Der Soldat zwischen Gedwyn und Rochaid sah Nerith unbehaglich an, als sie vorüberritten. Rand erinnerte sich vage daran, ihn an dem Tag in der Schwarzen Burg gesehen zu haben, als er zum ersten Mal die silbernen Schwerter verteilte und Taim die allererste Drachen-Anstecknadel verlieh. Der junge Mann hieß Varil Nensen und trug noch immer den seinen dichten Schnurrbart verbergenden, durchscheinenden Schleier. Er hatte jedoch nicht gezögert, als er sich seinen Landsleuten gegenübersah. Seine Treue galt jetzt der Schwarzen Burg und dem Wiedergeborenen Drachen — wie zumindest Taim stets betonte. Der zweite Teil dieser Aussage klang stets wie ein Nachgedanke.
»Euch wird die Ehre zuteil, dem Wiedergeborenen Drachen selbst Bericht zu erstatten, Soldat Nensen«, sagte Gedwyn widerwillig.
Nensen richtete sich im Sattel auf. »Mein Lord Drache!« bellte er und schlug sich mit der Faust an die Brust. »Weitere Feinde stehen ungefähr dreißig Meilen westlich von hier, mein Lord Drache.« Dreißig Meilen war der Radius, den Rand den Kundschaftern zu sondieren befohlen hatte, bevor sie zurückkehren sollten. Was nützte es, wenn ein Soldat Seanchaner fand, während die übrigen noch weiter westlich zogen? »Vielleicht die Hälfte derer, die hier waren«, fuhr Nensen fort. »Und ...« Seine dunklen Augen zuckten erneut zu Nerith. Sie war jetzt gefesselt, und die Saldaeaner bemühten sich gerade, sie auf ein Pferd zu binden. »Und ich habe keinerlei Frauen gesehen, mein Lord Drache.«
Bashere blickte blinzelnd gen Himmel. Dunkle Wolken zogen von Gipfel zu Gipfel, aber die Sonne sollte noch hoch am Himmel stehen. »Es ist an der Zeit, die Männer zu verköstigen, bevor die übrigen zurückkehren«, sagte er und nickte zufrieden. Nerith hatte es geschafft, ihre Zähne in das Handgelenk eines Saldaeaners zu schlagen, und sie ließ nicht locker.
»Verköstigt sie rasch«, sagte Rand verärgert. Würde sich jede Sul'dam, die er gefangennahm, als so schwierig erweisen? Höchstwahrscheinlich. Licht, was würde geschehen, wenn sie eine Damane gefangennahmen? »Ich will nicht den ganzen Winter in diesen Bergen verbringen.« Gille die Damane. Er konnte einen Namen nicht mehr auslöschen, wenn er erst auf jene Liste gelangt war.
Die Toten schweigen niemals, flüsterte Lews Therin. Die Toten schlafen niemals.
Rand ritt zu den Feuern hinab, aber er hatte keinen Appetit.
Furyk Karede betrachtete von der Spitze eines Felsvorsprungs aus die bewaldeten Berge ringsherum, scharfe Spitzen wie bedrohliche Fänge. Sein großer, gescheckter Wallach richtete die Ohren auf, als vernehme er etwas, das Karede entgangen war, aber ansonsten stand das Tier still. Karede mußte häufig anhalten und die Linse seines Fernrohrs abwischen. Leichter Regen fiel aus einem grauen Morgenhimmel. Die beiden schwarzen Federn auf seinem Helm waren gebeugt statt aufgerichtet, und Wasser lief seinen Rücken hinab. Der Regen war unbedeutend, jedenfalls im Vergleich zu gestern. Im Süden rollte drohend Donner. Karedes Sorge galt jedoch nicht dem Wetter.
Unter ihm schlängelten sich die letzten von zweitausenddreihundert Mann auf gewundenen Pässen. Sie ritten gute Pferde und wurden recht gut geführt, obwohl nur zweihundert von ihnen Seanchaner waren — und nur zwei außer ihm selbst trugen das Rot-Grün der Garde. Das größte Kontingent stellten die Taraboner —er kannte ihren Charakter —, aber ein gutes Drittel waren Amadicianer und Altaraner, die erst vor allzu kurzer Zeit ihren Eid geleistet hatten, als daß irgend jemand sicher sein konnte, wie sie sich bewähren würden. Einige Altaraner und Amadicianer hatten bereits zwei- oder dreimal die Seiten gewechselt, oder zumindest hatten sie es versucht. Die Menschen auf dieser Seite des Aryth-Meeres besaßen kein Schamgefühl. Ein Dutzend Sul'dam ritt fast am Anfang der Kolonne, und er wünschte, alle zwölf hätten die neben ihren Pferden laufenden Damane gekoppelt anstatt nur zwei.
