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Sie sprach herzlich über Pelivar, wie über einen Lieblingsonkel.

»Mutter«, murmelte Siuan neben ihr, »wir müssen gehen, wenn wir das Lager noch vor Sonnenuntergang erreichen wollen.« Es gelang ihr, diese leisen Worte recht eindringlich klingen zu lassen. Die Sonne hatte ihren Zenit bereits überschritten.

»Bei diesem Wetter sollte man bei Einbruch der Nacht nicht im Freien sein«, sagte Pelivar hastig, »Wenn Ihr mich entschuldigen wollt — ich muß mich ebenfalls zum Aufbruch bereitmachen.« Er stellte seinen Becher auf das Tablett eines vorübereilenden Dieners, verbeugte sich dann zögernd und schritt mit der Haltung eines Mannes davon, der einer Falle entkommen war.

Egwene hätte vor Enttäuschung am liebsten mit den Zähnen geknirscht. Was hielt der Mann nun wirklich von ihrer Übereinkunft? Wenn man es so nennen konnte, so wie sie ihnen ihre Vorstellungen aufgezwungen hatte. Arathelle und Aemlyn besaßen mehr Macht und Einfluß als die meisten Männer, und doch ritten Pelivar und Culhan und ähnliche mit den Soldaten. Sie konnten sie noch immer heftig in Verlegenheit bringen.

»Sucht Sheriam«, grollte sie, »und sagt ihr, sie solle alle sofort aufsitzen lassen, egal, unter welchen Umständen!« Sie durfte den Sitzenden keine Nacht Zeit lassen, über das nachzudenken, was heute geschehen war, geschweige denn, eigene Pläne zu schmieden und gegen sie zu intrigieren. Sie mußten wieder im Lager sein, bevor die Sonne unterging.

19

Das Gesetz

Die Sitzenden auf ihre Pferde zu bekommen erwies sich als ein Kinderspiel. Sie waren ebenso erpicht fortzukommen wie Egwene, besonders Romanda und Lelaine, die beide so frostig wie der Wind und deren Augen wie Gewitterwolken waren. Die übrigen waren das Abbild kühler Gelassenheit der Aes Sedai, die diese Haltung wie einen schweren Geruch verströmten, und doch eilten sie so rasch zu ihren Pferden, daß die Adligen staunend zurückblieben. Die bunt gekleideten Diener beeilten sich, die Packpferde zu beladen, um so rasch wie möglich aufzuholen.

Egwene ließ Daishar im Schnee hart vorangehen, und Lord Bryne sorgte, ohne einen weiteren Blick oder ein Nicken von ihr dafür, daß die bewaffneten Eskorten ebenso rasch voranritten. Siuan auf Bela und Sheriam auf Wing schlossen sich ihr eilig an. Lange Strecken kämpften sie sich durch eine fesselhohe Schneedecke, wobei die Pferde die Hufe fast im Trab hoch anheben mußten, während die Flamme von Tar Valon im eisigen Wind wogte. Und selbst als es nötig wurde, langsamer voranzureiten, als die Pferde knietief durch die Schneekruste einsanken, ritten sie zügig voran.

Die Sitzenden hatten keine andere Wahl als mitzuhalten, und die Geschwindigkeit gab ihnen kaum eine Gelegenheit, unterwegs miteinander zu reden. In diesem erschöpfenden Tempo könnte ein Moment der Unaufmerksamkeit ein gebrochenes Bein für das Tier und ein gebrochenes Genick für den Reiter zur Folge haben. Dennoch gelang es sowohl Romanda als auch Lelaine, ihre erlesenen Kreise um sich zu versammeln, so daß diese beiden Gruppen von einem Schutz gegen Lauscher umgeben durch den Schnee stolperten. Die beiden ließen anscheinend Schimpftiraden vom Stapel. Egwene konnte sich denken, worum es ging. Was das betraf, so gelang es auch anderen Sitzenden, eine Weile zusammenzureiten, leise einige Worte zu wechseln und manchmal ihr und manchmal den von Saidar umgebenen Schwestern kühle Blicke zuzuwerfen. Nur Delana beteiligte sich nicht an diesen kurzen Unterhaltungen. Sie blieb dicht bei Halima, die zumindest nicht verhehlte, daß sie fror. Die Frau vom Lande hielt mit angespanntem Gesicht den Umhang eng um sich, aber sie versuchte noch immer, Delana zu trösten, indem sie ihr fast ständig etwas zuflüsterte. Delana schien Trost zu brauchen. Ihre Brauen waren gesenkt, so daß eine steile Falte ihre Stirn zerfurchte, die sie tatsächlich gealtert wirken ließ.

