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Mesaana duldete die Küsse eine Weile und setzte ihnen schließlich ein Ende, indem sie Alviarins Gesicht mit einer Schuhspitze unter dem Kinn anhob. »Der Erlaß ist bekanntgegeben worden.« Es war keine Frage, aber Alviarin antwortete dennoch hastig.

»Ja, Große Herrin. Und Abschriften sind zum Nordhafen und Südhafen gesandt worden, noch bevor ich Elaida unterschreiben ließ. Die ersten Kuriere sind aufgebrochen, und kein Händler wird die Stadt verlassen, ohne Kopien zur Verteilung mitzunehmen.« Mesaana wußte das alles natürlich bereits. Sie wußte alles. Ein Krampf verhärtete Alviarins gekrümmten Nacken, aber sie regte sich nicht. Mesaana würde ihr sagen, wann sie sich bewegen durfte. »Große Herrin, Elaida ist nur eine leere Hülle. Darf ich demütig fragen, ob es nicht besser wäre, wenn wir ohne sie auskämen?« Sie hielt den Atem an. Fragen konnten bei den Auserwählten gefährlich sein.

Ein silbriger Finger mit einem Schattennagel tippte gegen zu einem belustigten Lächeln verzogene Silberlippen. »Wäre es besser, du würdest die Stola der Amyrlin tragen, Kind?« fragte Mesaana schließlich. »Ein geringer Ehrgeiz, der zu dir passen würde, aber alles zu seiner Zeit. Im Moment habe ich eine andere kleine Aufgabe für dich. Trotz all der Mauern, die zwischen den Ajahs entstanden sind, scheinen ihre Anführer sich erstaunlich regelmäßig zu treffen. Zufällig, wie sie vorgeben. Zumindest alle außer den Roten. Schade, daß Galina umkam, sonst könnte sie dir sagen, was sie vorhaben. Es ist wahrscheinlich nichts Wichtiges, aber du wirst herausbekommen, warum sie einander erst öffentlich angreifen und dann heimlich miteinander flüstern.«

»Ich höre und ich gehorche, Große Herrin«, erwiderte Alviarin prompt, dankbar, daß Mesaana es für unwichtig erachtete. Das große ›Geheimnis‹, wer den Ajahs vorstand, war für sie kein Geheimnis — jede Schwarze Schwester war gefordert, dem Obersten Konzil jedes Flüstern in ihrer Ajah weiterzugeben —, aber unter ihnen war nur Galina eine Schwarze gewesen. Das bedeutete, daß man die Schwarzen Schwestern unter den Sitzenden befragen mußte. Das erforderte Zeit und bot nicht die geringste Gewähr für einen Erfolg. Bis auf Ferane Neheran und Suana Dragand, die mit Sicherheit Vorsitzende ihrer Ajahs waren, schienen Sitzende nur selten zu wissen, was der Vorstand ihrer Ajah dachte, bis man es ihnen sagte. »Ich werde Euch Nachricht geben, sobald ich etwas erfahre, Große Herrin.«

Aber sie behielt eine Besonderheit für sich. Ob unwichtig oder nicht — Mesaana wußte nicht alles, was in der Weißen Burg geschah. Aber Alviarin würde für eine Schwester in bronzefarbenen Röcken mit einem Saum mit schwarzen Schneckenverzierungen die Augen offenhalten. Mesaana verbarg sich in der Burg, und Wissen war Macht.

26

Ein kleiner Obolus

Seaine durchschritt die Gänge der Burg, und mit jeder Biegung nahm das Gefühl der Verwirrung zu. Die Weiße Burg war zugegebenermaßen sehr groß, aber sie lief schon stundenlang durch die Gänge. Sie sehnte sich in ihre eigenen Räume. Trotz der geschlossenen Fensterflügel zog es in den breiten, mit Wandteppichen behangenen Korridoren, so daß die Kandelaber flackerten. Der kalte Windhauch war schwer zu ignorieren, wenn er unter ihre Röcke wehte. Ihre Räume waren warm und behaglich — und sicher.

Dienerinnen vollführten Hofknickse, und Diener verbeugten sich, wenn sie vorüberging. Doch sie wurden nur halbwegs bemerkt. Die meisten Schwestern befanden sich in den Quartieren ihrer Ajahs, und jene wenigen, die sich außerhalb davon aufhielten, taten dies mit wachsamem Stolz, häufig zu zweit, stets zwei derselben Ajah, die Stolen über die Arme gebreitet und wie Banner dargeboten. Seaine lächelte und nickte Talene erfreut zu, aber die statuenhafte, goldhaarige Sitzende erwiderte ihren Blick hart, eine aus Eis gehauene Schönheit, und schritt dann davon, während sie an ihrer mit grünen Fransen versehenen Stola zupfte.

