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»Ihr habt Euch von einem der Eide befreit?« Zerah klang zugleich bestürzt, angewidert und voller Unbehagen. Eine vollkommen vernünftige Reaktion.

»Und wir haben ihn erneut geleistet«, murrte Pevara ungeduldig. Sie riß die Rute hoch und lenkte ein wenig der Macht Geist in ein Ende, während sie Zerahs Schild aufrecht hielt. »Unter dem Licht, ich schwöre, kein Wort zu äußern, das nicht der Wahrheit entspricht. Unter dem Licht, ich schwöre, keine Waffe für einen Menschen zu gestalten, damit er einen anderen damit töte. Unter dem Licht, ich schwöre, die eine Macht, außer gegen Schattengezücht oder als letzte Verteidigung meines Lebens, des Lebens meines Behüters oder das einer anderen Schwester, nicht als Waffe zu gebrauchen.« Sie verzog bei Erwähnung des Behüters nicht das Gesicht, was den Roten neu verbundene Schwestern häufig taten. »Ich bin keine Schattenfreundin. Ich hoffe, das stellt Euch zufrieden.« Sie zeigte Zerah die Zähne, aber es war schwer zu sagen, ob es ein Lächeln oder eine Drohung war.

Seaine sprach die Eide nach, wobei sie einen leichten Druck von der Kopfhaut bis zu den Fußsohlen verspürte. In Wahrheit war der Druck nur schwer zu bemerken, da sich ihre Haut von der Zurücknahme des Eides gegen das Lügen noch immer zu fest anfühlte. Zu behaupten, daß Pevara einen Bart hatte oder daß die Straßen von Tar Valon mit Käse gepflastert wären, war eine Zeitlang erheiternd — sogar Pevara hatte gekichert —, aber das jetzige Unbehagen kaum wert gewesen. Ihr war der Versuch nicht wirklich nötig erschienen. Es mußte logischerweise so sein. Ihre Zunge hatte Mühe, es auszusprechen, daß sie keine Schwarze war — es war scheußlich, auch nur daran zu denken —, aber sie reichte Zerah die Eidesrute mit einem nachdrücklichen Nicken.

Die schlanke Frau regte sich auf ihrer Bank und wandte die glatte weiße Rute in den Fingern, wobei sie krampfhaft schluckte. Das fahle Laternenlicht verlieh ihr ein kränkliches Aussehen. Sie schaute mit geweiteten Augen von Pevara zu Seaine, schloß dann die Hände fest um die Rute und nickte.

»Genauso, wie ich es Euch vorgesagt habe«, grollte Pevara und lenkte erneut die Macht Geist in die Rute, »sonst werdet Ihr schwören, bis Ihr es richtig macht.«

»Ich schwöre, Euch beiden vollkommen zu gehorchen«, sagte Zerah mit angespannter Stimme und erschauderte dann, als der Eid sich ihrer bemächtigte. »Befragt mich über die Schwarze Ajah.« Ihre Hände zitterten beim Halten der Rute. »Befragt mich über die Schwarze Ajah!« Ihre Heftigkeit gab Seaine die Antwort, noch bevor Pevara den Strang Geist losließ und die Frage stellte, wobei sie äußerste Wahrheit forderte. »Nein!« Zerah schrie es geradezu heraus. »Nein, ich gehöre nicht der Schwarzen Ajah an. Und jetzt nehmt diesen Eid von mir! Befreit mich!«

Seaine sank betrübt zusammen und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Sie hatte gewiß nicht gewollt, daß Zerah gestanden hätte, aber sie war sich sicher gewesen, daß sie nach so vielen Wochen des Suchens eine Lügnerin gefunden hätte. Wie viele Wochen Suche lagen noch vor ihnen? Und wie lange müßte sie noch vom Aufwachen bis zum Schlafengehen über ihre Schulter sehen? Wenn sie überhaupt schlafen konnte.

Pevara richtete anklagend einen Finger auf die Frau. »Ihr habt einigen Leuten erzählt, Ihr kämt aus dem Norden.«

Zerahs Augen weiteten sich erneut. »Das stimmt«, sagte sie zögernd. »Ich bin das Ufer des Erinin nach Jualdhe hinab geritten. Jetzt befreit mich von diesem Eid!«

Seaine sah sie stirnrunzelnd an. »An Eurer Satteldecke wurden Golddornsamen und rote Kletten gefunden, Zerah. Golddorn und rote Kletten sind hundert Meilen südlich von Tar Valon zu finden.«

Zerah sprang auf, und Pevara fauchte: »Setzt Euch!«

Die Frau ließ sich geräuschvoll auf die Bank fallen, aber sie zuckte nicht einmal zusammen. Sie zitterte. Nein, sie bebte. Sie hatte den Mund fest geschlossen, sonst hätten ihre Zähne, wie Seaine sicher annahm, gewiß geklappert. Licht, die Frage des Nordens oder Südens ängstigte sie stärker als die Anschuldigung, eine Schattenfreundin zu sein. »Woher seid Ihr aufgebrechen?« fragte Seaine zögernd. »Und warum...?« Sie hatte fragen wollen, warum die Frau einen Umweg gemacht hatte — was sie eindeutig getan hatte —, nur um zu verbergen, aus welcher Richtung sie gekommen war, aber die Antworten brachen bereits aus Zerah hervor.

