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Die Toten beobachten, flüsterte Lews Therin. Die Toten schließen ihre Augen niemals. Rand erschauderte.
»Ich versuche, mit Frauen umsichtig umzugehen«, belehrte er sie, als er sich wieder im Griff hatte.
»Darum möchte ich, daß Ihr in den nächsten Tagen in meiner Nähe bleibt. Aber wenn Euch der Gedanke so sehr widerstrebt, könnte ich einen der Asha'man abstellen und Euch zur Schwarzen Burg bringen lassen. Dort wärt Ihr sicher.«
Anaiyella lachte affektiert, aber ihr Gesicht wurde grau.
»Danke, nein«, sagte Ailil kurz darauf vollkommen ruhig. »Ich sollte mich jetzt mit meinem Heerführer beraten, was uns bevorsteht.« Aber sie hielt noch einmal inne, während sie ihre Stute umwandte, und betrachtete Rand mit einem Seitenblick. »Mein Bruder Toram ist... ungestüm, sogar unbesonnen. Ich bin es nicht.«
Anaiyella lächelte Rand viel zu lieblich an und schien tatsächlich beunruhigt, bevor sie Ailil folgte, aber als sie sich erst von Rand abgewandt hatte, grub sie ihrem Pferd die Fersen in die Flanken, benutzte ihre Reitpeitsche mit dem edelsteinbesetzten Griff und ritt an der anderen Frau vorbei. Dieser weiße Wallach war überraschend schnell.
Letztendlich waren alle bereit, und die Kolonnen schlängelten sich über die niedrigen Hügel.
»Fangt an«, befahl Rand Gedwyn, der sein Pferd abrupt wendete und seinen Männern Befehle zurief. Die acht Geweihten ritten voraus und stiegen an einer bestimmten Stelle gegenüber den Bergen ab. Einer von ihnen kam Rand vertraut vor, ein bereits ergrauender Bursche, dessen spitzer tairenischer Bart in dem runzligen Gesicht eines Mannes vom Lande irgendwie fehl am Platz war. Acht vertikale Linien grellen blauen Lichts drehten sich und wurden zu Öffnungen, die variierende Ansichten eines weiten, kärglich bewaldeten, zu einem steilen Paß aufsteigenden Gebirgstals zeigten. Die Venirberge in Altara.
Töte sie, klagte Lews Therin flehentlich. Sie sind zu gefährlich, um leben zu dürfen! Rand unterdrückte die Stimme, ohne nachzudenken. Lews Therin reagierte häufig auf diese Art, wenn ein anderer Mann die Macht lenkte oder auch nur dazu fähig war. Er fragte sich nicht mehr, warum.
Rand gab leise einen Befehl, und Flinn blinzelte überrascht, bevor er sich eilends der Reihe der Männer anschloß und ein neuntes Wegetor wob. Keines erreichte die Größe, die Rand gestalten konnte, aber durch jedes würde ein Karren gelangen können, wenn auch nur knapp. Er hatte beabsichtigt, dies selbst zu tun, aber er wollte Saidin nicht erneut vor jedermann ergreifen. Er bemerkte, daß Gedwyn und Rochaid ihn mit gleichermaßen wissendem Lächeln beobachteten. Und Dashiva ebenfalls, dessen Lippen sich bewegten, während er mit sich selbst sprach. Bildete Rand es sich nur ein, oder sah auch Narishma ihn fragend an? Und Adley? Und Morr?
Rand erschauderte, bevor er es verhindern konnte. Mißtrauen seitens Gedwyn und Rochaid war erklärbar, aber erkrankte er jetzt an dem, was Nynaeve das Grauen genannt hatte? Eine Art Wahnsinn, ein lähmender Verdacht gegen alle und jeden? Es hatte einen komischen Kauz namens Benly Coplin gegeben, der glaubte, daß jedermann gegen ihn intrigierte. Er war verhungert, als Rand noch ein Junge war, da er sich aus Angst vor Gift geweigert hatte zu essen.
Rand beugte sich tief über Tai'daishars Hals und drängte den Wallach durch das größte Wegetor. Es war Flinns Wegetor, aber er wäre in diesem Moment auch durch ein von Gedwyn gestaltetes Wegetor geritten. Er gelangte als erster auf altaranischen Boden.
