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Min runzelte die Stirn. Rand die Entscheidung überlassen? Weise Frauen überließen Entscheidungen, die sie selbst treffen konnten, selten jemand anderem. Und Sorilea tat dies niemals. Die starke Weise Frau richtete sorgfältig die dunkle Stola um ihre Schultern und sah Rand an, als wäre diese Angelegenheit überhaupt nicht wichtig. Doch dann warf sie Min einen Blick aus kalten blauen Augen zu, und plötzlich war Min sich sicher, daß die harte alte Frau ihr das Fell über die Ohren ziehen würde, wenn sie hier das Falsche sagte. Es war keine Vision. Sie kannte Sorilea inzwischen einfach besser, als sie wollte.

Sie gab sich entschlossen der Betrachtung dessen hin, was rund um die Frauen erschien und wieder verschwand. Keine leichte Aufgabe, wenn sie so nahe beieinander standen, daß sie nicht sicher sein konnte, ob ein bestimmtes Bild zu dieser oder jener Frau gehörte. Zumindest waren die Auren einigermaßen beständig. Licht, mochte sie in der Lage sein, zumindest etwas von dem zu verstehen, was sie sah!

Rand nahm Sorileas Verkündigung kühl auf, wenn auch nur oberflächlich. Er rieb sich langsam die Hände und betrachtete nachdenklich die in seine Handflächen gebrannten Reiher. Dann betrachtete er nacheinander jedes der Aes Sedai-Gesichter und konzentrierte sich schließlich auf Erian.

»Warum?« fragte er sie mit sanfter Stimme. »Ich habe zwei Eurer Behüter getötet. Warum?« Min zuckte zusammen. Rand war vieles, aber selten sanft. Erian war eine jener wenigen, die ihn mehr als einmal geschlagen hatten.

Die blasse illianische Schwester richtete sich auf. Bilder tanzten, Auren flammten auf und erloschen, aber es war nichts, was Min lesen konnte. Mit schmutzigem Gesicht und langem, stumpfem schwarzem Haar nahm Erian all ihre Aes Sedai-Autorität zusammen und begegnete seinem Blick gleichmütig. Aber ihre Antwort war einfach und direkt. »Wir haben einen Fehler gemacht, als wir Euch gefangennahmen. Ich habe lange darüber nachgedacht. Ihr müßt in der Letzten Schlacht kämpfen, und wir müssen Euch helfen. Ich verstehe es, wenn Ihr mich nicht annehmt, aber ich werde Euch die nötige Hilfe zukommen lassen, wenn Ihr es erlaubt.«

Rand sah sie ausdruckslos an.

Er wiederholte seine aus einem Wort bestehende Frage vor jeder Schwester, und die Antworten waren so unterschiedlich wie die Frauen, die sie gaben.

»Die Grüne Ajah ist die Kampfajah«, belehrte Beldeine ihn stolz, und trotz der Flecken auf ihren Wangen und dunkler Schatten unter den Augen wirkte sie wie eine Königin der Schlachten. Aber andererseits schien dies die zweite Natur saldaeanischer Frauen zu sein. »Wenn Ihr nach Tarmon Gai'don zieht, muß die Grüne Ajah da sein. Ich werde Euch folgen, wenn Ihr mich annehmt.« Licht, sie würde einen Asha'man als Behüter binden! Wie...? Nein, das war jetzt nicht wichtig.

»Was wir getan haben, war zum damaligen Zeitpunkt folgerichtig.« Sarenes mühsam beibehaltene, kühle Klarheit wurde zu eindeutiger Sorge, und sie schüttelte den Kopf. »Ich sage das nur zur Erklärung, nicht als Entschuldigung. Die Umstände haben sich geändert. Für Euch mag der folgerichtige Verlauf vielleicht sein ...« Sie atmete zitternd ein. Bilder und Auren. Ausgerechnet eine stürmische Liebesaffäre! Die Frau war Eis, wie wunderschön sie auch war. Und es nützte nichts zu wissen, daß irgendein Mann sie dahinschmelzen lassen würde! »... uns wieder in die Gefangenschaft zurückzuschicken«, fuhr sie fort, »oder uns sogar töten zu lassen. Für mich ist es folgerichtig zu sagen, daß ich Euch dienen muß.«

Nesune neigte den Kopf, und ihre fast schwarzen Augen schienen fast jede Einzelheit Rands zu speichern. Eine rotgrüne Aura erzählte von Ehren und Ruhm. Ein großes Gebäude erschien über ihrem Kopf und verschwand wieder. Sie würde eine Bibliothek gründen. »Ich möchte mich um Euch bemühen«, sagte sie schlicht. »Und das kann ich wohl kaum tun, wenn ich Steine schleppe oder Löcher grabe. Diese Tätigkeiten lassen einem viel Zeit zum Nachdenken, aber Euch zu dienen scheint mir ein fairer Tausch für das, was ich vielleicht lernen kann.« Rand blinzelte bei der Direktheit ihrer Worte, aber seine Miene veränderte sich nicht.

