Seaine bereitete sich geistig darauf vor, Saidar zu weben, obwohl sie keine große Hoffnung hegte, entkommen zu können. Pevara kam Saerin und Yukiri in ihrer Stärke gleich, aber sie selbst war schwächer als alle hier außer Doesine. Sie machte sich bereit, doch Talene trat vor und zerschmetterte alle ihre Schluß-folgerungen.
»Yukiri hat Euch beide zusammen umherschleichen sehen, und wir wollten wissen, warum.« Ihre über raschend tiefe Stimme klang trotz ihrer eisigen Miene gereizt. »Haben die Anführerinnen Eurer Ajahs Euch eine geheime Aufgabe übertragen? In der Öffentlichkeit bekämpfen sie sich schlimmer als alle anderen, aber sie haben sich anscheinend heimlich zu Beratungen zusammengefunden. Was auch immer sie planen — der Saal hat ein Recht, es zu erfahren.«
»Oh, gebt auf, Talene.« Yukiris Stimme war stets eine noch größere Überraschung als Talenes. In ihrer dunkel silberfarbenen Seide mit elfenbeinfarbener Spitze wirkte die Frau wie eine Königin in Miniatur, aber sie klang wie eine zufriedene Frau vom Lande. Sie behauptete, dieser Kontrast sei bei Verhandlungen hilfreich. Sie lächelte Seaine und Pevara an, eine Herrscherin, die sich vielleicht unschlüssig war, wieviel Gnade sie walten lassen sollte. »Ich habe Euch beide herumschnüffeln sehen wie Frettchen im Hühnerstall«, sagte sie, »aber ich habe den Mund gehalten, bis Talene hysterisch darauf reagierte, wer sich da wohl in die Ecken drückte. Ich habe es selbst auch bemerkt, und ich vermute, daß einige dieser Frauen ihre Ajahs ebenfalls anführen könnten, so daß ... Manchmal ergeben sechs und sechs ein Dutzend, und manchmal ergibt es ein Durcheinander. Sagt es uns jetzt, wenn Ihr es wißt. Der Saal hat ein Recht, es zu erfahren.«
»Wir gehen nicht, ehe Ihr es uns gesagt habt«, warf Talene noch gereizter als zuvor ein.
Pevara schnaubte und verschränkte die Arme. »Wenn die Anführerin meiner Ajah mir überhaupt etwas gesagt hätte, sähe ich keine Veranlassung, Euch davon zu erzählen. Was Seaine und ich besprachen, hat zufälligerweise nichts mit den Roten oder den Weißen zu tun. Also schnüffelt woanders herum.« Aber sie ließ Saidar nicht los. Seaine ebenfalls nicht.
»Es war vollkommen sinnlos, und ich habe es, verdammt noch mal, gewußt«, murrte Doesine von ihrem Platz an der Tür aus. »Warum habe ich nur zugelassen, daß Ihr mich hier hineinzieht...« Manchmal sprach sie wie ein Junge, dem man den Mund auswaschen sollte.
Seaine wäre aufgestanden und gegangen, wenn sie nicht befürchtet hätte, daß ihre Knie nachgäben. Pevara stand tatsächlich auf und blickte mit einer ungeduldig gewölbten Augenbraue zu der Frau zwischen ihr und der Tür.
Saerin betastete ihr Dolchheft, sah sie spöttisch an und regte sich keinen Fingerbreit. »Ein Rätsel«, murmelte sie. Ohne Vorwarnung trat sie vor und griff mit ihrer freien Hand so schnell auf Seaines Schoß, daß diese keuchte. Sie versuchte, die Eidesrute verborgen zu halten, aber sie erreichte nur, daß Saerin die Rute plötzlich mit einer Hand in Hüfthöhe hielt, während sie selbst das andere Ende und eine Faustvoll ihrer Röcke umklammerte. »Ich liebe Rätsel«, bemerkte Saerin.
Seaine ließ los und richtete ihr Gewand. Sie schien keine andere Wahl zu haben.
Das Auftauchen der Rute bewirkte kurzzeitige Aufregung, als fast alle gleichzeitig sprachen.
