»Eine Frage des Krieges kann nicht zurückgestellt werden«, wandte Egwene laut ein. »Sie muß beantwortet werden, bevor eine weitere Frage gestellt werden darf. So lautet das Gesetz.«
Die Sitzenden wechselten rasche, fragende Blicke.
»Ist das so?« fragte Janya schließlich. Sie blinzelte nachdenklich und wandte sich auf ihrer Bank der Frau neben sich zu. »Takima, Ihr behaltet alles, was Ihr gelesen habt, und ich glaube mich gewiß zu erinnern, daß Ihr erwähnt habt, auch das Kriegsrecht gelesen zu traben. Beinhaltet es dies?«
Egwene hielt den Atem an. Die Weiße Burg hatte während der letzten tausend Jahre Soldaten in unzählige Kriege geschickt, aber stets als Antwort auf eine Bitte um Beistand von mindestens zwei Reichen, und es war stets ihr Krieg gewesen, nicht der Krieg der Burg. Das letzte Mal, als die Burg tatsächlich selbst den Krieg erklärte, hatte es sich um Artur Falkenflügel gehandelt. Siuan sagte, daß jetzt nur noch wenige Bibliothekare viel mehr wußten, als daß ein Kriegsrecht existierte.
Klein, mit hüftlangem dunklem Haar und einer Haut von der Farbe alten Elfenbeins, erinnerte Takima die Menschen oft an einen Vogel, den Kopf nachdenklich zur Seite gelegt. Jetzt wirkte sie wie ein Vogel, der losfliegen wollte, denn sie regte sich unruhig auf ihrem Platz, richtete ihre Stola und zupfte unnötigerweise ihre Haube aus Perlen und Saphiren zurecht. »So ist es«, sagte sie schließlich und schloß wieder energisch den Mund.
Egwene begann wieder ruhig zu atmen.
»Anscheinend«, sagte Romanda angespannt, »hat Siuan Sanche Euch gut ausgebildet, Mutter. Wie könnt Ihr Euch für eine Kriegserklärung aussprechen? Einer Frau gegenüber.« Sie klang, als versuche sie, etwas Unangenehmes von sich zu schieben, und sie setzte sich wieder hin und wartete, daß es verschwand.
Egwene nickte dennoch huldvoll und erhob sich. Sie begegnete den Blicken der Sitzenden nacheinander ruhig und gefaßt. Takima mied ihren Blick. Licht, die Frau wußte! Aber sie hatte geschwiegen. Würde sie sich ausreichend lange ruhig verhalten? Es war zu spät, die Pläne noch zu ändern.
»Heute stehen wir einem Heer gegenüber, das von Menschen geführt wird, die uns mißtrauen. Sonst gäbe es dieses Heer nicht.« Egwene wollte mit Leidenschaft sprechen, sie hervorbrechen lassen, aber Siuan hatte ihr zu äußerster Kühle geraten, und sie hatte schließlich zugestimmt. Die Sitzenden mußten sich einer selbstbeherrschten Frau gegenübersehen, nicht einem Mädchen, das von seinen Gefühlen geleitet wird. Die Worte kamen ihr jedoch aus dem Herzen. »Ihr habt Arathelle sagen hören, sie wolle nicht in Aes Sedai-Angelegenheiten verwickelt werden. Und doch haben sie bereitwillig ein Heer nach Murandy gebracht und stehen uns im Weg, da sie sich nicht sicher sind, wer wir sind oder was wir vorhaben. Hatte irgend jemand von Euch das Gefühl, sie glaubten wirklich, daß Ihr Sitzende seid?« Malind, mit rundem Gesicht und zornigen Augen, regte sich auf ihrer Bank der Grünen, wie auch Salita, die an ihrer mit gelben Fransen versehenen Stola zog, obwohl ihr dunkles Gesicht ausdruckslos blieb. Berana, eine weitere in Salidar erwählte Sitzende, runzelte nachdenklich die Stirn. Egwene erwähnte die Reaktion auf sie als Amyrlin nicht. Wenn ihnen dieser Gedanke nicht bereits gekommen war, wollte sie ihn ihnen nicht eingeben.
