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Die Asha'man, nach denen er geschickt hatte, kamen bereits am Morgen des nächsten Tages; sie ritten aus einem Wegetor in strömenden Regen hinein, der die Sonne so stark verdunkelte, daß man meinen konnte, der Abend dämmere bereits. Durch die Öffnung in der Luft fiel aus Andor Schnee. Dicke weiße Flocken wirbelten dicht umher und verbargen, was dahinter lag. Die meisten Männer der kleinen Kolonne waren in schwere schwarze Umhänge gehüllt, aber der Regen mied sie und ihre Pferde anscheinend. Es war nicht offensichtlich, und doch sah jedermann, der es bemerkte, ein zweites, wenn nicht ein drittes Mal hin. Es war nur ein einfaches Gewebe nötig, um trocken zu bleiben, solange man nichts dagegen hatte, damit zu prahlen, was man war. Aber das übernahm ohnehin die schwarzweiße, auf einen karmesinroten Kreis vorn auf ihren Umhang eingearbeitete Scheibe. Selbst vom Regen halb verborgen, umgab die Männer ein dünkelhafter Stolz, wie sie in ihren Sätteln saßen. Sie waren stolz auf das, was sie waren.

Ihr Befehlshaber, Charl Gedwyn, war einige Jahre älter als Rand und mittelgroß; wie auch Torval trug er das Schwert und den Drachen am Kragen seiner Jacke aus bester schwarzer Seide. Seine Schwertscheide war üppig verziert, und sein aus Silber gefertigter Schwertgürtel war mit einer ebenfalls silbernen Schnalle in der Form einer geballten Faust geschlossen. Gedwyn nannte sich Tsorovan'm'hael, in der Alten Sprache Beherrscher des Sturms, was immer das bedeuten mochte. Es schien zumindest dem Wetter angemessen.

Dennoch stand Gedwyn unmittelbar hinter dem Eingang von Rands reichverziertem grünem Zelt und blickte stirnrunzelnd in den strömenden Regen hinaus. Eine Wache berittener Gefährten umgab das Zelt in nicht mehr als dreißig Schritt Entfernung, die jedoch kaum zu sehen waren. Sie hätten Statuen sein können, da sie dem strömenden Regen trotzten.

»Wie soll ich Eurer Ansicht nach bei diesem Wetter jemanden finden?« murrte Gedwyn und schaute über die Schulter zu Rand. Kurz darauf fügte er hinzu: »Mein Lord Drache.« Sein Blick war unnachgiebig und herausfordernd, aber das war er stets, gleichgültig, ob er auf einen Menschen oder einen Zaunpfahl gerichtet war. »Rochaid und ich haben acht Geweihte und vierzig Soldaten mitgebracht, genügend Männer, um ein Heer zu vernichten oder zehn Könige einzuschüchtern. Wir könnten vielleicht sogar eine Aes Sedai zum Blinzeln veranlassen«, sagte er angespannt. »Verdammt, wir beide allein könnten schon einiges bewirken. Oder Ihr könntet es. Warum braucht Ihr noch jemand anderen?«

»Ich erwarte von Euch, daß Ihr gehorcht, Gedwyn«, erwiderte Rand kalt. Beherrscher des Sturms? Manel Rochaid, Gedwyns Stellvertreter, nannte sich Baijan'm'hael, Beherrscher des Angriffs. Was führte Taim im Schilde, indem er neue Ränge schuf? Wichtig war, daß der Mann Waffen gestaltete. Hauptsache, daß die Waffen lange genug bei geistiger Gesundheit blieben, um noch eingesetzt werden zu können. »Hingegen erwarte ich nicht von Euch, daß Ihr Eure Zeit damit verschwendet, meine Anweisungen in Frage zu stellen.«

»Wie Ihr befehlt, mein Lord Drache«, murmelte Gedwyn. »Ich werde meine Männer sofort ausschicken.« Er salutierte kurz, die geballte Faust an der Brust, und schritt in den Regen hinaus. Die Flut wich vor ihm aus und rann den schmalen Schild herab, den er um sich gewoben hatte. Rand fragte sich, ob der Mann ahnte, wie nahe er dem Tod gekommen war, als er Saidin ohne Vorwarnung ergriffen hatte.

Du mußt ihn töten, bevor er dich tötet, kicherte Lews Therin. Sie werden es tun. Tote können niemanden verraten. Die Stimme in Rands Kopf nahm einen verwunderten Unterton an. Aber manchmal sterben sie nicht. Bin ich tot? Und du?

