Als sie es jedoch Nynaeve gegenüber erwähnte, murrte diese nur: »Es war höchste Zeit, daß einige der Schwestern erfahren, wie es ist, wenn man eine Frau zu lehren versucht, die mehr zu wissen glaubt. Diejenigen, die die Voraussetzungen haben, die Stola zu erlangen, werden sie noch immer erlangen wollen, und was die übrigen betrifft, so kann ich nicht erkennen, warum sie nicht ein wenig Selbstvertrauen gewinnen sollten.« Elayne sah davon ab, Nynaeves Klagen über Sumeko zu erwähnen, die gewiß Selbstvertrauen gezeigt hatte. Sumeko hatte mehrere von Nynaeves Heilgeweben als ›unbeholfen‹ bezeichnet, und Elayne hatte gedacht, Nynaeve würde augenblicklich der Schlag treffen. »Es ist jedenfalls nicht nötig, Egwene irgend etwas davon zu erzählen, wenn sie wieder da ist. Sie hat schon genug Sorgen.« Das ›irgend etwas davon‹ bezog sich zweifellos auf Merilille und die Windsucherinnen.
Sie saßen im Nachthemd auf ihren Betten im zweiten Stock des Gasthauses Neuer Pflug, und sie trugen den gedrehten, ringförmigen Traum-Ter'angreal um ihren Hals, Elayne an einem einfachen Lederband und Nynaeve neben Lans schwerem Siegelring an einer dünnen goldenen Kette. Aviendha und Birgitte, die noch vollkommen angekleidet waren, saßen auf ihren Kleiderkisten. Sie nannten es ›Wache halten‹, bis Elayne und Nynaeve aus der Welt der Träume zurückgekehrt wären. Beide trugen ihre Umhänge, bis sie unter ihre Decken kriechen könnten. Der Neue Pflug war ganz und gar nicht neu. Netzförmige Risse überzogen die getünchten Wände, durch die es obendrein zog.
Das Zimmer selbst war klein, und die Kisten und aufeinandergestapelten Bündel ließen nur für wenig anderes außer Betten und den Waschtisch Platz. Elayne wußte, daß sie in Caemlyn repräsentieren müßte, aber manchmal fühlte sie sich doch schuldig, wenn ihre Habe auf Packpferden transportiert wurde, während die meisten anderen Frauen mit dem auskommen mußten, was sie auf ihren Rücken tragen konnten. Nynaeve zeigte jedoch niemals Reue wegen ihrer Kisten. Sie waren bereits seit sechzehn Tagen unterwegs. Der Vollmond am nächtlichen Himmel schien auf eine hohe Schneedecke, die das Reisen morgen erschweren würde, selbst wenn der Himmel klar bliebe, und Elayne hielt es für eine optimistische Einschätzung, wenn man noch eine weitere Woche nach Caemlyn einplante.
»Ich bin klug genug, sie nicht daran zu erinnern«, belehrte sie Nynaeve. »Ich will nicht noch einmal zurechtgewiesen werden.«
Das war milde ausgedrückt. Sie hatten Tel'aran'rhiod nicht mehr betreten, seit sie Egwene in der Nacht nach dem Aufbruch vom Gutshof mitgeteilt hatten, daß die Schale der Winde benutzt worden war. Sie hatten ihr auch widerwillig von dem Vertrag mit dem Meervolk berichtet, zu dem sie gezwungen gewesen waren — und fanden sich jäh dem Amyrlin-Sitz mit der gestreiften Stola um die Schultern gegenüber. Elayne wußte, daß es nötig und Rechtens war — die engste Freundin unter den Untertanen einer Königin wußte sehr wohl, daß diese nicht nur eine Freundin, sondern auch die Königin war. Aber es hatte ihr nicht gefallen, daß ihre Freundin ihnen mit zorniger Stimme vorgeworfen hatte, sie hätten sich wie geistlose Tölpel verhalten, die ihnen allen womöglich den Untergang beschert hätten — besonders, da Elayne ihr insgeheim zustimmen mußte. Es hatte ihr auch nicht gefallen zu hören, daß Egwene ihnen beiden nur deswegen keine strenge Buße auferlegte, weil sie es sich nicht leisten konnte, sie ihre Zeit verschwenden zu lassen. Dennoch war es nötig und Rechtens gewesen. Wenn sie den Löwenthron innehätte, wäre sie noch immer eine Aes Sedai und deren Gesetzen, Regeln und Bräuchen unterworfen. Das galt nicht für Andor — sie würde ihr Land nicht der Weißen Burg übergeben —, aber für sie selbst. Daher akzeptierte sie Egwenes Vorhaltungen ruhig, so unerfreulich sie auch waren. Nynaeve hatte sich gewunden und verlegen gestottert, widersprochen und fast geschmollt, sich aber dann so ausgiebig entschuldigt, daß Elayne kaum glauben konnte, sie sei noch dieselbe Frau, die sie schon so lange kannte. Natürlich war Egwene die Amyrlin geblieben, in ihrer Ungehaltenheit kühl, selbst als sie ihr die Fehler verzieh. Heute nacht konnte es bestenfalls noch unerfreulicher oder ungemütlicher werden, wenn Egwene anwesend war.
