»Ich muß Euch sagen«, sagte Sheriam verbittert, »daß morgen entweder Romanda oder Lelaine wohl Eure Behüterin der Chroniken sein wird und ich Buße tun werde, weil ich den Saal nicht gewarnt habe.«
Egwene nickte. Das ist nur allzugut möglich. »Wollen wir gehen?«
Die Sonne stand als rote Scheibe über den Baumwipfeln im Westen, und ein unheimliches Licht spiegelte sich auf dem Schnee. Diener verbeugten sich schweigend oder vollführten still Hofknickse, als Egwene vorüberging. Ihre Mienen waren besorgt oder ausdruckslos. Diener konnten die Stimmungen ihrer Dienstherren fast ebenso schnell erkennen wie Behüter.
Zunächst war nicht eine Schwester zu sehen, doch dann waren alle da, eine große Versammlung rund um einen auf der einzigen ausreichend großen freien Flache des Lagers errichteten Pavillon, die von den Schwestern genutzt wurde, um zu den Taubenschlägen in Salidar zu gleiten und mit den Berichten der Augen-und-Ohren zurückzureisen. Das große, häufig geflickte schwere Segeltuch war nicht leicht zu errichten gewesen. Der Saal war in den vergangenen zwei Monaten sehr häufig ähnlich wie am gestrigen Morgen zusammengetroffen oder hatte sich in eines der größeren Zelte gedrängt. Der Pavillon war erst zweimal errichtet worden, seit sie Salidar verlassen hatten. Beide Male für eine Gerichtsverhandlung.
Als die Schwestern Egwene und Sheriam herannahen sahen, flüsterten jene im Hintergrund mit den vorderen, und es bildete sich eine Gasse, um sie hindurchzulassen. Ausdruckslose Augen beobachteten die beiden, ohne einen Hinweis darauf zu geben, ob die Schwestern wußten oder auch nur erahnten, was geschehen würde. Ohne einen Hinweis darauf, was sie dachten. Schmetterlinge flatterten in Egwenes Bauch. Eine Rosenknospe. Ruhig.
Sie betrat die ausgelegten Teppiche mit bunten Blumen und einem Dutzend weiteren Mustern und schritt zwischen dem Kreis der aufgestellten Kohlepfannen hindurch. Sheriam ergriff das Wort. »Sie kommt. Sie kommt...« Es war kaum verwunderlich, wenn sie etwas weniger eindrucksvoll klang als gewöhnlich, ein wenig nervös.
Die polierten Bänke und die mit Tüchern abgedeckten Podeste vom See waren erneut aufgestellt. Sie bildeten einen weitaus formelleren Anblick als das nicht zueinander passende Gewirr von Stühlen, das bisher verwendet worden war. Grüne, Graue und Gelbe auf einer Seite, Weiße, Braune und Blaue auf der anderen.
Am entgegengesetzten Ende, am weitesten von Egwene entfernt, stand das gestreifte Podest und die Bank für den Amyrlin-Sitz. Wenn sie dort säße, wäre sie Mittelpunkt aller und sich sehr wohl der Tatsache bewußt, daß sie allein achtzehn Schwestern gegenüberstand. Es war gut, daß sie ihre Kleidung noch nicht gewechselt hatte. Alle Sitzenden trugen noch immer ihren Prunk vom See, nur zusätzlich ihre Stola. Eine Rosenknospe. Ruhig.
Einer der Plätze war unbesetzt, wenn auch nur noch kurze Zeit. Delana lief in dem Moment herbei, als Sheriam ihre Litanei beendet hatte. Die Graue Schwester wirkte atemlos und aufgeregt und nahm unbeholfen ihren Platz zwischen Varilin und Kwamesa ein. Sie lächelte kläglich und spielte nervös mit den Feuertropfen um ihren Hals. Jedermann hätte denken können, sie solle verurteilt werden. Ruhig. Niemand wurde verurteilt. Noch nicht.
Egwene schritt langsam über die Teppiche, zwischen den beiden Reihen entlang, gefolgt von Sheriam, und Kwamesa erhob sich. Das Licht Saidars schimmerte plötzlich um die dunkle schlanke Frau auf, die jüngste der Sitzenden. Heute abend würden die Formalitäten nicht vernachlässigt werden. »Was vor den Saal der Burg gebracht wird, geht allein den Saal etwas an«, verkündete Kwamesa. »Wer auch immer ungebeten eindringt, ob Frau oder Mann, ob Eingeweihter oder Außenseiter, ob sie in Frieden oder zornigen Sinnes kommen, ich werde jeden dem Gesetz gemäß verpflichten, sich dem Gesetz zu stellen. Wisset, daß meine Worte wahr sind. Es wird und soll geschehen.«
Diese Formel war älter als der Eid gegen das Sprechen der Unwahrheit, aus einer Zeit stammend, als fast ebenso viele Amyrlins durch Meuchelmord starben wie durch alle anderen Ursachen zusammengenommen. Egwene schritt weiterhin angemessen voran. Es kostete sie Mühe, ihre Stola nicht zu berühren — zur Erinnerung. Sie versuchte, sich auf die Bank vor ihr zu konzentrieren.
