Töte die ganze Welt, lachte Lews Therin. Ein höhnisches, verzweifeltes Stöhnen. Ich habe die Welt getötet, und du kannst es auch, wenn du dich bemühst.
Narishma schlug sich mit der Faust fest an die Brust. »Wie Ihr befehlt, mein Lord Drache«, sagte er mit einem Anflug von Ärger in der Stimme.
Im ersten Morgenlicht des folgenden Tages marschierten tausend Mann der Legion des Drachen aus Illian heraus über den Damm des Nordsterns zum stetigen Klang der Trommeln. Dichte graue Wolken zogen über den Himmel, und eine steife, stark salzige Meeresbrise peitschte Umhänge und Banner und kündigte den nächsten Sturm an. Die Soldaten erregten mit ihren blauen andoranischen Helmen und den langen blauen Umhängen mit dem rotgoldenen Drachen auf der Brust bei den bereits lagernden Waffenträgern einige Aufmerksamkeit. Jede der fünf Kompanien war mit einer blauen Standarte mit dem Drachen und einer Ziffer gekennzeichnet. Die Männer der Legion waren in vielerlei Hinsicht anders. Sie trugen ihren Brustharnisch beispielsweise unter der Jacke, damit der Drache nicht verdeckt wurde, und jeder Mann trug ein Kurzschwert an der Hüfte sowie eine eisenbeschlagene Armbrust über der Schulter. Die Offiziere gingen unmittelbar vor den Trommlern und Standarten zu Fuß, jeder mit einer hohen roten Feder am Helm. Die einzigen Pferde waren Morrs mausfarbener Wallach an der Spitze und Packtiere am Ende der Kolonne.
»Fußsoldaten«, murrte Weiramon und schlug mit den Zügeln gegen eine behandschuhte Hand. »Verdämmt, sie nützen uns nichts. Sie werden beim ersten Angriff auseinander laufen, wenn nicht schon vorher.« Die Kolonne schritt auf dem Damm kräftig aus. Sie hatte bei der Einnahme Illians geholfen, ohne auseinanderzulaufen.
Semaradrid schüttelte den Kopf. »Keine Langspieße«, murrte er. »Ich habe gut geführte Fußsoldaten mit Langspießen standhalten sehen, aber ohne...« Er stieß einen verächtlichen Laut aus.
Gregorin Panar, der dritte Mann, der in Rands Nähe im Sattel saß und die Neuankömmlinge beobachtete, schwieg. Vielleicht hegte er kein Vorurteil gegen Fußsoldaten — obwohl er dann einer von nur einer Handvoll Adligen wäre, denen Rand ohne solche Vorbehalte begegnet war —, aber er bemühte sich mit einigem Erfolg, nicht zu finster dreinzublicken. Jedermann wußte inzwischen, daß die Männer mit dem Drachen auf der Brust Waffen trugen, weil sie dem Wiedergeborenen Drachen zu folgen beschlossen hatten und aus keinem anderen Grund. Die Illianer muß-ten sich fragen, wohin sie zögen, weil Rand wollte, daß die Legion mitkam und dem Konzil das Ziel nicht anvertraut werden sollte. Daher beobachtete Semaradrid Rand von der Seite. Nur Weiramon war zu töricht, um darüber nachzudenken. Rand wandte Tai'daishar ab. Er hatte Narishmas Bündel teilweise ausgewickelt und unter dem Riemen seines linken Steigbügels befestigt. »Brecht das Lager ab. Wir ziehen weiter«, wies er die Adligen an.
Dieses Mal ließ er Dashiva das Wegetor weben, das sie alle fortbringen sollte. Der Bursche mit dem unscheinbaren Gesicht sah ihn stirnrunzelnd an und murmelte vor sich hin — er schien aus einem unbestimmten Grund tatsächlich beleidigt! —, und Gedwyn und Rochaid, ihre Pferde Schulter an Schulter, verfolgten mit spöttischem Lächeln, wie der silberne Lichtschlitz zu einer Öffnung im Nichts wurde. Die beiden beobachteten eher Rand als Dashiva. Nun, sollten sie ihn doch beobachten. Wie oft konnte er Saidin ergreifen und es riskieren, benommen aufs Gesicht zu fallen, bevor er tatsächlich fiel? Es durfte nicht dort geschehen, wo sie es sehen konnten.
Dieses Mal führte sie das Wegetor auf eine breite Straße, die die niedrigen, mit Gestrüpp bestandenen Ausläufer der Nemarellin-Berge im Westen durchschnitt. Nicht den Verschleierten Bergen vergleichbar und kein Flecken auf dem Rückgrat der Welt, aber sie erhoben sich dennoch dunkel und erhaben vor dem Himmel, scharfkantige Gipfel, welche die Westküste Illians umgaben. Dahinter lag der Kabalgraben und wiederum dahinter ...
