Sie fügte mechanisch und wie benommen ›des Lichts‹ hinter ›Triumph‹ ein, aber dann erstarrte ihre Hand. Es könnte noch angehen, al'Thor als den Wiedergeborenen Drachen anzuerkennen, da er es war, und das könnte wiederum dazu führen, daß viele die Gerüchte glaubten, er habe bereits vor ihr niedergekniet, was sich vielleicht als nützlich erweisen würde, aber was das übrige betraf, konnte sie kaum glauben, daß so viel Unheil in so wenigen Worten enthalten sein konnte.
»Das Licht lasse Gnade walten«, hauchte sie inbrünstig. »Wenn dies verkündet wird, dann wird al'Thor unmöglich davon zu überzeugen sein, daß seine Entführung von uns nicht gutgeheißen war.« Es wäre auch so schon schwer genug, aber sie hatte schon früher erlebt, daß man Menschen davon überzeugen konnte, daß Geschehenes nicht geschehen war, obwohl sie mitten in diesem Geschehen standen. »Und er wird zehnmal wachsamer auf einen weiteren Versuch achten. Alviarin, dies wird bestenfalls einige seiner Gefolgsleute abschrecken. Bestenfalls!« Viele waren wahrscheinlich schon so tief verstrickt, daß sie den Versuch nicht wagen würden, sich zurückzuziehen. Und gewiß nicht, wenn sie glaubten, ihnen drohe bereits die Verbannung! »Ich könnte ebensogut die Burg mit meinen eigenen Händen anzünden wie dies unterschreiben!«
Alviarin seufzte ungeduldig. »Ihr habt doch Euren Katechismus nicht vergessen? Sagt ihn für mich auf, wie ich es Euch gelehrt habe.«
Elaidas Lippen preßten sich von selbst zusammen. Ein Vergnügen in Abwesenheit der Frau — nicht das größte, aber wahrhaft ein Vergnügen — war es gewesen, nicht gezwungen zu sein, jeden Tag diese widerwärtige Litanei zu wiederholen. »Ich werde tun, was mir befohlen wird«, sagte sie schließlich mit tonloser Stimme. Sie war der Amyrlin-Sitz! »Ich werde die Worte aussprechen, die Ihr mir zu sagen befehlt, und nicht mehr.« Ihre Vorhersage verhieß ihren Triumph, aber beim Licht, möge er bald kommen! »Ich werde unterzeichnen, was Ihr mir zu unterzeichnen befehlt, und nichts sonst. Ich gehorche ...« Sie erstickte fast an diesen Worten. »Ich gehorche Eurem Willen.«
»Ihr klingt, als müßtet Ihr an die Wahrhaftigkeit dieser Worte erinnert werden«, sagte Alviarin mit einem weiteren Seufzer. »Ich habe Euch vermutlich zu lange allein gelassen.« Sie tippte mit einem Finger gebieterisch auf das Pergament. »Unterzeichnet.«
Elaida führte die Feder über das Pergament. Sie konnte nicht anders.
Alviarin wartete kaum ab, bis die Federspitze wieder angehoben wurde, bevor sie den Erlaß an sich riß. »Ich werde ihn selbst versiegeln«, sagte sie und eilte zur Tür. »Ich hätte das Siegel der Amyrlin nicht dort belassen sollen, wo Ihr es finden konntet. Ich werde später noch mit Euch sprechen. Ich habe Euch zu lange Euch selbst überlassen. Seid hier, wenn ich zurückkomme.«
»Später?« fragte Elaida. »Wann? Alviarin? Alviarin?«
Die Tür schloß sich hinter der Frau, und Elaida blieb wütend zurück. Hier sein, wenn Alviarin zurückkam! Auf ihre Räume beschränkt wie eine Novizin in der Strafzelle!
Sie spielte eine Zeitlang mit ihrem Schreibkasten, auf dem goldene Falken unter weißen Wolken am blauen Himmel kämpften, konnte sich aber nicht dazu überwinden, ihn zu öffnen. Als Alviarin fort war, hatte sich der Kasten erneut mit wichtigen Briefen und Berichten gefüllt, nicht nur mit den Krumen, die Alviarin ihr sonst zukommen ließ, und doch hätte er nach Rückkehr der Frau ebensogut wieder leer sein können. Elaida erhob sich und richtete die Rosen in ihren weißen Vasen, die auf weißen Marmorsockeln in jeder Ecke des Raums standen. Blaue Rosen — die seltensten.