Fünfzig Schritt weiter beobachteten die zehn Männer der Vorausabteilung die Hänge über ihnen, wenn auch nicht so aufmerksam, wie sie es hätten tun sollen. Zu viele Männer, die als Vorausabteilung ritten, verließen sich darauf, daß die vor ihnen befindlichen Kundschafter Gefahren entdeckten. Karede nahm sich vor, persönlich mit diesen Männern zu sprechen. Sie würden ihre Pflicht danach ordentlicher erfüllen, sonst würde er sie in die Arbeitstrupps versetzen.
Ein Raken erschien östlich vor ihnen, glitt tief über die Baumwipfel, drehte ab und folgte den Windungen der Landschaft. Eigenartig. Morat'mken, Flieger, flogen stets gern in großer Höhe, es sei denn, der Himmel war von Blitzen durchzuckt. Karede senkte das Fernrohr, um hinzuschauen.
»Vielleicht erhalten wir letztendlich einen weiteren Kundschafterbericht«, bemerkte Jadranka zu den hinter Karede wartenden Offizieren, nicht zu ihm. Drei der zehn Männer bekleideten denselben Rang wie Karede, und doch störten nur wenige außer dem Adel einen Mann im Blutrot und fast schwarzen Grün der Totenwache. Nicht daß viele Adlige es getan hätten.
Den Geschichten zufolge, die er als Kind gehört hatte, war einer seiner adligen Vorfahren Luthair Paendrag auf Artur Falkenflügels Befehl hin nach Seanchan gefolgt, und zweihundert Jahre später, als nur der Norden sicher war, hatte ein weiterer Vorfahr versucht, ein eigenes Königreich zu errichten, endete allerdings statt dessen damit, daß er vom Henker freigekauft werden mußte. Vielleicht war es so gewesen. Viele Da'covale beanspruchten zumindest untereinander adlige Vorfahren, aber nur wenige Adlige empfanden solches Geschwätz als belustigend. Auf jeden Fall hatte Karede Glück empfunden, als die Erwähler ihn aussuchten, einen kräftigen Knaben, der noch zu jung war, als daß man ihm Pflichten zugewiesen hätte, und er war noch immer stolz auf die auf seine Schultern tätowierten Raben. Viele Totenwächter gingen ohne Jacke oder Hemd umher, wann immer es möglich war, um die Tätowierungen zu zeigen.
Karede war ein Da'covale, der Besitz des Kristallthrons, mit Körper und Seele, und er war wie jeder Mann der Garde stolz darauf. Er kämpfte, wo immer die Herrscherin ihn hinschickte, und würde an dem Tag sterben, an dem sie es ihm befahl. Die Garde gehorchte allein der Herrscherin, und wo sie erschien, trat sie als ihr Arm auf, als sichtbare Mahnung an alle. Es war nicht verwunderlich, daß sich einige Adlige unbehaglich fühlten, wenn sie eine Abordnung der Garde vorüberziehen sahen. Es war ein weitaus besseres Leben, als die Ställe eines Lords auszumisten oder einer Lady Kaf zu servieren. Aber er verfluchte das Schicksal, das ihn zur Inspektion der Außenposten in diese Berge geschickt hatte.
Der Raken schwebte weiterhin westwärts, die beiden Flieger tief in den Sattel gekauert. Es gab keinen Kundschafterbericht, keine Nachricht für ihn. Furyk wußte, daß er es sich einbildete, aber der lange, ausgestreckte Hals des Wesens wirkte irgendwie ... angstvoll. Wäre er jemand anderer gewesen, hätte er vielleicht auch Angst empfunden. Es hatte nur wenige Nachrichten für ihn gegeben, seit er vor drei Tagen seine Befehle erhalten hatte, das Kommando zu übernehmen und westwärts zu ziehen, und jede Nachricht hatte eher noch mehr Verwirrung als Klarheit hervorgerufen.
Die Ortsansässigen, diese Altaraner, waren anscheinend in großer Anzahl in die Berge gezogen, aber wie? Die Straßen im Norden des Gebirges wurden von Kundschaftertrupps kontrolliert und fast bis zur Grenze nach Illian bewacht, sowohl von Fliegern und Morat'torm als auch von berittenen Truppen. Was hatte die Altaraner zu der Entscheidung veranlaßt, so stark die Zähne zu zeigen? Zusammengehörigkeit? Man konnte bei ihnen schon durch einen Blick ein Duell heraufbeschwören — obwohl sie allmählich lernten, daß es nur eine langsamere Art war, die Kehle durchgeschnitten zu bekommen, wenn man einen Gardisten herausforderte. Aber er hatte Adlige dieser sogenannten Nation erlebt, die einander und ihre Königin für die bloße Zusicherung verkaufen wollten, daß ihre eigenen Ländereien verschont und ihnen zudem diejenigen ihrer Nachbarn einverleibt würden.