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»Wenn Ihr erlaubt, Mutter«, sagte er, »möchte ich Euch noch eine Weile begleiten.« Sheriam wandte sich tatsächlich im Sattel um und sah erstaunt zurück. Siuan blickte ebenfalls erstaunt strikt geradeaus, als wage sie nicht, ihn ihre plötzlich geweiteten Augen sehen zu lassen.

Was glaubte er, was er tun konnte? Als ihr Leibwächter fungieren? Gegen Schwestern? Dieser Bursche mit der tropfenden Nase würde genügen. Einfach offenbaren, wie vollständig er auf ihrer Seite stand? Morgen war dafür noch genug Zeit, wenn heute abend alles gut verlief. Diese Offenbarung könnte den Saal jetzt leicht in Richtungen vorpreschen lassen, die sie kaum zu erwägen wagte.

»Der heutige Abend ist Aes Sedai-Angelegenheiten vorbehalten«, belehrte sie ihn entschlossen. Aber er hatte, so töricht die Vorstellung auch war, angeboten, sein Leben für sie zu riskieren. Die Gründe dafür lagen im dunkeln — wer konnte schon sagen, warum ein Mann irgend etwas tat? —, und doch schuldete sie ihm dafür etwas. Unter anderem dafür. »Wenn ich Siuan heute abend nicht zu Euch schicke, Lord Bryne, solltet Ihr vor dem Morgen aufbrechen. Falls die Ereignisse des heutigen Tages mir zur Last gelegt werden, könnte sich das auch auf Euch auswirken. Es könnte sich als gefährlich erweisen zu bleiben. Sogar als tödlich. Ich glaube nicht, daß sie eine besondere Entschuldigung brauchten.« Es war nicht nötig, ›sie‹ genauer zu benennen.

»Ich habe mein Wort gegeben«, erwiderte er ruhig. »Bis nach Tar Valon.« Er hielt inne und schaute zu Siuan, weniger zögernd als nachdenklich. »Was auch immer heute abend besprochen werden soll«, sagte er schließlich, »Ihr solltet dabei daran denken, daß dreißigtausend Mann und Gareth Bryne hinter Euch stehen. Das dürfte einiges Gewicht haben, selbst unter Aes Sedai. Bis morgen, Mutter.« Er wendete seinen Kastanienbraunen und rief noch über die Schulter: »Ich erwarte, Euch morgen auch zu sehen, Siuan. Daran wird sich nichts ändern.« Siuan starrte ihm nach, als er sich entfernte. Ihr Blick wirkte gequält.

Egwene konnte nicht anders, als ihm ebenfalls nachzublicken. Er war noch niemals zuvor so offen gewesen, nicht annähernd. Warum ausgerechnet jetzt?

Als sie den vierzig oder fünfzig Schritt breiten Streifen überquerten, der das Lager des Heers von dem der Aes Sedai trennte, nickte Egwene Sheriam zu, die ihr Pferd bei den ersten Zelten verhielt. Egwene und Siuan ritten weiter. Hinter ihnen erklang Sheriams Stimme erstaunlich klar und fest. »Der Amyrlin-Sitz beruft den Saal heute zu einer formellen Sitzung. Trefft rasch alle Vorbereitungen.« Egwene schaute nicht zurück.

Bei ihrem Zelt eilte eine hagere Pferdemagd mit wehenden Röcken herbei, um Daishar und Bela zu übernehmen. Ihr Gesicht wirkte angespannt, und sie neigte kaum den Kopf, bevor sie mit den Pferden so rasch wieder davoneilte, wie sie gekommen war. Die Wärme der glühenden Kohlepfannen im Zelt war wie eine sich schließende Faust. Egwene hatte bis dahin nicht bemerkt, wie kalt es draußen war. Oder wie sehr sie fror.

Chesa nahm ihr den Umhang ab, doch als sie ihre Hände spürte, rief sie aus: »Ihr seid ja bis auf die Knochen durchgefroren, Mutter!« Sie plapperte weiter, während sie sich damit beschäftigte, Egwenes und Siuans Umhänge zusammenzufalten, die ordentlich zurückgeschlagenen Decken auf Egwenes Feldbett glattzustreichen und ein auf einer der Kisten abgestelltes Tablett zu überprüfen. »Ich würde mich sofort ins Bett legen und heiße Ziegelsteine um mich schichten, wenn ich so durchgefroren wäre. Zumindest, sobald ich etwas gegessen hätte. Man kann sich nur äußerlich erwärmen, wenn man auch innerlich erwärmt ist. Ich werde ein paar zusätzliche Ziegelsteine für Eure Füße besorgen, während Ihr eßt. Und natürlich auch für Siuan Sedai. Oh, wenn ich so hungrig wäre wie Ihr, würde ich bestimmt mein Essen hinunterschlingen wollen, aber dann bekomme ich stets Magenschmerzen.« Sie hielt bei dem Tablett inne, betrachtete Egwene und nickte zufrieden, als diese sagte, sie würde nicht zu hastig essen.

