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Schließlich wandte sich Suroth vom Kartentisch um. Sie erlaubte ihm nicht aufzustehen, akzeptierte ihn nicht als Adligen. Nicht daß er es erwartet hätte. Er stand weit unter ihr. »Ihr seid marschbereit?« fragte sie kurz angebunden. Zumindest sprach sie nicht durch ihre Stimme zu ihm. Vor so vielen seiner Offiziere hätte er sich dafür geschämt.

»Ich werde bereit sein, Suroth«, antwortete er ruhig und erwiderte ihren Blick. Er war adlig, wie niedrig auch immer er stand. »Sie brauchen mindestens zehn Tage, um sich zu versammeln, und mindestens zehn weitere Tage, bevor sie die Berge verlassen können. Aber ich werde weitaus eher ...«

»Sie könnten morgen hier sein«, fauchte sie. »Heute! Wenn sie kommen, Miraj, werden sie durch die alte Kunst des Reisens kommen, das scheint jedenfalls sehr wahrscheinlich.«

Er hörte Männer sich wider Willen auf dem Boden regen. Suroth verlor die Kontrolle über ihre Gefühle und schwatzte von Legenden? »Seid Ihr sicher?« Die Worte platzten heraus, bevor er sie aufhalten konnte.

Jetzt verlor sie wirklich die Selbstbeherrschung. Ihre Augen flammten. Sie ergriff den Saum ihres mit Blumen bestickten Gewandes, so daß die Knöchel weiß hervortraten, und ihre Hände zitterten. »Zweifelt Ihr an mir?« stieß sie ungläubig hervor. »Es sollte genügen, daß ich meine Gewährsmänner habe.« Miraj erkannte, daß sie ebenso zornig auf sie wie auf ihn war.

»Wenn sie kommen, werden es vielleicht fünfzig dieser Asha'man sein, wie sie sich großspurig nennen, aber nicht mehr als fünf- oder sechstausend Soldaten. Anscheinend gab es seit Anbeginn nicht mehr, was auch immer die Flieger sagen.«

Miraj nickte zögernd. Fünftausend Mann, die sich mit der Einen Macht unbemerkt fortbewegten, würden eine Menge erklären. Welche Gewährsmänner hatte sie, daß sie die Zahlen so genau kannte? Er war nicht töricht genug, danach zu fragen. Sie hatte gewiß Augen-und-Ohren in ihren Diensten, die auch sie beobachteten. Fünfzig Asha'man. Der bloße Gedanke an einen Mann, der die Macht lenkte, erweckte in ihm bereits den Wunsch, angewidert auszuspeien. Gerüchte behaupteten, daß der Wiedergeborene Drache, dieser Rand al'Thor, sie aus allen Nationen versammelte, aber er hätte niemals erwartet, daß es so viele sein könnten. Es hieß, der Wiedergeborene Drache könne die Macht lenken. Das mochte stimmen, immerhin war er der Wiedergeborene Drache.

Die Prophezeiungen des Drachen waren in Seanchan schon bekannt, bevor Luthair Paendrag die Konsolidierung begann — wie es hieß, verfälscht und sehr von der reinen Version abweichend, die Luthair Paendrag brachte. Miraj hatte mehrere Ausgaben des in diesen Ländern verbreiteten Karaethon-Zyklus gesehen, und sie waren ebenfalls verfälscht — nicht eine erwähnte, daß er dem Kristallthron dienen sollte! —, aber die Prophezeiungen hielten die Gedanken und Herzen der Menschen noch immer gefangen. Viele hofften, daß die Wiederkehr bald geschähe und daß diese Länder vor Tarmon Gai'don zurückgewonnen werden könnten, damit der Wiedergeborene Drache die Letzte Schlacht zum Ruhm der Herrscherin, möge sie ewig leben, gewinnen könnte. Die Herrscherin würde gewiß wollen, daß al'Thor zu ihr geschickt würde, damit sie den Mann sehen könnte, der ihr diente. Es würde keine Schwierigkeiten mit al'Thor geben, wenn er erst vor ihr kniete. Nur wenige schüttelten die Ehrfurcht ab, die sie empfanden, wenn sie vor dem Kristallthron knieten, während der Durst zu gehorchen ihre Zungen austrocknete. Aber es schien offensichtlich, daß es leichter wäre, den Burschen auf ein Schiff zu schaffen, wenn man sich der Asha'man entledigte —man mußte sich ihrer gewiß entledigen — und wartete, bis al'Thor ein gutes Stück über das Aryth-Meer nach Seandar zurückgelegt hätte.

