Elayne unterdrückte den starken Drang, sich zu übergeben. »Licht«, flüsterte sie. »Licht! Wer kann das getan haben? Wie konnte jemand so etwas tun?« Aviendha schüttelte verwundert den Kopf, und Lan tat nicht einmal das. Er schaute einfach in neun Richtungen gleichzeitig, als erwarte er, daß derjenige oder dasjenige, wer oder was auch immer diese Morde begangen hatte, durch eines der zwei winzigen Fenster käme, wenn nicht sogar durch die Wände. Birgitte zog ihren Gürteldolch, und ihrer Miene nach zu urteilen wünschte sie sich zutiefst, ihren Bogen mitgebracht zu haben. Dieser aufgelegte Pfeil war stärker denn je in Elaynes Kopf zu spüren.
Nynaeve blieb zunächst stehen, wo sie war, und betrachtete das Innere der Hütte. Abgesehen vom Offensichtlichen war wenig erkennbar. Ein zweiter dreibeiniger Stuhl, ein grobgezimmerter Tisch mit einer flackernden Lampe, eine grüne Teekanne und ein zweiter Becher, ein Kamin aus Feldsteinen mit erkalteter Asche — das war alles. Die Hütte war so klein, daß Nynaeve bereits mit einem Schritt am Tisch war. Sie tauchte ihren Finger in die Teekanne, führte ihn an die Zungenspitze, spie dann heftig aus und schüttete den ganzen, aus Tee und Teeblättern bestehenden Inhalt der Kanne über den Tisch. Elayne blinzelte verwundert.
»Was ist geschehen?« fragte Vandene schließlich kühl von der Tür her. Lan wollte ihr in den Weg treten, aber sie hielt ihn mit einer kleinen Geste auf. Elayne wollte einen Arm um sie legen und wurde mit einer weiteren Geste ebenfalls gehindert. Vandenes Blick blieb auf ihre Schwester gerichtet, ein ruhiger Blick aus einem gelassenen Aes Sedai-Gesicht. Die tote Frau auf dem Feldbett hätte ebensogut nicht dasein können. »Als ich Euch alle hierher eilen sah, dachte ich ... Wir wußten, daß uns nicht mehr viele Jahre blieben, aber ...« Ihre Stimme klang völlig ruhig, allerdings war kaum verwunderlich, daß es Verstellung war. »Was habt Ihr gefunden, Nynaeve?«
Mitleid wirkte an Nynaeve seltsam. Sie räusperte sich und deutete auf die Teeblätter, ohne sie zu berühren. Zwei weiße Schnitzel lagen unter den mattschwarzen Blättern. »Das ist Rotdornwurz«, sagte sie und versuchte, sachlich zu klingen. »Sie schmeckt süß, so daß man sie im Tee vielleicht nur bemerkt, wenn man weiß, was es ist, besonders wenn man viel Honig nimmt.«
Vandene nickte, ohne den Blick von ihrer Schwester abzuwenden. »Adeleas hat in Ebou Dar Gefallen an süßem Tee gefunden.«
»Ein wenig davon lindert Schmerz«, sagte Nynaeve. »So viel davon ... so viel davon tötet, wenn auch langsam. Schon ein paar Schlucke genügen.« Sie atmete tief durch und fügte hinzu: »Sie waren vielleicht noch Stunden bei Bewußtsein. Unfähig, sich zu bewegen, aber bei Bewußtsein. Entweder wollte derjenige, der dies getan hat, nicht riskieren, daß zu rasch jemand mit einem Gegenmittel käme — obwohl ich gegen ein solch starkes Gebräu keines kenne —, oder er wollte, daß eine von ihnen oder beide wüß-ten, wer sie getötet hat.« Elayne war entsetzt über die Brutalität, aber Vandene nickte nur.
»Es war vermutlich Ispan, da man mit ihr die meiste Zeit verbracht hat.« Es schien fast, als würde die weißhaarige Grüne laut nachdenken, um einem Rätsel auf die Spur zu kommen. Es beanspruchte weniger Zeit, jemandem die Kehle durchzuschneiden, als jemandem einen Pfahl durchs Herz zu treiben. Ihre Ruhe verursachte Elayne eine Gänsehaut. »Adeleas hätte niemals von jemandem etwas zu trinken angenommen, den sie nicht kannte, nicht hier draußen mit Ispan. Diese beiden Tatsachen entlarven ihre Mörderin in gewisser Weise — eine Schattenfreundin, eine aus unserer Gruppe. Eine von uns.« Elayne spürte ihr eigenes und Birgittes Entsetzen.
»Eine von uns«, stimmte Nynaeve traurig zu. Aviendha fuhr mit dem Daumen über ihre Dolchklinge, was Elayne dieses eine Mal als angemessen empfand.