Die überraschendste Antwort kam von Elza, mehr durch die Art, wie sie gegeben wurde, als durch die Worte selbst. Sie sank auf die Knie und schaute mit fiebrigen Augen zu Rand auf. Ihr ganzes Gesicht glühte vor Eifer. Auren flammten auf, und Bilder erschienen kaskadenförmig um sie herum, die aber nichts aussagten. »Ihr seid der Wiedergeborene Drache«, sagte sie atemlos. »Ihr müßt in die Letzte Schlacht ziehen. Und ich muß dabei helfen, daß Ihr in diese Schlacht ziehen könnt! Ich werde tun, was immer nötig ist!« Dann warf sie sich mit dem Gesicht auf den Boden und preßte die Lippen auf den blanken Stein vor seinen Stiefeln. Selbst Sorilea war überrascht, und Sarenes Mund stand offen. Morr starrte sie an und drehte dann rasch wieder an seinem Knopf. Min glaubte, ihn nervös kichern zu hören.

Rand wandte sich auf dem Absatz um und schritt auf den Drachenthron zu, auf dem sein Szepter und die Krone Illians auf seinem goldbestickten roten Umhang lagen. Sein Gesicht war so freudlos, daß Min zu ihm eilen wollte, gleichgültig, wer zusah, aber sie betrachtete dennoch weiterhin die Aes Sedai und Sorilea. Sie hatte noch niemals etwas wirklich Nützliches um diese weißhaarige alte Vettel herum gesehen.

Rand wandte sich jäh wieder um und schritt so rasch auf die Reihe der Frauen zu, daß Beldeine und Sarene zurückwichen. Eine scharfe Geste von Sorilea ließ sie ihren Platz augenblicklich wieder einnehmen.

»Würdet Ihr es akzeptieren, in eine Kiste eingesperrt zu werden?« Seine Stimme knirschte, Stein, der auf gefrorenem Fels mahlte. »Den ganzen Tag in einer Kiste eingeschlossen zu sein und geschlagen zu werden, bevor Ihr hineinsteigt und wenn Ihr wieder herauskommt?« Das hatten sie ihm angetan.

»Ja!« stöhnte Elza am Boden. »Ich werde tun, was immer nötig ist!«

»Wenn Ihr es verlangt«, gelang es Erian erschüttert zu antworten, und die anderen nickten mit entsetzten Mienen zögerlich.

Min betrachtete die Szene erstaunt und ballte die Hände in den Jackentaschen zu Fäusten. Es schien nur zu natürlich, daß er sich auf gleiche Weise rächen wollte, aber sie mußte dem irgendwie Einhalt gebieten. Sie kannte ihn besser als er sich selbst. Sie wußte, wo er hart wie eine Dolchklinge und wo er verletzlich war, wie sehr er es auch leugnete. Er würde sich dies niemals vergeben. Aber wie sollte sie es verhindern? Zorn verzerrte sein Gesicht, und er schüttelte den Kopf, wie er es stets tat, wenn er mit dieser Stimme in seinem Kopf stritt, die er hörte. Er murmelte ein Wort laut genug, daß sie es hören konnte: Ta'veren. Sorilea stand ruhig da und beobachtete ihn ebenso aufmerksam wie Nesune. Nicht einmal die drohende Kiste erschütterte die Braune. Bis auf Elza, die noch immer stöhnte und den Boden küßte, starrten die Frauen ihn hohläugig an, als sähen sie sich bereits vor Schmerz gekrümmt und gefesselt, wie er es gewesen war.

Unter all den um Rand und die Frauen auftauchenden Bildern flammte plötzlich eine Aura auf, blau und gelb mit Grün, die sie alle einschloß. Min erkannte ihre Bedeutung. Sie keuchte, halb überrascht, halb erleichtert.

»Sie werden dir dienen, jede auf ihre Art, Rand«, sagte sie hastig. »Ich habe es gesehen.« Sorilea würde ihm dienen? Min fragte sich jäh, was genau ›auf ihre Art‹ bedeutete. Die Worte kamen mit dem Wissen, aber sie wußte nicht immer, was die Worte selbst bedeuteten. Aber sie würden ihm dienen, soviel war sicher.