Das brachte Miraj zu dem Problem zurück, das er hatte vermeiden wollen, wie er innerlich erschreckt erkannte. Er war kein Mann, der vor Schwierigkeiten zurückschreckte oder sie gar blind ignorierte, aber diese unterschieden sich von allem, was er kannte. Er hatte in zwei Dutzend Schlachten mit auf beiden Seiten eingesetzten Domäne, gekämpft. Er kannte ihre Art. Es ging nicht nur darum, mit der Macht anzugreifen. Erfahrene Sul'dam erkannten irgendwie, was Damane oder Marath'damane taten, und die Damane sagten es den anderen, damit sie sich auch verteidigen konnten. Erkannten Sul'dam auch, was ein Mann tat? Schlimmer ...

»Ihr werdet die Sul'dam und Damane mir überlassen?« fragte er. Wider Willen atmete er tief durch und fügte hinzu: »Wenn sie noch immer krank sind, wird es von unserer Seite ein kurzer und blutiger Kampf.«

Weitere Regungen unter den auf dem Bauch liegenden Männern war die Folge. Jedes zweite Gerücht im Lager handelte davon, welche Krankheit die Sul'dam und Damane an ihre Zelte gefesselt hätte. Alwhin reagierte recht offen, höchst unpassend für eine So'jhin, mit einem zornigen Blick. Die Damane zuckte erneut zusammen und fing an zu zittern. Seltsamerweise zuckte auch die Da'covale mit dem honigfarbenen Haar zusammen.

Suroth trat lächelnd zu der Stelle, wo die Da'covale kniete. Warum sollte sie eine schlecht ausgebildete Dienerin anlächeln? Sie streichelte die dünnen Zöpfe der knienden Frau, und der Rosenmund wurde jäh zu einem Schmollen verzogen. Eine ehemalige Adlige dieser Länder? Suroths erste Worte bestätigten diese Annahme, obwohl sie offensichtlich für ihn bestimmt waren. »Kleine Fehler kosten wenig, und große Fehler kosten sehr viel. Ihr werdet die Damane bekommen, die Ihr fordert, Miraj. Und Ihr werdet diese Asha'man lehren, daß sie im Norden hätten bleiben sollen. Ihr werdet sie vom Angesicht der Erde tilgen, die Asha'man, die Soldaten, alle. Bis auf den letzten Mann, Miraj. Ich habe gesprochen.«

»Es wird geschehen, wie Ihr befehlt, Suroth«, erwiderte er. »Sie werden vernichtet werden bis auf den letzten Mann.« Mehr konnte er jetzt nicht sagen. Er wünschte jedoch, sie hätte ihm eine Antwort auf die Frage gegeben, ob die Sul'dam und Damane noch krank waren.

Rand verhielt und wendete Tai'daishar in der Nähe des Kamms des kahlen, felsigen Hügels und verfolgte, wie der größte Teil seines kleinen Heers aus den anderen Öffnungen in der Luft hervordrang. Er hatte die Wahre Quelle sehr fest gehalten, so fest, daß sie in seinem Griff zu zittern schien. Mit der Macht in sich fühlten sich die scharfen Spitzen der Schwerterkrone, die in seine Schläfen stachen, mit einem Mal schärfer denn je an, und den Frost des frühen Morgens empfand er gleichzeitig kälter und nicht der Beachtung wert. Die niemals heilenden Wunden an seiner Seite waren ein dumpfer und ferner Schmerz. Lews Therin schien vor Unsicherheit nach Atem zu ringen oder auch vor Angst. Vielleicht wollte er nicht mehr so gern sterben, nachdem er dem Tod am Tag zuvor so nahe gekommen war. Aber andererseits wollte er nicht immer sterben. Das einzig Beständige an dem Mann war das Verlangen zu töten, was nur allzu häufig auch zufällig seine eigene Tötung einschloß.

Es wird bald für jedermann genügend Leichen geben, dachte Rand. Licht, die letzten sechs Tage hätten ausgereicht, um sogar einem Geier Übelkeit zu verursachen. Waren es wirklich nur sechs Tage? Der Abscheu berührte ihn jedoch nicht. Er wollte es nicht zulassen. Lews Therin antwortete nicht. Ja, es war an der Zeit, ein hartes Herz zu bewahren. Und einen harten Magen. Rand beugte sich einen Moment herab, um das stoffumwickelte Bündel unter seinem Steigbügelgurt zu berühren. Nein, dafür war die Zeit noch nicht reif. Vielleicht würde diese Zeit überhaupt nicht kommen. Unsicherheit legte sich schimmernd über das Nichts und wohl auch noch etwas anderes. Unsicherheit, ja, aber das andere war nicht Angst. Es war nicht Angst!