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Er betrachtete die beiden Frauen einen Moment. Anaiyella murmelte etwas, das vage wie ein Glückwunsch klang, und gönnte ihm ein unterwürfiges Lächeln. Ailil stand sehr aufrecht da, als sei nichts geschehen. Hatten sie ihn sterben lassen wollen? Oder ihn töten wollen? Aber wenn dem so war — warum hatten sie dann ihren Waffenträgern die Verantwortung übertragen und waren herbeigeeilt, um nach ihm zu sehen? Andererseits hatte Ailil ihren Dolch gezogen, als von seinem Tod die Rede war.

Die meisten Saldaeaner und Illianer galoppierten gen Norden oder ritten den Hang des Hügels hinab und verfolgten die letzten Seanchaner. Weiramon erschien von Norden und ritt langsam auf einem großen, glänzenden Schwarzen heran, der mit den Hufen scharrte, als er Rand sah. Die Waffenträger ritten in Doppelreihe hinter ihm.

»Mein Lord Drache«, begann der Hochlord, während er abstieg. Er schien noch immer so sauber wie in Illian. Bashere war im Gegensatz zu ihm zerzaust und hier und da ein wenig schmutzig, und Gregorins edle Kleidung war entschieden dreckig. Weiramon verbeugte sich auf eine Art, die an einem Königshof Beschämung hervorgerufen hätte. »Verzeiht, mein Lord Drache. Ich dachte, ich hätte vor dem Kamm Seanchaner herannahen sehen und wollte mich ihnen entgegenstellen. Ich hätte niemals diese anderen vermutet. Ihr wißt nicht, wie sehr es mich schmerzen würde, wenn Ihr verletzt worden wärt.«

»Ich kann es mir denken«, sagte Rand trocken, und Weiramon blinzelte. Seanchaner, die herannahten? Vielleicht. Weiramon würde jede Gelegenheit für einen ruhmreichen Angriff nutzen. »Wo stehen die Seanchaner jetzt, Bashere?«

»Sie ziehen sich zurück«, erwiderte Bashere. Am entgegengesetzten Ende des Tals flammten einen Moment erneut Feuer und Blitze auf, wie um ihn Lügen zu strafen.

»Eure ... Eure Kundschafter sagen, alle wären auf dem Rückzug«, sagte Gregorin, rieb sich den Bart und warf Morr einen unbehaglichen Seitenblick zu. Morr grinste ihn offen an. Rand hatte den Illianer im dichtesten Kampfgetümmel an der Spitze seiner Männer gesehen, wie er sie ermutigte und sein Schwert mit wilder Hemmungslosigkeit schwang, aber bei Morrs Grinsen zuckte er zurück.

Dann kam Gedwyn heran, der sein Pferd nachlässig, fast überheblich führte. Er sah Bashere und Gregorin hämisch an, bedachte Weiramon mit einem Stirnrunzeln, als wisse er bereits von dem Fehler des Mannes, und betrachtete Ailil und Anaiyella, als wollte er sie zwicken. Die beiden Frauen zogen sich hastig zurück, was auch die Männer außer Bashere taten. Selbst Morr. Gedwyn berührte als Gruß an Rand beiläufig mit der Faust die Brust. »Ich habe Kundschafter ausgesandt, sobald ich erkannte, daß diese Gruppe besiegt war. Innerhalb von zehn Meilen stehen drei weitere Kolonnen.«

»Sie sind eilig westwärts gezogen«, warf Bashere ruhig ein, aber er betrachtete Gedwyn scharf. »Ihr habt es geschafft«, sagte er zu Rand. »Sie weichen alle zurück. Ich bezweifle, daß sie vor Ebou Dar innehalten werden. Nicht jede Schlacht endet mit einem großen Einmarsch in die Stadt, und diese ist beendet.«

Überraschenderweise begann Weiramon für einen Vorstoß zu plädieren, um »Ebou Dar für den Ruhm des Herrn des Morgens einzunehmen«, wie er sich ausdrückte, aber es war gewiß noch erschreckender, von Gedwyn zu hören, er hätte nichts dagegen, einige weitere Angriffe auf die Seanchaner zu führen und Ebou Dar aufzusuchen. Selbst Ailil und Anaiyella stimmten dafür, »den Seanchanern ein für allemal ein Ende zu bereiten«, obwohl Ailil noch hinzufügte, daß sie es auch wollte, um zu vermeiden, deswegen zurückkehren zu müssen. Sie war sich ziemlich sicher, daß der Lord Drache dabei auf ihrer Begleitung bestehen würde, das äußerte sie in einem so kühlen und trockenen Tonfall wie eine Nacht in der Aiel-Wüste.

