»Na, fabelhaft. Ihr seid vernarrt, und wenn ich Euch befehle, ihm fernzubleiben, werdet ihr den Befehl entweder mißachten oder Trübsal blasen und Euren restlichen Verstand verlieren. Was habt Ihr mit ihm vor?«
Siuan runzelte ungehalten die Stirn und gab grollend einige Erklärungen ab, was sie gern mit dem verdammten Gareth Bryne tun würde. Nichts davon hätte ihm gefallen. Einiges hätte er vielleicht nicht überlebt.
»Siuan«, warnte Egwene, »Ihr leugnet erneut das Offensichtliche, und ich werde es ihm erzählen und ihm das Geld geben.«
Siuan schmollte störrisch. Sie schmollte! Störrisch! Siuan! »Ich habe keine Zeit, mich zu verlieben. Ich habe kaum Zeit zum Nachdenken, während ich für Euch und ihn arbeite. Und selbst wenn heute abend alles gelingt, werde ich noch doppelt soviel zu tun haben. Außerdem...« Ihre Miene veränderte sich, und sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. »Was ist, wenn er ... meine Gefühle nicht erwidert?« murrte sie. »Er hat niemals auch nur versucht, mich zu küssen. Ihn kümmert nur, ob seine Hemden sauber sind.«
Egwene wollte mit dem Löffel die letzten Reste in ihrer Schale zusammenkratzen und war überrascht, als er leer blieb. Auch von dem Brötchen waren nur wenige Krümel auf ihrem Gewand geblieben. Licht, ihr Magen fühlte sich noch immer leer an. Sie beäugte hoffnungsvoll Siuans Schale. Die Frau schien wenig Interesse an etwas anderem als daran zu haben, Kreise in ihre Linsen zu zeichnen.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Warum hatte Lord Bryne darauf bestanden, daß Siuan ihre Schuld abarbeitete, nachdem er erfahren hatte, wer sie war? Nur weil sie gesagt hatte, daß sie es tun würde? Es war eine widersinnige Vereinbarung, die es ihr jedoch ermöglichte, in seiner Nähe zu bleiben, wie nichts anderes es bewirkt hätte. Sie hatte sich ebenfalls schon oft gefragt, warum Bryne zugestimmt hatte, das Heer aufzustellen. Er mußte gewußt haben, daß dadurch die Möglichkeit bestand, daß er mit dem Kopf auf dem Hackklotz enden könnte. Und warum hatte er ihr dieses Heer angeboten, einer jungen Amyrlin ohne wahre Autorität und ohne Freundin unter den Schwestern außer Siuan, soweit er wußte? Konnte die Antwort auf alle diese Fragen einfach sein, daß ... er Siuan liebte? Nein. Die meisten Männer waren leichtfertig und unbeständig, aber das war wirklich widersinnig! Dennoch äußerte sie diese Vermutung, wenn auch nur, um Siuan zu belustigen. Vielleicht munterte es sie ein wenig auf.
Siuan schnaubte ungläubig. Es wirkte bei diesem hübschen Gesicht seltsam, aber niemand konnte so ausdrucksvoll schnauben wie sie. »Er ist keineswegs ein Dummkopf«, sagte sie trocken. »Tatsächlich trägt er einen klugen Kopf auf seinen Schultern. Er denkt meistens wie eine Frau.«
»Ich habe Euch noch immer nicht sagen hören, daß Ihr wieder zur Vernunft kommen wollt, Siuan«, beharrte Egwene. »Ihr müßt es auf die eine oder andere Weise tun.«
»Nun, natürlich werde ich das. Ich weiß nicht, was mit mir los war. Es ist nicht so, als hätte ich noch niemals zuvor einen Mann geküßt.« Plötzlich verengte sie ihre Augen, als erwarte sie, daß Egwene das bezweifelte. »Ich habe nicht mein ganzes Leben in der Burg verbracht. Es ist lächerlich! Über Männer zu plaudern, ausgerechnet heute abend!« Sie spähte in ihre Schale und schien zum erstenmal zu bemerken, daß sie Essen enthielt. Sie nahm einen Löffelvoll und deutete dann auf Egwene. »Ihr müßt jetzt mehr denn je auf Eure Zeiteinteilung achten. Wenn Romanda oder Lelaine das Ruder ergreifen, werdet Ihr niemals wieder selbst darüber entscheiden.«
Ob lächerlich oder nicht — etwas hatte Siuans Appetit mit Sicherheit wiederhergestellt. Sie aß ihren Eintopf schneller auf als Egwene ihren, und kein Krümel des Brötchens entging ihr. Egwene merkte, daß sie ihre leere Schale sogar noch mit den Fingern ausgewischt hatte. Natürlich konnte sie nur noch die letzten Reste Linsen davon ablecken.