Aber als sie sich ins Salidar Tel'aran'rhiods träumten, in jenen Raum der Kleinen Burg, der das Arbeitszimmer der Amyrlin genannt wurde, war Egwene nicht dort, und der einzige Hinweis darauf, daß sie den Raum seit ihrem letzten Treffen aufgesucht hatte, waren einige wie von einer trägen Hand, die sich nicht viel Mühe machen wollte, grob auf ein wurmzerfressenes Wandpaneel geritzte, kaum sichtbare Worte.
BLEIBT IN CAEMLYN
Und wenige Handbreit daneben:
VERHALTET EUCH RUHIG UND SEID VORSICHTIG
Das waren Egwenes letzte Anweisungen. Sie sollten nach Caemlyn ziehen und dort bleiben, bis sie herausfand, wie man den Saal daran hindern könnte, sie alle zu vernichten. Eine Mahnung, die sie nicht auslöschen konnten.
Elayne umarmte Saidar und lenkte die Macht, um ihre Nachricht zu hinterlassen: die Zahl Fünfzehn scheinbar auf den schweren Tisch eingeritzt, der Egwenes Schreibtisch gewesen war. Indem sie das Gewebe umkehrte und abband, würde nur jemand, der seine Finger über die Ziffern gleiten ließ, erkennen, daß sie nicht wirklich vorhanden waren. Vielleicht brauchten sie keine fünfzehn Tage bis Caemlyn, aber gewiß mehr als eine Woche.
Nynaeve schritt zum Fenster und spähte in beide Richtungen hinaus, wobei sie sorgfältig darauf achtete, den Kopf nicht zu weit vorzustrecken. Dort draußen war es ebenso Nacht wie in der wachen Welt, und der helle Schein des Vollmonds schimmerte auf dem Schnee, obwohl sich die Luft nicht kalt anfühlte. Außer ihnen sollte niemand dort sein, und wenn jemand dort war, sollte man ihn tunlichst meiden. »Hoffentlich sind ihre Pläne nicht durcheinandergeraten«, murmelte sie.
»Sie hat uns befohlen, diese Pläne nicht einmal untereinander zu erwähnen, Nynaeve. ›Ein ausgesprochenes Geheimnis bekommt Flügel.‹« Das war ein weiteres von Linis vielen Lieblingssprichworten gewesen.
Nynaeve sah sie über die Schulter mit verzerrter Miene an und betrachtete dann wieder die schmale Gasse. »Für dich ist es anders. Ich habe sie als Kind umsorgt, ihre Windeln gewechselt und ihr gelegentlich den Hintern versohlt. Und jetzt muß ich springen, wenn sie mit den Fingern schnippt. Das ist schwer.«
Elayne konnte nicht anders. Sie schnippte mit den Fingern.
Nynaeve fuhr so schnell herum, daß ihr Anblick verschwamm, die Augen vor Entsetzen geweitet. Ihr Gewand verwandelte sich von einem blauen Reitgewand zunächst in das mit Streifen versehene Weiß der Aufgenommenen und dann in das dunkle, robuste Tuch der Zwei Flüsse. Als sie erkannte, daß Egwene nicht da war, wurde sie vor Erleichterung fast ohnmächtig.
Als sie wieder in ihre Körper zurückkehrten und erwachten, um den anderen zu sagen, sie könnten zu Bett gehen, hielt Aviendha die Geschichte gewiß für einen guten Scherz, und Birgitte lachte ebenfalls. Nynaeve bekam jedoch ihre Rache. Am nächsten Morgen weckte sie Elayne mit einem Eiszapfen. Elaynes Schreie weckten auch alle übrigen im ganzen Dorf auf.
Drei Tage später erfolgte die erste Erschütterung.
21
Dem Ruf folgen
Die Cemaros genannten großen Winterstürme tobten weiterhin vom Meer der Stürme heran und rauher, als selbst die Alten sich erinnerten. Einige meinten, die Cemaros wollten in diesem Jahr ihre monatelange Verspätung wettmachen. Blitze rissen den Himmel auf, so daß die Dunkelheit in Licht getaucht wurde. Wind peitschte das Land, und Regen prasselte darauf ein und verwandelte die ausgetrockneten Wege in Schlammströme. Manchmal gefror der Schlamm nach Einbruch der Nacht, aber der Sonnenaufgang brachte sogar unter einem grauen Himmel stets Tauwetter mit sich, und der Boden wurde wieder morastig. Rand war überrascht, wie sehr all dies seine Pläne behinderte.