Kwamesa nahm ihren Platz wieder ein, noch immer vor Macht schimmernd. Dann erhob sich von den Weißen Aledrin, die ebenfalls von Saidar umgeben war. Sie war mit ihrem dunkelblonden Haar und den großen braunen Augen eigentlich recht hübsch, besonders wenn sie lächelte, aber heute abend hatte jeder Stein mehr Ausstrahlung als sie. »Es gibt jene in Hörweite, die nicht dem Saal angehören«, sagte sie mit kühler, stark vom tarabonischen Akzent gefärbter Stimme. »Was im Saal der Burg besprochen wird, ist nur für den Saal bestimmt, bis der Saal anders entscheidet. Ich werde uns abschirmen. Ich werde unsere Worte nur für uns hörbar versiegeln.« Sie wob einen Schutz, der den ganzen Pavillon einschloß, und setzte sich wieder hin. Bewegung entstand unter den draußen befindlichen Schwestern, die den Saal jetzt vollkommen still erleben mußten.
Seltsam, daß unter Sitzenden so vieles vom Alter abhing, wenn die Unterscheidung durch das Alter unter den übrigen Aes Sedai doch einem Fluch gleichkam. Konnte Siuan im jeweiligen Alter der Sitzenden ein Muster erkannt haben? Nein. Konzentriere dich. Ruhig und konzentriert.
Egwene umfaßte fest ihren Umhang, stieg auf das bunt gestreifte Podest und wandte sich um. Lelaine war bereits aufgestanden, die mit blauen Fransen versehene Stola über den Arm gelegt, und Romanda erhob sich gerade, ohne auch nur darauf zu warten, daß Egwene sich hinsetzte. »Ich möchte dem Saal eine Frage stellen«, verkündete sie mit lauter, fester Stimme. »Wer ist bereit, der unrechtmäßigen Machthaberin Elaida do Avriny a'Roihan den Krieg zu erklären?«
Und dann setzte sie sich hin, warf ihren Umhang zurück und ließ ihn auf die Bank gleiten. Sheriam, die neben ihr auf dem Teppich stand, schien kühl und gefaßt, stieß aber einen leisen Laut aus, fast ein Wimmern. Egwene glaubte nicht, daß sonst noch jemand es gehört hatte. Sie hoffte es nicht.
Es folgte ein kurzer Moment allgemeinen Entsetzens. Frauen erstarrten auf ihren Sitzen und sahen sie erstaunt an. Vielleicht ebenso sehr, weil sie diese Frage gestellt hatte, wie auch wegen der Frage selbst.
Niemand stellte dem Saal eine Frage, bevor er den Sitzenden das Wort erteilt hatte. Das tat man einfach nicht, ebenso sehr aus praktischen Gründen wie aus Tradition.
Schließlich ergriff Lelaine das Wort. »Wir erklären keinen Einzelpersonen den Krieg«, sagte sie trocken. »Nicht einmal Verrätern wie Elaida. Ich beantrage jedenfalls, Eure Frage zurückzustellen, während wir uns mit Dringlicherem befassen.« Sie hatte seit dem Rückritt Zeit gehabt, sich zu sammeln. Ihre Miene wirkte jetzt nur noch unbeugsam, nicht mehr zornig. Sie strich über ihre mit blauen Schlitzen versehenen Röcke, als wische sie Elaida weg — oder vielleicht Egwene —, und wandte ihre Aufmerksamkeit dann den übrigen Sitzenden zu. »Was uns heute abend hier zusammengeführt hat, ist... Ich wollte gerade sagen, es sei einfach, aber das ist es nicht. Das Novizinnenbuch öffnen? Es würden Großmütter geprüft werden wollen. Einen Monat hierbleiben? Ich brauche die damit verbundenen Schwierigkeiten wohl kaum aufzuzählen, angefangen davon, daß wir die Hälfte unseres Goldes ausgäben, ohne Tar Valon auch nur einen Schritt näher zu kommen. Und was das Nichtüberschreiten der Grenze nach Andor betrifft...«
»Meine Schwester Lelaine hat in ihrer Besorgnis vergessen, wer das Vorrecht zu sprechen besitzt«, unterbrach Romanda sie ruhig. Ihr Lächeln ließ Lelaine noch fröhlich erscheinen. Dennoch nahm sie sich die Muße, ihre Stola nach ihrem Geschmack zu richten, eine Frau, die alle Zeit der Welt besaß. »Ich stelle dem Saal zwei Fragen, und die zweite Frage wird auch Lelaines Besorgnis beinhalten. Bedauerlicherweise für sie betrifft meine erste Frage ausgerechnet Lelaines Eignung, weiterhin Mitglied des Saals zu bleiben.« Ihr Lächeln weitete sich noch, ohne auch nur im geringsten herzlicher zu werden. Lelaine setzte sich langsam hin und zeigte ihre Verärgerung deutlich.