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Der Zorn wich aus Rands Gesicht, während er die Aes Sedai schweigend betrachtete. Einige von ihnen sahen Min mit gewölbten Augenbrauen an und wunderten sich offensichtlich darüber, daß nur wenige Worte von ihr soviel Gewicht hatten, aber überwiegend beobachteten sie Rand, wobei sie kaum zu atmen schienen. Selbst Elza hob den Kopf, um zu ihm aufzuschauen. Sorilea warf Min einen raschen Blick zu und nickte kaum wahrnehmbar. Anerkennend, dachte Min. Also täuschte die alte Frau auf die eine oder andere Art nur vor, daß sie nichts kümmerte?

Schließlich sprach Rand. »Ihr könnt Euch mir verschwören, wie es auch Kiruna und die übrigen getan haben. Andernfalls müßt Ihr dorthin zurückgehen, wo die Weisen Frauen Euch festgehalten haben. Weniger werde ich nicht akzeptieren.« Obwohl seine Stimme fordernd klang, wirkte er, als wenn auch ihn nichts kümmerte, die Arme verschränkt, der Blick ungeduldig. Der von ihm geforderte Schwur wurde eiligst geleistet.

Min erwartete keine Ausflüchte, nicht nach ihrer Vision, und doch überraschte es sie, als sich Elza auf die Knie aufrichtete und die übrigen sich auf die Knie niederließen. In grobem Gleichklang schworen fünf weitere Aes Sedai unter dem Licht und bei der Hoffnung auf Erlösung, dem Wiedergeborenen Drachen treu zu dienen, bis die Letzte Schlacht geschlagen war. Nesune sprach die Worte aus, als erwöge sie jedes einzelne, Sarene so, als zitiere sie ein logisches Prinzip, Elza mit einem breiten, siegreichen Lächeln — aber sie alle leisteten den Schwur. Wie viele Aes Sedai würde er um sich versammeln?

Mit dem Eid schien Rand das Interesse zu verlieren. »Sucht Kleidung für sie und steckt sie zu Euren anderen ›Lehrlingen‹«, befahl er Sorilea geistesabwesend. Er runzelte die Stirn, was aber nicht ihr oder den Aes Sedai galt. »Wie viele wirst du letztendlich hinter dir haben?« Min zuckte beim Echo ihres eigenen Gedankens fast zusammen.

»Wie viele auch immer nötig sind«, sagte Sorilea trocken. »Ich glaube, es werden weitere kommen.« Sie klatschte einmal in die Hände und vollführte eine Geste, und die fünf Schwestern sprangen auf. Nur Nesune wirkte überrascht, wie bereitwillig sie gehorcht hatten. Sorilea lächelte, ein sehr zufriedenes Lächeln für eine Aiel, und Min glaubte nicht, daß es dem Gehorsam der Frauen galt.

Rand wandte sich ab. Er begann bereits wieder, auf und ab zu schreiten und wegen Elayne finster die Stirn zu runzeln. Min ließ sich erneut auf ihren Stuhl sinken und wünschte, sie hätte eines von Meister Fels Büchern zum Lesen. Oder um es auf Rand zu schleudern. Nun, eines von Meister Fei zum Lesen, und das eines anderen zum Werfen.

Sorilea trieb die schwarz gekleideten Schwestern aus dem Raum, hielt dann mit einer Hand an der Tür inne und schaute zu Rand zurück, der von ihr fort auf den vergoldeten Thron zuging. Sie schürzte nachdenklich die Lippen. »Diese Frau, Cadsuane Melaidhrin, verweilt heute wieder unter diesem Dach«, sagte sie schließlich an seinen Rücken gewandt. »Sie glaubt wahrscheinlich, ihr hättet Angst vor ihr, Rand al'Thor, so wie Ihr sie meidet.« Mit diesen Worten ging sie.

Rand stand einen langen Moment nur da und starrte auf den Thron. Oder vielleicht auf etwas Jenseitiges. Dann schüttelte er sich jäh und trat auf das Podest, um die Schwerterkrone aufzunehmen. Als er sie sich jedoch gerade aufsetzen wollte, zögerte er und legte sie auf den Thron zurück. Er zog seine Jacke an und beließ Krone und Szepter an ihrem Platz.

»Ich beabsichtige herauszufinden, was Cadsuane will«, verkündete er. »Sie kommt nicht jeden Tag zum Palast, weil sie gern durch den Schnee läuft. Kommst du mit mir, Min? Vielleicht hast du dort eine Vision.«

Sie war schneller aufgestanden als alle diese Aes Sedai. Ein Besuch bei Cadsuane wäre wahrscheinlich ebenso angenehm wie ein Besuch bei Sorilea, aber alles war besser, als allein hier zu sitzen. Außerdem hätte sie dort vielleicht wirklich eine Vision. Fedwin schloß sich ihnen mit wachsamem Blick an.

