegenheit friedlich beigelegt wurde, obwohl tatsächlich fast ebenso viele nichtssagende Äußerungen machten oder unbehaglich die Achseln zuckten, wenn sie die gleiche Empfindung ausdrückte, als seien sie sich nicht sicher, daß wirklich alles friedlich enden würde. Ihre entsprechenden Versicherungen wurden mit einem inbrünstigen »Das Licht gebe es!« oder einem ergebenen »Wenn das Licht es will!« erwidert. Vier nannten sie Mutter, eine ohne anfängliches Zögern, und drei weitere sagten, sie sei recht hübsch, sie habe wunderschöne Augen und eine anmutige Haltung — in dieser Reihenfolge. Es waren vielleicht passende Komplimente für Egwenes Alter, aber nicht für ihre Stellung.
Sie fand zumindest in einer Hinsicht ungetrübtes Vergnügen. Segan wurde nicht als einzige von ihrer Ankündigung bezüglich des Novizinnenbuchs verlockt. Das war eindeutig der Grund, warum die meisten Frauen zuerst mit ihr sprachen. Immerhin mochten sich die anderen Schwestern zwar gegen die Burg auflehnen, aber sie beanspruchte, der Amyrlin-Sitz zu sein. Sie mußten starkes Interesse haben, um ihre Zweifel zu überwinden, auch wenn niemand es zeigen wollte. Arathelle stellte ihre Fragen stirnrunzelnd, wodurch auch ihre Wangen von weiteren Falten überzogen wurden. Aemlyn schüttelte bei der Antwort ihren grauen Kopf. Auch die wuchtige Cian fragte nach, gefolgt von einer andoranischen Lady namens Negara mit scharfgeschnittenem Gesicht und dann von einer hübschen Murandianerin mit großen Augen namens Jennet sowie weiteren. Niemand wollte es für sich selbst wissen — mehrere wiesen sogleich darauf hin, besonders die jüngeren Frauen —, aber es dauerte nicht lange, bis jede einzelne Adlige nachgefragt hatte und mehrere Diener ebenfalls unter dem Vorwand, weiteren gewürzten Wein reichen zu wollen. Eine drahtige Frau namens Nildra kam aus dem Aes Sedai-Lager.
Egwene war recht zufrieden mit der Saat, die sie dort gesät hatte. Weniger zufrieden war sie mit den Männern. Vereinzelt sprachen sie mit ihr, aber erst, als sie ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden und anscheinend keine andere Wahl mehr hatten. Eine kaum verständliche Bemerkung über das Wetter, entweder das Ende der Dürre lobend oder die plötzlichen Schneefälle beklagend, eine gemurmelte Hoffnung, daß das Unwesen mit den Banditen bald beendet wäre, vielleicht mit einem bedeutungsvollen Blick zu Talmanes, und sie entglitten wieder. Ein Bär von einem Andoraner namens Macharan fiel bei dem Bestreben, ihr aus dem Weg zu gehen, über seine eigenen Stiefel. Es war in gewisser Weise kaum überraschend. Die Frauen hatten, wenn auch nur vor sich selbst, die Rechtfertigung des Novizinnenbuches, aber die Männer hatten nur den einen Gedanken, daß ein Gespräch mit ihr sie vielleicht über einen Kamm scheren würde.
Es war ziemlich entmutigend. Es kümmerte sie nicht, was die Männer über Novizinnen dachten, aber sie hätte zu gern gewußt, ob sie ebensosehr wie die Frauen befürchteten, daß dies letztendlich handgemein ende. Solche Befürchtungen konnten sich nur allzuleicht selbst erfüllen. Schließlich entschied sie, daß es nur eine Möglichkeit gab, das herauszufinden.
Pelivar wandte sich von einem Tablett um, von dem er sich einen Becher Wein genommen hatte, und sprang mit unterdrücktem Fluchen zurück, um nicht gegen sie zu stoßen. Hätte sie noch näher sein wollen, hätte sie auf seinen Stiefeln stehen müssen. Heißer Wein ergoß sich über Pelivars behandschuhte Hand und lief unter seinen Jackenärmel, woraufhin er einen weiteren Fluch nicht unterdrückte. Er war groß genug, um über ihr aufzuragen, und nutzte dies auch weidlich. Sein Stirnrunzeln kennzeichnete ihn als einen Mann, der eine lästige junge Frau barsch aus dem Weg scheuchen wollte. Oder einen Mann, der beinahe auf eine rote Natter getreten wäre. Sie hielt sich aufrecht und konzentrierte sich auf ein Bild von ihm als kleiner Junge, der nichts Gutes im Schilde führte. Das half stets. Die meisten Männer spürten es anscheinend. Er murmelte etwas — es hätte ebensogut eine höfliche Begrüßungsformel wie ein weiterer Fluch sein können —, neigte leicht den Kopf und versuchte dann, um sie herumzugehen. Sie trat ebenfalls beiseite, um vor ihm zu bleiben. Er trat zurück, und sie folgte ihm. Er begann, gehetzt zu wirken. Sie beschloß, ihn zu beruhigen, bevor sie die wichtige Frage vorantrieb. Sie wollte Antworten, keine Ausflüchte.
»Es muß Euch doch freuen zu hören, daß die Tochter-Erbin auf dem Weg nach Caemlyn ist, Lord Pelivar.« Sie hatte mehrere der Sitzenden dies erwähnen hören.
Sein Gesicht wurde ausdruckslos. »Elayne Trakand hat ein Anrecht auf den Löwenthron«, erwiderte er mit tonloser Stimme.
Egwenes Augen weiteten sich, und er trat, offensichtlich aus Unsicherheit, erneut zurück. Vielleicht glaubte er, sie sei verärgert, weil er sie nicht mit ihrem Titel angesprochen hatte, aber das hatte sie kaum beachtet. Felivar hatte Elaynes Mutter bei ihrem Anspruch auf den Thron unterstützt, und Elayne war sich sicher gewesen, daß er auch sie unterstützen würde.