»Wir haben Elaidas Verbrechen zahllosen Adligen gegenüber aufgeführt«, fuhr sie fort. »Wir haben ihnen gesagt, daß wir sie absetzen wollen. Aber sie bezweifeln es. Sie denken, daß wir vielleicht — vielleicht — das sind, was wir zu sein behaupten. Und vielleicht schwindeln wir ihnen etwas vor. Möglicherweise sind wir nur Elaidas Helfer, die einen wohldurchdachten Plan verfolgen. Zweifel quält Menschen. Zweifel verliehen Pelivar und Arathelle den Mut, sich vor die Aes Sedai zu stellen und zu sagen: ›Ihr könnt nicht weitergehen‹. Wer wird sich uns noch in den Weg stellen oder sich einmischen, weil sie sich nicht sicher sind und die Unsicherheit sie dazu bringt, verwirrt zu handeln? Es gibt für uns nur eine Möglichkeit, ihre Verwirrung zu zerstreuen. Wir haben bereits alles andere getan. Wenn wir erklären, daß wir uns mit Elaida im Kriegszustand befinden, können keine Zweifel mehr bestehen. Ich sage nicht, daß Arathelle und Pelivar und Aemlyn losmarschieren werden, sobald wir es tun, aber sie und alle anderen werden dann wissen, wer wir sind. Niemand wird es erneut wagen, seine Zweifel offen zu zeigen, wenn Ihr sagt, daß Ihr der Saal der Burg seid. Niemand wird es wagen, sich uns in den Weg zu stellen und sich durch Unsicherheit und Unwissenheit in die Angelegenheiten der Burg einzumischen. Wir sind zur Tür geschritten und haben unsere Hände auf den Riegel gelegt. Wenn Ihr Angst habt, durch die Tür zu schreiten, dann fordert Ihr die Welt regelrecht heraus zu glauben, Ihr wärt nichts als Marionetten Elaidas.«
Sie setzte sich wieder hin, überrascht darüber, wie ruhig sie war. Jenseits der beiden Reihen der Sitzenden regten sich die draußen befindlichen Schwestern und steckten die Köpfe zusammen. Sie konnte sich das aufgeregte Murmeln vorstellen, das Aledrins Schutz ausschloß. Wenn nur Takima ausreichend lange schwieg!
Romanda brummte ungeduldig und stand nur so lange auf, um fragen zu können: »Wer tritt dafür ein, Elaida den Krieg zu erklären?« Ihr Blick schweifte erneut zu Lelaine, und ihr kaltes, selbstgefälliges Lächeln kehrte zurück. Es war deutlich zu erkennen, was sie für wichtig erachtete, wenn dieser Unsinn erst vorüber war.
Janya erhob sich sofort, und die langen braunen Fransen an ihrem Schal schwangen. »Wir könnten es ebensogut tun«, sagte sie. Janya sollte eigentlich nicht das Wort ergreifen, aber ihr energisch vorgerecktes Kinn und ihr scharfer Blick warnten jedermann, sie zur Ordnung zu rufen. Für gewöhnlich war sie nicht so ungestüm, aber ihre Worte sprudelten jetzt überstürzt heraus. »Verbessern, wovon die Welt weiß, daß es dadurch nicht noch schlimmer wird. Nun? Nun? Ich sehe keinen Sinn darin zu warten.« Escaralde, die auf der anderen Seite von Takima saß, nickte und erhob sich ebenfalls.
Mona sprang fast auf und blickte stirnrunzelnd auf Lyrelle hinab, die ihre Röcke raffte, als wollte sie ebenfalls aufstehen, aber dann zögerte und Lelaine fragend ansah. Lelaine war zu sehr damit beschäftigt, Romanda über die Teppiche hinweg finster anzustarren, um es zu bemerken.
Unter den Grünen standen Samalin und Malind zusammen auf, und Faiselle hob ruckartig den Kopf. Faiselle, eine gedrungene Domani mit kupferfarbener Haut, war keine Frau, die leicht zu erschüttern war, aber jetzt war sie bestürzt und wendete ihr kantiges Gesicht mit den geweiteten Augen von Samalin zu Malind und wieder zurück.
Salita stand auf, richtete sorgfältig ihre mit gelben Fransen versehene Stola und mied ebenso sorgfältig Romandas plötzlich finsteren Blick. Kwasema erhob sich ebenfalls, und dann Aledrin, die wiederum Berana am Ärmel mit hochzog. Delana wandte sich auf ihrer Bank gänzlich um und spähte zu den draußen stehenden Schwestern. Obwohl kein Laut hereindrang, vermittelte sich die Aufregung der Zuschauer durch ständige Bewegung, zusammengesteckte Köpfe und den Sitzenden hastig zugeworfene Blicke. Delana, die sich zögernd erhob, hatte beide Hände auf den Bauch gepreßt, als wollte sie sich jeden Moment übergeben. Takima verzog das Gesicht und betrachtete ihre auf den Knien ruhenden Hände. Saroiya beobachtete die beiden anderen Weißen Sitzenden und zupfte an ihrem Ohr, wie sie es auch tat, wenn sie tief in Gedanken versunken war. Aber niemand sonst machte Anstalten aufzustehen.
Egwene verspürte ebenfalls leichte Übelkeit. Zehn. Nur zehn. Sie war sich so sicher gewesen. Siuan war sich so sicher gewesen. Logain allein hätte genügen sollen, wenn man ihr Unwissen über das betreffende Gesetz in Betracht zog. Pelivars Heer und Arathelles Weigerung zuzugeben, daß sie tatsächlich Sitzende waren, hätte sie anspornen sollen.