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»O ja«, hauchte Birgitte. »Kandori.« Sie lächelte, vielleicht aufgrund ihrer Verletzungen, nur schwach. Nynaeve scheuchte Lan ungeduldig aus dem Weg, damit sie sich um Birgitte kümmern konnte. Elayne hoffte, daß die Frau mehr über Kandor wüßte als nur den Namen des Landes. Als Birgitte geboren wurde, hatte Kandor noch nicht existiert. Das hätte sie als Omen nehmen sollen.

Birgitte ritt die fünf Meilen bis zu dem kleinen Gutshaus mit dem Schieferdach hinter Nynaeve auf deren stämmiger brauner Stute, und Elayne und Aviendha ritten Lans großen schwarzen Hengst. Zumindest Elayne saß auf Mandarbs Sattel, Aviendhas Arme um ihre Taille, während Lan das temperamentvolle Tier führte. Ausgebildete Schlachtrosse waren ebenso gute Waffen wie Schwerter und für Fremde gefährliche Reittiere. Sei deiner selbst sicher, Mädchen, hatte Lini ihr stets gesagt, aber nicht zu sicher, und sie versuchte es. Sie hätte erkennen sollen, daß sie die Ereignisse nicht besser unter Kontrolle hatte als Mandarbs Zügel.

Bei dem dreistöckigen Steingebäude hatten der stämmige und grauhaarige Meister Hornwell und seine etwas weniger rundliche und etwas weniger grauhaarige Frau, die aber ihrem Mann ansonsten bemerkenswert ähnlich sah, alle auf den Ländereien arbeitenden Knechte und Mägde sowie Merililles Dienerin Pol und die grünweiß livrierten Bediensteten aus dem Tarasin-Palast umhergescheucht, um Schlafgelegenheiten für über zweihundert Leute, zumeist Frauen, zu schaffen, die in der Dämmerung aus dem Nichts aufgetaucht waren. Die Vorbereitungen schritten überraschend schnell voran, obwohl die Landarbeiter immer wieder stehenblieben, um das alterslose Gesicht einer Aes Sedai, den die Farbe verändernden Umhang eines Behüters, der ihn teilweise verschwinden ließ, oder eine Angehörige des Meervolks in all ihrer bunten Seide und mit ihrem ungewöhnlichen Schmuck anzustarren. Frauen der Schwesternschaft kamen überein, daß es jetzt angebracht sei, sich zu fürchten und zu weinen, gleichgültig, was Reanne und der Frauenzirkel ihnen sagten. Die Windsucherinnen murrten darüber, wie weit sie sich vom Meer entfernt hätten — gegen ihren Willen, wie Renaile din Calon lauthals behauptete. Und Adlige und Handwerkerinnen, die nur zu bereitwillig vor dem geflohen waren, was auch immer in Ebou Dar zurückgeblieben war, und bereitwillig das Bündel mit ihren Habseligkeiten auf dem Rücken trugen, schimpften jetzt darüber, daß ihnen ein Heuboden zum Schlafen angeboten wurde.

All das war im Gange, als Elayne und die übrigen eintrafen, während die Sonne am westlichen Horizont versank — Trubel und Geschrei rund um das Haus und die strohgedeckten Außengebäude, aber Alise Tenjile, die liebenswürdig und gleichzeitig verbissen lächelte, schien die Situation besser im Griff zu haben als selbst die fähigen Hornwells. Frauen der Schwesternschaft, die trotz Reannes tröstenden Versuchen jetzt noch heftiger weinten, trockneten auf eine gemurmelte Bemerkung von Alise hin ihre Tränen und setzten sich mit der entschlossenen Haltung von Frauen, die sich in einer feindselig gesinnten Welt viele Jahre lang um sich selbst gekümmert hatten, in Bewegung. Hochmütige Adlige mit Hochzeitsdolchen in den ovalen Ausschnitten ihrer spitzengesäumten Leibchen und Handwerkerinnen, die fast ebenso viel Anmaßung und Busen zeigten, wenn sie auch keine Seide trugen, schreckten beim Anblick der herannahenden Alise zurück und eilten auf die großen Scheunen zu, während sie ihre Bündel umklammerten und laut verkündeten, sie hätten es sich schon immer gewünscht, auf Stroh zu schlafen. Selbst die Windsucherinnen, von denen viele unter den Atha'an Miere bedeutende und mächtige Frauen waren, äußerten ihre Beschwerden verhaltener, wenn Alise sich näherte. Sareitha, welche die Alterslosigkeit noch nicht erlangt hatte, sah Alise fragend an und berührte ihre Stola mit den braunen Fransen, wie um sich zu vergewissern, daß diese noch vorhanden war. Merilille, die durch nichts zu erschüttern war, beobachtete die Frau mit einer Mischung aus Anerkennung und offener Verwunderung bei ihrer Arbeit.

