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»Zehn«, murmelte die Frau gegen die Tischplatte, richtete sich dann jäh auf und blickte sich trotzig um. »Ich werde meine Schwestern nicht verraten! Ich würde niemals ...!« Sie brach jäh ab und verzog verbittert die Lippen, als sie erkannte, daß sie das gerade getan hatte.

»Namen!« bellte Pevara. »Nennt mir ihre Namen, oder ich werde Euch hier und jetzt die Haut abziehen!«

Namen drangen von Zerahs unwilligen Lippen, gewiß eher auf den Befehl als auf die Drohung hin. Als Seaine jedoch Pevaras grimmige Miene betrachtete, war sie sich sicher, daß diese nur den geringsten Anlaß brauchte, um Zerah wie eine beim Stehlen ertappte Novizin zu bestrafen. Sie selbst empfand seltsamerweise nicht die gleiche Feindseligkeit. Abscheu, ja, aber eindeutig nicht so stark. Die Frau war eine Aufständische, die dabei geholfen hatte, die Weiße Burg zu spalten, wenn eine Schwester doch alles auf sich nehmen mußte, um die Burg heil zu erhalten, und doch ... Sehr seltsam.

»Einverstanden, Pevara?« fragte sie, als die Liste abgeschlossen war. Die eigensinnige Frau nickte als Zustimmung nur heftig. »Sehr gut. Zerah, Ihr werdet Bernaile heute nachmittag in meine Räume bringen.« Es waren die Namen zweier weiterer Angehöriger jeder Ajah, ausgenommen der Blauen und der Roten, genannt worden, aber es war besser, mit der anderen Weißen zu beginnen. »Ihr werdet nur sagen, daß ich sie in einer privaten Angelegenheit sprechen möchte, und sie weder durch Worte noch Taten noch aus Versehen warnen. Dann werdet Ihr still beiseite treten und Pevara und mich alles Nötige tun lassen. Ihr werdet zu einem wertvolleren Nutzen herangezogen werden, als Euer fehlgeleiteter Aufstand es ist, Zerah.« Natürlich war er fehlgeleitet. Gleichgültig, wie wahnsinnig Elaida durch die Macht geworden war. »Ihr werdet uns helfen, die Schwarze Ajah zu vernichten.«

Zerah nickte mit gequälter Miene bei jedem ausdrücklichen Befehl unfreiwillig, aber bei der Erwähnung einer Jagd nach der Schwarzen Ajah keuchte sie. Licht, ihr Verstand mußte durch das, was sie gerade durchgemacht hatte, vollkommen durcheinandergeraten sein!

»Und Ihr werdet aufhören, diese ... Geschichten zu verbreiten«, wandte Pevara streng ein. »Von diesem Moment an werdet Ihr die Rote Ajah und falsche Drachen nicht mehr in einem Atemzug nennen. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«

Zeras Gesicht wurde zu einer Maske mürrischen Eigensinns. Zerahs Mund sagte: »Ich habe verstanden, Sitzende.« Sie wirkte bereit, aus reiner Enttäuschung erneut zu weinen.

»Geht mir jetzt aus den Augen«, befahl Pevara und ließ Schild und Saidar zusammen los. »Und faßt Euch! Wascht Euch das Gesicht und richtet Euer Haar!« Letzteres wurde an den Rücken der Frau gewandt gesprochen, die bereits vom Tisch aufgesprungen war. Zerah mußte die Hände von ihrem Haar lösen, um die Tür zu öffnen. Als sich die Tür quietschend hinter ihr geschlossen hatte, schnaubte Pevara. »Ich hätte es ihr durchaus zugetraut, so zerzaust zu Bernaile zu gehen, um sie auf diese Weise zu warnen.«

»Ein stichhaltiger Gesichtspunkt«, räumte Seaine ein. »Aber wen werden wir warnen, wenn wir diese Frauen finster ansehen? Wir werden bestenfalls Aufmerksamkeit erregen.«

»So wie die Dinge liegen, Seaine, würden wir nicht einmal Aufmerksamkeit erregen, wenn wir sie kreuz und quer über das Burggelände träten.« Pevara klang, als wäre das eine erstrebenswerte Vorstellung. »Sie sind Aufständische, und ich beabsichtige, sie so hart heranzunehmen, daß sie verraten, wenn eine von ihnen auch nur einen falschen Gedanken hegt!«

Sie sprachen dieses Thema immer wieder durch. Seaine beharrte darauf, daß es genügte, wenn sie ihre Befehle sorgfältig überdächten und keine Schlupflöcher ließen. Pevara wies darauf hin, daß sie zehn —zehn! — Rebellen ungestraft durch die Gänge der Burg schreiten ließen. Seaine meinte, sie würden schließlich bestraft werden, und Pevara grollte, daß es schließlich nicht bald genug wäre. Seaine hatte die Willenskraft der anderen Frau stets bewundert, aber in Wahrheit war es manchmal nur reiner Eigensinn.