»Blut und Feuer«, grollte Doesine. »Erhebt Ihr hier unten verdammte neue Schwestern?«
»Oh, laßt sie in Ruhe, Saerin«, sagte Yukiri lachend. »Was auch immer sie vorhaben, geht nur sie etwas an.«
Talene bellte unmittelbar darauf: »Warum sonst schleichen sie ständig zusammen umher, wenn es nichts mit den Anführerinnen der Ajahs zu tun hat?«
Saerin hob eine Hand und erreichte kurz darauf wieder Ruhe. Alle Anwesenden waren Sitzende, aber sie hatte im Saal das Recht, zuerst zu sprechen, und auch vierzig Jahre zählten etwas. »Das ist wohl der Schlüssel zu dem Rätsel«, sagte sie und strich mit dem Daumen über die Rute. »Warum nach allem dies?« Plötzlich umgab das Schimmern Saidars auch sie, und sie lenkte die Macht Geist in die Rute. »Unter dem Licht, ich werde kein unwahres Wort äußern. Ich bin keine Schattenfreundin.«
In dem folgenden Schweigen hätte sogar das Niesen einer Maus laut geklungen.
»Habe ich recht?« fragte Saerin und ließ die Macht los. Sie hielt Seaine die Rute hin.
Seaine leistete den Eid gegen das Lügen zum dritten Mal und wiederholte zum zweiten Mal, daß sie nicht der Schwarzen Ajah angehörte. Pevara tat es ihr mit starrer Würde und mit adlerscharfem Blick gleich.
»Das ist doch lächerlich«, sagte Talene. »Es gibt keine Schwarze Ajah.«
Yukiri nahm die Rute von Pevara entgegen und lenkte die Macht. »Unter dem Licht, ich werde kein unwahres Wort äußern. Ich gehöre nicht der Schwarzen Ajah an.« Das sie umgebende Licht Saidars erlosch, und sie reichte Doesine die Rute.
Talene runzelte angewidert die Stirn. »Verzichtet darauf, Doesine. Ich werde diese widerliche Vorstellung nicht weiter mitmachen.«
»Unter dem Licht, ich werde kein unwahres Wort äußern«, sagte Doesine fast ehrfürchtig, wobei das sie umgebende Schimmern an einen Strahlenkranz erinnerte. »Ich gehöre nicht der Schwarzen Ajah an.« Wenn es um ernste Angelegenheiten ging, sprach sie so exakt, wie es sich eine Herrin der Novizinnen nur wünschen konnte. Sie streckte Talene die Rute entgegen.
Die blonde Frau wich davor zurück wie vor einer giftigen Schlange. »Allein das zu fordern kommt einer Verleumdung gleich. Etwas Schlimmerem als einer Verleumdung!« Ein wilder Ausdruck trat in ihre Augen. Vielleicht war es unsinnig, so etwas zu denken, aber genau das kam Seaine in den Sinn. »Jetzt geht mir aus dem Weg«, forderte Talene mit aller Autorität einer Sitzenden in der Stimme. »Ich gehe!«
»Das glaube ich nicht«, sagte Pevara bedächtig, und Yukiri nickte gemächlich zustimmend. Saerin strich nicht mehr über ihr Dolchheft. Sie ergriff es so fest, daß ihre Knöchel weiß wurden.
Toveine Gazal mühte sich zu Pferde durch den tiefen Schnee Andors und verfluchte den Tag ihrer Geburt. Klein und ein wenig rundlich, mit glatter, kupferfarbener Haut und langem, glänzenden dunklen Haar, war sie vielen im Laufe der Jahre hübsch erschienen, aber niemand hatte sie jemals als schön bezeichnet, was auch jetzt gewiß niemand tun würde. Die dunklen Augen, die einst offen dreingeblickt hatten, bohrten sich jetzt in alles, was sie jemals betrachtete, sofern sie nicht wütend war. Heute war sie wütend. Und wenn Toveine wütend war, flohen sogar Schlangen.
Vier weitere Rote ritten hinter ihr, und dahinter wiederum zwanzig Angehörige der Burgwache in dunklen Jacken und Umhängen. Keinem der Männer gefiel es, daß ihre Rüstungen auf den Pferden verstaut waren, und sie beobachteten den beide Seiten der Straße säumenden Wald, als erwarteten sie jeden Moment einen Angriff. Toveine konnte sich nicht vorstellen, wie sie mit ihren Jacken und Umhängen mit der hell schimmernden Flamme von Tar Valon dreihundert Meilen quer durch Andor gelangen sollten, ohne bemerkt zu werden. Die Reise war jedoch fast zu Ende. Noch einen, vielleicht auch zwei Tage zu Pferde auf den mit kniehohem Schnee bedeckten Straßen, und sie würden mit neun ähnlichen Gruppen wie ihrer eigenen zusammentreffen. Leider waren nicht alle Schwestern dieser Gruppen Rote, aber das beunruhigte sie nicht allzu sehr. Toveine Gazal, einst eine Sitzende für die Roten, würde als die Frau in die Geschichte eingehen, die diese Schwarze Burg vernichtet hatte.