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Min kennzeichnete die Stelle, die sie gerade gelesen hatte, mit dem Zettel, den Meister Fei geschrieben hatte und der besagte, sie sei ›zu hübsch‹, schloß das Buch sorgfältig und legte es ebenso behutsam auf den Boden neben ihrem Stuhl. Dann verschränkte sie die Arme und wartete. Hätte sie gestanden, dann hätte sie mit dem Fuß aufgetippt, aber sie wollte nicht, daß der Mann glaubte, sie spränge auf, nur weil er endlich erschien.

Er stand einen Moment nur da, sah sie lächelnd an und zog aus einem unbestimmten Grund an seinem Ohrläppchen — anscheinend summte er auch! —, und dann fuhr er plötzlich herum und starrte finster zu den Türen. »Die Töchter des Speers dort draußen haben mir nicht gesagt, daß du hier bist. Sie haben überhaupt kaum ein Wort gesagt. Licht, sie schienen bereit, sich bei meinem Anblick zu verschleiern.«

»Vielleicht sind sie verstimmt«, sagte Min ruhig. »Vielleicht haben sie sich gefragt, wo du warst. So wie ich auch. Vielleicht haben sie sich gefragt, ob du verletzt oder krank wurdest oder vielleicht schon tot bist.« So wie ich auch, dachte sie verbittert. Der Mann wirkte verwirrt!

»Ich habe dir geschrieben«, sagte er zögernd, und sie rümpfte die Nase.

»Zwei Mal. Weil Asha'man deine Briefe abliefern konnten, hast du zwei Mal geschrieben, Rand al'Thor. Wenn du es Briefe nennst!«

Er taumelte, als hätte sie ihn geschlagen — nein, als hätte sie ihm in den Bauch getreten! —, und blinzelte. Sie riß sich zusammen und sank gegen die Rückenlehne des Stuhls. Wenn man einem Mann im falschen Moment Mitleid gewährte, gewann man verlorenen Boden niemals zurück. Ein Teil von ihr wollte ihn umarmen, ihn trösten, allen Schmerz von ihm nehmen, all seinen Kummer lindern. Er hatte so viel davon und weigerte sich, auch nur einen zuzugeben. Sie würde nicht aufspringen, zu ihm eilen und überstürzt erklären, was falsch war oder ... Licht, es mußte ihm gutgehen.

Etwas nahm sie sanft unter den Ellbogen und hob sie vom Stuhl. Ihre blauen Stiefel baumelten in der Luft, und sie schwebte auf ihn zu, während das Drachenszepter von ihm fort schwebte. Also meinte er, lächeln zu können? Er meinte, sein hübsches Lächeln könnte sie umstimmen? Sie öffnete den Mund, um ihm heftig die Meinung zu sagen! Er legte die Arme um sie und küßte sie.

Als sie wieder atmen konnte, spähte sie durch gesenkte Wimpern zu ihm hoch. »Zuerst...« Sie schluckte, da ihre Stimme zitterte. »Zuerst stolzierte Jahar Narishma herein, versuchte auf seine übliche Art jedermanns Gedanken zu ergründen und verschwand, nachdem er mir ein Stück Pergament gegeben hatte. Warte. Es besagte: ›Ich habe Anspruch auf die Krone Illians erhoben. Vertraue niemandem, bis ich zurückkehre. Rand.‹ Ich würde sagen, da fehlte noch einiges, um es einen Liebesbrief zu nennen.«

Er küßte sie erneut.

Dieses Mal dauerte es länger, bis sie wieder zu Atem kam. Nichts verlief so, wie sie es erwartet hatte. Andererseits verlief es gar nicht so schlecht. »Beim zweiten Mal gab Jonan Adley ein Stück Papier ab, das besagte: ›Ich werde zurückkehren, wenn ich hier fertig bin. Vertraue niemandem. Rand.‹ Adley suchte mich im Bad auf«, fügte sie hinzu, »und er hatte keine Hemmungen zu schauen.« Rand versuchte stets vorzugeben, er sei nicht eifersüchtig — als gäbe es einen Mann auf der Welt, der nicht eifersüchtig war —, aber sie hatte seine finsteren Blicke bemerkt, wenn andere Männer sie ansahen. Und seine erhebliche Leidenschaft war danach stets noch heftiger. Vielleicht sollte sie vorschlagen, daß sie sich ins Schlafzimmer zurückzögen? Nein, sie würde keinesfalls so forsch vorgehen ...

Rand setzte sie mit ausdrucksloser Miene ab. »Adley ist tot«, sagte er. Plötzlich flog die Krone von seinem Kopf und wirbelte durch den ganzen Raum, als sei sie geschleudert worden. Als Min bereits dachte, sie würde gegen die Rückseite des Drachenthrons krachen, hielt der breite Goldring jäh inne und sank langsam auf den Sitz des Throns.

Min stockte der Atem, als sie zu Rand aufsah. Blut glänzte in den dunkelroten Locken über seinem linken Ohr. Sie zog ein spitzenbesetztes Taschentuch aus ihrem Ärmel und wollte es zu seiner Schläfe führen, aber er ergriff ihr Handgelenk.

