»Das beabsichtige ich auch nicht«, erwiderte Rand scharf. Er wußte, wo er sterben sollte, allerdings nicht wann. Er glaubte es zumindest zu wissen.
Aus den Augenwinkeln nahm er weiter unten eine Bewegung wahr, wo das blanke Gestein in Gestrüpp und einige wenige karge Bäume überging. Fünfzig Schritt entfernt trat ein Mann ins Freie, hob einen Bogen hoch und zog die Bogensehne geschmeidig an seine Wange. Alles schien gleichzeitig zu geschehen.
Rand wendete Tai'daishar verärgert um und beobachtete, wie der Bogenschütze seiner Bewegung folgte. Er ergriff Saidin, und frisches Leben und Verderbnis strömten gleichzeitig in ihn. Er fühlte sich benommen. Da waren zwei Bogenschützen. Galle stieg in seiner Kehle auf, während er gegen den heftigen Ansturm der Macht ankämpfte, der seine Knochen zu versengen und seine Haut zu gefrieren versuchte.
Er konnte ihn nicht kontrollieren. Er konnte nur am Leben bleiben. Er kämpfte verzweifelt um klare Sicht, darum, ausreichend gut sehen zu können, um die Stränge zu weben, die er kaum zu bewältigen vermochte, da Übelkeit ebenso stark in ihn einströmte wie die Macht. Er glaubte, Bashere schreien zu hören. Zwei Bogenschützen schössen ihre Pfeile ab.
Rand hätte sterben sollen. Aus dieser Entfernung hätte auch ein Kind sein Ziel getroffen. Vielleicht rettete es ihn, daß er ein Ta'veren war. Als der Bogenschütze den Pfeil abschoß, flog fast zu seinen Füßen ein Schwärm grau gefiederter Wachteln auf, die schrille Schreie ausstießen. Dies genügte nicht, einen erfahrenen Mann aus dem Gleichgewicht zu bringen, und tatsächlich verzog der Bursche nur um Haaresbreite. Rand spürte den Luftzug des vorüberfliegenden Pfeils an seiner Wange. Plötzlich trafen faustgroße Feuerkugeln den Bogenschützen. Er schrie auf, als sein Arm fortgeschleudert wurde, dessen Hand noch immer den Bogen hielt. Eine weitere Feuerkugel trennte sein linkes Bein am Knie ab, und er fiel schreiend hin.
Rand beugte sich aus dem Sattel und übergab sich. Sein Magen schien alle Mahlzeiten ausstoßen zu wollen, die er jemals zu sich genommen hatte. Das Nichts und Saidin entzogen sich ihm schlagartig. Es war fast mehr, als er ertragen konnte, ohne aus dem Sattel zu fallen.
Als er sich wieder aufrichten konnte, nahm er das weiße Stofftaschentuch entgegen, das Bashere ihm schweigend reichte, und wischte sich den Mund ab. Der Saldaeaner runzelte besorgt die Stirn, wozu auch aller Grund bestand. Rands Magen wollte sich nicht beruhigen. Er dachte, daß er sehr blaß sein mußte. Er atmete tief ein. Saidin auf diese Art zu verlieren konnte einen Mann umbringen. Aber er spürte die Quelle noch immer. Zumindest hatte Saidin ihn nicht ausgebrannt, und er konnte wieder richtig sehen. Da war nur ein Davram Bashere. Aber die Übelkeit wurde mit jedem Ergreifen Saidins schlimmer.
»Sehen wir einmal nach, ob von dem Burschen genug übriggeblieben ist, daß man mit ihm reden kann«, sagte er zu Bashere. Dem war jedoch nicht so.
Rochaid kniete neben dem Toten und durchsuchte ruhig die zerrissene, blutgetränkte Jacke. Ein Arm und ein Bein fehlten, außerdem wies der Bursche noch ein geschwärztes Loch von der Größe seines Kopfes in der Brust auf. Es war Eagan Padros. Seine blicklosen Augen starrten überrascht gen Himmel. Gedwyn ignorierte den Körper zu seinen Füßen und betrachtete statt dessen Rand ebenso kalt wie Rochaid. Beide Männer hielten Saidin fest. Überraschenderweise stöhnte Lews Therin nur.
Flinn und Narishma galoppierten mit lautem Hufgeklapper den Hang hinauf, gefolgt von fast einhundert Saldaeanern. Als sie näher kamen, konnte Rand die Macht in dem bereits ergrauenden älteren und in dem jüngeren Mann spüren, vielleicht so viel, wie sie halten konnten. Beide hatten seit den Brunnen von Dumai an Stärke hinzugewonnen. So war das bei Männern. Frauen schienen langsam stärker zu werden, aber bei Männern geschah dies abrupt. Flinn war stärker als Gedwyn oder Rochaid, und Narishma stand ihm nicht viel nach. Im Moment zumindest, denn man konnte nicht wissen, wie es enden würde. Aber keiner von ihnen reichte auch nur annähernd an Rand heran. Jedenfalls noch nicht. Man konnte nicht wissen, was die Zeit bringen würde. Nicht das Grauen.
