Elayne nickte gemächlich und bemühte sich, eine Antwort zu ersinnen. Ob Garenia — Zarya — erneut an Flucht dachte oder nicht, sie würde keine Gelegenheit mehr dazu bekommen. Zarya war zu stark in der Macht. Die Burg würde sie nicht gehen lassen, und wenn sie ihr ganzes restliches Leben dafür brauchte, die Stola zu erlangen. Aber Elayne erinnerte sich an etwas, das sie diese Frau hatte sagen hören, als sie ihr zum ersten Mal begegnet war. Sie hatte die Bedeutung dessen damals nicht erkannt, aber jetzt tat sie es. Wie würde Zarya das Novizinnenweiß verkraften, nachdem sie siebzig Jahre lang eigenständig gelebt hatte? Schlimmer noch, das Flüstern der Frauen der Schwesternschaft klang allmählich bedrohlich.
Sie mußte nicht lange nachdenken. Kirstian sank plötzlich auf die Knie und umklammerte mit einer Hand Adeleas' Röcke. »Ich bekenne ebenfalls«, sagte sie leise, und es war ein Wunder, daß über diese blutleeren Lippen überhaupt noch ein Laut kam. »Ich wurde vor fast dreihundert Jahren in das Novizinnenbuch eingeschrieben und bin weniger als ein Jahr später davongelaufen. Ich füge mich und ... bitte um Gnade.«
Jetzt weiteten sich Adeleas' Augen. Kirstian behauptete, aus der Weißen Burg davongelaufen zu sein, als sie selbst noch ein Kind war, wenn nicht vor ihrer Geburt! Die meisten der Schwestern glaubten die von den Frauen der Schwesternschaft angegebenen Alter noch immer nicht. Dem Anschein nach war Kirstian gerade erst in mittlerem Alter.
Dennoch erholte Adeleas sich rasch wieder. Wie alt die andere Frau auch immer war — Adeleas war ungefähr ebenso lange Aes Sedai wie jede andere der ältesten. Eine Aura von Alter und Autorität umgab sie. »Wenn das so ist, Kind«, sagte sie, wobei ihre Stimme nur leicht schwankte, »fürchte ich, daß wir auch Euch in Weiß kleiden müssen. Ihr werdet natürlich bestraft werden, aber die Strafe wird milder ausfallen, weil Ihr Euch bekannt habt.«
»Aus diesem Grund habe ich es getan.« Kirstians feste Stimme wurde durch ein schweres Schlucken etwas erschüttert. Sie war fast ebenso stark wie Zarya — keine Frau des Zirkels war schwach —, und sie würde sehr streng beaufsichtigt werden. »Ich wußte, daß Ihr mich früher oder später aufspüren würdet.«
Adeleas nickte, als wäre das nur allzu offensichtlich, obwohl Elayne sich nicht vorstellen konnte, wie man die Frau hätte ausfindig machen sollen. Sie bezweifelte sehr, daß Kirstian Chalwin der Name war, mit dem die Frau getauft worden war. Die meisten Mitglieder der Schwesternschaft glaubten jedoch an die Allwissenheit der Aes Sedai. Zumindest hatten sie daran geglaubt.
»Unsinn!« Sarainya Vostovans heisere Stimme durchschnitt das Gemurmel der Schwesternschaft. Weder ausreichend stark, um eine Aes Sedai werden zu können, noch auch nur annähernd alt genug, um einen sehr hohen Rang innerhalb der Schwesternschaft zu bekleiden, setzte sie sich dennoch trotzig von der Masse ab. »Warum sollten wir sie der Weißen Burg überlassen? Wir haben Frauen bei der Flucht geholfen, und das ist richtig so! Es gehört nicht zu den Regeln, sie zurückzubringen!«
»Beherrscht Euch!« sagte Reanne scharf. »Alise, nehmt Sarainya in Eure Obhut. Anscheinend vergißt sie zu viele der Regeln, die sie zu kennen behauptet.«
Alise sah Reanne mit noch immer unlesbarer Miene an. Alise, welche die Regeln der Schwesternschaft mit fester Hand durchsetzte. »Es gehört wirklich nicht zu unseren Regeln, Davongelaufene zurückzubringen, Reanne«, sagte sie.
Reanne zuckte zusammen, als wäre sie geschlagen worden. »Und wie sollen wir sie Eurer Ansicht nach festhalten?« fragte sie schließlich. »Wir haben Davongelaufene stets verborgen gehalten, bis wir sicher waren, daß sie nicht mehr gejagt wurden, und wenn sie vorher gefunden wurden, haben wir die Schwestern sie mitnehmen lassen. Das ist die Regel, Alise. Welche andere Regel sollen wir denn noch verletzen? Wollt Ihr vorschlagen, wir sollten uns tatsächlich gegen die Aes Sedai stellen?« Ihre Stimme verdeutlichte die Lächerlichkeit einer solchen Vorstellung, und dennoch stand Alise da und sah sie schweigend an.