»Ich habe ihn getötet«, sagte er ruhig.

Sie erschauderte beim Klang seiner Stimme. Ruhig, so wie das Grab ruhig war. Vielleicht war das Schlafzimmer eine ausgezeichnete Idee. Gleichgültig, wie forsch es war. Sie zwang sich zu lächeln — errötete, als sie erkannte, wie leicht es war, zu lächeln, wenn man an das große Bett dachte — und ergriff seine Hemdbrust, bereit, ihm Jacke und Hemd jetzt und hier vom Leib zu reißen.

Jemand klopfte an die Türen.

Mins Hände lösten sich jäh von Rands Hemd, und sie wich einen Schritt zurück. Wer konnte das sein? fragte sie sich verärgert. Die Töchter des Speers kündeten Besucher entweder an, wenn Rand da war, oder schickten sie einfach herein.

»Komm«, sagte er laut und lächelte sie wehmütig an. Min errötete dabei erneut.

Dobraine streckte den Kopf durch die Tür, trat dann ein und schloß die Tür hinter sich, als er sie zusammenstehen sah. Der cairhienische Lord war ein kleiner Mann, kaum größer als Min, der die Vorderseite seines Kopfes rasiert hatte, während das übrige, überwiegend graue Haar bis auf seine Schultern fiel. Blaue und weiße Streifen schmückten die Vorderseite seiner fast schwarzen Jacke bis unter die Taille. Schon bevor er Rands Gunst erworben hatte, war er ein mächtiger Adliger im Land gewesen. Jetzt regierte er hier, zumindest bis Elayne den Sonnenthron beanspruchen konnte. »Mein Lord Drache«, murmelte er und verbeugte sich. »Meine Lady Ta'veren.«

»Ein Scherz«, murrte Min, als Rand sie mit gewölbter Augenbraue ansah.

»Vielleicht«, sagte Dobraine und zuckte leichthin die Achseln, »und doch trägt die Hälfte der adligen Frauen in der Stadt jetzt in Nachahmung der Lady Min bunte Farben. Außerdem Hosen, die ihre Beine zeigen, und viele Jacken, die nicht einmal über ihre...« Er hustete diskret, als er erkannte, daß Mins Jacke auch ihre Hüften nicht vollständig verbarg.

Sie erwog, ihm zu sagen, er hätte sehr hübsche Beine, auch wenn sie entschieden wulstig waren, überlegte es sich dann aber rasch anders. Rands Eifersucht war vielleicht eine wärmende Flamme, wenn sie allein waren, aber sie wollte nicht, daß er Dobraine angriff. Sie befürchtete, daß er dazu fähig wäre. Außerdem glaubte sie, daß es ein Ausrutscher gewesen war. Lord Dobraine Taborwin war nicht der Mann, der auch nur annähernd rauhe Scherze machte.

»Also veränderst auch du die Welt, Min.« Rand tippte ihr grinsend mit einem Finger auf die Nasenspitze. Er tippte ihr auf die Nasenspitze! Wie einem Kind, über das er sich lustig machte! Schlimmer noch — sie spürte, daß sie sein Grinsen wie eine Närrin erwiderte. »Anscheinend auf bessere Art als ich«, fuhr er fort, doch sein kurzzeitiges, jungenhaftes Grinsen schwand wie Nebel.

»Ist in Tear und Illian alles in Ordnung, mein Lord?« fragte Dobraine.

»In Tear und Illian ist alles in Ordnung«, erwiderte Rand grimmig. »Was habt Ihr für mich, Dobraine? Setzt Euch, Mann. Setzt Euch.« Er deutete auf die Stuhlreihen und ließ sich auch selbst nieder.

»Ich habe allen Euren Briefen gemäß gehandelt«, sagte Dobraine und setzte sich Rand gegenüber, »aber ich furchte, es gibt nur wenig Gutes zu berichten.«

»Ich werde uns etwas zu trinken holen«, sagte Min mit angespannter Stimme. Briefe? Es war nicht leicht, in Stiefeln mit Absätzen zu stolzieren — sie hatte sich an sie gewöhnt, aber man schwankte darin bei allem, was man tat —, doch ausreichender Zorn machte alles möglich. Sie trat zu dem kleinen vergoldeten Tisch unter einem der großen Spiegel, auf dem ein Silberkrug und Becher standen. Sie beschäftigte sich damit, voller Wut gewürzten Wein einzugießen. Die Diener brachten stets zusätzliche Becher, falls sie Besucher hatte, obwohl außer Sorilea oder einigen törichten adligen Frauen selten jemand kam. Der Wein war kaum noch warm, aber er war heiß genug für die beiden. Sie hatte zwei Briefe erhalten, aber sie könnte wetten, daß Dobraine zehn bekommen hatte! Zwanzig! Sie knallte den Krug und die Becher auf den Tisch und hörte aufmerksam zu. Worum ging es hinter ihrem Rücken bei den Dutzenden von Briefen?