»Aus Salidar«, wimmerte sie. Es gab keine andere Bezeichnung dafür. Noch immer die Eidesrute umklammernd, wand sie sich auf der Bank. Tränen liefen aus ihren Augen, die stark geweitet und auf Pevara fixiert waren. Worte strömten hervor, obwohl ihre Zähne jetzt wahrhaftig klapperten. »Ich b-bin g-ge-kommen, um s-sicherzugehen, daß alle Schwestern hier über die R-Roten und Logain Bescheid wissen, damit sie Elaida a-absetzen und die B-Burg wieder heil werden kann.« Sie brach mit einem Wehklagen zusammen, während sie die Rote Sitzende mit einem zum Schrei geöffneten Mund anstarrte.

»Nun gut«, sagte Pevara und wiederholte dann grimmiger: »Nun gut!« Ihr Gesicht wirkte vollkommen gefaßt, und das Glitzern in ihren dunklen Augen spiegelte nichts von dem Übermut wider, an den Seaine sich von der Zeit als Novizin und Aufgenommene her erinnerte. »Also seid Ihr die Quelle dieses ... Gerüchts. Ihr werdet vor den Saal treten und die Lüge enthüllen! Gesteht die Lüge ein, Mädchen!«

Waren Zerahs Augen zuvor schon geweitet, so traten sie jetzt regelrecht hervor. Die Rute entfiel ihren Händen und rollte über die Tischplatte, während sie ihre Kehle umklammerte. Plötzlich drang ein erstickter Laut aus ihrem Mund. Pevara starrte sie entsetzt an, aber Seaine verstand jäh.

»Bei der Gnade des Lichts!« keuchte sie. »Ihr müßt nicht lügen, Zerah!« Zerah bewegte die Beine unter dem Tisch, als versuche sie aufzustehen, könne jedoch die Füße nicht unter Kontrolle bekommen. »Sagt es ihr, Pevara. Sie glaubt, es sei wahr! Ihr habt ihr befohlen, die Wahrheit zu sagen und zu lügen. Seht mich nicht so an! Sie glaubt es!« Eine Spur Blau erschien auf Zerahs Lippen. Ihre Lider flatterten. Seaine rang um Ruhe. »Pevara, Ihr habt den Befehl gegeben, also müßt auch Ihr ihn wieder zurücknehmen, sonst wird sie vor unseren Augen ersticken.«

»Sie ist eine Aufständische.« Pevara belegte dieses Wort mit der größtmöglichen Geringschätzung. Aber dann seufzte sie. »Sie steht jedoch noch nicht vor Gericht. Ihr müßt nicht... lügen... Mädchen.« Zerah stürzte vornüber, lag mit einer auf die Tischplatte ge-preßten Wange da und rang wimmernd nach Luft.

Seaine schüttelte verwundert den Kopf. Sie hatten die Möglichkeit widerstreitender Eide nicht bedacht. Was wäre, wenn die Schwarze Ajah den Eid gegen das Lügen nicht einfach fortnahm, sondern durch einen ihrer eigenen Eide ersetzte? Was wäre, wenn sie alle drei durch eigene Eide ersetzten? Sie und Pevara müß-ten sehr vorsichtig vorgehen, wenn sie eine Schwarze Schwester fänden, sonst würde sie ihnen tot zusammenbrechen, noch bevor sie wußten, worum es sich bei dem Konflikt handelte. Vielleicht sollte zunächst eine Entsagung von allen Drei Eiden erfolgen — es gab keine Möglichkeit, vorsichtiger damit umzugehen, ohne zu wissen, was Schwarze Schwestern schworen —, gefolgt von der Wiederaufnahme der Drei Eide? Licht, der Schmerz, von allem gleichzeitig losgelöst zu werden, würde dem Schmerz einer Befragung kaum nachstehen. Aber ein Schattenfreund verdiente das und mehr. Wenn sie jemals einen fanden.

Pevara schaute ohne das leiseste Anzeichen von Mitleid auf die keuchende Frau hinab. »Wenn sie wegen Rebellion vor Gericht steht, beabsichtige ich, über sie zu Gericht zu sitzen.«

»Wenn sie vor Gericht gestellt wird, Pevara«, sagte Seaine nachdenklich. »Es wäre schade, wenn wir die Unterstützung einer Frau verlören, von der wir wissen, daß sie keine Schattenfreundin ist. Und da sie tatsächlich eine Aufständische ist, brauchen wir uns keine allzu großen Sorgen darüber zu machen, sie zu benutzen.« Es hatte zahlreiche Streitgespräche über den zweiten Grund, den neuen Eid zu belassen, gegeben, die zu keinem Ergebnis geführt hatten. Eine dem Gehorsam verschworene Schwester konnte unterworfen werden — Seaine regte sich unbehaglich, denn dies klang der verbotenen Scheußlichkeit des Zwangs zu ähnlich —, sie konnte dazu bewegt werden, bei der Jagd zu helfen, solange es einem nichts ausmachte, sie zu zwingen, die Gefahr auf sich zu nehmen, ob sie es wollte oder nicht. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie nur eine schicken würden«, fuhr sie fort. »Zerah, wie viele von Euch sind gekommen, um diese Geschichte zu verbreiten?«