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Der große, mit Teppichen ausgelegte Raum, in den die Frau sie führte und an dessen beiden Schmalseiten Kaminfeuer loderten, hätte das Arbeitszimmer eines Feldherrn sein können, da alle Tische und die Hälfte der Stühle mit Landkarten und Dokumenten bedeckt waren. Es war so warm, daß Perrin seinen Umhang zurückschlug und es bedauerte, zwei Hemden unter seiner Jacke zu tragen. Masema, der in der Mitte des Raums stand, zog seinen Blick sofort auf sich wie ein Magnet Eisenspäne, ein dunkler, düsterer Mann mit rasiertem Kopf und einer hellen, dreieckigen Narbe auf einer Wange, der eine zerknitterte graue Jacke und abgetragene Stiefel trug. In seinen tiefliegenden Augen brannte ein dunkles Feuer, und sein Geruch ... Die einzige Bezeichnung, die Perrin für diesen stahlharten, messerscharfen und heftig und angespannt bebenden Geruch einfiel, war Wahnsinn. Und Rand glaubte, diesen Mann anleinen zu können?

»Ihr seid es also«, grollte Masema. »Ich hätte nicht gedacht, daß Ihr hier aufzutauchen wagt. Ich weiß, was Ihr vorhattet! Hari hat es mir vor über einer Woche erzählt, und ich habe mich auch anderweitig erkundigt.« In einer Ecke des Raums regte sich jemand, ein Bursche mit schmalen Augen und einer großen Nase, und Perrin schalt sich, daß er ihn nicht eher bemerkt hatte. Haris grüne Seidenjacke war weitaus edler als seine Kleidung bei ihrer ersten Begegnung. Der Bursche rieb sich die Hände und grinste Perrin boshaft an, aber er schwieg, während Masema fortfuhr. Die Stimme des Propheten wurde mit jedem Wort hitziger, nicht vor Zorn, sondern in einer Weise, als wolle er Perrin jede Silbe tief in die Haut einbrennen. »Ich weiß, daß Ihr Männer getötet habt, die zum Wiedergeborenen Drachen kamen. Ich weiß, daß Ihr versucht, Euer eigenes Königreich zu errichten! Ja, ich weiß von Manetheren! Von Eurem Ehrgeiz! Eurer Gier nach Ruhm! Ihr habt demjenigen den Rücken gekehrt...!«

Masemas Augen traten plötzlich hervor, und er roch zum ersten Mal nach Zorn. Hari stieß einen erstickten Laut aus und versuchte gewissermaßen, durch die Wand zurückzuweichen. Seonid und Masuri hatten ihre Kapuzen abgenommen und standen mit ruhigen und kühlen Mienen da, für jedermann, der ihr Aussehen kannte, eindeutig Aes Sedai. Perrin fragte sich, ob sie die Macht festhielten. Er hätte gewettet, daß die Weisen Frauen es taten. Edarra und Carelle hielten schweigend nach allen Richtungen Ausschau, und obwohl ihre Gesichter ausdruckslos waren, waren sie eindeutig kampfbereit. Auch Grady war bereit. Vielleicht hielt er ebenfalls die Macht fest. Elyas lehnte neben den geöffneten Türen an der Wand, äußerlich ebenso gefaßt wie die Schwestern, aber er roch angriffsbereit. Aram stand da und starrte Masema mit offenem Mund an! Licht!

»Also entspricht dies ebenfalls der Wahrheit!« fauchte Masema geifernd. »Während schmutzige Gerüchte gegen den geheiligten Namen des Lord Drache verbreitet werden, wagt Ihr es, mit diesen ... diesen ...!«

»Sie haben dem Lord Drache die Treue geschworen, Masema«, unterbrach Perrin ihn. »Sie dienen ihm! Ihr auch? Er hat mich hierher gesandt, um das Töten zu unterbinden und um Euch zu ihm zu bringen.« Niemand bot ihm einen Platz an, so daß er selbst einen Stapel Papiere von einem Stuhl fegte und sich hinsetzte. Er wünschte, die anderen würden sich ebenfalls hinsetzen. Es war schwerer, sich anzuschreien, wenn man saß.

Hari stierte ihn an, und Masema bebte förmlich. Weil er ungefragt Platz genommen hatte? O ja.

»Ich habe menschliche Namen aufgegeben«, sagte Masema kalt. »Ich bin nur der Prophet des Lord Drache, möge das Licht ihn erleuchten und die Welt vor ihm niederknien.« Seinem Tonfall nach zu urteilen, würden die Welt und das Licht ein Versagen gleichermaßen bedauern. »Es gibt hier noch viel Großartiges zu tun. Alle müssen gehorchen, wenn der Lord Drache ruft, aber im Winter kommt man nur langsam voran. Eine Ver/ögerung von einigen Wochen wird kaum einen Unterschied machen.«

»Ich kann Euch noch heute nach Cairhien bringen«, sagte Perrin. »Wenn der Lord Drache mit Euch gesprochen hat, könnt Ihr auf gleichem Wege zurückkehren und in wenigen Tagen wieder hier sein.« Wenn Rand ihn gehen ließ.

