»Ich bin Elayne Trakand«, verkündete sie laut und überrascht darüber, wie ruhig sie klang. Ihre Stimme war weit zu hören, und überall auf dem großen Platz wandten sich Menschen von ihren Begleitern ab und ihr zu. Die uralte Formel ging ihr leicht von den Lippen. »Im Namen des Hauses Trakand, nach dem Recht der Abstammung von Ishara, bin ich gekommen, um den Löwenthron von Andor zu beanspruchen, wenn das Licht es will.«
Die Tore wurden weit geöffnet.
Aber es würde natürlich nicht so leicht werden. Selbst der Besitz des Palasts genügte nicht, um den Thron Anders unangefochten innezuhaben. Sie übergab ihre Begleiter der Obhut einer erstaunten Reene Harfor — sie war sehr erfreut zu sehen, daß die bereits ergrauende Haushofmeisterin, rundlich und herrschaftlich wie jede Königin, den Palast noch immer in ihren fähigen Händen hatte — und eines erlesenen Kreises von Dienern in rotweißer Livree und eilte zum Großen Saal, dem Thronsaal Andors. Dies war jedoch noch nicht Teil des Rituals. Sie hätte sich eigentlich umziehen und ihr rotes Seidengewand mit dem perlenverzierten Leibchen und den weißen Löwen auf den Ärmeln anlegen sollen, aber sie fühlte sich getrieben. Dieses Mal erhob nicht einmal Nynaeve Einwände.
Weiße, zwanzig Fuß hohe Säulen säumten die Seiten des Großen Saals. Der Raum war leer und still, aber das würde nicht lange vorhalten. Das klare Nachmittagslicht, das durch die hohen Fenster entlang den Wänden fiel, vermischte sich mit dem farbigen Licht von den in die Decke eingelassenen Fenstern, auf denen sich der Weiße Löwe von Andor mit Szenen andoranischer Siege und den frühesten Königinnen abwechselte, beginnend mit Ishara selbst, so dunkel wie jede Atha'an Miere und mit der ganzen Autorität jeder Aes Sedai. Keine Herrscherin Andors konnte ihren Status vergessen, wenn die Vorgänger, welche diese Nation gestaltet hatten, auf sie herabsahen.
Vor dem Anblick eines bestimmten Gegenstands fürchtete Elayne sich — vor der gewaltigen Ungeheuerlichkeit des ganz aus vergoldeten Drachen bestehenden Throns, den sie in Tel'amn'rhiod am Ende des Saals auf dem Podest hatte stehen sehen. Er war, dem Licht sei Dank, nicht da. Der Löwenthron stand auch nicht mehr wie eine Trophäe auf einem hohen Sockel, sondern auf seinem rechtmäßigen Platz auf dem Podest, ein wuchtiger Sessel, geschnitzt und vergoldet, aber für eine Frau gemacht. Der Weiße Löwe, mit Mondsteinen auf einem Feld aus Rubinen gestaltet, würde über dem Kopf jeder Frau aufragen, die sich auf den Thron setzte. Kein Mann konnte sich darauf wohl fühlen, weil er, wie die Legende behauptete, dann wüßte, daß er sein Schicksal besiegelt hätte. Elayne hielt es für wahrscheinlicher, daß die Erbauer einfach sichergestellt hatten, daß ein Mann nicht darauf paßte.
Sie erklomm die weißen Marmorstufen des Podests und legte eine Hand auf die Armlehne des Throns. Sie hatte kein Recht, sich darauf niederzulassen, noch nicht. So lange nicht, bis sie als Königin anerkannt würde. Aber Eide auf den Löwenthron zu schwören war ein Brauch, der so alt wie Andor selbst war. Sie mußte dem Verlangen widerstehen, einfach auf die Knie zu sinken und den Thronsitz mit Tränen zu benetzen. Sie war vielleicht mit dem Tod ihrer Mutter ausgesöhnt, aber diese Umgebung brachte dennoch allen Schmerz zurück. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen.
»Unter dem Licht, ich werde dein Andenken ehren, Mutter«, sagte sie leise. »Ich werde den Namen Morgase Trakand ehren und versuchen, dem Hause Trakand nur Ehre zu machen.«
»Ich habe den Wachen befohlen, die Neugierigen fernzuhalten. Ich dachte, daß Ihr hier vielleicht eine Weile allein sein wolltet.«
Elayne wandte sich langsam zu Dyelin Taravin um, während die blonde Frau den Großen Saal herabschritt. Dyelin war eine der ersten gewesen, die ihre Mutter bei ihrem Anspruch auf den Thron unterstützt hatten. Ihr Haar war grauer, als Elayne es in Erinnerung hatte, und es waren mehr Falten um ihre Augenwinkel zu sehen als früher. Aber sie war noch immer recht hübsch, eine starke Frau. Und als Freundin oder Gegnerin gleichermaßen mächtig.