Vandene bat darum, einige Augenblicke mit ihrer Schwester allein gelassen zu werden, dann setzte sie sich auf den Boden und barg Adeleas in ihren Armen, noch bevor die anderen draußen waren. Jaem, Vandenes alter Behüter, erwartete sie bereits mit einer zitternden Kirstian.
Plötzlich erklang aus der Hütte heftiges Wehklagen, der lauthals ausgestoßene Schrei einer Frau, die alles verloren zu haben glaubte. Ausgerechnet Nynaeve wandte sich um und wollte wieder hineingehen, aber Lan legte ihr eine Hand auf den Arm, und Jaem pflanzte sich mit nicht wesentlich freundlicherem Blick als Lan vor der Tür auf. Sie konnten nichts anderes tun als Vandene ihrem Schmerz zu überlassen. Und den Schmerz zu teilen, wie Elayne erkannte, als sie das Gewirr von Empfindungen in ihrem Kopf spürte, das Birgitte war. Sie erschauderte, und Birgitte legte ihr einen Arm um die Schultern. Aviendha tat es ihr von der anderen Seite gleich und bedeutete Nynaeve, sich ihnen anzuschließen, was sie nach kurzem Zögern tat. Der Mord, an den Elayne so leichthin gedacht hatte, war eingetreten. Eine ihrer Gefährtinnen war eine Schattenfreundin, und der Tag fühlte sich plötzlich unsagbar kalt an, aber die Nähe ihrer Freundinnen wärmte sie.
Obwohl sich die Windsucherinnen bescheiden unterordneten, brauchten sie für die letzten zehn düsteren Meilen nach Caemlyn durch den Schnee zwei Tage. Nicht daß sie Merilille auch nur annähernd weniger hart bedrängten. Nicht daß die Frauen der
Schwesternschaft aufhörten, miteinander zu sprechen, und nicht weiterhin in Schweigen verfielen, wann immer eine Schwester oder eines der Mitglieder des Frauenzirkels in ihre Nähe kam. Vandene, die ihrem Pferd den silberbeschlagenen Sattel ihrer Schwester aufgelegt hatte, schien fast noch ebenso gelassen wie an Adeleas' Grab, aber Jaems Blicke trugen das stille Versprechen des Todes in die Welt, das gewiß auch Vandene im Herzen trug. Elayne hätte auch dann nicht glücklicher sein können, der Mauern und Türme Caemlyns ansichtig zu werden, wenn der bloße Anblick ihr die Rosenkrone beschert und Adeleas zurückgebracht hätte.
Sogar Caemlyn, eine der großen Städte der Welt, hatte niemals zuvor eine Gruppe wie die ihre beherbergt, und als sie erst innerhalb der wuchtigen Stadtmauern aus grauem Stein gelangt waren und die Neustadt entlang breiter, schlammiger, von Menschen und Karren und Wagen bevölkerter Straßen durchquerten, erregten sie Aufmerksamkeit. Ladenbesitzer standen in ihren Eingängen und gafften. Kutscher zügelten ihre Gespanne, um sie anzustarren. Hoch aufragende Aielmänner und große Töchter des Speers beobachteten sie anscheinend von jeder Ecke aus. Die meisten Leute schienen die Aiel nicht zu bemerken, aber Elayne tat es durchaus. Sie liebte Aviendha ebenso sehr wie sich selbst, vielleicht sogar mehr, aber sie konnte keinen Gefallen an einem Heer bewaffneter Aiel finden, das durch Caemlyns Straßen zog.
Elayne verspürte allmählich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Die Straßen folgten den Windungen der Hügel, und jede Erhebung bot eine neue Aussicht auf schneebedeckte Parks, Monumente und bunt gedeckte Türme, die in der Nachmittagssonne in hundert Farben schillerten. Schließlich befanden sie sich vor dem Königlichen Palast selbst, eine Ansammlung von hellen Erkern, goldenen Kuppeln und kunstvoll durchbrochenen Steinmetzarbeiten. Das Banner Anders, der Weiße Löwe auf rotem Feld, wehte von fast jeder Spitze, und von den übrigen wehten das Drachenbanner und das Banner des Lichts.
An den hohen, vergoldeten Palasttoren ritt Elayne in ihrem von der Reise verschmutzten grauen Reitgewand voraus. Tradition und Legende besagten, daß Frauen, die sich dem Palast beim ersten Mal in Prunk näherten, stets scheiterten. Sie hatte deutlich gemacht, daß sie dies allein tun mußte, und doch wünschte sie fast, Aviendha und Birgitte wäre es gelungen, sie umzustimmen. Die Hälfte der zwei Dutzend Wächter vor den Toren waren Töchter des Speers der Aiel, die übrigen Männer mit Helmen und blauen Jacken mit einem rotgoldenen Drachen über der Brust.