Beobachter hätten es für eine Zurschaustellung der Kampfentschlossenheit gehalten, mit all den leuchtenden Bannern und Standarten und kleinen Cons bei einigen der Cairhiener. Strahlend und tapfer und sehr gefährlich. Einige hatten gegen Rand intrigiert, und zudem hatte er erfahren, daß zwischen Semaradrids Haus Maravin und dem Hause Riatin, das in Cairhien offen gegen ihn rebelliert hatte, alte Bündnisse bestanden. Semaradrid leugnete die Verbindung nicht, aber er hatte sie auch nicht erwähnt, bevor Rand davon hörte. Er kannte das Konzil der Neun einfach noch zu wenig, um es zu riskieren, sie zurückzulassen. Weiramon hingegen war ein Narr. Sich selbst überlassen, könnte er vielleicht sehr wohl versuchen, die Gunst des Lord Drachen zu erringen, indem er ein Heer gegen die Seanchaner oder gegen Murandy oder nur das Licht wußte gegen wen oder wohin sonst führte. Zu unbesonnen, um zurückgelassen, zu mächtig, um beiseite geschoben zu werden, ritt er also mit Rand und fühlte sich geehrt. Es war beinahe bedauerlich, daß er nicht so töricht war, etwas zu tun, woraufhin man ihn hätte vernichten können.
Hinter ihnen kamen die Diener und Karren — niemand verstand, warum Rand den anderen alle Wagen mitgegeben hatte, und er würde es auch nicht erklären — und dann die von Pferdeknechten geführten Ersatzpferde und die langen, unregelmäßigen Reihen von Männern in zerschlagenen Brustpanzern, die nicht richtig paßten, oder in Lederwamsen, auf die rostige Stahlscheiben aufgenäht waren, bewaffnet mit Bogen, Armbrusten oder Speeren und sogar einigen wenigen Langspießen, sowie weitere der Burschen, die ›Lord Brends‹ Ruf gefolgt waren und sich dagegen entschieden hatten, unbewaffnet nach Hause zurückzukehren. Ihr Anführer war der Mann, mit dem Rand am Waldrand gesprochen hatte, Eagan Padros genannt und weitaus klüger, als es den Anschein hatte. Es war meistenorts für einen Bürgerlichen schwer, sehr weit aufzusteigen, aber Rand hatte Padros ausersehen. Der Bursche versammelte seine Leute auf einer Seite, die aber keine Ordnung hielten und einander mit den Ellbogen beiseite drängten, um besser südwärts schauen zu können.
Der Damm des Nordsterns erstreckte sich pfeilgerade durch Meilen braunen Sumpflands um Illian, eine breite Straße festgetretener Erde, die nur von flachen Steinbrücken unterbrochen wurde. Der Südwind trug den Geruch von Meersalz und einem Hauch Gerberei heran. Illian war eine weitläufig angelegte Stadt und ebenso groß wie Caemlyn oder Cairhien. Bunte Dachziegel und Hunderte hoch aufragender Türme, die in der Sonne schimmerten, waren über das Meer aus Schilf und Gras, in dem langbeinige Kraniche umherstelzten und über dem Scharen weißer Vögel im Tiefflug schrille Schreie ausstießen, gerade eben zu sehen. Illian hatte niemals Mauern gebraucht, und gegen Rand hätten sie ohnehin nichts genützt.
Es herrschte allgemeine Enttäuschung, daß er Illian nicht betreten wollte, obwohl sich in seiner Hörweite niemand darüber beklagte. Dennoch gab es viele unzufriedene Gesichter und verärgertes Murren, während eilig Lager errichtet wurden. Wie die meisten großen Städte war auch Illian für fremdartige Zünfte, freigebige Schankmädchen und willige Frauen bekannt. Zumindest unter den Männern, die noch niemals dort gewesen waren, auch wenn es ihre eigene Hauptstadt war. Unwissen steigerte den Ruf einer Stadt für solche Verheißungen stets noch. Aber nur Morr galoppierte über den Damm davon. Die Männer, die gerade Zeltpfähle in die Erde rammten oder Pflockleinen für die Pferde befestigten, richteten sich auf und sahen ihm neiderfüllt nach. Adlige beobachteten ihn neugierig, obwohl sie vorzugeben versuchten, dies nicht zu tun.
Die Asha'man bei Gedwyn beachteten Morr nicht, während sie ihr eigenes Lager errichteten, das aus einem pechschwarzen Zelt für Gedwyn und Rochaid und einer Fläche bestand, auf der feuchtes braunes Gras und Schlamm selbstverständlich mit der Macht flach und trocken gepreßt wurden und wo die übrigen Männer in ihre Umhänge gehüllt schlafen würden. Sie machten sich nicht einmal die Mühe, Herdfeuer ohne die Macht aufzuschichten. Einige wenige aus den anderen Lagern beobachteten mit großen Augen, wie sich das Zelt wie von Geisterhand aufstellte und Haltegurte von Packsätteln flogen, aber die meisten schauten woandershin, wenn sie erkannten, was vor sich ging. Zwei oder drei der Soldaten in den schwarzen Jacken führten anscheinend Selbstgespräche.