Es war eigentlich nicht mehr nötig, die Geschehnisse des heutigen Abends noch einmal zu besprechen. Sie hatten so viele Male ersonnen und wiederholt verbessert, was Egwene wann sagen sollte, daß sie überrascht war, daß sie nicht davon geträumt hatte. Sie hätte ihren Teil gewiß im Schlaf beherrscht. Siuan beharrte dennoch darauf und näherte sich sehr weit dem Punkt, an dem Egwene sie würde zurechtweisen müssen, weil sie alles immer und immer wieder durchging und erneut Möglichkeiten aufbrachte, die sie schon hundertmal zuvor besprochen hatten. Seltsamerweise war Siuan jetzt sehr guter Stimmung. Sie versuchte sich sogar in ein wenig Humor, was für sie in letzter Zeit ungewöhnlich geworden war, obwohl einiges davon Galgenhumor war.
»Ihr wißt, daß Romanda einst selbst die Amyrlin werden wollte«, sagte sie. »Ich habe gehört, daß statt dessen Tamra Stola und Stab erhielt und sie sich deshalb in den Ruhestand zurückzog. Ich würde alles darauf verwetten, daß ihre Augen doppelt so stark hervortreten wie Lelaines.«
Und später sagte sie: »Ich wünschte, ich könnte dort sein, um sie wehklagen zu hören. Jemand wird es bald tun müssen, und es wäre mir lieber, wenn es sie wären anstatt wir. Ich konnte noch nie gut singen.« Sie sang tatsächlich ein Bruchstück eines Liedes über jemanden, der über den Fluß einen Jungen erblickte, aber kein Boot besaß. Sie hatte recht — ihre Stimme war bestenfalls als nett zu bezeichnen, aber sie konnte keine Melodie halten.
Und noch später: »Es ist gut, daß ich jetzt solch ein unverbrauchtes Gesicht habe. Wenn dies böse endet, werden sie uns beide wie Puppen anziehen und uns auf ein Regal setzen, um uns zu bewundern. Natürlich könnten wir statt dessen auch ›Unfälle‹ erleiden. Puppen zerbrechen. Gareth Bryne wird sich jemand anderen suchen müssen, den er bevormunden kann.« Sie lachte wahrhaftig darüber.
Egwene empfand große Erleichterung, als sich der Zelteingang kurzzeitig nach innen wölbte und jemanden ankündigte, der genug wußte, um dort nicht einzutreten, wo ein Schutz bestand. Sie wollte wirklich nicht hören, wohin Siuans Humor noch führen würde!
Sobald Egwene den Schutz losließ, trat Sheriam ein, begleitet von einem Luftzug, der zehnmal kälter schien als zuvor. »Es ist an der Zeit, Mutter. Alles ist bereit.« Ihre schrägstehenden Augen waren geweitet, und sie leckte sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
Siuan erhob sich und nahm ihren Umhang von Egwenes Feldbett, hielt dann aber in ihrer Bewegung, ihn sich um die Schultern zu legen, inne. »Ich habe die Drachenfinger bereits im Dunkeln umsegelt«, sagte sie ernst. »Es ist möglich.«
Sheriam runzelte die Stirn, als Siuan hinauseilte und weitere Kälte hereinließ. »Manchmal denke ich...«, begann sie, aber was immer sie manchmal dachte, teilte sie Egwene nicht mit. »Warum tut Ihr das, Mutter?« fragte sie statt dessen. »Euer Verhalten heute am See und jetzt die Einberufung des Saals. Und warum habt Ihr uns den ganzen gestrigen Tag damit verbringen lassen, mit jedermann, der uns begegnete, Gespräche über Logain zu führen? Ich bin der Ansicht, daß Ihr es mir erklären solltet. Ich bin Eure Behüterin der Chroniken. Ich habe Treue geschworen.«
»Ich werde Euch sagen, was Ihr wissen müßt«, erwiderte Egwene und warf sich den Umhang um die Schultern. Es war nicht nötig zu sagen, daß sie einem erzwungenen Schwur, selbst dem einer Schwester, keineswegs traute. Und Sheriam könnte einen Grund finden, trotz des Schwurs dem Falschen etwas zu verraten. Aes Sedai waren immerhin dafür bekannt, sich bei ihren Worten Hintertürchen offenzulassen. Sie glaubte nicht wirklich, daß das geschehen würde, aber sie durfte, genau wie bei Lord Bryne, nicht einmal kleine Risiken eingehen, es sei denn, sie war dazu gezwungen.