Sie war nicht die einzige, die sich sorgte. Die anderen verbargen das Gefühl hinter Starrheit, strahlten vollkommene Sicherheit aus, aber die Behüter verhielten sich, als erwarteten sie beim nächsten Schritt das Schlimmste. Unaufhörlich ließen sie die Blicke unbehaglich schweifen, die Umhänge im Wind flatternd, damit sie die Hände frei behielten. Wenn sich eine Aes Sedai sorgte, dann sorgte sich auch ihr Behüter, und die Sitzenden waren zu sehr von ihren eigenen Gedanken in Anspruch genommen, um daran zu denken, die Männer zu beruhigen. Egwene war einfach froh, das zu sehen. Wenn die Sitzenden sich sorgten, hatten sie noch keine Entscheidung getroffen.

Als Bryan vorausritt, um mit Uno zu sprechen, ergriff sie die Gelegenheit, zu erfragen, was die beiden Frauen über die Aes Sedai und die Burgwachen in Andor erfahren hatten.

»Nicht viel«, erwiderte Siuan mit angespannter Stimme. Die struppige Bela schien mit der Gangart keine Schwierigkeiten zu haben, aber Siuan sehr wohl, die mit einer Hand die Zügel und mit der anderen den Sattelknauf umklammerte. »Soweit ich herausfinden konnte, gibt es fünfzig Gerüchte und keine Tatsachen. Wahrscheinlich ist es ein Märchen, aber es könnte vielleicht dennoch wahr sein.« Bela strauchelte, ihre Vorderhufe sanken tief ein, und Siuan keuchte. »Das Licht verdamme alle Pferde!«

Sheriam hatte auch nicht mehr erfahren. Sie schüttelte den Kopf und seufzte verärgert. »Es klingt für mich alles nach Unsinn, Mutter. Es gibt immer Gerüchte über umherschleichende Schwestern. Habt Ihr niemals reiten gelernt, Siuan?« fügte sie plötzlich verächtlich hinzu. »Heute abend werdet Ihr zu wundgeritten sein, um noch laufen zu können!« Sheriams Nerven mußten bloßliegen, daß sie so offen redete.

Siuans Blick verhärtete sich, und sie öffnete halbwegs höhnend den Mund, gleichgültig, wer sie hinter dem Banner hervor beobachten mochte.

»Seid still, alle beide!« fauchte Egwene. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie war auch selbst ein wenig angegriffen. Was auch immer Arathelle glaubte — jegliche von Elaida zu ihrer Behinderung gesandten Streitkräfte wären zu zahlreich, um sich heimlich anzuschleichen. Also blieb noch die Schwarze Burg, schon in der Entstehung ein Unglück. Man sollte sich besser um Naheliegendes kümmern, als zu weit vorauszudenken. Besonders, wenn das Vorausliegende in einem anderen Land geschah und vielleicht gar nicht existierte.

Sie versagte sich dennoch die Worte, indem sie Sheriam Anweisungen für den Zeitpunkt gab, wenn sie das Lager erreichten. Sie war der Amyrlin-Sitz, und das bedeutete, daß sie für alle Aes Sedai die Verantwortung trug, selbst für jene, die Elaida folgten. Ihre Stimme klang jedoch felsenfest. Es war zu spät, Angst zu haben, wenn man den Wolf erst bei den Ohren gepackt hatte.

Sheriams schrägstehende Augen weiteten sich, als sie die Anweisungen hörte. »Mutter, darf ich fragen, warum...?« Sie brach unter Egwenes ruhigem Blick ab und schluckte. »Wie Ihr befehlt, Mutter«, sagte sie zögernd. »Seltsam. Ich erinnere mich noch an den Tag, als Ihr und Nynaeve zur Burg kamt, zwei Mädchen, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie aufgeregt oder ängstlich sein sollten. Seitdem hat sich so vieles geändert.«

»Nichts währt ewig«, belehrte Egwene sie. Sie warf Siuan einen bedeutungsvollen Blick zu, die sich aber weigerte, es zu bemerken. Sie schien verdrießlich. Sheriam hingegen wirkte leidend.

Dann kehrte Lord Bryne zu ihnen zurück, und er mußte die Stimmung unter ihnen spüren. Abgesehen davon, daß er sagte, sie lägen gut in der Zeit, schwieg er. Ein kluger Mann.

Ob sie gut in der Zeit lagen oder nicht — die Sonne war bereits fast hinter die Baumwipfel gesunken, als sie schließlich durch das sich ausbreitende Lager des Heers ritten. Wagen und Zelte warfen lange Schatten über den Schnee, und eine Anzahl Männer arbeitete hart, weitere Unterstände aus Gestrüpp zu errichten. Es waren nicht annähernd genug Zelte vorhanden, selbst nicht für alle Soldaten, und das Lager beherbergte noch einmal fast ebenso viele Sattler und Wäscherinnen und alle jene, die jeglichem Heer unvermeidlich folgten. Das Klingen der Ambosse zeugte von noch immer tätigen Huf- und Waffenschmieden. Herdfeuer brannten überall, und die Kavallerie zerstreute sich, nach Wärme und heißem Essen verlangend, sobald ihre erschöpft dahintrottenden Tiere versorgt waren. Überraschenderweise ritt Bryne weiterhin an Egwenes Seite, nachdem sie ihn entlassen hatte.