Sie erkannte jäh, daß sie einen entzwei gebrochenen Rosenstiel in ihrer Hand anstarrte. Ein halbes Dutzend weitere lagen am Boden. Sie stieß einen überraschten Laut aus. Sie hatte sich vorgestellt, daß ihre Hände um Alviarins Kehle lägen. Es war nicht das erste Mal, daß sie daran gedacht hatte, die Frau zu töten, aber Alviarin würde gewiß Vorkehrungen getroffen haben. Es waren zweifellos versiegelte Dokumente, die geöffnet werden sollten, wenn etwas Unvorhergesehenes geschähe, die bei den Schwestern hinterlegt worden waren, an die Elaida als letzte dächte. Das war ihre eine wirkliche Sorge während Alviarins Abwesenheit gewesen, daß noch jemand glauben könnte, die Frau sei tot, und mit dem Beweis herausrücken würde, der ihr die Stola um ihre Schultern nähme. Früher oder später, auf die eine oder andere Art, würde Alviarin jedoch so sicher erledigt sein, wie diese Rosen es waren ...
»Ihr habt auf mein Klopfen nicht geantwortet, Mutter, also kam ich einfach herein«, sagte eine Frau hinter ihr barsch.
Elaida wandte sich um, bereit zu schelten, aber beim Anblick der stämmigen Frau mit dem viereckigen Gesicht und einer roten Stola, die unmittelbar hinter der Tür stehengeblieben war, wich alles Blut aus ihrem Gesicht.
»Die Behüterin sagte, Ihr wolltet mich sprechen«, äußerte Silviana verärgert. »Wegen einer geheimen Buße.« Sie bemühte sich nicht einmal dem Amyrlin-Sitz gegenüber, ihren Abscheu zu verbergen. Silviana hielt geheime Bußen für lächerliche Heuchelei. Buße war eine öffentliche Angelegenheit, nur die Bestrafung geschah im geheimen. »Sie hat mich auch gebeten, Euch an etwas zu erinnern, aber sie eilte davon, ohne mir zu sagen, worum es sich handelte.« Sie beendete ihre Worte mit einem Schnauben. Silviana sah alles, was ihr Zeit für ihre Novizinnen und Aufgenommene raubte, als unnötige Unterbrechung an.
»Ich glaube, ich erinnere mich«, sagte Elaida teilnahmslos.
Als Silviana schließlich ging — nach nur einer halben Stunde, dem Glockenschlag von Cemailes Uhr nach zu urteilen, und doch eine nicht enden wollende Ewigkeit —, hielt nur die Sicherheit der Vorhersage und der Gedanke daran, daß Seaine den Verrat zu Alviarin zurückverfolgen würde, Elaida davon ab, sofort den Saal der Sitzenden zusammenzurufen, um zu fordern, Alviarin die Stola der Behüterin der Chroniken abzunehmen — und die ebenso sichere Tatsache, daß sie selbst in dieser Konfrontation mit Bestimmtheit gestürzt würde, gleichgültig, ob dies auch für Alviarin galt oder nicht. Also lag Elaida do Avriny a'Roihan, die Wächterin der Siegel, die Flamme von Tar Valon, der Amyrlin-Sitz und gewiß die mächtigste Herrscherin der Welt, mit dem Gesicht nach unten auf ihrem Bett und weinte in die Kissen, zu geschwächt, um das Nachthemd anzuziehen, das vergessen auf dem Boden lag. Bei ihrer Rückkehr würde Alviarin gewiß darauf bestehen, daß sie die ganze Befragung über säße. Sie weinte und betete durch ihre Tränen hindurch, daß Alviarins Niedergang bald geschähe.
»Ich habe dir nicht aufgetragen, Elaida ... schlagen zu lassen«, sagte diese Stimme wie Kristallglocken. »Erhebst du dich über dich selbst?«
Alviarin warf sich vor der Frau, die aus Schatten und silbrigem Licht gemacht schien, von den Knien auf den Bauch. Sie ergriff den Saum von Mesaanas Gewand und überhäufte es mit Küssen. Das illusorische Gewebe — das mußte es sein, obwohl sie weder auch nur einen einzigen Faden Saidar sehen konnte noch die Fähigkeit, die Macht zu lenken, die sie bei der Frau spürte, die über ihr aufragte — hielt nicht vollständig stand, da sie den Saum des Gewandes hektisch bewegte. Bronzefarbene Seide mit einem schmalen Rand kunstvoll gestickter schwarzer Schneckenverzierungen schimmerten hindurch.
»Ich lebe, um Euch zu dienen und zu gehorchen, Große Herrin«, keuchte Alviarin zwischen Küssen. »Ich weiß, daß ich zu den Untersten der Unteren gehöre, in Eurer Gegenwart ein Nichts bin, und bete nur für Euer Lächeln.« Sie war schon einmal dafür bestraft worden, sich ›über sich selbst erhoben‹ zu haben — nicht für Ungehorsam, dem Großen Herrn der Dunkelheit sei Dank! —, und sie wußte, daß Elaida zu diesem Zeitpunkt nicht halb so laut wehklagen konnte wie sie damals.