Die sechs Töchter des Speers draußen in dem hohen gewölbten Gang erhoben sich, aber sie folgten ihnen nicht. Min kannte nur Somara, die Min kurz zulächelte und Rand einen mißbilligenden Blick zuwarf. Die übrigen blickten lediglich finster drein. Die Töchter des Speers hatten seine Erklärung zunächst akzeptiert, daß er ohne sie gegangen war, um mögliche Beobachter zu der Annahme zu verleiten, er befinde sich noch in Cairhien, aber sie verlangten noch immer zu wissen, warum er nicht im nachhinein nach ihnen geschickt hatte, und Rand hatte keine Antwort gewußt. Er murrte leise etwas und beschleunigte seinen Schritt, so daß Min Mühe hatte mitzuhalten.

»Beobachte Cadsuane genau, Min«, sagte er. »Und Ihr ebenfalls, Morr. Sie verfolgt irgendeinen Aes Sedai-Plan, aber ich sei verdammt, wenn ich erkennen kann, worum es geht. Ich weiß es nicht...«

Eine Steinmauer traf Min anscheinend von hinten. Sie glaubte ein Brüllen, ein Krachen zu hören. Und dann drehte Rand sie um — sie lag auf dem Boden? —und blickte das erste Mal, seit sie sich erinnern konnte, mit Angst in diesen morgenblauen Augen auf sie herab. Sie schwand erst, als sie sich hustend aufsetzte. Die Luft war voller Staub! Und dann sah sie den Gang.

Die Töchter des Speers waren von ihrem Platz vor Rands Türen verschwunden, und auch die Türen selbst waren verschwunden, zusammen mit dem größten Teil der Wand. Eine fast ebenso große, gezackte Öffnung klaffte in der gegenüberliegenden Wand. Trotz des Staubs konnte Min genau in seine Räume schauen, die verheert waren. Überall lagen große Haufen Schutt, und durch ein gähnendes Loch in der darüberliegenden Decke sah man den Himmel. Schnee wirbelte auf die im Schutt tanzenden Flammen herab. Einer der wuchtigen Schwarzholzpfosten von Rands Bett stak brennend in den Trümmern, und sie erkannte, daß sie bis ganz hinaus zu den Stufentürmen blicken konnte, die vom herabfallenden Schnee verschleiert waren. Es war, als hätte ein riesiger Hammer in den Sonnenpalast eingeschlagen. Wenn sie dort drinnen gewesen wären anstatt auf dem Weg zu Cadsuane ... Min erschauderte.

»Was ...?« begann sie unsicher und tat die nutzlose Frage dann ab. Jeder Narr konnte sehen, was geschehen war. »Wer?« fragte sie statt dessen.

Staubbedeckt, das Haar vollkommen wirr und mit Rissen in ihren Jacken, erweckten die beiden Männer den Eindruck, als wären sie den Gang entlang gerollt worden, und vielleicht war dem auch so. Sie befanden sich alle drei gute zehn Schritt weiter als zuvor von der Stelle entfernt, wo die Türen gewesen waren. In der Ferne erklangen besorgte Rufe, die durch die Gänge hallten. Keiner der Männer antwortete ihr.

»Kann ich Euch vertrauen, Morr?« fragte Rand.

Fedwin erwiderte seinen Blick offen. »Ihr könnt mir Euer Leben anvertrauen«, sagte er schlicht.

»Genau das vertraue ich Euch auch an«, sagte Rand. Er strich mit den Fingern über Mins Wange und erhob sich dann jäh. »Beschützt sie mit Eurem Leben, Morr.« Seine Stimme klang stahlhart. Grimmig wie der Tod. »Wenn sie noch immer im Palast sind, werden sie spüren, wenn Ihr ein Wegetor zu gestalten versucht, und Euch angreifen, bevor Ihr es beenden könnt. Lenkt die Macht nicht, wenn es nicht sein muß, aber haltet Euch bereit. Bringt Min zu den Dienstbotenquartieren hinunter und tötet jeden, der zu ihr zu gelangen versucht. Jeden!«

Mit einem letzten Blick zu ihr — oh, Licht, zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie gedacht, sie könnte glücklich sterben, wenn sie diesen Blick in seinen Augen sah! — eilte er im Laufschritt davon, fort vom Ort der Verwüstung. Fort von ihr. Wer auch immer ihn zu töten versucht hatte, würde ihn jagen.

Morr tätschelte mit einer staubigen Hand ihren Arm und grinste sie jungenhaft an. »Macht Euch keine Sorgen, Min. Ich werde auf Euch aufpassen.«