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Eine unwillkommene Rückkehr

Elaida saß hinter ihrem vergoldeten Schreibtisch und betastete die vom Alter nachgedunkelte Elfenbeinschnitzerei eines fremdartigen Vogels mit einem ebenso langen Schnabel wie sein Körper. Einigermaßen belustigt hörte sie den sechs Frauen zu, die auf der anderen Seite des Tisches standen und alle Sitzende ihrer Ajahs waren. Sie sahen einander finster von der Seite an, scharrten mit ihren Samtpantoffeln auf dem hell gemusterten Teppich, der den größten Teil der rotbraunen Bodenfliesen bedeckte, zupften an mit Ranken versehenen Stolen, daß die farbigen Fransen tanzten, und erweckten den Eindruck einer Schar verstockter Dienerinnen, die wünschten, sie hätten den Mut, einander vor ihrer Herrin an die Kehle zu gehen. Eisblumen bedeckten die Fensterscheiben, so daß man den Schnee kaum sehen konnte, den der Wind in eisigem Zorn umherwirbelte. Elaida war es recht warm, und das nicht nur aufgrund der dicken Holzscheite, die in dem weißen Marmorkamin loderten. Ob diese Frauen sich dessen bewußt waren oder nicht — nun, Duhara wußte es gewiß, und die übrigen vielleicht auch —, sie war ihre Herrin. Die kunstvolle goldene Kastenuhr, die Cemaile aufgestellt hatte, zeigte die verstreichende Zeit an. Cemailes verschwundener Traum würde wahr werden. Die Burg würde ihren Ruhm zurückerlangen und wäre fest in der Hand Elaida do Avriny a'Roihans.

»Es wurde noch nie ein Ter'angreal gefunden, mit dem das Machtlenken einer Frau »kontrolliert werden‹ kann«, sagte Velina gerade mit kühler und klarer, aber fast mädchenhaft hoher Stimme, die überhaupt nicht zu ihrer Adlerhakennase und den stechenden, schrägstehenden Augen paßte. Sie saß für die Weißen und war abgesehen von ihrer lebhaften Erscheinung auch das genaue Abbild einer Weißen. Selbst ihr einfaches, makelloses Gewand schien starr und kalt. »Nur sehr wenige wurden jemals gefunden, die auch nur annähernd die gleiche Funktion erfüllen. Daher könnte es logischerweise, wenn solch ein Ter'angreal gefunden würde, oder auch mehr als eines, so unwahrscheinlich das auch sein mag, nicht genügend viele davon geben, um mehr als höchstens zwei oder drei Frauen zu kontrollieren. Daraus folgt, daß die Berichte über diese sogenannten Seanchaner vollkommen übertrieben sind. Wenn es Frauen an ›Koppeln‹ gibt, können sie unmöglich die Macht lenken. Ich leugne nicht, daß diese Leute Ebou Dar besetzt haben und auch Amador und vielleicht noch weitere Länder, aber diese Berichte sind eindeutig nur eine Schöpfung Rand al'Thors, vielleicht um die Menschen zu ängstigen, damit sie ihm scharenweise zuströmen wie sein Prophet. Es ist einfache Logik.«

»Ich bin sehr froh, daß Ihr zumindest die Nachrichten aus Amador und Ebou Dar nicht leugnet, Velina«, sagte Shevan trocken, und sie konnte tatsächlich sehr trocken sein. Die Braune Sitzende war so groß wie die meisten Männer und dazu klapperdürr, und ihr kantiges Gesicht und das lange Kinn machte ihre Lockenpracht nicht vorteilhafter. Sie richtete mit spinnenartigen Fingern ihre Stola und glättete die Röcke aus dunkelgoldenem Samt; ihre Stimme wurde betont belustigt. »Ich fühle mich nicht wohl dabei, Vermutungen anzustellen, was sein kann und was nicht sein kann. Beispielsweise ›wußte‹ vor noch nicht allzu langer Zeit jedermann, daß nur ein von einer Schwester gewobener Schild eine Frau am Lenken der Macht hindern konnte. Dann kommt ein einfaches Kraut, Gabelwurz — und absolut jedermann kann Euch einen Tee einflößen, der Euch über Stunden der Fähigkeit beraubt, die Macht zu lenken. Das ist vermutlich bei störrischen Wilden und ähnlichen nützlich, aber eine üble kleine Überraschung für jene, die alles zu wissen glauben. Vielleicht lernt als nächstes jemand, wieder Ter'angreale zu fertigen.«

Elaida preßte die Lippen zusammen. Sie beschäftigte sich nicht mit Unmöglichem, und wenn es in dreitausend Jahren keiner Schwester gelungen war, das Wissen um die Fertigung von Ter'angrealen wiederzuentdecken, würde man es niemals wiederentdecken. Wissen, das ihr durch die Finger rann, wenn sie es festhalten wollte, grämte sie. Trotz all ihrer Bemühungen hatte inzwischen jede letzte Anfängerin in der Burg von der Gabelwurz erfahren, auch wenn niemandem dieses Wissen letztendlich gefiel. Niemandem gefiel es auch, plötzlich jedermann gegenüber verletzlich zu sein, der von den Krautern wußte und ein wenig heißes Wasser besaß. Das Wissen war schlimmer als Gift, wie die Sitzenden hier deutlich machten.

