Ein zurückkehrender Spähtrupp bestehend aus fünfzig tarabonischen Lanzenträgern ritt den Hang hinauf, rote und grüne Streifen über den massiven Brustharnischen und ihre dichten Schnurrbärte von Schleiern aus Kettenpanzer verborgen. Sie ritten gut, und sie kämpften auch gut, wenn sie vernünftige Anführer hatten. Mehr als zehnmal so viele Männer waren bereits bei den Herdfeuern oder den Pflockleinen, um sich um ihre Pferde zu kümmern, aber drei Spähtrupps waren noch nicht zurückgekehrt. Bakuun hätte niemals erwartet, daß einmal über die Hälfte seiner Leute Abkömmlinge von Dieben wären, und sie schämten sich dessen nicht. Sie sahen jedermann direkt in die Augen. Der Befehlshaber des Spähtrupps verbeugte sich tief vor Bakuun, während ihre schlammbespritzten Pferde vorüberzogen, aber viele der übrigen redeten weiterhin in ihrem eigentümlichen Akzent miteinander, zu schnell, als daß Bakuun sie hätte verstehen können. Sie hatten auch eigentümliche Vorstellungen von Disziplin.
Bakuun schüttelte den Kopf und ging dann zu dem großen Zelt der Sul'dam hinüber. Vier der Sul'dam saßen in ihren dunkelblauen Gewändern mit dem gespaltenen Blitz auf den Röcken auf Stühlen vor dem Zelt und genossen während einer der seltenen Unterbrechungen der Stürme den Sonnenschein. Die grau gekleidete Damane saß zu ihren Füßen, und Nerith flocht ihr helles Haar. Und sie unterhielt sich auch mit ihr, woraufhin sich alle an dem Gespräch beteiligten und leise lachten. Das Armband am Ende der Koppel des silbrigen A'dam lag auf dem Boden. Bakuun brummte verärgert. Er hatte zu Hause einen Lieblingswolfshund, mit dem er auch manchmal sprach, aber er würde niemals erwarten, daß Nip ihm antwortete!
»Geht es ihr gut?« fragte er Nerith nicht zum ersten Mal. Und auch nicht zum zehnten Mal. »Ist mit ihr alles in Ordnung?« Die Damane senkte den Blick und schwieg.
»Es geht ihr recht gut, Hauptmann Bakuun.« Nerith, eine Frau mit kantigem Gesicht, sprach mit dem angemessenen Respekt. Aber sie strich der Damane beruhigend über den Kopf, während sie sprach. »Was auch immer ihr fehlte, es ist jetzt vorbei. Es war auf jeden Fall nichts Schlimmes. Nichts, worüber man sich Sorgen machen müßte.« Die Damane zitterte.
Bakuun brummte erneut. Diese Antwort unterschied sich nicht wesentlich von den zuvor erhaltenen. Etwas hatte jedoch in Ebou Dar nicht gestimmt, und nicht nur mit dieser Damane. Die Sul'dam waren alle vollkommen verschlossen gewesen — und die vom Blut würde einem wie ihm natürlich nichts sagen, aber er hatte zuviel Gerede gehört. Es besagte, die Damane wären alle krank oder wahnsinnig. Licht, er hatte rund um Ebou Dar keine einzige die Macht anwenden sehen, als die Stadt erst gesichert war, nicht einmal für eine Siegesdemonstration von Himmelslichtern — und wer hatte jemals so etwas gehört!
»Nun, ich hoffe, sie ...«, begann er und brach ab, als durch den Ostpaß ein Raken heranschoß. Er schlug kraftvoll mit seinen großen ledrigen Schwingen, um Höhe zu gewinnen, neigte sich plötzlich unmittelbar über dem Hügel und beschrieb einen engen Kreis, eine Schwingenspitze fast senkrecht abwärts zeigend. Ein schmales rotes Band mit einer Bleikugel als Gewicht fiel herab.
Bakuun unterdrückte einen Fluch. Flieger mußten stets angeben, aber wenn diese beiden bei Ablieferung ihres Kundschafterberichts einen seiner Männer verletzten, würde er ihre Köpfe fordern, gleichgültig, wem er gegenübertreten müßte, um sie zu bekommen. Er hätte nicht kämpfen wollen, ohne Flieger als Kundschafter zur Verfügung zu haben, aber sie wurden verhätschelt wie das Lieblingsschoßkind irgendeines Adligen.
Das Band sank pfeilgerade herab. Das Bleigewicht traf auf dem Boden auf, prallte noch einmal ab und blieb schließlich fast neben dem hohen schmalen Nachrichtenmast liegen.