»Ja!« rief jemand von den Frauen der Schwesternschaft. »Wir sind viele, und sie sind nur wenige!« Adeleas starrte ungläubig in die Menge. Elayne umarmte Saidar, obwohl sie wußte, daß die Stimme recht hatte — die Schwesternschaft hatte zu viele Mitglieder. Sie spürte, daß Aviendha die Macht ebenfalls ergriff und Birgitte sich dazu bereitmachte.
Alise schüttelte sich, als käme sie gerade zu sich, und tat dann etwas weitaus Vernünftigeres und gewiß weitaus Wirkungsvolleres. »Sarainya«, sagte sie laut, »Ihr werdet Euch bei mir melden, wenn wir heute abend rasten, mit einer Gerte, die Ihr selbst schneiden werdet, bevor wir aufbrechen!« Und dann sagte sie ebenso laut zu Reanne: »Ich werde mich Eurem Urteil stellen, wenn wir abends rasten. Ansonsten sehe ich nicht, daß sich irgend jemand bereitmacht!«
Daraufhin brachen die Frauen der Schwesternschaft rasch auf und eilten davon, um ihre Habe zusammenzuraffen, aber Elayne sah einige von ihnen dabei leise miteinander tuscheln. Als sie über die Brücke über den zugefrorenen Fluß ritten, der sich neben dem Dorf entlang wand, während Nynaeve ungläubig darüber nachsann, was sie verpaßt hatte, und nach jemandem suchte, den sie zur Verantwortung ziehen konnte, trugen Sarainya, Asra und auch Alise Gerten bei sich, während Zarya und Kirstian eiligst beschaffte weiße Gewänder unter ihren dunklen Umhängen trugen. Die Windsucherinnen zeigten auf sie und lachten schallend. Viele der Frauen der Schwesternschaft sprachen noch immer in Gruppen miteinander und schwiegen augenblicklich, wann immer eine Schwester oder ein Mitglied des Frauenzirkels sie ansah. Und sie blickten finster drein, wenn sie wiederum Aes Sedai ansahen.
Acht weitere Tage mühevollen Vorankommens durch den Schnee, wenn es aufgehört hatte zu schneien, und zähneknirschenden Abwartens in Gasthäusern, wenn es weiterhin schneite. Acht weitere Tage finsteren Brütens bei der Schwesternschaft und kalter Blicke zu den Schwestern, Tage, in denen Windsucherinnen um die Schwesternschaft und die Aes Sedai gleichermaßen herumstolzierten. Am Morgen des neunten Tages wünschte sich Elayne allmählich, alle würden einander einfach an die Kehle gehen.
Sie fragte sich, ob sie die letzten zehn Meilen nach Caemlyn ohne Mord überstünden, als Kirstian an ihre Tür klopfte und hereinfegte, ohne eine Antwort abzuwarten. Das einfache Tuchgewand der Frau war für eine Novizin nicht einmal annähernd weiß genug, und sie hatte tatsächlich einen Großteil ihrer Würde zurückerlangt, als wisse sie, daß ihre Zukunft ihre Gegenwart aufwog, aber jetzt vollführte sie einen hastigen Hofknicks und stolperte dabei fast über ihren Umhang, während ihre beinahe schwarzen Augen sie angstvoll ansahen. »Nynaeve Sedai, Elayne Sedai, Lord Lan sagt, Ihr sollt sofort zu ihm kommen«, richtete sie atemlos aus. »Er hat mir aufgetragen, mit niemandem sonst zu sprechen, und auch Ihr sollt mit niemandem sprechen.«
Elayne und Nynaeve wechselten Blicke mit Aviendha und Birgitte. Nynaeve grollte leise etwas über den Mann, der Privates nicht von Offiziellem trennen konnte, aber schon bevor sie errötete, war klar, daß sie es nicht so meinte. Elayne spürte, wie Birgitte sich konzentrierte, ein aufgelegter Pfeil, der auf ein Ziel gerichtet ist.
Kirstian wußte nicht, was Lan wollte, nur wo sie sie hinführen sollte. Es ging zu der kleinen Hütte außerhalb des Dorfes, wohin Adeleas Ispan in der Nacht zuvor gebracht hatte. Lan stand davor, sein Blick ebenso kalt wie die Luft, und wollte Kirstian nicht eintreten lassen. Als Elayne hineinging, sah sie den Grund dafür.
Adeleas lag auf der Seite neben einem umgestürzten Stuhl, und ein Becher lag nicht weit von ihrer ausgestreckten Hand auf dem rauhen Holzboden. Ihre Augen waren starr, und eine Pfütze geronnenen Blutes breitete sich von dem tiefen Schnitt in ihrer Kehle aus. Ispan lag auf einem schmalen Feldbett, die Augen starr zur Decke gerichtet. Der weit geöffnete Mund gab ihre Zähne frei, und ihre hervorstehenden Augen schienen voller Entsetzen. Es mußte Entsetzen sein, denn ein armdicker Holzpfahl ragte zwischen ihren Brüsten hervor. Der Hammer, der eindeutig dazu benutzt worden war, den Pfahl einzutreiben, lag neben dem Feldbett nahe einem dunklen Fleck, der sich bis unter das Feldbett erstreckte.