Bei der Erwähnung des Krautes zeigten Duharas große dunkle Augen in ihrem kupferfarbenen Gesicht Unbehagen, und sie wirkte starrer als üblich. Sedore schluckte tatsächlich, und ihre Finger verkrampften sich um die Ledermappe, die Elaida ihr gereicht hatte, obwohl die rundgesichtige Gelbe normalerweise kühle Eleganz ausstrahlte. Andaya zitterte! Sie zog wahrhaftig ihre mit grauen Fransen versehene Stola krampfhaft um sich.

Elaida fragte sich, was sie wohl täten, wenn sie erführen, daß die Asha'man das Schnelle Reisen wiederentdeckt hatten. Im Moment waren sie kaum in der Lage, überhaupt von ihnen zu sprechen. Es war ihr zumindest gelungen, dieses Wissen auf eine Handvoll Menschen zu beschränken.

»Ich denke, wir sollten uns lieber mit dem beschäftigen, was unzweifelhaft feststeht«, sagte Andaya bestimmt, nachdem sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Ihr hellbraunes Haar, das sie glänzend gebürstet hatte, fiel ihren Rücken hinab, und ihr mit silbernen Schlitzen versehenes blaues Gewand war in andoranischem Stil geschnitten, aber ihre Sprache war noch immer stark tarabonisch gefärbt. Obwohl sie weder klein noch sonderlich schlank war, erinnerte sie Elaida immer irgendwie an einen Spatz, der gerade auf einen Ast hüpfen will. Eine höchst untypische Unterhändlerin, obwohl sie sich einen guten Ruf erworben hatte. Sie lächelte nicht sehr erfreut in die Runde, und auch das erinnerte an einen Spatz. Vielleicht lag es an der Art, wie sie ihren Kopf hielt. »Reine Spekulation, mit der wertvolle Zeit verschwendet wird. Die Welt hängt an einem seidenen Faden, und ich will keine kostbare Zeit damit verlieren, über Logik zu plaudern oder darüber, was jeder Narr und jede Novizin weiß. Hat jemand etwas Nützliches zu sagen?« Sie konnte für einen Spatz recht bissig werden. Velina wurde rot, und Shevans Gesicht verdüsterte sich.

Rubinde betrachtete die Graue mit geschürzten Lippen. Vielleicht sollte es ein Lächeln sein, aber es war nur verzerrt. Die Mayenerin wirkte mit ihrem rabenschwarzen Haar und den Augen wie Saphiren üblicherweise, als wolle sie eine Steinmauer durchschreiten, und so, wie sie jetzt die Fäuste in die Hüften stemmte, schien sie dazu überaus bereit. »Wir haben uns um alles in unserer Macht Stehende gekümmert, Andaya, zumindest um das meiste. Die Aufständischen werden in Murandy vom Schnee aufgehalten, und wir werden ihnen den Winter über so stark zusetzen, daß sie im Frühjahr zurückgekrochen kommen und um Entschuldigung und Buße bitten. Um Tear werden wir uns kümmern, sobald wir herausfinden, wohin der Hochlord Darlin verschwunden ist, und um Cairhien, wenn wir erst Caraline Damodred und Toram Riatin in ihren Verstecken aufgestöbert haben. Al'Thor besitzt im Moment die Krone von Illian, aber auch daran wird gearbeitet. Wenn Ihr also keinen Plan habt, wie man den Mann in die Burg locken oder diese sogenannten ›Asha'man‹ aus der Welt schaffen kann, muß ich mich um die Angelegenheiten meiner Ajah kümmern.«

Andaya richtete sich mit wahrhaft zerzaustem Gefieder auf. Duhara verengte die Augen, denn die Erwähnung von Männern, welche die Macht lenken konnten, erzürnte sie stets. Shevan schnalzte mit der Zunge, als schelte sie unartige Kinder, und Velina runzelte aus einem unbestimmten Grund die Stirn, den ihr gewiß Shevan eingegeben hatte. Es war belustigend, geriet aber außer Kontrolle.

»Die Angelegenheiten der Ajahs sind wichtig, Töchter.« Elaida hob ihre Stimme nicht an, aber aller Köpfe wandten sich ihr ruckartig zu. Sie legte die Elfenbeinschnitzerei zu ihrer restlichen Sammlung in die große, mit Rosen und goldenen Schneckenornamenten verzierte Schachtel und richtete sorgfältig ihre Schreibmappe und den Schreibkasten aus, so daß die lackierte Schachtel die Reihe vollendete, und als die Frauen vollkommen still waren, fuhr sie fort. »Die Angelegenheiten der Burg sind jedoch wichtiger. Ich vertraue darauf, daß Ihr meine Erlasse umgehend befolgt. Ich bemerke in der Burg zuviel Trägheit. Ich fürchte, Silviana wird sehr beschäftigt sein, wenn die Angelegenheiten nicht bald bereinigt sind.« Sie sprach keine weitere Drohung aus. Sie lächelte nur.