Saidin schien in Callandor hineinzuspringen, bevor er die Quelle berührte. Das Kristallschwert schimmerte vom Knauf bis zur Schwertspitze in weißem Licht. Er hatte zuvor nur geglaubt, die Macht erfülle ihn. Jetzt hielt er mehr davon fest, als zehn oder auch hundert Männer ohne Unterstützung hätten festhalten können. Er wußte nicht, wie viele. Das Sonnenfeuer versengte seinen Kopf. Die Kälte aller Winter aller Zeitalter fraß sich in sein Herz. Dieser reißende Strom trug den Makel aller Misthaufen der Welt mit sich, die sich in seine Seele entleerten. Saidin versuchte noch immer, ihn zu töten, auch den letzten Rest seines Seins fort zu scheuern, fort zu brennen, fort zu frieren, aber er kämpfte, und er überlebte einen weiteren Moment und noch einen Moment und noch einen. Er verspürte das Bedürfnis zu lachen. Er konnte alles tun!
Einst hatte er, als er Callandor gehalten hatte, eine Waffe gestaltet, die im Stein von Tear Schattengezücht aufspürte und es mit Blitzen tötete. Sicherlich mußte es etwas Ähnliches geben, was er jetzt gegen seine Feinde einsetzen könnte. Aber als er Lews Therin rief, antwortete ihm nur verängstigtes Wimmern, als fürchte diese entkörperte Stimme den Schmerz Saidins.
Mit dem flammenden Callandor in der Hand — er konnte sich nicht daran erinnern, die Klinge über den Kopf erhoben zu haben — starrte er auf die Hügel, in denen sich seine Feinde verborgen hielten. Die Hügel erschienen jetzt im dichter werdenden Regen grau, und dunkle Wolken schlössen das Sonnenlicht aus. Was hatte er Eagan Padros gesagt?
»Ich bin der Sturm«, flüsterte er — für seine Ohren ein Schrei, ein Brüllen —, und er lenkte die Macht.
Die Wolken über ihm siedeten. Wo sie rußschwarz gewesen waren, wurden sie zur Mittemacht, zum Herzen der Mitternacht. Er wußte nicht, was er lenkte. Er wußte es trotz Asmodeans Unterweisung häufig nicht. Vielleicht führte Lews Therin ihn, obwohl er wimmerte. Stränge Saidins wirbelten über den Himmel, Wind und Wasser und Feuer. Feuer. Der Himmel regnete wahrhaftig Blitze. Einhundert Blitze gleichzeitig, Hunderte blauweiß gespaltene Schäfte, die überall in Sichtweite abwärts stachen. Die Hügel vor ihm brachen auf. Einige platzten unter dem Ansturm der Blitze auseinander wie zertretene Ameisenhaufen. Flammen sprangen in Dickichten auf, Bäume wurden im Regen zu Fackeln, und Flammen rasten durch Olivenhaine.
Etwas traf ihn schwer und er erkannte, daß er sich mühsam vom Boden aufrappelte. Die Krone war ihm vom Kopf gefallen. Callandor schimmerte jedoch noch immer in seiner Hand. Er war sich vage bewußt, daß auch Tai'daishar zitternd aufstand. Also wollten sie einen Gegenangriff auf ihn führen.
Er stieß Callandor hoch über den Kopf und schrie ihnen zu: »Greift mich an, wenn Ihr es wagt! Ich bin der Sturm! Kommt, wenn Ihr es wagt, Shai'tan! Ich bin der Wiedergeborene Drache!« Tausend zischende Lichtblitze hagelten aus den Wolken.
Etwas schleuderte ihn erneut zu Boden. Er versuchte, sich wieder aufzurappeln. Das noch immer schimmernde Callandor lag einen Schritt von seiner ausgestreckten Hand entfernt. Der Himmel wurde von Blitzen zerrissen. Plötzlich erkannte Rand, daß das auf ihm lastende Gewicht Bashere war und daß der Mann ihn schüttelte. Bashere mußte ihn zu Boden geschleudert haben!