Es war nicht leicht, ernsthaft zu antworten. Chesa war stets erfrischend, aber nach den Strapazen des heutigen Tages mußte Egwene fast vor Vergnügen lachen. Chesa war unkompliziert. Auf dem Tablett befanden sich zwei weiße Schalen mit Linseneintopf sowie ein hoher Krug mit gewürztem Wein, zwei Silberbecher und zwei große Brötchen. Irgendwie hatte die Frau gewußt, daß Siuan mit ihr essen würde. Die Schalen und der Krug dampften. Wie oft hatte Chesa dieses Tablett auswechseln müssen, um zu gewährleisten, daß Egwene sofort nach ihrer Rückkehr eine heiße Mahlzeit vorfand? Einfach und unkompliziert. Und so fürsorglich wie eine Mutter. Oder wie eine Freundin.

»Ich muß noch aufs Bett verzichten, Chesa. Heute abend habe ich noch zu arbeiten. Würdet Ihr uns allein lassen?«

Siuan schüttelte den Kopf, als sich der Zelteingang hinter der rundlichen Frau schloß. »Seid Ihr sicher, daß sie nicht schon seit Eurer Säuglingszeit in Euren Diensten steht?« murmelte sie.

Egwene nahm eine der Schalen, einen Löffel und ein Brötchen und machte es sich seufzend auf einem Stuhl bequem. Sie umarmte die Quelle und schützte das Zelt gegen Lauscher. Leider ließ Saidar sie ihrer halb erfrorenen Hände und Füße noch bewußter werden, und auch die übrigen Körperteile waren nicht wesentlich wärmer. Die Schale war fast zu heiß, um sie zu halten, und das Brötchen ebenfalls. Oh, wie gern sie diese Ziegelsteine angenommen hätte.

»Können wir noch irgend etwas tun?« fragte sie und nahm einen Löffel Eintopf. Sie war ausgehungert, was nicht verwunderlich war, da sie seit dem im Morgengrauen eingenommenen Frühstück nichts mehr gegessen hatte. Die Linsen und holzigen Karotten schmeckten wie das köstlichste Mahl, das ihre Mutter je zubereitet hatte. »Mir fällt nichts mehr ein, aber Euch vielleicht?«

»Was getan werden kann, wurde bereits getan. Es gibt nichts sonst, außer, daß der Schöpfer selbst eingreift.« Siuan nahm die andere Schale und ließ sich auf einen niedrigen Stuhl sinken, aber dann saß sie nur da, starrte in ihren Eintopf und rührte mit dem Löffel darin. »Ihr würdet es ihm doch nicht wirklich sagen, oder?« fragte sie schließlich. »Ich könnte es nicht ertragen, wenn er es wüßte.«

»Warum, um alles in der Welt, nicht?«

»Er würde es ausnutzen«, sagte Siuan düster. »Oh, nicht das. Das glaube ich nicht.« Sie war in mancherlei Hinsicht sehr prüde. »Aber der Mann würde mir das Leben zur Hölle machen!« Und seine Kniehosen zu waschen und jeden Tag seine Stiefel und seinen Sattel zu polieren, war das nicht die Hölle?

Egwene seufzte. Wie konnte eine solch vernünftige, intelligente, fähige Frau bei diesem Thema zu einem solchen Wirrkopf werden? Ein Bild stieg in ihr auf wie eine zischende Natter. Ein Bild von ihr selbst, wie sie auf Gawyns Knien saß und sie sich küßten. In einer Schenke! Sie verdrängte es energisch. »Siuan, ich brauche Eure Erfahrung. Ich brauche Euren Verstand. Ich kann es mir nicht leisten, daß Ihr wegen Lord Bryne nur halbwegs bei der Sache seid. Wenn Ihr Euch nicht zusammenreißen könnt, werde ich ihm bezahlen, was Ihr ihm schuldet, und Euch verbieten, ihn wiederzusehen. Das werde ich tun.«

»Ich habe gesagt, daß ich die Schuld abarbeiten werde«, entgegnete Siuan starrköpfig. »Ich besitze ebensoviel Ehre wie der verdammte Lord Gareth Bryne! Ebensoviel und mehr. Er hält sein Wort, und ich halte meines! Außerdem hat Min mir erzählt, daß ich in seiner Nähe bleiben muß, weil wir sonst beide sterben. Oder etwas Ähnliches.« Die leichte Röte ihrer Wangen verriet sie jedoch. Ungeachtet ihrer Ehre und Mins Vision würde sie bereitwillig alles auf sich nehmen, um dem Mann nahe zu sein!