Sie blieb am Fuß des Podests stehen und schaute hinauf. »Ich höre seit zwei Tagen, daß Ihr am Leben wärt, aber ich habe es bis jetzt nicht wirklich geglaubt. Also seid Ihr gekommen, um den Thron vom Wiedergeborenen Drachen entgegenzunehmen?«
»Ich beanspruche den Thron nach meinem eigenen Recht, Dyelin, mit eigener Hand. Der Löwenthron ist kein Tand, den man von einem Mann empfängt.« Dyelin nickte, als sei dies eine selbstverständliche Wahrheit. Was es für jeden Andoraner auch war. »Wie ist Eure Position, Dyelin? Für Trakand — oder dagegen? Ich habe Euren Namen auf meinem Weg hierher oft nennen hören.«
»Da Ihr den Thron nach Eurem eigenen Recht beansprucht, bin ich dafür.« Nur wenigen Menschen gelang es, so nüchtern zu klingen wie sie. Elayne setzte sich auf die oberste Stufe des Podests und bedeutete der älteren Frau, sich ihr anzuschließen. »Es gibt natürlich einige Hindernisse«, fuhr Dyelin fort, während sie ihre blauen Röcke raffte, um sich hinzusetzen. »Es gab bereits einige Anwärter, wie Ihr vielleicht wißt. Naean und Elenia habe ich unter der Anschuldigung des Verrats sicher eingesperrt, was die meisten Leute im Moment anscheinend bereitwillig akzeptieren. Elenias Ehemann ist noch immer rege für sie tätig, wenn auch im stillen, und Arymilla, die alberne Gans, hat ebenfalls ihren Anspruch angemeldet. Sie wird von irgend jemandem unterstützt, aber nicht in dem Maße, daß es Euch bekümmern müßte. Wirklich beunruhigt sein solltet Ihr — abgesehen von den Aiel überall in der Stadt, die auf die Rückkehr des Wiedergeborenen Drachen warten — über Aemlyn, Arathelle und Pelivar. Im Moment stehen Luan und Ellorien noch hinter Euch, aber sie könnten zu jenen dreien überlaufen.«
Eine recht kurze Liste und nüchtern vorgetragen. Elayne hatte von Naean und Elenia gehört, wenn sie auch nicht gewußt hatte, daß Jarid noch immer glaubte, seine Frau habe Aussichten auf den Thron.
Arymilla war tatsächlich eine Gans, wenn sie glaubte, sie würde akzeptiert, wer auch immer sie unterstützte. Die letzten fünf Namen beunruhigten Elayne jedoch ernstlich. Jeder dieser Menschen hatte ihre Mutter ebenso stark unterstützt wie Dyelin, und jeder stand einem starken Haus vor.
»Also wollen auch Arathelle und Aemlyn den Thron einnehmen«, murmelte Elayne. »Von Ellorien kann ich es nicht glauben, nicht für sich selbst.« Pelivar handelte vielleicht für eine seiner Töchter, aber Luan hatte nur Enkelinnen, von denen keine auch nur annähernd alt genug war. »Ihr glaubt anscheinend, es könnten sich alle fünf Häuser verbünden. Unter wem?« Das bedeutete eine ernsthafte Bedrohung.
Dyelin stützte lächelnd das Kinn in die Hand. »Sie sind wohl der Meinung, ich sollte den Thron innehaben. Nun, was beabsichtigt Ihr hinsichtlich des Wiedergeborenen Drachen zu tun? Er ist schon einige Zeit nicht mehr hiergewesen, aber er kann anscheinend unverhofft aus der Luft auftauchen.«
Elayne schloß einen Moment fest die Augen, aber als sie sie wieder öffnete, saß sie noch immer auf den Stufen des Podests im Großen Saal, und Dyelin lächelte sie noch immer an. Ihr Bruder kämpfte für Elaida, und ihr Halbbruder war ein Weißmantel. Sie hatte Frauen in den Palast geholt, die sich jeden Moment gegeneinander stellen könnten, ganz zu schweigen von der Tatsache, daß eine davon eine Schattenfreundin, vielleicht sogar eine der Schwarzen Ajah war. Und diejenigen, die ihren Anspruch auf den Thron am stärksten bedrohten, standen hinter einer Frau, die behauptete, sie unterstütze Elayne. Die Welt war ziemlich verrückt. Sie könnte ebensogut ihr Scherflein dazu beitragen.
»Ich will ihn als meinen Behüter an mich binden«, sagte sie und fuhr fort, bevor die andere Frau mehr tun konnte, als erstaunt zu blinzeln. »Ich hoffe außerdem, ihn heiraten zu können. Diese Dinge haben jedoch nichts mit dem Löwenthron zu tun. Als erstes beabsichtige ich ...«