Die Männer erkannten die Gipfel nur allzu bald. Gregorin Panar sah sich einmal um und brummte dann zufrieden. Die anderen drei Ratsmitglieder und Marcolin verhielten ihre Pferde dicht bei ihm, um sich miteinander zu beraten, während noch immer Reiter durch das Wegetor drangen. Semaradrid brauchte nur unwesentlich länger, um herauszufinden, wo sie sich befanden, und Tihera ebenfalls, und beide nickten dann verstehend.
Die Silberstraße führte von der Stadt nach Lugard und diente dem Inlandhandel nach Westen. Es gab auch eine Goldstraße, die nach Far Madding führte. Straßen und Namen stammten gleichermaßen aus der Zeit, bevor es Illian gegeben hatte. In Jahrhunderten hatten Wagenräder, Hufe und Stiefel die Straßen befestigt, und die Cemaros konnten sie nur mit Schlamm verschmutzen. Sie gehörten zu den wenigen zuverlässigen Landstraßen in Illian, auf denen sich auch im Winter große Menschenmengen bewegen konnten. Jedermann wußte inzwischen von den Seanchanern in Ebou Dar, obwohl viele der Gerüchte, die Rand unter den Waffenträgern gehört hatte, behaupteten, die Eindringlinge seien die noch heimtückischeren Vettern der Trollocs. Wenn die Seanchaner die Absicht hatten, Illian anzugreifen, war die Silberstraße ein guter Ort, sich zur Verteidigung zu sammeln.
Semaradrid und die übrigen glaubten zu wissen, was Rand im Sinne hatte: Er mußte erfahren haben, daß die Seanchaner kamen, und die Asha'man waren hier, um sie zu vernichten. Trotz der Geschichten über die Seanchaner schien niemand beunruhigt, daß er nicht zum Zuge käme. Natürlich mußte Tihera es Weiramon letztendlich erklären, der daraufhin beunruhigt war, obwohl er es durch eine großartige Rede über die Weisheit des Lord Drache und das militärische Genie des Herrn des Morgens sowie darüber, daß er persönlich den ersten Angriff gegen diese Seanchaner führen würde, zu verbergen suchte. Ein vollkommen törichter Narr. Mit etwas Glück wäre jedermann sonst, der von einer Armee auf der Silberstraße erführe, zumindest nicht wesentlich schlauer als Semaradrid oder Gregorin. Mit etwas Glück würde niemand Wichtiges die Wahrheit erfahren, bevor es zu spät war.
Rand richtete sich auf eine Wartezeit ein und dachte, es würde nur noch ungefähr einen Tag dauern, aber die Zeit dehnte sich und er begann sich zu fragen, ob er vielleicht ein beinahe ebenso großer Narr wie Weiramon war.
Die meisten Asha'man waren ausgezogen, um in ganz Illian und Tear und den Ebenen von Maredo jene anderen zu suchen, die Rand bei sich haben wollte. Sie suchten in den Cemaros. Wegetore und das Schnelle Reisen waren schön und gut, aber selbst Asha'man mußten sich Zeit für die Suche nehmen, wenn Regengüsse die Sicht behinderten und Morast Gerüchte fast zum Stocken brachte. Auf der Suche konnten die Asha'man ohne es zu merken in einer Meile Entfernung an ihrer Beute vorbeigelangen, und wenn sie schließlich zurückkehrten, waren die Gesuchten bereits weitergezogen. Einige mußten sich auf der Suche nach Menschen, die nicht gefunden werden wollten, weiter fortbegeben. Tage vergingen, bevor die ersten Asha'man Neuigkeiten brachten.
Der Hochlord Sunamon schloß sich Weiramon an; er war ein dicker Mann mit salbungsvoller Art — zumindest Rand gegenüber. In seiner edlen Seidenjacke vornehm gekleidet und stets lächelnd, beteuerte er eloquent seine Treue, aber er intrigierte schon so lange gegen Rand, daß er es wahrscheinlich auch bereits im Schlaf tat. Der Hochlord Torean nahte mit dem plumpen Gesicht eines Bauern und seinem gewaltigen Reichtum heran und stammelte etwas über die Ehre, erneut an der Seite des Lord Drache reiten zu dürfen. Gold interessierte Torean mehr als alles andere, außer vielleicht die Privilegien, die Rand den Adligen in Tear genommen hatte. Er schien besonders entsetzt, als er erfuhr, daß es keine Dienerinnen im Lager gab und nicht einmal ein Dorf in der Nähe war, in dem man vielleicht willfährige Bauerntöchter finden könnte. Torean hatte ebenso häufig wie Sunamon gegen Rand intrigiert, vielleicht sogar häufiger als Gueyam oder Maraconn oder Aracome.