Rand verdrängte die Stimme, bis sie nur noch ein gerade eben vernehmbares Summen war. Lews Therin schwieg seit seinem Wiedererscheinen in Rands Kopf selten, wenn er nicht dazu gezwungen wurde. Der Mann schien jetzt wahnsinniger und zorniger denn je. Und manchmal auch stärker. Diese Stimme suchte auch Rands Träume heim, und wenn er sich selbst in einem Traum sah, war es nicht immer wirklich er selbst, den er erblickte. Es war auch nicht immer Lews Therin, die Fratze, die er inzwischen als Lews Therins Gesicht erkannte. Manchmal war es verschwommen und doch vage vertraut, und Lews Therin schien davor ebenfalls zu erschrecken. Das war ein Hinweis darauf, wie weit der Wahnsinn bei Lews Therin fortgeschritten war. Oder vielleicht bei ihm selbst.

Noch nicht, dachte Rand. Ich kann es mir noch nicht leisten, wahnsinnig zu werden.

Wann dann? flüsterte Lews Therin, bevor Rand ihn wieder zürn Schweigen bringen konnte.

Mit der Ankunft Gedwyns und der Asha'man begann die Ausführung seines Plans, die Seanchaner westwärts zu treiben, schritt jedoch sehr zögerlich voran. Rand wechselte unverzüglich sein Lager und bemühte sich nicht, sein Vorgehen zu verbergen. Es hatte wenig Sinn, Geheimhaltung anzustreben. Nachrichten wurden durch Tauben langsam und durch Kuriere noch weitaus langsamer verbreitet, und doch zweifelte Rand nicht daran, daß er beobachtet wurde —von der Weißen Burg, von den Verlorenen, von jedermann, der dort Gewinne oder Verluste vermutete, wohin der Wiedergeborene Drache zog, und es sich leisten konnte, einen Soldaten zu bestechen. Vielleicht sogar auch von den Seanchanern. Wenn er sie auskundschaften konnte — warum sollte es ihnen dann nicht in gleicher Weise gelingen? Aber nicht einmal die Asha'man wußten, warum er weiterzog.

Während Rand müßig zusah, wie Männer sein Zelt auf einen hochrädrigen Karren luden, erschien Weiramon auf einem seiner vielen Pferde, ein stolzer weißer Wallach edelster tairenischer Zucht. Der Regen hatte nachgelassen, obwohl noch immer graue Wolken die Mittagssonne verschleierten und die Luft feucht war. Das Drachenbanner und das Banner des Lichts hingen schlaff und naß an ihren hohen Masten.

Tairenische Verteidiger hatten die Gefährten inzwischen ersetzt, und als Weiramon durch den Kreis der Wächter ritt, betrachtete er mit finsterer Miene Rodrivar Tihera, einen hageren Burschen, der selbst für einen Tairener dunkelhäutig war und einen spitz gestutzten Bart trug. Als völlig unbedeutender Adliger, der sich durch seine Verdienste hocharbeiten mußte, nahm es Tihera besonders genau. Die breiten weißen Federn auf seinem Helm machten seine sorgfältige Verbeugung vor Weiramon überaus eindrucksvoll, woraufhin der Hochlord noch finsterer dreinblickte als zuvor.

Der Befehlshaber des Steins mußte die Verantwortung für Rands Leibwache nicht persönlich übernehmen, aber des öfteren tat er es dennoch, ebenso wie Marcolin häufig die Gefährten selbst befehligte. Eine oft verbitterte Rivalität war zwischen den Verteidigern und den Gefährten über die Frage entstanden, wer Rand beschützen sollte. Die Tairener beanspruchten dieses Vorrecht, weil er länger in Tear regiert hatte, und die Illianer beanspruchten es, weil er immerhin König von Illian war. Vielleicht hatte Weiramon von der Forderung der Verteidiger gehört, Tear müsse einen eigenen König bekommen — und wer wäre dafür besser geeignet als der Mann, der den Stein eingenommen hatte? Weiramon stimmte durchaus zu, daß Tear einen eigenen König haben sollte, aber er war nicht mit der Wahl desjenigen einverstanden, der die Krone tragen sollte, und er war nicht der einzige, der so dachte.

Der Mann glättete seine Züge, sobald er Rands Blick bemerkte, und schwang sich aus seinem goldverzierten Sattel, um eine Tiheras weit überlegene Verbeugung zu vollführen, obwohl er unmerklich das Gesicht verzog, als er seinen polierten Stiefel in den Schlamm setzen mußte. Er trug einen Regenumhang, der die Feuchtigkeit von seiner edlen Kleidung abhielt, aber selbst dieser war mit Goldfäden bestickt und wies einen Kragen aus Saphiren auf. Trotz Rands Umhang aus dunkelgrüner Seide, dessen Saum goldene Bienen zierten, wäre es jedermann zu verzeihen gewesen, wenn er vermutet hätte, Weiramon und nicht Rand müsse die Schwerterkrone tragen.