Es war jetzt zu spät, sich Talene mit dem Anliegen zu nähern, daß sie sich an ihrer Suche beteiligen sollte, selbst wenn Pevara einverstanden gewesen wäre. Pevara riet zu äußerster Vorsicht, und um die Wahrheit zu sagen, war Seaine gerne bereit, unter den gegebenen Umständen zuzuhören. Nur war Talene eine Freundin — oder vielmehr eine Freundin gewesen.

Aber Talene war nicht die Schlimmste. Mehrere gewöhnliche Schwestern zeigten ihre Verachtung offen. Einer Sitzenden gegenüber! Natürlich war darunter keine Weiße, aber das sollte keinen Unterschied machen. Gleichgültig, was in der Burg vor sich ging, sollte der Anstand gewahrt bleiben. Juilaine Madome, eine große, anziehende Frau mit kurzgeschnittenem schwarzem Haar, die erst seit weniger als einem Jahr einen Sitz für die Braune Ajah innehatte, fegte ohne ein Wort der Entschuldigung an ihr vorbei und ging mit ihrem typischen unweiblichen Schritt davon. Saerin Asnobar, eine weitere Braune Sitzende, sah Seaine finster an und betastete den gebogenen Dolch, den sie stets in ihrem Gürtel trug, bevor sie in einem Seitengang verschwand. Saerin war Altaranerin, und die weißen Strähnen an ihren dunklen Schläfen betonten eine schmale, vom Alter verblaßte weiße Narbe auf einer olivfarbenen Wange. Nur ein Behüter konnte ebenso finster dreinblicken wie sie.

Vielleicht war all dies zu erwarten gewesen. Es hatte in letzter Zeit einige unglückselige Vorfälle gegeben, und keine Schwester würde es vergessen, wenn sie eher unzeremoniell aus den Gängen in der Nähe der Quartiere anderer Ajahs vertrieben wurde, und noch viel weniger das, was manchmal noch damit einherging. Gerüchte besagten, daß mehr als nur die Würde einer Sitzenden — einer Sitzenden! — durch die Roten verletzt wurde, wenn auch nicht erwähnt wurde, um wen es sich handelte. Schade, daß der Saal Elaidas wahnsinnigen Erlaß nicht aufhalten konnte, aber nachdem sich zunächst eine Ajah und dann eine weitere auf die neuen Vorrechte gestürzt hatten, waren nur wenige Sitzende bereit, sie jetzt wieder aufzugeben, und das Ergebnis war eine beinahe in zwei bewaffnete Lager gespaltene Burg. Seaine hatte einst gedacht, die Luft in der Burg sei wie ein zitternder, brodelnder Dunst aus Mißtrauen und Verleumdung. Jetzt war sie ein zitternder, brodelnder Dunst mit beißender Schärfe.

Sie schnalzte verärgert mit der Zunge und richtete ihre mit weißen Fransen versehene Stola, während Saerin verschwand. Es gab keinen Grund zusammenzuzucken, nur weil eine Altaranerin finster dreinblickte —selbst Saerin würde nicht weitergehen —, und es war noch unvernünftiger, sich über etwas zu sorgen, was sie nicht ändern konnte, wenn sie eine Aufgabe hatte.

Und dann, nach all ihrer Sucherei an diesem Morgen, tat sie nur einen einzigen weiteren Schritt und sah ihre gesuchte Beute auf sich zukommen. Zerah Dacan war ein schlankes, schwarzhaariges Mädchen mit stolzer, angemessen selbstbewußter Haltung und allem äußeren Anschein nach von den in diesen Tagen die Burg durchströmenden Spannungen unberührt. Nun, sie war eigentlich kein Mädchen mehr, aber Seaine war sich sicher, daß sie ihre mit weißen Fransen versehene Stola noch keine fünfzig Jahre trug. Sie war jedenfalls eher unerfahren, was hilfreich sein könnte.

Zerah machte keinerlei Anstalten, einer Sitzenden ihrer eigenen Ajah aus dem Weg gehen zu wollen und beugte respektvoll den Kopf, als Seaine neben sie trat. Die Ärmel ihres weißen Gewandes wiesen kunstvolle goldene Stickerei auf, die auch ein breites Band um ihren Rock säumte. Es war ungewöhnlich viel Stickerei für die Weiße Ajah. »Sitzende«, murmelte sie. Zeigten ihre blauen Augen eine Spur von Besorgnis?

»Ich brauche Euch für etwas«, sagte Seaine ruhiger, als ihr zumute war. Höchstwahrscheinlich spiegelten sich ihre eigenen Empfindungen in Zerahs großen Augen wider. »Kommt mit mir.« Es stand nichts zu befürchten, nicht im Herzen der Weißen Burg, aber es war überraschend mühsam, die Hände unverkrampft in Hüfthöhe zu falten.