Bakuun ging direkt zu seinem Zelt, aber sein Oberleutnant wartete bereits mit dem schlammbeschmutzten Band und der Nachrichtenröhre. Tiras war ein knochiger Mann, einen Kopf größer als er selbst und mit einem kläglichen Flecken Bart an der Kinnspitze.
Der Bericht lag zusammengerollt in der schmalen Metallröhre. Er war auf einen Papierstreifen geschrieben, durch den man fast hindurchsehen konnte, und einfach gehalten. Bakuun war niemals gezwungen gewesen, auf einem Raken oder einem To'mken zu reiten —dem Licht sei Dank, und die Herrscherin, möge sie ewig leben, sei gepriesen! —, aber er bezweifelte, daß es leicht war, auf dem Rücken einer fliegenden Eidechse eine Feder zu führen. Der Inhalt der Nachricht veranlaßte ihn, den Deckel seines kleinen Schreibtischs zu öffnen und rasch ein paar Zeilen zu schreiben.
»Eine Streitmacht steht keine zehn Meilen östlich von hier«, belehrte er Tiras. »Fünf- oder sechsmal so viele Männer wie wir.« Flieger übertrieben manchmal, aber nicht allzu häufig. Wie konnten so viele Männer so weit durch diese Berge gelangen, ohne bemerkt zu werden? Er hatte die Ostküste gesehen, und er wollte, daß seine Grabgebete bezahlt wären, bevor er dort zu landen versuchte. Verdammt, die Flieger brüsteten sich stets damit, sie würden sogar eine Fliege bemerken, die sich irgendwo in der Gegend bewegte. »Es besteht kein Grund zu der Annahme, daß sie von unserer Anwesenheit wissen, aber ein wenig Verstärkung könnte wohl nicht schaden.«
Tiras lachte. »Wir lassen sie die Damane spüren. Das würde selbst dann genügen, wenn sie uns zwanzigfach überlegen wären.« Sein einziger wirklicher Fehler war seine übertriebene Zuversicht. Er war jedoch ein guter Soldat.
»Und wenn sie einige wenige ... Aes Sedai bei sich haben?« fragte Bakuun leise, wobei ihm der Name kaum Mühe bereitete, während er den Bericht des Fliegers zusammen mit seiner eigenen kurzen Nachricht wieder in die Röhre steckte. Er hatte nicht geglaubt, daß irgend jemand diese ... Frauen frei herumlaufen lassen könnte.
Tiras' Miene zeigte, daß er sich an die Geschichten über eine Geheimwaffe der Aes Sedai erinnerte. Das rote Band wehte hinter ihm her, als er mit der Metallröhre davoneilte.
Schon bald wurden Röhre und Band an der Spitze des Nachrichtenmasts befestigt, woraufhin ein leichter Wind den langen Streifen fünfzehn Schritt über dem Hügelkamm bewegte. Der Raken schwebte das Tal entlang darauf zu, die ausgebreiteten Schwingen totenstill. Plötzlich schwang sich eine der Reiterinnen aus dem Sattel und hing dann — kopfüber! — unter den Krallen des Raken. Bakuuns Magen rebellierte, als er sie dabei beobachtete. Aber ihre Hand schloß sich um das Band, und der Mast bog sich und federte wieder hoch, nachdem die Nachrichtenröhre aus der Befestigung gerissen wurde. Die Reiterin kletterte wieder in den Sattel, während das Wesen in langsamen Kreisen aufstieg.
Bakuun verbannte Raken und Flieger aus seinen Gedanken, während er über das Tal hinweg blickte. Es war weit und lang, bis auf diesen Hügel fast flach und von steilen, bewaldeten Hängen umgeben. Nur eine Ziege konnte hier abseits der Pässe eindringen, die er einsehen konnte. Mit den Damane würde er jedermann in Stücke reißen, der versuchte, über diese morastige Wiese hinweg anzugreifen. Er hatte dennoch alle benachrichtigt. Griffe der Feind direkt an, dann träfe er ein, bevor irgendwelche Verstärkung käme, die bestenfalls drei Tage brauchte. Wie waren sie ungesehen so weit gekommen?
Er hatte die letzten Schlachten der Konsolidierung um zweihundert Jahre verpaßt, aber einige jener Aufstände waren schwerwiegend gewesen. Zwei Jahre Kämpfe in Marendalar, dreißigtausend Tote und fünfzigmal so viele, die per Schiff als Eigentum aufs Festland zurückkehrten. Eigenartiges zu bemerken hielt einen Soldaten am Leben. Bakuun befahl, das Lager abzubauen und alle Spuren zu beseitigen, und führte seine Männer zu den bewaldeten Hügeln. Dunkle Wolken zogen im Osten auf. Ein weiterer dieser verfluchten Stürme kam auf.