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Kriegswirren
Der Regen hatte vorübergehend aufgehört. Rand führte Tai'daishar um einen entwurzelten Baum herum und blickte stirnrunzelnd auf einen toten Mann hinab, der auf dem Rücken hinter dem Baumstamm lag. Der Bursche war klein und gedrungen, das Gesicht faltig und seine Rüstung ganz aus blauen und grünen Plättchen. Blicklos starrte er in die schwarzen Wolken über ihnen. Er ähnelte Eagan Padros sehr, bis hin zu dem fehlenden Bein. Offensichtlich ein Offizier. Das Schwert neben seiner ausgestreckten Hand besaß ein in der Form einer Frau geschnitztes Elfenbeinheft, und sein glänzender Helm, der wie der Kopf eines riesigen Insekts aussah, wies zwei lange, dünne blaue Federn auf.
Entwurzelte und zersplitterte Bäume, einige hell lodernd in Flammen, lagen auf gut fünfhundert Schritt Breite über den Berghang verstreut, wie auch Leichname mit gebrochenen Gliedern oder in Stücke gerissen, als Saidin den Berghang verheerte. Die meisten trugen Stahlschleier über den Gesichtern und Brustharnische mit waagerechten farbigen Streifen. Dem Licht sei Dank, daß keine Frauen dabei waren. Die verletzten Pferde waren getötet worden — noch etwas, wofür man dankbar sein mußte. Es war unglaublich, wie laut ein Pferd schreien konnte.
Denkst du, die Toten schweigen? Lews Therins Lachen klang rauh. Glaubst du das? Gequälter Zorn schwang in seiner Stimme mit. Die Toten schreien mich an.
Mich auch, dachte Rand betrübt. Ich kann es nicht ertragen, ihnen zuzuhören, aber wie bringt man sie zum Schweigen! Lews Trierin begann, um seine verlorene Ilyena zu weinen.
»Ein großer Sieg«, psalmodierte Weiramon hinter Rand und murrte dann: »Aber es ist nur wenig Ehre damit verbunden. Die alte Kampfart ist die beste.« Schlamm befleckte Rands Jacke überall, aber Weiramon schien überraschenderweise noch ebenso unbeeinträchtigt wie auf der Silberstraße. Sein Helm und seine Rüstung glänzten. Wie war ihm das gelungen? Die Taraboner hatten letztendlich angegriffen und Lanzen und Mut gegen die Eine Macht aufgeboten. Weiramon hatte seinen Angriff geführt, um sie zu vernichten, ohne den Befehl dazu und gefolgt von allen Tairenern außer den Verteidigern — überraschenderweise sogar von einem halbwegs betrunkenen Torean und von Semaradrid und Gregorin Panar, zusammen mit den meisten der Cairhiener und Illianer. Es war zu diesem Zeitpunkt schwer gewesen auszuharren, und jedermann wollte etwas tun, was er beherrschte. Die Asha'man hätten es schneller schaffen können, wenn auch ungeordneter.
Rand hatte sich nicht an den Kämpfen beteiligt, außer daß er dort im Sattel gesessen hatte, wo die Männer ihn sehen konnten. Er hatte Angst gehabt, die Macht zu ergreifen. Er wagte es nicht, ihnen gegenüber Schwäche zu zeigen. Keinesfalls. Lews Therin schwatzte bei dem Gedanken entsetzt drauflos.
In gleichem Maße überraschend wie Weiramons saubere Jacke war die Tatsache, daß Anaiyella mit ihm ritt und ausnahmsweise einmal nicht affektiert lächelte. Ihr verkniffenes Gesicht drückte Mißbilligung aus. Seltsamerweise verdarb das ihr Aussehen nicht halb so sehr wie ihr eingebildetes Lächeln. Sie hatte ebensowenig an dem Angriff teilgenommen wie Ailil, aber Anaiyellas Pferdemeister hatte mitgekämpft, und der Mann war mit Gewißheit tot, da eine tarabonische Lanze in seiner Brust stak, was ihr überhaupt nicht gefiel. Aber warum begleitete sie Weiramon? Nur weil sie Tairener waren, die sich zusammenscharten? Vielleicht. Sie war in Begleitung Sunamons gewesen, soweit Rand zuletzt gesehen hatte.
Bashere trieb seinen Kastanienbraunen den Hang hinauf und umrundete die Toten, während er sie nicht mehr zu beachten schien als einen zersplitterten Baumstamm oder einen brennenden Stumpf. Sein Helm hing am Sattel, und seine Panzerhandschuhe steckten hinter dem Schwertgürtel. Seine rechte Seite wie auch die seines Pferdes war schlammbespritzt.