Die übrigen folgten ihm schnell, die Asha'man allen voran. Dashiva blickte stirnrunzelnd in Rands Richtung und Narishma ebenfalls. Nur Gedwyn begann sofort, seinen Soldaten Anweisungen zu geben. Einer nach dem anderen eilten sie vorwärts, eröffneten ein Wegetor und drängten hindurch, ihre Pferde hinter sich herziehend. Weiter voraus im Tal zeigten grelle Lichtblitze die eröffneten und sich schließenden Wegetore an. Die Asha'man konnten über geringe Entfernungen Reisen, ohne sich vorher die Stelle zu merken, von der sie aufbrachen, und legten Entfernungen weitaus schneller zurück als zu Pferde. Nach kurzer Zeit blieben außer den Geweihten, welche die Wegetore hielten, nur noch Gedwyn und Rochaid zurück. Die übrigen schwärmten auf der Suche nach den Seanchanern westwärts aus. Die Saldaeaner waren bereits vollständig durch die Wegetore gelangt und saßen auf. Legionäre schwärmten mit bereitgehaltener Armbrust im Trab im Wald aus. In diesem Land konnten sie sich zu Fuß ebenso schnell vorwärts bewegen wie die Reiter.
Während das restliche Heer auftauchte, ritt Rand in der Richtung das Tal hinauf, in welche die Asha'man gezogen waren. Hohe Berge in seinem Rücken bildeten eine Mauer gegenüber dem Meer, und westwärts verliefen die Gipfel fast bis Ebou Dar. Er trieb seinen Wallach zu leichtem Galopp an.
Bashere holte ihn ein, noch bevor er den Paß erreichte. Der Mann ritt einen kleinen, schnellen Kastanienbraunen — die meisten Saldaeaner ritten kleine Pferde. »Hier gibt es anscheinend keine Seanchaner«, sagte er fast gelangweilt und strich sich mit einem Handrücken über seinen Bart. »Aber es hätte sein können. Tenobia wird wahrscheinlich nur allzu bald meinen Kopf fordern, weil ich einem lebenden — und wieviel mehr einem toten — Wiedergeborenen Drachen folge.«
Rand runzelte die Stirn. Vielleicht konnte er sich von Flinn den Rücken decken lassen, von Narishma und ... Flinn hatte ihm das Leben gerettet. Der Mann mußte aufrichtig sein. Menschen konnten sich jedoch ändern. Und Narishma? Selbst nachdem...? Er fröstelte angesichts des Risikos, das er eingegangen war. Nicht das Grauen. Narishma hatte sich als aufrichtig erwiesen, aber es war dennoch ein aberwitziges Risiko gewesen. So wahnsinnig, wie vor Blicken davonzulaufen, die vielleicht gar nicht existierten, wobei er nicht einmal eine Vorstellung hatte, was ihn am Ende erwartete. Bashere hatte recht, aber Rand wollte nicht weiter darüber sprechen.
Die zum Paß hinaufführenden Hänge bestanden aus blankem Gestein und Felsen aller Größen, aber zwischen den natürlichen Gesteinsbrocken lagen verwitterte Fragmente einer einst riesigen Statue. Einige Stücke waren gerade noch als bearbeiteter Stein erkennbar, andere etwas besser. Neben einer Hand fast von der Größe von Rands Brust, die ein Schwertheft mit abgebrochener Klinge umfaßte, die wiederum breiter als seine Hand war, lag ein großer weiblicher Kopf mit Rissen im Gesicht und einer Krone, die aus aufragenden Dolchen zu bestehen schien, von denen einige noch immer unversehrt waren.
»Was glaubt Ihr, wer sie war?« fragte er. Natürlich eine Königin. Selbst wenn in einer früheren Zeit auch Händler oder Gelehrte Kronen getragen hatten, verdienten doch nur Herrscher und Feldherrn Statuen.
Bashere wandte sich im Sattel um und betrachtete den Kopf, bevor er antwortete. »Eine Königin von Shiota, wette ich«, sagte er schließlich. »Älter ist die Statue nicht. Ich sah einst eine in Eharon gefertigte Statue, die so verwittert war, daß man nicht einmal mehr sagen konnte, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Vermutlich war sie eine Eroberin, sonst hätten sie sie nicht mit einem Schwert dargestellt. Ich glaube mich daran zu erinnern, daß Shiota eine solche Krone an Herrscher vergab, welche die Grenzen ausweiteten. Vielleicht nannte man sie die Schwerterkrone? Vielleicht könnte Euch eine Braune Schwester mehr darüber sagen.«
»Es ist nicht wichtig«, erwiderte Rand verärgert.
Bashere fuhr dennoch fort, die ergrauenden Augenbrauen gesenkt und in würdevollem Ernst. »Vermutlich haben ihr Tausende zugejubelt, sie die Hoffnung Shiotas genannt und vielleicht sogar geglaubt, daß sie es war. Sie könnte zu ihrer Zeit ebenso gefürchtet und respektiert gewesen sein wie Artur Falkenflügel zu späteren Zeiten, aber möglicherweise kennen nicht einmal die Braunen Schwestern ihren Namen. Wenn man stirbt, vergessen die Leute, wer man war und was man getan oder zu tun versucht hat. Jedermann stirbt letztendlich, aber es gibt verdammt noch mal keinen Grund, vor der gesetzten Zeit zu sterben.«