Flinn und die übrigen schlössen sich Gedwyns Gruppe nicht an — sie hatten zwei Zelte in der Nähe von Rands Zelt errichtet —, aber Dashiva ging zu der Stelle, wo der ›Beherrscher des Sturms‹ und der Beherrscher des Angriffs‹ müßig herumstanden und barsch Befehle ausgaben. Ein kurzer Wortwechsel, und er ging kopfschüttelnd und ärgerlich vor sich hin murmelnd wieder zurück. Gedwyn und Rochaid waren keine freundlichen Menschen.
Rand zog sich in sein Zelt zurück, sobald es aufgeschlagen war, legte sich vollkommen angekleidet auf sein Feldbett und starrte an die schräge Decke. Hopwil brachte ihm einen dampfenden Zinnkrug mit Glühwein — Rand hatte seine Diener zurückgelassen —, aber der Wein wurde auf seinem Schreibtisch kalt. Sein Verstand arbeitete fieberhaft. Noch zwei oder drei Tage, und die Seanchaner würden einen herben Schlag erleiden. Dann ginge es zurück nach Cairhien, um nachzusehen, wie weit die Verhandlungen mit dem Meervolk gediehen waren. Außerdem wollte er erfahren, was Cadsuane vorhatte — zwar schuldete er ihr etwas, aber sie hatte ihre eigenen Pläne! Vielleicht gelang es ihm, den Aufstand in Cairhien endgültig zu beenden. Waren Caraline Damodred und Darlin Sisnera in der allgemeinen Verwirrung entkommen? Den Hochlord Darlin in seiner Gewalt zu haben könnte auch das Ende des Aufstands in Tear bedeuten. Bliebe noch Andor. Wenn Mat und Elayne in Murandy waren, wie es den Anschein hatte, würde es bestenfalls noch Wochen dauern, bis Elayne den Löwenthron beanspruchen konnte. Wenn das einträfe, würde er sich von Caemlyn fernhalten müssen. Aber er mußte mit Nynaeve sprechen. Konnte er Saidin vom Makel befreien? Es mochte vielleicht funktionieren. Es könnte aber auch die Welt zerstören. Lews Therin redete in starrem Entsetzen auf ihn ein. Licht, wo war Narishma?
Ein Cemaros brach herein, der so nahe am Meer weitaus stärker war. Regen prasselte wie Trommelwirbel auf Rands Zelt. Blitze erfüllten den Eingang mit blauweißem Licht, und Donner rollte wie einstürzende Berge.
Aus diesem Unwetter trat Narishma ins Zelt, tropfnaß und das dunkle Haar am Kopf klebend. Seine Befehle hatten gelautet, um jeden Preis Aufmerksamkeit zu vermeiden. Seine durchweichte braune Jacke war schlicht und sein dunkles Haar ungeflochten zurückgebunden. Auch ohne Schmuck zog fast hüftlanges Haar bei einem Mann Blicke auf sich. Er schaute finster drein. Unter einem Arm trug er ein zylindrisches, mit einer Kordel verschnürtes Bündel, das dicker war als das Bein eines Mannes.
Rand sprang von seinem Feldbett auf und riß Narishma das Bündel aus der Hand, bevor dieser es ihm reichen konnte. »Hat Euch jemand gesehen?« fragte er. »Was hielt Euch so lange auf? Ich hatte Euch schon gestern abend erwartet!«
»Es dauerte eine Weile, herauszufinden, was zu tun war«, erwiderte Narishma tonlos. »Ihr habt mir nicht alles gesagt. Ihr hättet mich beinahe getötet.«
Das war lächerlich. Rand hatte ihm alles gesagt, was er wissen mußte, dessen war er sich sicher. Es hatte keinen Sinn, dem Mann so weit zu vertrauen, wie er es getan hatte, nur damit er starb und alles verdarb. Er steckte das Bündel vorsichtig unter sein Feldbett. Seine Hände zitterten vor Verlangen, die Umhüllung abzureißen, sich zu versichern, daß sie enthielt, wonach er Narishma geschickt hatte. Aber der Mann hätte nicht zurückzukehren gewagt, wenn dem nicht so wäre. »Zieht Euch eine trockene Jacke an, bevor Ihr Euch zu den übrigen gesellt«, sagte Rand. »Und Narishma ...« Rand richtete sich auf und betrachtete den anderen Mann mit stetem Blick. »Wenn Ihr jemandem hiervon erzählt, werde ich Euch töten.«