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Aber wer würde auf Rand aufpassen? Kann ich Euch vertrauen? hatte er diesen Jungen gefragt, der als einer der ersten gekommen war und darum gebeten hatte, lernen zu dürfen. Licht, wer würde auf ihn aufpassen?

Rand umrundete eine Ecke und blieb dann mit einer Hand an der Wand stehen, um die Quelle zu ergreifen. Es war töricht, daß er nicht wollte, daß Min ihn taumeln sah, wenn jemand ihn zu töten versuchte, aber es war so. Nicht einfach irgend jemand. Ein Mann, Demadred, oder vielleicht Asmodean, der doch noch zurückgekehrt war. Vielleicht auch beide. Es war seltsam gewesen, als wäre das Gewebe aus verschiedenen Richtungen entstanden. Er hatte das Lenken der Macht zu spät gespürt, um etwas dagegen zu unternehmen. In seinen Räumen wäre er gestorben. Er war bereit zu sterben. Aber Min nicht, nein, Min nicht. Elayne sollte sich besser gegen ihn wenden. Oh, Licht, das tat sie!

Er ergriff die Quelle, und Saidin durchströmte ihn mit geschmolzener Kälte und gefrorener Hitze, mit Leben und Sanftheit, Schmutz und Tod. Sein Magen rebellierte, und der Gang vor ihm krümmte sich. Er glaubte einen Moment, ein Gesicht zu sehen. Nicht mit seinen Augen. In seinem Kopf. Einen Mann, schimmernd und unscharf, und dann fort. Er schwebte voller Macht im leeren Nichts.

Du wirst nicht siegen, belehrte er Lews Therin. Wenn ich sterbe, sterbe ich selbst!

Ich hätte llyena fortschicken sollen, flüsterte Lews Therin zurück. Sie hätte überlebt.

Rand stieß die Stimme von sich, wie er sich von der Wand abstieß, und huschte mit aller ihm möglichen Verstohlenheit die Palastgänge entlang, trat vorsichtig auf, glitt nahe an den mit Gobelins behangenen Wänden entlang, um goldverzierte Truhen und vergoldete Vitrinen mit zerbrechlichem Porzellan und Elfenbeinstatuetten herum. Sein Blick suchte seine Angreifer. Sie würden nicht eher ruhen, bis sie seine Leiche vor sich hätten, aber sie würden sich seinen Räumen sehr vorsichtig nähern, falls er durch irgendeinen Ta'veren-Wirbel überlebt hätte. Sie würden abwarten, um zu sehen, ob er sich regte. Im Nichts war er so sehr verbunden mit der Macht, wie ein Mann es nur ertragen konnte. Im Nichts war er, wie mit einem Schwert, eins mit seiner Umgebung.

Wilde Schreie und Lärm erklangen aus allen Richtungen, wobei einige lauthals wissen wollten, was geschehen war, und andere riefen, der Wiedergeborene Drache sei gewiß wahnsinnig geworden. Das Knäuel Enttäuschung in seinem Kopf, das Alanna war, bot einen kleinen Trost. Sie befand sich außerhalb des Palasts, wie schon den ganzen Morgen, vielleicht sogar außerhalb der Stadtmauern. Er wünschte, das gälte auch für Min. Manchmal sah er Männer und Frauen in den Gängen, hauptsächlich schwarz livrierte Diener, die rannten, hinfielen, sich wieder aufrappelten und weiterrannten. Sie sahen ihn nicht. Mit der ihm innewohnenden Macht konnte er auch das leiseste Geräusch hören. Einschließlich des Geräuschs weicher Stiefel in leichtfüßigem Lauf.

Er lehnte sich gegen eine Wand neben einem langen, mit Porzellan bestandenen Tisch, wob rasch Feuer und Luft um sich und hielt sich in dem Umhüllenden Licht sehr still.

Ein ganzer Strom verschleierter Töchter des Speers erschien und lief, ohne ihn zu sehen, an ihm vorbei auf seine Räume zu. Er durfte nicht zulassen, daß sie ihn begleiteten. Er hatte es versprochen, aber nur, um sie kämpfen zu lassen, und nicht, um sie zur Schlachtbank zu führen. Wenn er Demandred und Asmodean fand, würden die Töchter des Speers sterben, und er mußte seiner Liste bereits fünf weitere Namen hinzufügen. Sorama von den Geneigte Bergspitze-Daryne befand sich bereits darauf. Es war ein notwendiges Versprechen gewesen, eines, das er halten mußte. Er verdiente schon für dieses Versprechen allein zu sterben!

Adler und Frauen können nur in Käfigen sicher gehalten werden, zitierte Lews Therin eine feststehende Redewendung und begann dann jäh zu weinen, als die letzte der Töchter des Speers verschwand.