Nur Bashere und Gregorin sprachen sich für die Rückkehr aus und erhoben ihre Stimmen um so lauter, je stiller Rand wurde. Schweigend blickte er westwärts in Richtung Ebou Dar.

»Wir haben getan, weshalb wir hergekommen sind«, beharrte Gregorin. »Barmherziges Licht, wollt Ihr Ebou Dar selbst einnehmen?«

Ebou Dar einnehmen, dachte Rand. Warum nicht? Niemand würde das erwarten. Eine vollkommene Überraschung, sowohl für die Seanchaner wie auch für alle anderen.

»Es gibt Zeiten, in denen man seinen Vorteil ergreift und weitermacht«, grollte Bashere. »Zu einer anderen Zeit nimmt man seinen Gewinn und geht nach Hause. Ich sage, es ist an der Zeit, nach Hause zu gehen.«

Ich hätte nichts dagegen, wenn du in meinem Kopf wärst, sagte Lews Therin und klang fast geistig gesund, wenn du nicht so eindeutig wahnsinnig wärst.

Ebou Dar. Rand umfaßte das Drachenszepter fester, und Lews Therin kicherte.

24

Zeit für Härte

Ein Dutzend Meilen östlich von Ebou Dar glitt ein Raken aus dem wolkenverhangenen Sonnenaufgang heran und landete auf einer länglichen Weide, die durch farbige Wimpel an hohen Pfosten als Flugfeld markiert war. Das braune Gras wurde bereits seit Tagen niedergetreten. Die ganze Anmut der Wesen im Flug verlor sich, sobald ihre Klauen in schwerfälligem Lauf den Boden berührten, wobei sie die ledrigen, mindestens dreißig Fuß weiten Flügelspitzen ausgebreitet hielten, als wollten sie sich wieder aufwärts schwingen. Es war kein schöner Anblick, wenn ein Raken flügelschlagend und unbeholfen das Flugfeld entlang lief, während sich die Flieger an den Sattel klammerten, bis er schließlich taumelnd aufstieg und mit den Flügelspitzen nur knapp die Wipfel der Olivenbäume am Ende des Flugfeldes verfehlte. Erst wenn sie an Höhe gewannen, sich der Sonne zuwandten und auf die Wolken zuflogen, erlangten Raken ihre würdevolle Erhabenheit zurück. Nach der Landung machten sich die Flieger nicht die Mühe abzusteigen. Während ein Erdung dem Raken einen Korb mit gedörrten Früchten entgegenhielt, wovon dieser zwei Handvoll auf einmal verschlang, reichte einer der Flieger einem rangälteren Erdling den Kundschafterbericht herab, während sich der zweite Flieger auf der anderen Seite hinunterbeugte, um von einem noch rangälteren Flieger, der die Zügel nicht mehr allzu häufig selbst halten konnte, neue Befehle entgegenzunehmen. Das Wesen wurde fast ebenso rasch, wie es zum Halten gebracht wurde, gewendet und zu vier oder fünf weiteren Raken gebracht, die bereits darauf warteten, daß sie mit ihrem langen, linkischen Lauf in den Himmel wieder an der Reihe waren.

Boten trugen die Kundschafterberichte eilig zwischen voranschreitenden Formationen von Kavallerie und Infanterie hindurch zu dem großen, mit einem roten Banner versehenen Zelt des Befehlshabers. Es gab hochmütige tarabonische Lanzenträger und schwerfällige, wohlgeordnete amadicianische Pikeniere, die Brustharnische waagerecht mit den Farben ihrer Regimenter gekennzeichnet. Die ungeordnete altaranische leichte Kavallerie ließ ihre Pferde tänzeln, voller Einbildung auf die roten Schlitze kreuz und quer über ihrer Brust, die sich so sehr von den Kennzeichnungen aller anderen unterschieden. Die Altaraner wußten nicht, daß auf diese Art Hilfstruppen zweifelhafter Zuverlässigkeit gekennzeichnet wurden. Unter den seanchanischen Soldaten waren namhafte Regimenter mit hohen Verdiensten. Sie kamen aus allen Teilen des Reiches: helläugige Männer aus Alqam, honigbraune Männer aus N'Kon und kohlenschwarze Männer aus Khoweal und Dalenshar. Sie waren Morat'torm auf ihren wendigen, mit Schuppen überzogenen Reittieren, die Pferde vor Angst wiehern und tänzeln ließen, und einige sogar Morat'grolm mit ihren wuchtigen, mit Schnäbeln ausgestatteten Schützlingen, aber etwas, das ein seanchanisches Heer eigentlich stets begleitete, glänzte durch Abwesenheit. Die Sul'dam und Damane hielten sich noch immer in ihren Zelten auf. Kennar Miraj dachte häufig an die Sul'dam und Damane.