Nynaeve stieg vor der Eingangstür des Hauses aus dem Sattel, schaute zu Alise, zog einmal wohlerwogen und angemessen an ihrem Zopf, was die andere Frau vor Geschäftigkeit nicht bemerkte, und schritt ins Haus, wobei sie ihre blauen Reithandschuhe abstreifte und vor sich hin murmelte. Lan lachte leise, während er ihr nachsah, erstickte sein Lachen aber sofort, als Elayne abstieg. Licht, wirkten seine Augen kalt! Sie hoffte um Nynaeves willen, daß der Mann vor seinem Schicksal bewahrt werden konnte, aber sie glaubte es nicht, wenn sie in diese Augen sah.

»Wo ist Ispan?« flüsterte sie, während sie Aviendha beim Absteigen half. Viele der Frauen wußten, daß eine Aes Sedai — eine Schwarze Schwester — gefangengehalten wurde, daher würde sich die Nachricht wie ein Lauffeuer auf den Ländereien verbreiten, aber es war besser, wenn die Bewohner des Gutshofs ein wenig vorbereitet waren.

»Adeleas und Vandene haben sie zu einer kleinen Holzfällerhütte ungefähr eine halbe Meile von hier gebracht«, erwiderte er ebenso leise. »Ich glaube nicht, daß jemand in all diesem Durcheinander eine Frau mit einem Sack über dem Kopf bemerkt hat. Die Schwestern sagten, sie würden heute nacht bei ihr bleiben.«

Elayne erschauderte. Die Schattenfreundin sollte anscheinend erneut befragt werden, sobald die Sonne untergegangen war. Sie waren jetzt in Andor, daher empfand sie noch stärker das Gefühl, sie hätte den entsprechenden Befehl gegeben.

Schon bald saß sie in einer kupfernen Badewanne, genoß parfümierte Seife und saubere Haut, lachte und bespritzte Birgitte mit Wasser, die sich in einer weiteren Wanne rekelte und zurückspritzte, woraufhin sie beide über Aviendhas schlecht verhülltes Entsetzen kicherten, daß sie bis zur Brust im Wasser saß. Aviendha meinte jedoch, einen sehr guten Scherz gemacht zu haben und erzählte daraufhin eine höchst unpassende Geschichte über einen Mann, der sich Segadestacheln im Hinterteil zuzog. Dann erzählte Birgitte eine noch unpassendere Geschichte über eine Frau, die mit dem Kopf zwischen Zaunlatten feststeckte, die sogar Aviendha erröten ließ. Sie hatten jedoch wirklich Spaß dabei. Elayne wünschte, sie könnte ebenfalls eine solche Geschichte beitragen.

Sie und Aviendha kämmten und bürsteten einander das Haar — ein allabendliches Ritual von Nächstschwestern —, dann kuschelten sie sich müde in die mit einem Baldachin versehenen Betten in einem kleinen Raum, in dem glücklicherweise nur sie und Aviendha, Birgitte und Nynaeve schliefen. In größeren Räumen bedeckten Feldbetten und Strohlager den Boden, auch in den Wohnräumen, den Küchen und auf den meisten Gängen. Nynaeve murrte die halbe Nacht über die Ungehörigkeit, eine Frau zu zwingen, von ihrem Mann getrennt zu schlafen, und die andere Hälfte der Nacht weckten ihre Ellbogen Elayne anscheinend jedes Mal, wenn sie einschlief. Birgitte weigerte sich schlicht, den Platz zu tauschen, und Aviendha konnte sie nicht bitten, die heftigen Stöße der Frau zu erdulden, so daß sie nicht viel Schlaf fand.

Elayne fühlte sich noch immer angeschlagen, als sie sich am nächsten Morgen, als die aufgehende Sonne wie eine schmelzende Goldkugel am Himmel stand, zum Aufbruch bereitmachten. Es gab nur wenige Reittiere auf dem Gutshof, die sie zudem nicht alle mitnehmen konnten, so daß diejenigen, die zu Fuß vom Bauernhof der Schwesternschaft geflohen waren, auch weiterhin zu Fuß gehen mußten, wohingegen Elayne einen schwarzen Wallach namens Feuerherz und Aviendha und Birgitte ebenfalls frische Pferde ritten. Auch die meisten Frauen der Schwesternschaft waren zu Fuß, während die Diener die Packpferde führten wie auch die ungefähr zwanzig Frauen, die ihren Besuch auf dem Bauernhof der Schwesternschaft in der Hoffnung auf Frieden und besinnliche Betrachtung offensichtlich nicht mehr bedauerten. Die Behüter ritten voraus und erkundeten den Weg um die welligen, mit verdorrten Bäumen bestandenen Hügel. Alle übrigen bildeten eine höchst eigenartige Kolonne, angeführt von Nynaeve, Elayne und den anderen Schwestern. Und natürlich Aviendha.