Ein leises Quietschen eines Scharniers war die einzig nötige Warnung, damit Seaine die Eidesrute rasch auf ihren Schoß nahm und sie in den Falten ihrer Röcke verbarg, als sich die Tür weit öffnete. Sie und Pevara umarmten die Quelle fast gleichzeitig.

Saerin betrat ruhig den Raum, eine Laterne in der Hand, und machte Talene den Weg frei, der wiederum mit einer zweiten Laterne die kleine Yukiri folgte, wie auch die jungenhaft schlanke Doesine, die für eine Cairhienerin groß war. Letztere schloß fest die Tür und lehnte sich dann dagegen, als wollte sie jedermann am Gehen hindern. Vier Sitzende, die alle in der Burg verbliebenen Ajahs repräsentierten. Sie ignorierten anscheinend die Tatsache, daß Seaine und Pevara Saidar festhielten. Der Raum fühlte sich für Seaine plötzlich überfüllt an. Einbildung, gewiß, aber ...

»Es ist seltsam, Euch beide zusammen zu sehen«, sagte Saerin. Ihre Miene wirkte vielleicht heiter, aber sie strich mit den Fingern das Heft des gebogenen Dolchs hinter ihrem Gürtel entlang. Sie hatte ihren Sitz schon seit vierzig Jahren inne, länger als jedermann sonst im Saal, und jedermann hatte es gelernt, sich vor ihrer Gereiztheit in acht zu nehmen.

»Dasselbe könnten wir von Euch sagen«, erwiderte Pevara trocken. Saerins Gereiztheit konnte sie niemals aus der Fassung bringen. »Oder seid Ihr hier herab gekommen, um Doesine zu helfen, etwas von ihrem Selbst zurückzuerlangen?« Trotz ihrer vornehmen Haltung ließ plötzliche Röte das Gesicht der Gelben noch mehr wie das eines hübschen Jungen aussehen und vermittelte Seaine, welche Sitzende sich den Quartieren der Roten mit unerfreulichem Ausgang zu weit genähert hatte. »Ich hätte jedoch nicht gedacht, daß Euch dies zusammenführen würde. Grüne an den Kehlen der Gelben, Braune an denen der Grauen. Oder habt Ihr sie einfach zu einem stillen Duell hier herab gebracht, Saerin?«

Seaine suchte hastig nach einem Grund, warum diese vier so tief in das Fundament Tar Valons hinabgestiegen waren. Was konnte sie verbinden? Ihre Ajahs — alle Ajahs — gingen einander wahrhaft an die Kehlen. Allen vieren waren Bußen von Elaida auferlegt worden. Keine Sitzende konnte Gefallen an Arbeit finden, besonders wenn jedermann genau wußte, warum sie die Böden oder Töpfe schrubbte, aber das bewirkte wohl kaum einen Bund. Was war es sonst? Keine war adlig geboren. Saerin und Yukiri waren die Töchter von Gastwirten und Talene die Tochter eines Bauern, während Doesines Vater ein Messerschmied gewesen war. Saerin war zunächst von den Töchtern des Schweigens ausgebildet worden, die einzige von ihnen, welche die Stola erlangt hatte. Plötzlich kam Seaine ein Gedanke, der ihre Kehle trocken werden ließ. Saerin mit ihrem oft ungezügelten Temperament. Doesine, die als Novizin tatsächlich dreimal davongelaufen war, obwohl sie nur ein einziges Mal bis zu den Brücken gekommen war. Talene, die vielleicht mehr Bußen als jede andere Novizin in der Geschichte der Burg verdient hätte. Yukiri, die Graue, die stets als letzte mit ihren Schwestern übereinstimmte, wenn sie einen anderen Weg gehen wollte — und übrigens auch die letzte, die sich dem Urteil des Saals anschloß. Alle vier wurden in gewisser Weise als .Aufständische angesehen, und Elaida hatte jede einzelne gedemütigt. Konnten sie glauben, einen Fehler begangen zu haben, indem sie Siuan abgesetzt und Elaida erhoben hatten? Konnten sie die Angelegenheit mit Zerah und den übrigen herausgefunden haben? Und wenn dem so war — was beabsichtigten sie zu tun?