»Hört auf!« schrie der Saldaeaner. Aus einem Riß an seinem Kopf lief fächerförmig Blut über sein Gesicht. »Ihr tötet uns, Mann! Hört auf!«
Rand wandte den Kopf, und ein benommener Blick genügte. Blitze flammten überall um ihn herum auf, in allen Richtungen. Ein Blitz traf auf dem rückwärtigen Hang auf, wo sich Denharad und die Waffenträger befanden. Schreie von Männern und Pferden ertönten. Anaiyella und Ailil versuchten vergebens, die sich mit wild rollenden Augen aufbäumenden Pferde zu beruhigen. Flinn beugte sich über jemanden, der nicht weit entfernt von einem toten Pferd mit bereits starren Beinen lag.
Rand ließ Saidin los. Er ließ es los, aber es floß noch einige Augenblicke in ihn, und Blitze wüteten weiterhin. Der Strom in ihm nahm ab, versiegte und schwand. Schwindel vereinnahmte ihn statt dessen. Drei weitere Herzschläge lang schimmerte Callandor auf dem Boden doppelt, und Blitze regneten herab. Dann herrschte bis auf das ansteigende Trommeln des Regens Stille. Und bis auf die Schreie von jenseits des Hügels.
Bashere löste sich langsam von ihm, und Rand stand taumelnd auf und blinzelte, als sich sein Sehvermögen wieder einstellte. Der Saldaeaner beobachtete ihn, wie er vielleicht auch einen tollwütigen Löwen beobachtet hätte, und betastete sein Schwertheft. Anaiyella warf einen Blick auf Rand und brach ohnmächtig zusammen. Ihr Pferd schoß mit schleifenden Zügeln davon. Ailil, die sich noch immer mit ihrem Pferd abmühte, gönnte Rand nur wenige Blicke. Rand beließ Callandor für den Moment an seinem Platz. Er war sich nicht sicher, daß er es aufzuheben wagte. Noch nicht.
Flinn richtete sich auf, schüttelte den Kopf und stand dann schweigend da, während Rand wankend hinter ihn trat. Der Regen fiel auf Jonan Adleys blicklose Augen, die sich entsetzt vorwölbten. Jonan war einer der ersten gewesen. Jene Schreie von jenseits des Hügels schienen durch den Regen zu schneiden. Wie viele noch, fragte sich Rand. Unter den Verteidigern? Den Gefährten? Unter ...?
Dichter Regen verbarg die Hügel, in denen das seanchanische Heer lag. Hatte er sie überhaupt getroffen, als er blind zugeschlagen hatte? Oder warteten sie mit all ihren Damane noch immer dort draußen? Warteten sie ab, wie viele seiner eigenen Leute er noch für sie töten würde?
»Stellt so viele Wachen auf, wie Ihr für nötig erachtet«, befahl er Bashere. Seine Stimme klang eisenhart. Einer der ersten. Sein Herz war eisenhart. »Wenn Gregorin und die übrigen zu uns stoßen, werden wir so schnell wie möglich dorthin reisen, wo die Karren warten.« Bashere nickte schweigend und wandte sich im Regen ab.
Ich habe verloren, dachte Rand schwerfällig. Ich bin
der Wiedergeborene Drache, aber ich habe zum ersten Mal verloren.
Plötzlich geriet Lews Therin in Wut, wobei die listigen Seitenhiebe vergessen waren. Ich bin niemals besiegt worden, knurrte er. Ich bin der Herr des Morgens! Niemand kann mich besiegen!
Rand saß im Regen, drehte die Schwerterkrone in Händen und betrachtete das im Schlamm liegende Callandor. Er ließ Lews Therin toben.
Abaldar Yulan weinte, dankbar für den Regen, der die Tränen auf seinen Wangen verbarg. Jemand würde den Befehl geben müssen. Letztendlich würde sich jemand bei der Herrscherin, möge sie ewig leben, entschuldigen müssen, und vielleicht noch eher bei Suroth. Sie waren jedoch nicht der Grund für seine Tränen, und er weinte auch nicht um einen toten Kameraden. Er riß grob einen Ärmel von seiner Jacke und legte ihn über Miraj s starre Augen, damit der Regen nicht darauf träfe.
»Gebt das Signal zum Rückzug«, befahl Yulan und sah die Männer um ihn herum zusammenzucken. Das Ewig Siegreiche Heer hatte an diesen Gestaden zum zweiten Mal eine verheerende Niederlage erlitten, und Yulan glaubte nicht, daß er der einzige war, der weinte.