Masema schrak tatsächlich zurück. Er entblößte die Zähne und schaute zu den Aes Sedai. »Hat die Macht irgend etwas damit zu tun? Ich will nicht mit der Macht in Berührung kommen! Es ist lästerlich, wenn Sterbliche sie berühren!«

Perrin hätte ihn fast mit offenem Mund angestarrt. »Der Wiedergeborene Drache lenkt die Macht, Mann!«

»Der gesegnete Wiedergeborene Drache ist nicht wie andere Menschen, Aybara!« knurrte Masema. »Er ist das fleischgewordene Licht! Ich werde seinem Ruf folgen, aber ich werde mich nicht von dem Schmutz berühren lassen, den diese Frauen handhaben!«

Perrin lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und seufzte. Wenn der Mann solche Furcht vor den Aes Sedai hatte — wie würde er sich dann erst verhalten, wenn er erfuhr, daß auch Grady und Neald die Macht lenken konnten? Er erwog einen Moment, Masema einfach niederzuschlagen und ... Männer gingen an dem Raum vorbei, hielten kurz inne und schauten herein, bevor sie weiter eilten. Es brauchte nur einer von ihnen einen Schrei auszustoßen, und Abila könnte zum Schlachtfeld werden. »Dann reiten wir, Prophet«, sagte er verärgert. Licht, Rand hatte ihn angewiesen, dies geheimzuhalten, bis Masema vor Rand stünde! Wie sollte er das bewerkstelligen, wenn sie den ganzen Weg nach Cairhien ritten? »Aber keine Verzögerungen. Der Lord Drache möchte dringend mit Euch sprechen.«

»Ich möchte auch dringend mit dem Lord Drache sprechen, möge sein Name vom Licht gesegnet sein.« Sein Blick zuckte zu den beiden Aes Sedai. Er versuchte, es zu verbergen, und lächelte Perrin tatsächlich an. Aber er roch ... grimmig. »Ich möchte ihn tatsächlich sehr dringend sprechen.«

»Möchte meine Lady, daß ich einen der Falkner bitte, ihr einen Habicht zu bringen?« fragte Maighdin Faile. Einer von Alliandres vier Falknern, ein Mann, der ebenso hager war wie ihre Vögel, drängte einen Habicht mit glänzendem Gefieder und einer Federkappe von der Holzstange vor seinem Sattel auf seinen schweren Handschuh und hob ihr den grauen Vogel entgegen. Der Falke, dessen Flügel blaue Spitzen aufwiesen, saß auf Alliandres grün behandschuhtem Handgelenk. Dieser Vogel war für sie reserviert, leider. Alliandre war sich ihres Platzes als Vasallin bewußt, aber Faile verstand, daß sie ihren Lieblingsvogel nicht aufgeben wollte.

Sie schüttelte nur den Kopf, und Maighdin verneigte sich im Sattel und führte ihre gescheckte Stute ausreichend weit von Schwalbe fort, um nicht aufdringlich zu wirken, blieb aber auch nahe genug, um zur Stelle zu sein, ohne daß Faile die Stimme erheben müßte. Die würdevolle blonde Frau hatte sich in jeder Beziehung als so verständige und fähige Dienerin einer Lady erwiesen, wie Faile es sich erhofft hatte. Zumindest war dem so gewesen, sobald sie merkte, daß Lini eine Vorrangstellung unter Failes Dienerinnen einnahm, welche vergleichbaren Positionen sie auch immer bei ihrer früheren Herrin innegehabt hatten.

Überraschenderweise war tatsächlich ein Zwischenspiel mit der Gerte nötig gewesen, aber Faile gab vor, nichts davon zu wissen. Nur eine ausgesprochene Närrin brachte ihre Diener in Verlegenheit. Aber da war auch noch die Angelegenheit mit Maighdin und Tallanvor. Sie war sich sicher, daß Maighdin seit geraumer Zeit mit ihm schlief, und wenn sie einen Beweis dafür fand, würden sie heiraten, und wenn sie Lini auf die beiden ansetzen mußte. Aber das war nur eine geringe Sorge und konnte ihr den Morgen nicht verderben.

Die Falkenjagd war Alliandres Idee gewesen, aber Faile hatte nichts gegen einen Ritt durch diesen spärlichen Wald einzuwenden gehabt, in dem der Schnee eine hohe Decke über alles gebreitet hatte und dick und weiß auf kahlen Zweigen lag. Das Grün der noch belaubten Bäume schien klarer. Die Luft war lebendig und roch sauber und frisch.