»Nur gut, daß wir beschlossen haben, Euch zu folgen, mein Lord Drache.« Gedwyns Stimme klang besorgt und mied jeden Anflug von Hohn. »Habt Ihr heute morgen einen empfindlichen Magen?«
Rand schüttelte den Kopf. Er konnte den Blick nicht von Padros' Gesicht abwenden. Warum? Weil er Illian erobert hatte? Weil der Mann ›Lord Brend‹ treu gewesen war?
Mit einem lauten Ausruf riß Rochaid einen Lederbeutel aus Padros' Jackentasche und stülpte ihn um. Schimmernde Goldmünzen ergossen sich klingend auf den Felsenboden. »Dreißig Kronen«, grollte er. »Kronen aus Tar Valon. Es besteht kein Zweifel, wer ihn bezahlt hat.« Er hob eine Münze auf und warf sie Rand zu, der aber keinerlei Anstalten machte, sie aufzufangen, so daß sie von seinem Arm abprallte.
»Es gibt viele Münzen aus Tar Valon«, bemerkte Bashere gelassen. »Die Hälfte der Männer in diesem Tal haben welche in ihren Taschen. Ich selbst auch.« Gedwyn und Rochaid fuhren zu ihm herum. Bashere lächelte hinter seinem dichten Schnurrbart oder zeigte zumindest die Zähne, aber einige der Saldaeaner regten sich unbehaglich in ihren Sätteln und betasteten ihre Gürteltaschen.
Oben in der Nähe des Passes rotierte ein Lichtschlitz zu einem Wegetor, und ein Shienarer mit Haarknoten in einer einfachen Jacke lief hindurch und zog sein Pferd hinter sich her. Anscheinend war der erste Seanchaner gefunden worden, und zwar nicht allzu weit entfernt, wenn der Mann so schnell zurück war.
»Es ist Zeit zu gehen«, wandte sich Rand an Bashere. Der Mann nickte, aber er regte sich nicht. Statt dessen betrachtete er prüfend die zwei Asha'man, die in Padros' Nähe standen. Sie ignorierten ihn.
»Was machen wir mit ihm?« fragte Gedwyn und deutete auf den Leichnam. »Wir sollten ihn zumindest zu den Hexen zurückschicken.«
»Laßt ihn hier«, erwiderte Rand.
Bist du jetzt bereit zu töten? fragte Lews Therin. Er klang überhaupt nicht wahnsinnig.
Noch nicht, dachte Rand. Bald.
Er grub Tai'daishar die Fersen in die Flanken und galoppierte zum Heer hinunter. Narishma und Flinn folgten dichtauf, und Bashere und die hundert Saldaeaner ebenfalls. Sie sahen sich alle um, als erwarteten sie einen weiteren Anschlag auf Rands Leben. Im Osten bildeten sich zwischen den Gipfeln schwarze Wolken zu einem weiteren Cemaros. Bald.
Der Lagerplatz auf dem Hügel war gut gewählt. Ein Bach in der Nähe lieferte Wasser, und es gab gute Sicht nach allen Seiten. Assid Bakuun war nicht stolz auf das Lager. Während dreißig Jahren im Ewig Siegreichen Heer hatte er Hunderte von Lagern errichtet. Er wäre ebensowenig stolz darauf gewesen, einen Raum durchqueren zu können, ohne hinzufallen. Er war auch nicht stolz darauf, wo er war. Dreißig Jahre hatte er im Dienste der Herrscherin, möge sie ewig leben, verbracht, und während sich, mit Blick auf den Kristallthron, gelegentlich ein Emporkömmling aufgelehnt hatte, hatte er sich in diesen Jahren überwiegend auf diese Situation vorbereitet. Zwei Generationen lang, während die großen Schiffe für die Wiederkehr gebaut wurden, war das Ewig Siegreiche Heer ausgebildet worden. Bakuun hatte gewiß Stolz empfunden, als er erfuhr, daß er einer der Rückkehrer sein sollte. Man konnte ihm seinen Traum von der Wiedererlangung der von Artur Falkenflügels rechtmäßigen Erben gestohlenen Ländereien gewiß verzeihen, wie auch wilde Träume von der Vervollständigung dieser neuen Konsolidierung, bevor der Corenne kam. Es waren immerhin keine solch unerfüllbaren Träume, wie sich herausstellte, aber die Erfüllung würde nicht so erfolgen, wie er es sich vorgestellt hatte.