Rand ging weiter und durchstreifte den Palast in weiten, sich langsam von seinen Räumen entfernenden Bögen. Das ihn Umhüllende Licht benötigte nur sehr wenig der Macht — so wenig, daß niemand die Benutzung Saidins hätte spüren können, der nicht unmittelbar darauf stieß —, und er benutzte es, wann immer jemand ihn womöglich sehen konnte. Seine Angreifer hatten den Anschlag auf seine Räume nicht zufällig ausgeführt. Sie hatten Augen-und-Ohren im Palast. Vielleicht war es sein Wirken als Ta'veren gewesen, das ihn aus seinen Räumen getrieben hatte, wenn ein Ta'veren auf sich selbst wirken konnte, und vielleicht war es auch nur ein Zufall, aber vielleicht konnte sein Zerren am Muster seine Angreifer in seine Reichweite führen, während sie ihn tot oder verletzt glaubten. Lews Therin kicherte bei dem Gedanken. Rand konnte fast spüren, wie sich der Mann erwartungsvoll die Hände rieb.

Er mußte sich noch drei Mal hinter der Macht verbergen, als verschleierte Töchter des Speers vorübereilten, und einmal, als er Cadsuane mit nicht weniger als sechs Aes Sedai auf den Fersen, von denen er keine erkannte, vor ihm den Gang entlang eilen sah. Sie schienen auf der Jagd zu sein. Eigentlich hatte er keine Angst vor der grauhaarigen Schwester. Nein, natürlich hatte er keine Angst! Aber er wartete, bis sie und ihre Freundinnen weit außer Sicht gelangt waren, bevor er sein ihn verbergendes Gewebe losließ. Lews Therin kicherte bei Cadsuane nicht. Er war totenstill, bis sie fort war.

Rand trat von der Wand fort, als sich unmittelbar neben ihm eine Tür öffnete und Ailil herausspähte. Er hatte nicht bemerkt, daß er sich in der Nähe ihrer Räume befand. Hinter ihrer Schulter tauchte eine dunkle Frau auf, mit breiten goldenen Ohrringen und einer mit Medaillons behangenen Goldkette, die über ihre linke Wange zu einem Nasenring verlief. Shalon, Windsucherin Harine din Togaras, die Gesandte der Atha'an Miere, die schon fast in dem Moment mit ihrem Gefolge in den Palast eingezogen war, als Merana ihm von der Übereinkunft berichtet hatte. Und sie traf sich mit einer Frau, die ihn vielleicht tot sehen wollte. Ihrer beider Augen traten bei seinem Anblick hervor.

Er war so freundlich wie möglich, aber er mußte sich beeilen. Nur wenige Momente, nachdem sich die Tür geöffnet hatte, versteckte er eine einigermaßen überrumpelte Ailil neben Shalon unter ihrem Bett. Vielleicht hatten sie keinen Anteil an dem, was geschah. Vielleicht. Es war jedoch besser sicherzugehen, als hinterher zu bereuen. Sie starrten ihn an, mit Knebeln im Mund, und wehrten sich gegen die Streifen Bettlaken, mit denen er sie an Händen und Füßen gefesselt hatte. Den Schild, der Shalon abschirmte, hatte er abgebunden. Es würde ungefähr einen Tag lang dauern, bevor sich der Knoten löste, aber bis dahin würde sie auch jemand finden und ihre übrigen Fesseln durchschneiden.

Da Rand sich wegen dieses Schildes sorgte, öffnete er die Tür einen Spaltbreit, so daß er den Gang überprüfen konnte, und eilte dann hinaus und den leeren Flur entlang. Er hatte der Windsucherin nicht die Möglichkeit lassen dürfen, die Macht zu lenken, aber eine Frau abzuschirmen erforderte mehr als nur ein Quentchen der Macht. Wenn einer seiner Angreifer ausreichend nahe gewesen war ... Doch er erblickte ebensowenig in den Quergängen irgend jemanden.

Fünfzig Schritt hinter Ailils Räumen öffnete sich der Gang zu einer quadratischen, mit Balustern versehenen, blauen Marmorgalerie mit breiten Treppen an beiden Enden, die auf einen quadratischen Raum mit einer hohen gewölbten Decke und derselben Galerie auf der anderen Seite hinausführte. Zehn Fuß hohe Wandteppiche mit in strengen Mustern dargestellten, dem Himmel entgegen strebenden Vögeln hingen an den Wänden. Unten stand Dashiva und sah sich um, wobei er sich unsicher die Lippen leckte. Gedwyn und Rochaid waren bei ihm! Lews Therin schwatzte vom Töten.

»... habe Euch gesagt, daß ich nichts gespürt habe«, sagte Gedwyn gerade. »Er ist tot!«