»Aracome ist tot«, sagte er. »Flinn hat ihn zu Heilen versucht, aber ich glaube nicht, daß Aracome so leben wollte. Bisher sind es annähernd fünfzig Tote, und auch einige der Verwundeten überleben vielleicht nicht.« Anaiyella erbleichte. Rand hatte sie in Aracomes Nähe gesehen, wo sie sich übergab. Tote Bürgerliche berührten sie nicht so sehr.
Rand verspürte einen Moment Mitleid. Nicht für sie und auch nicht allzu sehr für Aracome. Aber für Min, obwohl sie sicher in Cairhien war. Min hatte Aracomes Tod vorausgesagt, und Gueyams und Maraconns Tod ebenso. Was auch immer sie gesehen hatte — Rand hoffte, daß es der Realität nicht einmal nahe gekommen war.
Die meisten Soldaten kundschafteten erneut. Unten auf der weiten Wiese gaben von Gedwyns Geweihten gewobene Wegetore die Versorgungskarren und die Ersatzpferde frei. Die mit ihnen auftauchenden Männer rissen den Mund auf, sobald sie weit genug gelangt waren, um das Tal sehen zu können. Der morastige Boden war nicht so durchfurcht wie der Hang, und doch durchschnitten zwei Fuß breite und fünfzig Fuß lange geschwärzte Rinnen das braune Gras. Gähnende Öffnungen waren erkennbar, die vielleicht nicht einmal ein Pferd überspringen könnte. Sie hatten die Damane noch nicht entdeckt. Rand glaubte, es handele sich nur um eine. Weitere hätten unter diesen Umständen erheblich größeren Schaden angerichtet.
Männer machten sich um ein paar kleine Feuer zu schaffen, auf denen unter anderem Teewasser kochte. Dieses Mal vermischten sich Tairener, Cairhiener und Illianer und nicht nur die Bürgerlichen. Semaradrid teilte seine Sattelflasche mit Gueyam, der mit einer Hand müde über seinen kahlen Kopf rieb. Maraconn und Kiril Drapaneos, ein schlaksiger Mann mit einem viereckig geschnittenen Bart und einem schmalen Gesicht, hockten auf den Fersen in der Nähe eines der Feuer. Sie spielten anscheinend Karten! Torean hatte einen ganzen Kreis lachender junger cairhienischer Adliger um sich versammelt, obwohl sie vielleicht weniger belustigt über seine Spaße als über die Art waren, wie er schwankte und seine Kartoffelnase rieb. Die Legionäre hielten sich fern, aber sie hatten die ›Freiwilligem aufgenommen, die Padros zum Banner des Lichts gefolgt waren. Sie schienen eifriger bemüht als alle anderen, seit sie erfahren hatten, wie Padros gestorben war. Legionäre in blauen Jacken zeigten ihnen, wie man die Richtung änderte, ohne wie eine Gänseherde auseinanderzugeraten.
Flinn kümmerte sich ebenso um die Verwundeten wie Adley, Morr und Hopwil. Narishma konnte kaum mehr als unbedeutende Schnitte Heilen, nicht besser als Rand, und Dashiva konnte nicht einmal das. Gedwyn und Rochaid standen in eine Unterhaltung vertieft abseits von allen anderen, ihre Pferde auf dem Hügel inmitten des Tals an den Zügeln haltend. Sie hatten erwartet, die Seanchaner auf dem Hügel überraschen zu können, als sie aus den ihn umgebenden Wegetoren gedrungen waren. Fast fünfzig Männer waren tot und weitere würden noch sterben, aber ohne Flinn und die übrigen wären es über zweihundert Tote gewesen. Gedwyn und Rochaid hatten ihre Hände nicht beschmutzen wollen und sahen Rand angewidert an, als er sie doch dazu trieb. Einer der Toten war ein Soldat, und ein weiterer Soldat, ein rundgesichtiger Cairhiener, saß zusammengesunken und mit benommenem Blick neben einem Feuer. Rand hoffte, daß dieser Blick nur dadurch bedingt war, daß der Mann durch den unter seinen Füßen aufbrechenden Boden durch die Luft geschleudert worden war.
Unten auf der furchendurchzogenen Ebene beriet sich Ailil mit ihrem Heerführer, einem blassen kleinen Mann namens Denharad. Ihre Pferde standen fast auf Tuchfühlung zusammen, und sie blickten gelegentlich den Berg hinauf zu Rand. Was führten sie im Schilde?
»Nächstesmal werden wir es besser machen«, murrte Bashere. Er ließ seinen Blick über das Tal wandern und schüttelte dann den Kopf. »Der schlimmste Fehler ist, denselben Fehler zweimal zu machen, und das werden wir nicht tun.«